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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

In den Schluchten des Balkan

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„Der Balkan ist immer der Andere, er liegt irgendwo anders, immer ein wenig weiter im Südosten.“

Slavoj Žižek, Liebe Deinen Nächsten? Nein, Danke!

Wie es sich für einen ordentlichen roman feuilleton gehört, auch einen historisch-philosophischen, wechseln wir nun abrupt den Schauplatz. Spielte unsere Geschichte bislang in Paris (auch Marx‘ ökonomisch-philosophische Manuskripte wurden 1844 dort verfaßt), wechseln wir nun von der Hauptstadt der zivilisierten Welt in die finsteren Schluchten des Balkan: Nach Jugoslawien.

Der Sprung ist abrupt, aber nicht willkürlich. 1965 wurde in Zagreb eine Zeitschrift mit dem Namen Praxis gegründet. Rund zehn Jahre lang, bis zu ihrem endgültigen Verbot, vertrat diese Zeitschrift eine marxistische Position, die der stalinistischen Vergewaltigung der Marxschen Theorie einen Marxismus entgegensetzte, der sich vor allem auf die humanistische Ontologie des frühen Marx stützt, die im letzten Beitrag dargestellt wurde. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß bereits im zweiten Heft der Zeitschrift ein Artikel von Henri Lefèbvre erscheint und seine Kritik des Alltagslebens (die vor zwei Wochen Thema war) besprochen wird.

Doch bevor in den nächsten Folgen auf die Theorien Praxis-Gruppe eingegangen werden kann, soll zunächst etwas Hintergrund über die Entwicklung Jugoslawiens nach dem zweiten Weltkrieg geliefert werden.

Um die spezielle jugoslawische Entwicklung zu verstehen, muß man sich zuallererst vergegenwärtigen, daß Jugoslawien seine Befreiung von deutscher und italienischer Besatzung nicht der Roten Armee verdankte, wie die restlichen Staaten des Ostblocks. Es war die Partisanenarmee der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) unter Josip Broz Tito, die sich unter ungeheuren Verlusten nicht nur gegen die faschistischen Besatzer, sondern auch die serbischen Tschetniks wie auch die kroatischen Ustascha-Faschisten durchsetzen konnte.

Die Situation der am 29. November 1945 ausgerufenen Volksrepublik Jugoslawien war deshalb eine völlig andere als in den sozialistischen „Bruderstaaten“. Auch wenn die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung im November 1945 weder wirklich frei noch fair waren (Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S.176), hatte die KPJ dennoch aufgrund des siegreichen Partisanenkampfes eine ganz andere Massenbasis und Unterstützung in der Bevölkerung als die von Moskau eingesetzten Machthaber in den restlichen sozialistischen Ländern. Nicht, daß das Regime besonders sympathisch gewesen wäre: Tito war ein knallharter Leninist, der Zeit seines Lebens das Primat der Kommunistischen Partei und der durch sie verkörperten „Diktatur des Proletariats“ nicht in Frage stellte. Aber von den Vasallen Moskaus unterschieden sich die jugoslawischen Kommunisten dadurch, daß sie zurecht ein ziemlich ausgeprägtes Selbstbewußtsein besaßen, das dazu führte, daß sie nicht nach der Pfeife Moskaus tanzten.

Auf Stalin waren die jugoslawischen Kommunisten schon seit 1941 nicht besonders gut zu sprechen. Statt dringend benötigter Waffen hatte ihnen dieser lange belehrende Telegramme geschickt, die sie zu einer sinnlosen Volksfrontpolitik aufforderte, weil Stalin die westlichen Alliierten nicht verschrecken wollte. Ebensowenig unterstützte er sie gegen die Alliierten in der Frage des von ihnen besetzten Triests, aus dem sich die Partisanen wieder zurückziehen mußten und das letztlich an Italien zurückfiel. Hinzu kamen Spionageversuche von sowjetischen Beratern und Diplomaten und der Versuch, sich über jugoslawisch-sowjetische Unternehmen das Monopol auf dem Rohstoffmarkt zu erschließen (ebd., S.190).

