shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Gimme Some Action!

with one comment

„Die Leidenschaften sind genug interpretiert worden. Es kommt nun darauf an, neue zu finden.“

Guy Debord, Rapport sur la construction des situations, 1957

Im letzten Artikel hatte ich darauf hingewiesen, wie der SDS Mitte der 60er Jahre die Strategie der „Direkten Aktion“ aus den USA importierte. Auf den ersten Blick scheint dies ein entscheidener Bruch mit der „Alten Linken“ darzustellen: Der autoritären Repräsentationspolitik der – sozialdemokratischen oder kommunistischen – Arbeiterparteien wird etwas grundsätzlich Neues entgegengestellt: Die selbständige Aktion der Massen, die nun nicht mehr nur Manövriermasse der Parteistrategen sein sollen. Doch die „Direkte Aktion“, wie Vester sie sieht, durchbricht die Trennung zwischen Führung und Gefolgschaft nicht, und zwar weil sie die Direkte Aktion weiterhin als bloßes Mittel zur Erreichung von Zielen sieht, die als außerhalb der Aktion selbst liegend betrachtet werden.

Vester geht es vor allem – und das ist das größere, außerhalb der eigentlichen Aktion liegende Ziel – um „Demokratisierung“. Die Politik der Neuen Linken sollte darauf zielen, die apathischen Massen aufzuwecken und zur Wahrnehmung ihrer politischen Rechte zu ermuntern. Zu diesem Zweck, so behauptet er, genüge es nicht, sie mit abstrakten Parolen zu agitieren, sondern man solle sie anhand konkreter Anliegen aktiv beteiligen:

„Direkte Aktion beginnt als kleine Politik, beim Engagement im täglichen Existenzkampf, den die Menschen aus Not führen müssen. Ihre Notwendigkeit ergibt sich aus einer spezifischen und konkreten Situation, deren Unerträglichkeit von den Betroffenen eingesehen werden kann. Direkte Aktion ist immer freiwillige Aktion der Betroffenen selbst, nicht aktivistischer Minderheiten, die nur die Rolle von Katalysatoren spielen können. […] Erst die Aussicht auf Teilerfolge, die Einsicht in die Veränderbarkeit der Welt, läßt das Engagement lohnend erscheinen. Der Horizont der Apathischen weitete sich erst aus, wenn sie ihren alltäglichen Existenzkampf durch Praxis begreifen lernen. Erst der Erfolg der begrenzten Aktion hat in den USA die Unterprivilegierten zu weitergreifenden Zielsetzungen beflügelt. Der Protest potenzierte sich schließlich so, daß in den Großstädten gewaltige Massenkundgebungen stattfinden konnte, die sich des Engagements breiter Bevölkerungsgruppen sicher waren und nur deshalb Regierung und Kongreß beeindrucken konnten.“ (Michael Vester, „Die Strategie der Direkten Aktion“, in: Neue Kritik 30 (Juni 1965), S.13f)

Die Rolle, die hier der Direkten Aktion innerhalb der politischen Strategie zugeschrieben wird, ist im Prinzip genauso paternalistisch wie die der „Alten Linken“: Hatte dort die Partei die Zügel in der Hand, so leiten nun die Aktivisten der Neuen Linken, die das fortgeschrittenere Bewußtsein repräsentieren, die apathischen Unterprivilegierten erst einmal dazu an, die eigenen Interessen wahrzunehmen; und wenn sie das dann einmal gelernt haben, werden sie – so die Hoffnung – von selbst auch allgemeinere politische Ziele unterstützen, die wundersamerweise mit denen der Neuen Linken übereinstimmen sollen, da diese ja auch für eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft kämpfen.

Diese Vorstellung, die Vertretung der unmittelbaren Interessen würde von sich aus zu einer verallgemeinerten Perspektive gesellschaftlicher Veränderung führen, war schon damals nicht besonders originell. Das Thema war bereits in der Sozialdemokratie vor dem ersten Weltkrieg ausführlich diskutiert worden, und zwar anhand des Verhältnisses von Gewerkschaften und Arbeiterpartei. In der sogenannten „Massenstreik-Debatte“ standen sich zwei Fraktionen gegenüber: Auf der einen Seite standen die Linksradikalen wie Rosa Luxemburg, die auf die Spontaneität der Massen vertrauten und einen organischen Übergang von unmittelbaren Interessen zur revolutionären Perspektive behaupteten. Auf der anderen Seite die durch Kautsky repräsentierten Realisten, die behaupteten, daß es keinen notwendigen Übergang von den unmittelbaren Interessen der Arbeiter zu einer gesamtgesellschaftlichen Umwälzung gebe (Lenin folgte ihm dann in dieser Frage).

