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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Künstler als Experimentator

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Wir geben alle Versuche pädagogischen Handelns auf
und wenden uns experimentellen Aktivitäten zu.

Asger Jorn, Notizen zur Bildung eines Imaginistischen Bauhauses

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, wurde 1957 im italienischen Cosio d’Arroscia eine Organisation gegründet, die sich dem Finden neuer Leidenschaften, revolutionärer Leidenschaften verpflichtete: Die Situationistische Internationale (SI). Den Einfluß, den die SI auf die antiautoritären Bewegungen zumindest in Frankreich und in Deutschland ausgeübt hat, ist oft genug hervorgehoben worden. Dabei liegt der Fokus aber zumeist entweder auf den provokanten Aktionen (wie sie in Deutschland durch die aus der deutschen Sektion der SI hervorgegangene „Subversive Aktion“ durchgeführt wurden) oder auf den politischen Analysen der „Gesellschaft des Spektakels“. Es wird zwar meist erwähnt, daß es sich ursprünglich um eine Künstlergruppe handelte; doch diesem Faktum wird viel zu selten die theoretische und praktische Bedeutung zugeschrieben, die ihm zukam. Tatsächlich ist die historisch überdimensionierte politische Bedeutung der SI (die Mitgliederzahlen waren lächerlich) gerade aus der Paradoxie zu erklären, daß ihre Strategien primär künstlerischer Natur waren.

Diese Verschleierung der künstlerischen Natur der SI war natürlich von Anfang an Programm. Schon der Name versucht, die SI aus dem abgetrennten gesellschaftlichen Feld der Kunst herauszulösen und sie im weiteren Feld des Politischen zu situieren: Er sollte an die 1864 in London gegründete Internationale Arbeiterassoziation, die sogenannte 1. Internationale erinnern. Doch während diese am 28. September 1864 durch 2000 Delegierte aus über einem Dutzend Ländern gegründet wurde und die Inauguraladresse von einem gewissen Karl Marx verfaßt wurde, trafen sich in Cosio d’Arroscia gerade einmal acht Personen aus vier Ländern. Und die Organisationen, die sie repräsentierten, hatten auch insgesamt nicht viel mehr Mitglieder. Es waren dies im einzelnen das Mouvement pour un Bauhaus Imaginiste, die London Psychogeographic Society und die Internationale Lettriste: Keine politischen Organisationen, sondern Künstlergruppen.

Diesen Künstlergruppen war gemeinsam, daß sie nicht bereit waren, Kunst als abgetrennten Lebensbereich zu betrachten, als erbauliches Freizeitvergügen, das außerhalb der alltäglichen Realität angesiedelt ist. Kunst sollte unmittelbar den Alltag verändern.

Besser versteht man das, wenn man sich das Programm der beteiligten Künstlergruppen genauer ansieht. Es ist kein Wunder, daß sich die beteiligten Assoziationen sich eng mit derjenigen Kunst verbunden fühlten, die schon immer am direktesten mit dem menschlichen Alltag verknüpft war: Der Architektur.

Nehmen wir die Bewegung für ein imaginistisches Bauhaus: Schon der Verweis auf das „Bauhaus“ macht die programmatische Verbindung von Alltag und Kunst sinnfällig. 1919 von Walter Gropius gegründet, wollte das alte Bauhaus während der Weimarer Republik Architektur und Produktion von Gebrauchsgegenständen mit dem aktuellem Stand künstlerischer Entwicklung verbinden – oder mit anderen Worten: Kunst und Alltag sich gegenseitig durchdringen lassen. Darauf bezieht sich die unter anderen von Asger Jorn gegründete Bewegung für ein imaginistisches Bauhaus, die sich gleichzeitig gegen die prosaische Wiedererweckung des von den Nazis 1933 geschlossenen Bauhauses in Form der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) richtete.

Jorn warf deren Gründer Max Bill vor, daß er Fragen der Kunst als rein technische betrachte; stattdessen forderte er eine experimentelle Erforschung der Einbildungskraft, von Zeichen und Symbolen. Mit anderen Worten: Jorn wandte sich gegen den paternalistischen Erziehungsauftrag, dem sich die HfG verschrieb (und den die CIA finanzierte). Jorn zufolge sollte der Künstler nicht länger Autorität sein auf einem abgetrennten gesellschaftlichen Gebiet, eben der Kunst (und sei es auch der angewandten). An die Stelle der Autorität sollte vielmehr der Experimentator treten.

