shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Name der Rose

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„What’s in a name? that which we call a rose
By any other name would smell as sweet.“
Shakespeare, Romeo and Juliet

Die Bewegungen, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in den 50er Jahren zaghaft entfalteten und dann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zu einer weltweiten Explosion führten, die die Lebensweise der nachfolgenden Generationen unwiderruflich veränderte, wurden mit vielerlei Namen bezeichnet. Und im Gegensatz zur Rose es ist eben nicht egal, unter welchem Namen wir diese Bewegungen fassen.

Die aussageärmste Benennung ist, wahrscheinlich nicht zufällig, auch die gebräuchlichste: 68er-Bewegung. Diese sich willkürlich an einem Datum festmachende Bezeichnung mag gerade einmal für Frankreich angehen, wo der Pariser Mai 1968 das zentrale Ereignis markiert. Schon für die Bundesrepublik Deutschland wäre 67er-Bewegung passender, war der entscheidende Wendepunkt doch die Erschießung von Benno Ohnesorg durch den im Dienste der Stasi stehenden Westberliner Polizisten Kurras am 2. Juni 1967. Aus diesem Grund werde ich in diesem Blog nicht von den „68ern“ reden.

Noch dümmer allerdings ist die Benennung „Studentenbewegung“, die es nun wirklich gar nicht trifft. Sicherlich, einer der wichtigen Ausgangspunkte für die Bewegung war ein universitäres Ereignis, das „free speech movement“ an der Universität Berkeley (übrigens 1964 – soviel noch einmal zur „68er“-Bewegung). Und natürlich bildeten die Universitäten ein wichtiges Zentrum für die Proteste. Aber ein ganz entscheidendes Charakteristikum der Bewegungen war, daß sie von Anfang an nicht allein von Studenten getragen wurden, sondern daß Schüler und Lehrlinge eine wichtige Rolle spielten (sehr amüsant in diesem Zusammenhang ist übrigens ein Artikel von Wolfgang Schorlau). Und auch bei den Studenten selbst muß differenziert werden: Die Universitäten unterlagen in der zweiten Hälfte der 60er Jahre einem grundlegenden Wandel, nämlich von der Eliteuniversität zur Massenuniversität. Kamen noch in den 50er und frühen 60er Jahren die Studenten zum größten Teil aus dem akademischen Milieu, war es erklärte Politik seit der Mitte der 60er Jahre, Jugendliche nicht-akademischer Herkunft an die Universitäten zu holen. Daß diese mit dem akademischen Milieu ihre Schwierigkeiten hatten (so wie die Arbeitsemigranten aus Südeuropa oder der Türkei in den Automobilfabriken), muß nicht extra betont werden.

Schon intelligenter ist die Benennung „Neue Linke“. Der Name geht zurück auf die 1960 in Großbritannien gegründete Zeitschrift „New Left Review“. Aber die „Neue Linke“, die den „New Left Review“ trug, war so neu nicht. Die grundlegenden Auffassungen dieser „Neue Linken“ waren recht orthodox marxistisch. Interessant an ihr war allerdings – und das war das „Neue“ dieser „Neuen Linken“ – daß sie versuchte, jenseits der nach dem 1. Weltkrieg etablierten Dichotomie von Sozialdemokratie auf der einen und moskauorientiertem Kommunismus auf der anderen Seite eine dritte Position einzunehmen. Aber im wesentlichen bildete immer noch die Arbeiterbewegung den Bezugspunkt dieser „Neuen Linken“. Auf die Bewegungen, um die es mir geht, hatte sie einen wichtigen Einfluß, aber sie ist eher eine Vorläufer- oder Seitenströmung; darauf wird zu einem späteren Zeitpunkt noch einzugehen sein, für jetzt und hier behaupte ich einfach einmal, daß der Terminus „Neue Linke“ nur einen Teil der Bewegungen abdeckt, um die es mir geht; und dabei noch nicht einmal einen zentralen.