Das Alter dieser Diskussion änderte aber leider nichts daran, daß sie auch in den Bewegungen der 60er und 70er Jahre ständig wieder aufgeworfen wurde, ohne daß darüber jemals Einigkeit erzielt werden konnte. Was nicht weiter verwunderlich ist, da diese Frage theoretisch nicht zu beantworten ist; und wenn man ehrlich ist, auch nicht praktisch: Verwiesen die einen als praktisches Beispiel auf Lenin und die russische Revolution, konterten die anderen mit dem spanischen Bürgerkrieg. Es handelt sich um eine reine Glaubensfrage, über die man zwar endlos diskutieren kann, die aber keinerlei theoretischen oder praktischen Nutzen bringt.

Komplett anders stellt sich diese Frage jedoch, wenn man die „Direkte Aktion“ aus ihrer pädagogischen Umklammerung befreit, sie nicht mehr als Mittel zu einem davon getrennten Zweck ansieht. Denn beide Fraktionen, diejenige, die auf die Spontaneität der Massen vertraute, wie auch diejenige, die das revolutionäre Wissen einer Avantgarde zuschrieb, die die Massen zu führen habe, beide gingen davon aus, daß das Ziel als solches, die sozialistische Gesellschaft, bereits bekannt sei.

Wie aber, wenn das Ziel überhaupt nicht bekannt wäre, die „Direkte Aktion“ nicht Mittel zu einem bekannten Zweck, sondern Mittel und Zweck in einem wäre? Sie nicht nur ein Werkzeug darstellt, um die gesellschaftliche Umwälzung zu bewerkstelligen, sondern im Vollzug der Veränderung auch deren Ziel überhaupt erst definiert? Diese in Vesters Text völlig fehlende Perspektive sollte für die antiautoritären Bewegungen in den nächsten Jahren zentral werden. Doch für den SDS des Jahres 1965, der sich in der Tradition der Arbeiterbewegung und eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ verstand, war dies undenkbar. Der Mainstream der Arbeiterbewegung hatte immer eine objektivistische – und damit autoritäre – Vorstellung von einer befreiten Gesellschaft. Die gegenteilige Auffassung, daß der Vollzug der Umwälzung auch deren Ziele erst hervorbringen würde, entstammt einer völlig anderen Tradition.

Diese Tradition läßt sich bis in die Zeit des ersten Weltkriegs zurückverfolgen; für die antiautoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre ist jedoch das Jahr 1957 entscheidend. In diesem Jahre trafen sich am 27. und 28. Juli eine kleine Gruppe von Künstlern im italienischen Cosio d’Arroscia, unter ihnen der Maler Asger Jorn und der Filmemacher Guy Debord. Für diese Konferenz hatte Debord eine Diskussionsgrundlage mit dem Titel „Bericht über die Konstruktion von Situationen“ geschrieben. Diese hob an mit den Sätzen:

„Wir glauben zuallererst, daß die Welt verändert werden muß. Wir wollen eine Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in das wir uns eingesperrt finden, die den höchsten Grad möglicher Befreiung verwirklicht. Wir wissen, daß diese Veränderung durch geeignete Aktionen möglich ist.“ (Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen, Hamburg 1980, S.5)

Doch wer waren diese Künstler in Cosio d’Arroscia? Was war das Ergebnis dieses Treffens? Und wie beeinflußte das die antiautoritären Bewegungen der nächsten Jahrzehnte? Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn es heißt:

„Das Ziel der Situationisten ist es, an einem leidenschaftlichen Überschuß über das Leben unmittelbar teilzuhaben, indem man den Wechsel bewußt angelegter, vergänglicher Augenblicke durchlebt.“ („Thèses sur la révolution culturelle“, in: Internationale Situationiste N°1, Juni 1958)

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Written by alterbolschewik

15. April 2011 um 11:09

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Eine Antwort

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  1. Danke dafür, das ist Basisarbeit vom Feinsten!

    che2001

    24. Mai 2011 at 21:33


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