Diese experimentelle Erweiterung der Kunst, findet sich auch in der Psychogeographie wieder, die der Londoner Psychogeographischen Gesellschaft ihren Namen gab; tatsächlich gab es wohl keine derartige Organisation, sondern war vielmehr identisch mit ihrem „Delegierten“ Ralph Rumney. Vielmehr war die Psychogeographie als künstlerische Strategie in der Lettristischen Internationalen, der letzten Vorläuferorganisation, diskutiert worden. In einem Artikel für die belgische Surrealistenzeitschrift Les Lèvres Nues hatte Guy Debord die Psychogeographie 1955 folgendermaßen erklärt:

„Die Psychogeographie macht sich also anheischig, die genauen Gesetze und Auswirkungen der geographischen Umwelt zu studieren, gleich ob diese bewußt gestaltet ist oder nicht, sowie ihren direkten Einfluß auf das psychische Verhalten der Individuen.“ (Guy Debord, Einführung zu einer Kritik der Urbanen Geographie, in: Ders. (Hg), Potlatch, Berlin 2002, S.299)

Die tatsächliche Praxis der psychogeographischen Experimente war die Technik des „Umherschweifens“. An die Stelle der zielgerichteten, funktionalen Ortsveränderung, wie sie die Stadtplaner vorsahen – zum Beispiel von der Wohnung zur Arbeitstelle – sollte das ziellose Umherschweifen treten, die experimentelle Erfahrung der städtischen Umwelt und die Protokollierung der dadurch auftretenden Bewußtseinszustände.

Diese Praxis war eingebettet in eine Theorie, oder besser: Utopie des „Unitären Urbanismus“, den die Lettristische Internationale in den Jahren zuvor entwickelt hatte. Im Gründungsdokument für die SI, dem Rapport zur die Konstruktion von Situationen faßte Debord den damaligen Diskussionsstand zusammen:

„Der unitäre Urbanismus läßt sich erstens durch die Anwendung der gesamten Kunstrichtungen und Techniken als Mittel definieren, die zu einer vollständigen Umweltanordnung zusammenwirken. […] Der unitäre Urbanismus wird z.B. sowohl die klangliche Umwelt als auch die Verteilung der verschiedenen Getränke- oder Essensarten beherrschen können. Er wird die Erfindung von neuen Formen und die Zweckentfremdung der bekannten Formen der Architektur und des Urbanismus umfassen – und gleichzeitig die Zweckentfremdung der alten Poesie und des alten Films. […] Zweitens ist der unitäre Urbanismus dynamisch, d.h., er steht in einem engen Zusammenhang mit Verhaltensstilen. Nicht das Haus ist das kleinste Element des unitären Urbanismus, sondern der architektonische Komplex, der aus der Zusammenstellung aller Faktoren besteht, die eine Stimmung oder eine Folge aufeinanderstossender Stimmungen im Rahmen der konstruierten Situation bedingen. Die räumliche Entwicklung muß die Gefühlswirklichkeiten berücksichtigen, die durch die experimentelle Stadt bestimmt werden.“ (Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen, Hamburg 1980, S.42f)

Tatsächlich stellt die Gründung der SI weitgehend eine Fortsetzung der Theorien und Praktiken der Lettristischen Internationale dar, die 1952 als linksradikale Abspaltung der bereits in den vierziger Jahren von Isidore Isou inaugurierten lettristischen Bewegung entstanden war. Der politisch-sektiererische Charakter der Lettristischen Internationale hatte aber, wie Debord im Rapport selbstkritisch anmerkt, „zu einer absoluten Isolierung und Wirkungslosigkeit“ geführt, was „auf die Dauer eine gewisse Immobilität und einen Verfall des kritischen und erfinderischen Geistes förderte“. Daraus zog Debord mit der Gründung der SI dann die Konsequenz: „Wir müssen dieses sektiererische Verhalten endgültig zugunsten von wirklichen Aktionen überwinden.“ (Ebd., S.40f)