Ein anderer, wenig aussagekräftiger und eigentlich eher irreführender Terminus ist der der „Neuen Sozialen Bewegungen“, der vor allem in den Sozialwissenschaften gängig ist (was aus meiner Sicht schon reicht, um ihn zu desavouieren). Richtig ist an diesem Begriff nur die Einsicht, daß diese Bewegungen sich grundlegend von der „alten sozialen Bewegung“, sprich: der Arbeiterbewegung unterschieden. Kompletter Käse aber ist, daß es sich um „soziale“ Bewegungen handelte. Ganz entscheidend für diesen Bewegungen war vielmehr, daß im Gegensatz zur Arbeiterbewegung die „soziale Frage“ nur am Rande verhandelt wurde. Die wirklich grundlegenden Themen der Bewegungen waren keine sozialen, das heißt, es ging bestenfalls in sekundärer Hinsicht um die materiellen Lebensbedingungen. Viel grundlegender für die Bewegungen war die Frage nach der Macht: Wer hat über wen die Befehls- und Kommandogewalt – da spielten soziale Fragen natürlich eine Rolle, aber vor allem in Hinblick darauf, wie die sozialen Verhältnisse die Machtverhältnisse strukturieren (und nicht umgekehrt, wie in der klassischen Arbeiterbewegung).

Der von mir bevorzugte Begriff ist deshalb der der „anti-autoritären Bewegungen“ – es waren im Kern Bewegungen, die die bisherigen Hierarchiegefüge der Gesellschaft in Frage stellten: Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern, der Schüler zu den Lehrern, der Lehrlinge zu den Meistern, der Studenten zu den Professoren, der Frauen zu den Männern etc.

Der naheliegende Einwand gegen diesen Terminus ist natürlich, daß diese Bewegungen auch hochgradig autoritäre Fraktionen hervorgebracht haben. Mein Gegenargument hierzu kann hier zunächst einmal nur eine essentialistische Form annehmen: Das Wesen – und ich verwende diesen metaphysisch kontaminierten Begriff ganz bewußt – dieser Bewegungen war zutiefst anti-autoritär. Die autoritären Strömungen waren selbst eine Reaktion auf diesen Anti-Autoritarismus: Sei es, daß er als bedrohlich erfahren wurde – gerade bei den maoistisch-stalinistischen K-Gruppen bin ich nicht abgeneigt, eine gewisse „Furcht vor der Freiheit“ zu unterstellen; sei es, daß die inneren Widersprüche der anti-autoritären Bewegung autoritäre Alternativen als Strategie nahelegten.

In folgenden Beiträgen wird es darum gehen, diesen Begriff der „anti-autoritären“ Bewegungen genauer zu beleuchten und sie von der Arbeiterbewegung abzugrenzen.

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Written by alterbolschewik

2. April 2011 um 12:40

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

22 Antworten

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  1. „Neue Soziale Bewegungen“, den Begriff kannte ich immer eher für die ab ca. Mitte der 70er sich teils formierenden, teils verstärkenden. Also all das, was Teil der „Alternativbewegung“ war – Tunix-Kongress, Anti-AKW, Friedensbewegung, EMMA-geprägte Frauenbewegung, taz, Indie-Label usw.. Inwiefern das sich von dem, was Du antiautoritär nennst, abhob, da will ich Dir gar nicht vorgreifen; ich wollte da nur erwähnt haben, weil für mich das etwas war, was mich nicht nur prägte, sondern was sich als Antwort auf die Antiautoritären und die RAF formierte.

    Zweiter Hinweis ist, dass ich im Nachhinein Black Panther und Stonewall für noch viel wichtiger als die APO halte, aber da kommst Du wohl noch zu 😉 …

    momorulez

    3. April 2011 at 9:20

    • Da hast Du natürlich Recht, daß der Begriff der Neuen Sozialen Bewegungen auf die Bewegungen der 70er Jahre gemünzt war, und zwar genau diejenigen, die mit dem ganzen Arbeiterklassengedöns der K-Gruppen und Trotzkisten nichts zu tun hatten. Ich habe ihn trotzdem mit aufgenommen, weil ich hier eine größere Kontinuität sehe, als gewöhnlich unterstellt wird. Was mir jetzt bei Deiner Antwort auffiel ist, daß ich die Bezeichnung „APO“ ganz vergessen habe – ein ziemlich schillernder Begriff, der die Proteste mit Hilfe einer verqueren Dialektik auf den parlamentarischen Prozeß beziehen will. Ich denke, daß der Begriff eher in das argumentatorische Arsenal der „Neuen Linken“ paßt – ich werde wohl ein paar Worte dazu verlieren, wenn ich das komplexe Verhältnis der „Neuen Linken“ zur antiautoritären Bewegungen untersuche.