Das selbstbewußte und eigenmächtige Auftreten der jugoslawischen Kommunisten verärgerte Stalin zunehmend, und als Tito ab 1947 auch eine eigenständige und nicht mit Moskau abgesprochene Außenpolitik betrieb, kam es zum Eklat. Alle Mahnungen Moskaus fruchteten nichts, und so wurde Jugoslawien aus der Kominform, der Organisation der Kommunistischen Parteien, ausgeschlossen. Es folgte der Auschluß aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, was ökonomisch zu einem ziemlichen Rückschlag führte. Politisch stärkte dieser Bruch allerdings die Stellung der jugoslawischen Kommunisten in der Bevölkerung.

Dieser Bruch mit Moskau sollte dann dazu führen, daß der „Aufbau des Sozialismus“ in Jugoslawien deutlich anders verlief als in den Ostblockstaaten. 1950 wurde das „Grundgesetz über die Verwaltung der staatlichen Wirtschaftsunternehmen“ entworfen, das drei zentrale Elemente enthielt:

„Debürokratisierung durch Arbeiterräte, Dezentralisierung von Verwaltung, Politik und Kultur sowie die Demokratisierung aller Lebensbereiche. Grundidee der „drei D“ war, möglichst breite Schichten der Bevölkerung in wirtschaftliche und gesellschaftliche Abläufe zu involvieren und so die Legitimität des Systems tiefer zu fundieren. In mehr als 6000 Betrieben wählten die Belegschaften daraufhin Räte, um über alle unternehmerischen Belange zu entscheiden.“ (ebd., S.192)

Diese Installation von Räten in den Betrieben, das berühmte jugoslawische Modell der „Selbstverwaltung“ heißt allerdings nicht, daß die Räte auch die politische Macht besessen hätten, diese verblieb weiter und unzweifelhaft bei der Partei. Dennoch kam es zu einer gewissen Liberalisierung:

„Anders als im Ostblock wurde nun ein gewisser Pluralismus toleriert, und zwar zuerst in der Literatur und in den Künsten, aber bald auch in der politischen Theorie. Zumindest waren jetzt unterschiedliche Interpretationen des Marxismus erlaubt.“ (ebd., S.193)

Für diejenigen, die sich auf diesen Pluralismus einließen, war das natürlich eine Gratwanderung, denn das Strafgesetzbuch sah im Artikel 133 Delikte wie „feindliche Propaganda“ und „verbale Delikte“ vor; außerdem gab es die Vergehen der „Konterrevolution“, des „Terrorismus“ und der „Verschwörung“. Es drohten also permanent Berufs- und Publikationsverbote, in schweren Fällen auch Gefängnisstrafen für „Gedankenverbrechen“.

Doch die jugoslawischen Intellektuellen, die die Praxis gründen sollten, ließen sich von derartigen Drohungen nicht allzusehr schrecken, hatten sie doch häufig ebenfalls in der Partisanenarmee gedient und verfügten ebenfalls über ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Milan Kangrga sagt:

„Wir hatten eine eminent philosophische Zeitschrift. Wir waren alle Enthusiasten. Und nun konnten wir auch etwas bewegen. Es gab natürlich auch Verfehlungen, aber gut, niemand ist vollkommen. Alles lief gut, so dass wir auch alle Angriffe abwehren konnten. Wir haben uns zehn Jahre lang ununterbrochen gegen Angriffe wehren müssen.“ (Milan Kangrga im Interview mit Krunoslav Stojaković, in: Kanzleiter/Stojaković, 1968 in Jugoslawien, Bonn 2008, S.130)

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Written by alterbolschewik

13. Mai 2011 um 13:55

Veröffentlicht in Jugoslawien

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