Doch warum war die SI der Meinung, sie hätte für diese Aktionen im Proletariat einen Verbündeten? Und könne sich auf die Theorien von Karl Marx stützen? Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn es heißt:

„Die einzige Kraft, von der die Situationisten etwas erwarten können, ist dieses Proletariat, das, da theoretisch ohne Vergangenheit, gezwungen ist, alles ständig aufs neue zu erfinden und von dem Marx sagte, es „sei revolutionär oder nichts“.“ (Situationistische Internationale, Band 1, Hamburg 1976, S.13)

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Written by alterbolschewik

22. April 2011 um 14:09

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

5 Antworten

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  1. Ach ja, Asger Jorn und die Gruppe COBRA mit ihrer Forderung der unpopulären Volkskunst, das war mal Thema meiner ersten Hausarbeit in Kunstgeschichte! Später entwickelte sich das dann so weiter: „Kommunismus bedeutet nicht uniformiertes Elend, sondern Luxus für alle. Das Recht auf die persönliche Kathedrale muss ebenso selbstverständlich werden wie das auf die massiv goldene Klobrille, ohne vom Primat des Mangels rationiert zu werden. Unter die einklagbaren Menschenrechte muss das Recht aufgenommen werden, genial und wahnsinnig zu sein“ (Zitat Lucifer Dionysios in „Genießen Sie den Untergang des Abendlandes“)und die von Genossin Nullzeitgenerator und mir entwickelten Grundlagen einer Allgemeinen Bizarrologie oder die Göttinger Vierteljahreszeitschrift „Das Nestbeschmutz“, die Positionen von Debord und Mesrine auf aktuelle Antifa-Debatten bezog. Überhaupt, der Connex Mesrine-Debord-Baudrillard: Mesrine begründete die Lehre von der spektakulären Handelsökonomie. Diese besagt, dass die kapitalistische Wertschöpfung, um weiter wachsen zu können, ihre Produkte ständig vernichten muss. Unter diesem Aspekt teilen sich Kriege, Modetrends und Werbekampagnen die gleiche Aufgabe, und jedes Werbeangebot sei die versteckte Androhung der Zwangsarbeit. Mesrine nimmt den Potlatsch, eine Opferhandlung bestimmter Indianerstämme, bei der regelmäßig gezielt Werte vernichtet werden, als Matrix für das, was in unserer längst jedweder ökonomischen Vernunft entwachsenen Warengesellschaft passiert, und erkärt, angesichts des erwirtschafteten Reichtums und der immer schnelleren Produktionszyklen wäre die einzig moralisch haltbare und effiziente Form der Distribution von Waren Sperrmüllabfuhr. Auf diesem Gedankengut basierend, entwickelte Baudrillard in Der symbolische Tausch und der Tod ein Szenario, in dem alle Menschen dermaßen von sozialen Codes und über diese vermitteleten geheimen Manipulationen gesteuert weden, dass die Freiheit gar nicht mehr denkbar ist. Für Baudrillard haben wir nicht mehr Autonomie als die Verkabelten bei Welt am Draht oder Matrix, und verglichen damit ist die ja schon sehr pessimistische Dialektik der Aufklärung fast fröhlich. Wenn Baudrillard andererseits feststellt, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, bezieht er sich damit auf Voltaire, der in Candide mit dieser Behauptung („Du lebst in der besten aller möglichen Welten, die Baronin ist die beste aller möglichen Baroninnen, das Schloss des Barons ist das beste aller möglichen Schlösser“) die Borniertheit des Ancien Régime beißend auf die Schippe nimmt, und er meint damit nichts weiter, als dass die Aufklärung gescheitert sei und wir uns heute wieder in der gleichen Tyrannei befinden wie zur Zeit des Absolutismus. Die ironische Umgehensweise damit ist etwas sehr Französisches; auf der gleichen Linie liegt es, das der linksradikale Anwalt Jaques Vergés Barbie verteidigt hat und Saddam Hussein verteidigte, um die Gesellschaft anzugreifen: Die Welt selbst ist so verkommen, dass sie diese Bestien hervorgebracht hat, dieser Widerspruch wäre eigentlich nur durch Aufhebung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse aufzuheben.