      Die Panthers und Stonewall sind glaube ich zwei unterschiedliche Paar Stiefel. Zumindest hier in Europa waren die Panthers mehr Projektionsfläche als reales Modell – und zwar eine eher autoritäre Projektionsfläche: Schwarze Machos mit Knarren. Stonewall hingegen ist ein ganz entscheidender Wendepunkt, weltweit. Leider weiß ich zu wenig darüber, wie schnell und in welcher Form das hierzulande wahr- und aufgenommen wurde. Soweit mir bewußt ist, wurde die Ausgrenzung und Unterdrückung von Schwulen und Lesben in der BRD verhältnismäßig spät thematisiert, Anfang der 70er.

      alterbolschewik

      3. April 2011 at 12:33

  2. […] Shifting Reality ist wieder da: Alter Bolschewik über die Geschichte linker Bewegungen (und ich anlässlich dessen über den Autoritären Charakter) Hinterlasse einen Kommentar Geschrieben von momorulez am April 3, 2011 „Der von mir bevorzugte Begriff ist deshalb der der „anti-autoritären Bewegungen“ – es … […]

  3. Zu dem Zeitpunkt war der 175 schon entschärft, da muss irgendwas vorher gewesen sein. Und wurde in der Linken eher als „Nebenwiderspruch“ abgetan, weil Wilhelm Reich und die Freudsche Neurosenlehre wirkten.

    Und selbst wenn die Black Panther hier so wirkten, wie Du schreibst, ist das ja das Problem, dass die weltgeschichtliche Bedeutung derer niemand erfasst hat – die haben halt wie Frantz Fanon oder Stuart Hall auch die Klassen- und „Rassen“frage zusammen gedacht, und das ist ja bis heute DER Sprengsatz.

    Bin aber gespannt, was Du zu dem Übergang in den 70ern schreibst, vermute da Dissens 😉 …

    momorulez

    3. April 2011 at 13:58

    • Wie hat man sich eigentlich vor den Zeiten des Internets Wissen angeeignet? Ich kann mich schon kaum mehr erinnern. Jedenfalls habe ich gerade die Geschichte des §175 nachgelesen, der dann 1969 entschärft wurde (sehr empfehlenswerter Artikel). Leider wird trotz der gründlichen Recherche nicht so recht deutlich, wer eigentlich die treibenden Kräfte in dieser Entwicklung waren, ob das einzelne Individuen im Apparat waren oder ob da ein zumindest informelles Netzwerk existierte. Ich würde mal vermuten, daß beides eine Rolle gespielt hat (das wäre jetzt mal wirklich eine Aufgabe für Historiker, so lange noch Zeitzeugen am Leben sind, die man befragen kann). Mit Schwulenbewegung im Nach-Stonewall-Sinn hatte das aber offensichlich nichts zu tun – die Wikipedia zumindest behauptet, daß die erste Schwulendemo in der BRD 1972 in Münster stattgefunden habe.

      Das mit den Panthern bzw. überhaupt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA wird sicherlich noch ein interessantes Thema für dieses Blog, wird aber noch einige Zeit warten müssen, weil ich mich irgendwann in den nächsten Wochen mit einer anderen vergessen Facette der antiautoritären Bewegungen beschäftigen werde: Mit den Bewegungen in den Ostblockstaaten und vor allem in Jugoslawien (nur so als teaser).

      alterbolschewik

      3. April 2011 at 15:28

  4. Schön, Alter Bolschewik, dass Du hier schreibst!

    Die Bezeichnung, die mir am besten gefällt ist „Außerparlamentarische Opposition – APO 1967-69“, zum einen, weil die sich selbst APO nannten, zum zweiten, weil da viel Wahrheit drinsteckt:

    Die Gesellschaft der BRD hatte objektiv hohen Reformbedarf, für den es jedoch keine parlamentarische Mehrheit gab. Jene Objektivität brach in der APO sich Bahn, die – entgegen der Intention – dem westdeutschen Kapitalismus den dringend benötigten Modernisierungsschub gab.

    Gerade an der Universität war augenfällig, dass diese Institution als Ordinarien-Universität nicht mehr in der Lage war, die Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft zu erfüllen.

    Nörgler

    3. April 2011 at 19:03

  5. Nörgler, es freut mich, daß von Deiner Seite Zuspruch kommt – auf ein fröhliches Streiten!

    Was die APO betrifft: Es ist wirklich fatal – und wahrscheinlich auch irgendwie signifikant – daß ich diesen Begriff vergessen habe. Das liegt sicher an meiner speziellen Interpretation der Bewegungen. In Kürze und ohne späteren Beiträgen allzusehr vorzugreifen: Ich glaube, daß die gesellschaftlichen Änderungen, die von der anti-autoritären Bewegung provoziert wurden, auf kulturellem Gebiet viel durchschlagender waren als auf politischem (wobei ich „Kultur“ hier sehr breit fassen würde).

    „Außerparlamentarische Opposition“ ist als Begriff dezidiert auf die politische Sphäre fokussiert und damit aus meiner Sicht zu eng gefaßt. Er repräsentiert allerdings sehr gut eine bestimmte Fraktion, nämlich die „Neue Linke“, die aber nur einen Teil des ganzen Bewegungskonglomerates ausmachte.

    Dies jetzt nicht als Widerspruch zu Deinen Anmerkungen, die ich für völlig korrekt halte, sondern als Erklärung für meinen blinden Fleck.

    alterbolschewik

    4. April 2011 at 9:46

  6. Alter Bolschewik, Klasse Beitrag und ein neuer Anfang für Shifting Reality! Allerdings würde ich hinsichtlich des afroamerikanischen Widerstands nicht nur die Black Panthers erwähnen, denn auch die waren nur ein Teil von Black Power, wozu auch die Bürgerrechtsbewegung, Angela Davis, Malcolm X und Snick gehörten, über die der Connex zur Studentenbewegung verlief.

    che2001

    4. April 2011 at 21:20

  7. Wolfgang Pohrt begründet die APO etwa so:

    Die Deutschen hatten die Sinnorientierung verloren, nachdem die Sinngebungsinstanz „Volksgemeinschaft“ durch Mißerfolg, und die Sinngebungsinstanz „Wirtschaftswunder“ durch Erfolg sich totgelaufen hatten. Die Linken der APO gaben dem wie mit dem Bolzenschußgerät konsumistisch betäubten Volk das Wissen zurück, was es will – nämlich nicht die Linken.

    Nörgler

    4. April 2011 at 21:45

  8. @Alter Bolschewik: Lesenswerter Beitrag mit einigen Big Points!

    Tatsächlich ist der Begriff der neuen sozialen Bewegungen ein sozialwissenschaftlicher Terminus, dem wohl eher ein angelsächsisch geprägtes Verständnis von sozial (wie z.B. in social media) im Sinne von „gesellschaftlich“ zu Grunde liegen dürfte und eben nicht „die soziale Frage“. In der Politikwissenschaft subsumierten die neuen sozialen Bewegungen wie Momo richtig schreibt Frauen- und Friedensbewegung, Anti-AKW und Bürgerinitiativen, also alles das, was sich in den 70ern und 80ern außerhalb der traditionellen politisch-institutionellen Strukturen abspielte. In diesem eng gefassten Kontext kann man mit dem Begriff operieren, aber für den größeren Wurf, der Dir vorschwebt, taugt er nicht, das stimmt.

    Mit den so bezeichneten anti-autoritären Bewegungen handelst Du Dir womöglich auch definitorische Probleme ein, aber dass da ein paar Klippen lauern, ist Dir ja bewusst. Von daher harre ich mal gespannt der Dinge, die da noch kommen. Denn grade dieses teilweise Umkippen von anti-autoritärem Drive in autoritär-hierarchische Strukturen blieb mir immer etwas rätselhaft, da würde ich gern besser verstehen.

    mark793

    4. April 2011 at 22:18

  9. @Mark: Dazu schrieb Eckhard Siepmann, APO-Veteran, Bruder von Bewegung-2.Juni-Mitbegründerin Ina Siepmann, Lumpensammler und Elefantenpresser mal einen Beitrag mit dem Titel:“Maos Sonne über Mönchengladbach. Die Sehnsucht der Intellektuellen nach dem Einfachen“, wo es hieß „Natürlich ist es ein existenzieller Unterschied, ob man sich in den Häuserschluchten von Los Angeles, Tokio oder Berlin mit der Polizei prügelt oder als Partisan auf dem Langen Marsch mit dem Maschinengewehr ums Überleben kämpft. Aber die Unterschiede wurden nivelliert und die Selbstverständnisse internalisiert – geborgte Identität.“

    che2001

    4. April 2011 at 22:33

    • Ich muß gestehen, ich bin etwas verblüfft und überwältigt angesichts der Resonanz – und natürlich höchst erfreut; bin mal gespannt, ob das anhält.

      @Che: Du hast völlig recht, die Rolle der schwarzen amerikanischen Bürgerrechtler ist für die antiautoritäre Bewegung gar nicht zu unterschätzen. Schließlich schlug die Geburtsstunde des zivilen Ungehorsams 1955 in Montgomery, Alabama, als sich Rosa Parks weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen. Was – im Prinzip – für eine simple Geste, und welche historische Auswirkung.