    che2001

    26. April 2011 at 23:15

  2. Interessant, daß Göttinger Autonome sich auch auf die Situationisten beriefen. Für uns war das damals, Mitte der 80er Jahre, ein wesentlicher Bezugspunkt. Ich habe am Wochende, um Platz zu schaffen, alte Ordner ausgemistet und bin dabei auf eines meiner alten Flugblätter gestoßen, das ich völlig vergessen hatte. Der Stil war 1:1 aus den situationistischen Pamphleten Ende der 60er Jahre abgekupfert: Polemisch, größenwahnsinnig, ordinär, kurz: äußerst unterhaltsam. Manchmal beschleicht mich der Gedanke, daß die Hinwendung zur Kritischen Theorie ein Rückschritt war, gemäß der Bemerkung von Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung: „Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten uns sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden.“

    alterbolschewik

    27. April 2011 at 16:23

  3. Das wird hier auf dem Blog von den Texten immer interessanter und vor allem: anregender. Insbesondere über den Begriff des Potlatsch. Deshalb danke ich Euch beiden sehr für diese Bezüge, insbesondere zu SI, Baudrillard und Voltaire, wobei man Voltaires Spott über die beste aller möglichen Welten auch noch einmal auf Leibniz und das Theodizeeproblem rückbeziehen muß.

    Wie es der Zufall will, besorgte ich mir vor einigen Tagen, unabhängig von diesem Text bzw. dem Kommentar von che Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“, das ich bisher nur vom Hörensagen kannte, und zwar im Rahmen eines irgendwann folgenden Blogtextes zur Kunst. In den bewegten Jugendzeiten war ich eher auf Dada und Surrealismus fixiert, weniger auf die SI. Und in ganz andere Richtung gehend eben auf das Sozialistische Patientenkollektiv, was einen Freund und mich aus vielfältigen Gründen sehr interessierte, weshalb wir uns auch gleich die Platten der Band SPK kauften – es war dies ja sowieso unsere Musik.

    Und als Spitze des Ausufernden hatte es uns genau jener (doch sehr bekannte) Satz aus dem zweiten Surrealistischen Manifest seinerzeit angetan: „Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straßen zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen – der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“ (André Breton, Die Manifeste des Surrealismus, S. 56, Reinbek 1984)

    Es ist dieser Satz ein Reflex, der in Sprache gebannt ist, und zugleich entschärft die These von der Versprachlichung bzw. von der Ästhetisierung diese (mögliche) Tat, die am Ende nicht ausführbar ist, weil sie beliebig bleibt, ins Beliebige zielt. Für uns war der Satz damals real und doch nicht real, sondern als Moment des Schocks zu begreifen, ganz wie in der Konzeption Benjamins. Zentraler fast noch als diese Frage nach der surrealen Tat ist die, wer in die Menge gehört und wer nicht. Breton beantwortet sie, indem er auf den Reflex, auf das Präreflexive verweist, auf dieses Wunsch-Begehren: Aufzuräumen. (Wobei ich andererseits mit dem Terminus ‚Aufräumen‘ nie viel anfangen konnte, weil darin eben auch das Prinzip Ordnung-halten mitschwingt. ‚Räum jetzt mal dein Zimmer auf, Bersarin‘) Gebunden ist dieser Satz Bretons jedoch an die Verzweiflung, die noch die Tat, den Willen, die Praxis anfrißt, weshalb eben aus dieser Aporie die surreale Handlung erwächst – wie jener bekannte Schnitt durchs Auge in „Un chien andalou“. Und so schließt sich über dieses Motiv der Verzweiflung jener Satz von Antonio Gramsci an:

    „Die sozialistische Anschauung vom revolutionären Prozeß wird durch zwei grundlegende Bemerkungen charakterisiert, die Romain Rolland in seiner Losung zusammenfaßt: ‚Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.‘“

    So weit, so gut.

    Viele dieser von Dir geschilderten Dinge, che, kommen mir aus der wilden Jugendzeit der 80er Jahre nicht unbekannt vor. „Das Nestbeschmutz“ ist ein gar köstlicher und gelungener Titel für eine Zeitschrift. Wir wollten eine Schülerzeitung, in Anspielung auf ein Buch und auf unsere Attitüden damals „Die Einsamkeit des Amokläufers“ nennen. Wer das heute machte, kriegte ein Heer von Schul- und Sonstwas-Psychologen auf den Hals gehetzt.