      @Nörgler: Einerseits hat der Pohrt recht. Das Geschmiere der Springerpresse, das das Attentat auf Rudi Dutschke 1968 vorbereitete, ist genau Ausdruck dieser Haltung. Andererseits gab es aber, gerade auch in den Medien, sofern es sich nicht um die Springerpresse handelte, eine große Menge an Sympathisanten, die zwar von den Ereignissen völlig überrascht wurden, dann aber mit einem begeisterten „Endlich!“ Partei ergriffen und die Dynamik der Bewegung verstärkten.

      @mark793: Okay, ich seh’s ein, der Begriff der „Neuen Sozialen Bewegungen“ gehört eigentlich nicht in meine Aufzählung; das Ganze war meiner Abneigung gegen Soziologen im Allgemeinen und das bräsige „Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen“ im Besonderen geschuldet. Was den Übergang von anti-autoritären zu autoritären Strukturen betrifft: Gerade die Konstruktion von Traditionen und Identitäten soll ein zentrales Thema in diesem Blog werden, dafür muß ich allerdings erst einmal ein paar Grundlagen schaffen.

      alterbolschewik

      5. April 2011 at 6:34

  10. Auch ich wünsche dieser Serie ein gutes Gelingen, der Auftakt ist vielversprechend. Als Bewohner des Grandhotel Abgrund läßt sich ein Interesse an diesem Thema nicht ganz verhehlen. Und vielleicht werde ich, insbesondere wenn es an die sogenannte Postmoderne bzw. den Poststrukturalismus geht, etwas beitragen können. Und zu Adorno ja sowieso. Insbesondere im Hinblick auf die APO und vor allem in bezug zu Hans-Jürgen Krahl wäre eine Lektüre interessant.

    bersarin

    5. April 2011 at 16:29

    • Bersarin, das freut mich sehr, daß Du hier vorbeischaust – denn gerade was Postmoderne und Poststrukturalismus betrifft, bin ich nicht so besonders bewandert, vor allem von Derrida habe ich viel zu wenig Ahnung für das was ich bei Gelegenheit behaupten werde. Wenn man mir dann gelegentlich in die Parade fährt, ist das gut und nicht schlecht.

      alterbolschewik

      5. April 2011 at 17:02

  11. *kicher*

    Den Jargon kenne ich!

    che2001

    5. April 2011 at 21:13

  12. Einiges an Anmerkungen, lieber ab.

    Aber zuerst dies:

    „Der naheliegende Einwand gegen diesen Terminus ist natürlich, daß diese Bewegungen auch hochgradig autoritäre Fraktionen hervorgebracht haben. Mein Gegenargument hierzu kann hier zunächst einmal nur eine essentialistische Form annehmen: Das Wesen – und ich verwende diesen metaphysisch kontaminierten Begriff ganz bewußt – dieser Bewegungen war zutiefst anti-autoritär. “

    Korrekt. Klar hats auch autoritäre Ärscher (sehr selten Ärscherinnen) gegeben…who cares! neben meiner sehr persönlichen Lebenserfahrung verdanke ich es „den“ 68ern, dass ich im Rahmen meiner sog. sekundären Sozialisation nicht mehr kämpfen musste um Selbstverständlichkeiten. Ach wirklich? Schwul-sein ist kein Dreck, sondern einfach eine Möglichkeit des Mensch-Seins? Frauen dürfen meine Chefinnen sein? N*** sind keine N***, sondern Menschen? Psychisch Kranke haben nicht, als Kostgänger, ausgesperrt zu werden, sondern sind ebenfalls Menschen? Was für donnernde Einsichten!

    sodann: „Noch dümmer allerdings ist die Benennung „Studentenbewegung“, die es nun wirklich gar nicht trifft. Sicherlich, einer der wichtigen Ausgangspunkte für die Bewegung war ein universitäres Ereignis, das „free speech movement“ an der Universität Berkeley (übrigens 1964 – soviel noch einmal zur „68er“-Bewegung). Und natürlich bildeten die Universitäten ein wichtiges Zentrum für die Proteste. Aber ein ganz entscheidendes Charakteristikum der Bewegungen war, daß sie von Anfang an nicht allein von Studenten getragen wurden, sondern daß Schüler und Lehrlinge eine wichtige Rolle spielten“

    Nicht bös sein. Aber dass damals (wie heute) Lehrlinge strukturell links waren, willste jetzt nicht im Ernst behaupten, oder? Die strukturelle Mehrheit der Gesellschaft war damals wie heute leider konservativ. DIE Aspekte „der“ 68er, die heute unumstritten sind (von ein paar CSU-wählenden kniebundledernen Jägern abgesehen), sind solche – und auf einmal entdecke ich einen ganz klassischen Marxisten in mir 😉 -, die mit der Verwertungslogik zu tun haben: Frauenbefreiung? Klar, denn die Intelligenz der Frauen konnte nicht mehr länger unterm Paletot gehalten werden, sondern war notwendig für die weitere Effizienzsteigerung. Schwulenbefreiung? Auch Schwule sind verwertbar, hervorragend sogar, welch ein bis dato brach liegendes Humankapital, her damit! (Oberflächen)freiheit, keine innere Uniformität mehr, in David Riesmans Worten: nicht mehr traditionsgesteuert? Klar! Effizienz war und ist angesagt, nicht mehr inneres Bekenntnis zum Konservativismus. All das war kapitalismuskompatibel. Sogar vom neuen Kapitalismus erfordert. kapitalismusNICHTkompatibel wäre/ist zB eine Kritik am Waffenhandel. Am Wasserhandel. Am Saatguthandel. Am Energiehandel. Im letzteren Fall war die Realität in den letzten Wochen zu mächtig, darüber musste dann doch irgendwie geredet werden. Aber sonst?

    Historisches: „Schließlich schlug die Geburtsstunde des zivilen Ungehorsams 1955 in Montgomery, Alabama“ Nö. Sie schlug am 4 Juli 1789 😉

    hf99

    6. April 2011 at 22:19

    • Das mit Lehrlingen und jungen Arbeitern würde ich schon so behaupten wollen – obwohl quantifizierende Aussagen natürlich sehr schwierig sind. Der von mir verlinkte Artikel Schorlaus hat zwar nur anekdotischen Charakter, aber ich werde (hoffentlich) in einem späteren Beitrag gerade auf die Auseinandersetzungen in den Betrieben eingehen – gerade um den Mythos der „kämpfenden Arbeiterklasse“ zu demystifizieren und den speziellen Charakter der Auseinandersetzungen der Lehrlinge mit ihren Ausbildern herauszuarbeiten, die mit klassischen gewerkschaftlichen Kämpfen nichts zu tun hatten.

      Zum Historischen: Dann kannst Du auch weiter zurückgehen und die Leveller anführen; oder die Katharer; oder gleich Spartakus ;-). Aber in diesem speziellen Fall habe ich nicht umsonst von „zivilem Ungehorsam“ (civil disobedience) geschrieben – dabei handelt es sich um eine Taktik, die bewußt und in direkter Linie aus den USA in die Bewegung der BRD importiert wurde. Dazu wird es direkt im nächsten Beitrag etwas geben.

      alterbolschewik

      6. April 2011 at 23:02

  13. […] möchte ich zudem auf eine sehr interessante, vielversprechende Serie des wieder aktivierten Blogs „shifting reality“. (Blogs können wie Vulkane sein: die ruhen und […]

  14. Die Bedeutung von jungen Arbeitern und Unterschichtsjugendlichen (vgl. „Bambule“, „Schmeißt doch endlich Schütz und Schmidt und Mosch aus Kreuzberg raus“) wird permanent heute negiert, es darf nicht sein, dass die antiautoritäre Revolte etwas mit Nicht-Mittelschichtlern und Nicht-Studis zu tun hatte. Der hauptsächlich von Türken getragene wilde Streik bei Ford 1972 ist ja ebenfalls vollkommen vergessen, oder besser gesagt: beabsichtigt vergessen worden.

    che2001

    7. April 2011 at 9:31

  15. Es gab Ende der 60er/Anfang der 70er zahlreiche linke Betriebsräte, und ich meine damit nicht „Linkspartei“-links, sondern sehr links. Die Unternehmer waren hilflos. Die Dreckarbeit haben dann die Gewerkschaften gemacht.

    Nörgler

    7. April 2011 at 11:21

    • Beispiel für die vom Nörgler genannten Betriebsräte war zum Beispiel die Plakat-Gruppe beim Daimler, in der Willi Hoss eine wichtige Rolle gespielt hat.

      alterbolschewik

      7. April 2011 at 14:10

  16. Außerdemingens gab es die RGO (Revolutionäre Gewerkschaftsopposition), das waren Betriebsgruppen des KBW, der KPD/AO und KPD/ML und der anarchosyndikalistischen FAU.

    che2001

    7. April 2011 at 21:40


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