    Ich kann jedoch andererseits zu diesen unmittelbar politischen Dingen, was die Handlungen und die verschiedenen Szenen der Autonomen anbelangt, nicht viel beitragen, weil bei mir eben dieser Aspekt des politisch Aktiven von der Jugend- und erst recht von der Studienzeit her ganz einfach fehlt. Wir waren seinerzeit die halbbürgerlichen, kunstsinnigen Punks, welche auf den einschlägigen Demos als Fußvolk mitliefen und auch schon mal zur Hafenstraße in Hamburg fuhren, um gegen rechtsradikale HSV-Skins auszuhelfen, die dort stürmen wollten. (Der Freund machte diese Sachen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr mit, weil ihm der Slime-Kram, der auf jeder Demo gespielt wurde, viel zu hippiehaft war und ihm nur noch auf die Nerven ging. Und ich war irgendwann zu sehr in Hegel involviert. Andere verwickeln sich in Widersprüche: ich verwickele mich in Hegel.) Trotzdem: wir frönten genau diesem Lust-Links-Sein, für gute Dinge waren wir uns nicht zu schade. Und immer wieder der Oscar-Wilde-Satz: „Geben Sie Luxus! Auf das Notwendigste kann ich verzichten.“

    „Manchmal beschleicht mich der Gedanke, daß die Hinwendung zur Kritischen Theorie ein Rückschritt war, …“ Nein, für mich war das die Rettung aus den praktischen Aporien durch Denken, durch Theorie. Und wie es heute, im Jetzt ausschaut, so müßte man im Grunde resignieren. Andererseits: man kann ja auch mit den kleinen Nadelstichen wehtun.

    bersarin

    28. April 2011 at 22:02

  4. Es freut mich, Bersarin, daß Du das hier als anregend empfindest; mir selbst macht es tierisch Spaß, all das wieder herauszukramen, neu zu lesen – manches auch zum ersten Mal, obwohl es seit Jahren im Regal steht. Die Lektüre ist heute natürlich eine völlig andere: Damals wirkten auf mich die Texte unmittelbar, sie waren wie eine geladene Waffe, die einem in die Hand gedrückt wurde. Auf gewisse Weise ersetzten sie den von Breton imaginierten Revolver: Man kann auch mit Texten blindlings in die Menge schießen.

    Heute ist der unmittelbare Zauber dahin: Wir haben vor gut einem Jahr noch einmal im Kollektiv die Gesellschaft des Spektakels gelesen – und waren alle etwas enttäuscht. Isoliert betrachtet, außerhalb der realen Bewegung, unterliegen auch die Texte dem Phänomen der Verdinglichung: Sie erwecken auf einmal den Anspruch einer objektiven Beschreibung der Welt (an dem sie scheitern), statt daß sie noch länger das sind, was sie einmal waren: In einen praktischen Zusammenhang eingebundene Selbstvergewisserungen, deren Wahrheit eben in diesem Zusammenhang gründet und nicht in der wissenschaftlich korrekten Abbildung der Welt.

    Übrigens hätten wir uns damals, in den 80er wahrscheinlich schon sehr gut verstanden: Slime war mir schon immer ein Gräuel und Sillitoe hat mich sehr geprägt, nicht nur der Langstreckenläufer, sondern vor allem auch Samstag Nacht und Sonntag Morgen. Vielleicht sollte ich ihn auch mal wieder lesen, auch wenn hier wahrscheinlich ebenfalls die Gefahr der Entzauberung droht.

    alterbolschewik

    29. April 2011 at 11:57

  5. „Heute ist der unmittelbare Zauber dahin“ Das geht mir teils auch so, wenn ich die wilden Texte, welche ich in den mittleren 80ern las, wieder zur Hand nehme. Gerade bei den Dada- und Surrealismustexten.

    Und wie gesagt: Noch einmal großen Dank für diese Strauß von Anregungen und Lektüren.

    Bersarin

    30. April 2011 at 8:33


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