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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Juni 2011

Das Ende der Roten Universität Karl Marx

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„Wenn die Arbeiter auf die Straße gehen, denken wir, dass wir die Armee einsetzen müssen.“

Exekutivkomitee des ZK des BdKJ, 4. Juni 1968

Während die Studenten die Belgrader Universität besetzt hielten, verfiel der Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) in vollkommene Panik. Das Protokoll einer Sitzung des Exekutivkomitees des ZK offenbart, was die herrschende Parteibürokratie fürchtete: „Gestern wurde sehr offensichtlich und klar geäußert, deklariert, dass es sich im Grunde um die Formierung und Legalisierung einer politischen Oppositionsbewegung handelt.“ ([Kanzleiter & Stojaković 2008], S.249) Die Partei befürchtete, daß ihr das Machtmonopol entgleiten könnte. Als besonders erschreckend wurde empfunden, daß sich an den Demonstrationen und der Besetzung auch Mitglieder des BdKJ beteiligten, und zwar in völliger Übereinstimmung mit den übrigen Protestierenden. Bei der Demonstration, die von der Studentenstadt ausging, waren, so berichtet ein Mitglied des Exekutivkomitees, „mehrere hundert Kommunisten zugegen. Und die Situation war gerade so, dass keine Meinungsunterschiede aufkamen. Die Meinungen, Parolen und Ansichten zu den hervorgehobenen Fragen, die Anschauungen zu den Ereignissen, die Anschauungen zur Kampfmethode, sind identisch.“ ([Kanzleiter & Stojaković 2008], S.249)

Zu diesem Schock, daß man die Mitglieder der eigenen Partei nicht mehr im Griff hatte, gesellte sich die Furcht, daß die Studentenproteste auf die Arbeiterschaft übergreifen könnte:

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass in einigen Arbeitskollektiven, in denen minimale persönliche Einkommen gezahlt werden, denn die persönlichen Einkommen der Arbeitnehmer sind niedrig, gewisse Formen der Unzufriedenheit geäußert werden. Das wäre nach unserer Einschätzung ein tragischer Augenblick, und es ist nicht gerade viel Feuer nötig, damit sich das in so manch einem Umfeld entzündet.“ ([Kanzleiter & Stojaković 2008], S.250)

Die Armee wurde in Bereitschaft versetzt, damit sie im Notfall eingreifen konnte. Doch die  Solidarisierung der Arbeiterschaft durch die Studenten blieb, im Gegensatz zum Pariser Mai 1968, aus.

Während die Mobilisierung der Arbeiter ausblieb, weitete sich der Protest jedoch auf andere Universitäten aus. Erwähnenswert ist hier vor allem die Protestversammlung, die am 5. Juni 1968 in Zagreb stattfand. Interessant ist diese Versammlung nicht so sehr wegen dem, was sich an diesem Tag im Studentenzentrum der kroatischen Universität ereignete, sondern der Konflikt, der dann in der Folge zwischen den Zagreber Praxis-Autoren und einer Gruppe um den Sekretär des BdK an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Marko Veselica aufbrach. Denn in diesem Konflikt schwelte schon das Problem, das sich zwei Jahrzehnte später zur Tragödie Jugoslawiens auswachsen sollte: Der Nationalismus.

Bildete die Praxis-Gruppe eine linke Opposition zur offiziellen Parteilinie, so vertrat die Gruppe um Marko Veselica die rechte, kroatisch-nationalistische Seite (1971 agierte Veselica dann als Wortführer des sogenannten „Kroatischen Frühlings“, eines nationalistischen Aufstands; und 1990 wurde er dann Führer der rechtsradikal-nationalistischen Christlich Demokratischen Partei). Zum Konflikt kam es, als Veselica nach den Ereignissen, am 19. Juni, eine Chronik der Ereignisse veröffentlichte, die man nicht mehr nur als subjektiv gefärbt, sondern als hochgradig verleumderisch ansehen muß.

Natürlich hatte es Veselica nicht gepaßt, daß die Studenten in der Versammlung die Parolen „Brüderlichkeit-Einheit“, „Arbeiter-Studenten“, „Zagreb-Belgrad“ skandiert hatten, das heißt, sich ganz klar anti-kapitalistisch und anti-nationalistisch positioniert hatten. Gajo Petrović, der Herausgeber der Praxis, meinte dann auch in seiner Verteidigung: „Veselica hätte es vielleicht eher gefallen, wenn man »Arbeiter-Kapitalisten« oder »Zagreb-Madrid« skandiert hätte.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.263; Madrid bezieht sich auf das Exil des faschistischen Ustaša-Führers Ante Pavelić). Veselica versuchte deshalb, die Studenten als durch die „ultralinksextremistischen“ Professoren der Praxis-Gruppe aufgehetzt darzustellen. Tatsächlich aber war es ein herausragendes Merkmal der jugoslawischen Studentenbewegung, daß sie im jugoslawischen Sprachgebrauch unitaristisch, das heißt, auf die Einheit Jugoslawiens ausgerichtet war. Selbst Tito erklärte in einer Sitzung der Parteiführung am 9. Juni:

„Nun, ich muss aber auch eine positive Sache erwähnen, nämlich dass nicht eine Parole, ein Aufruf unter den jungen Leuten auf der Linie des nationalen Chauvinismus gewesen war. Es gab solche Parolen, wie beispielsweise – es lebe der König, nieder mit Tito. Doch das hat schon eine andere, eine politische Bedeutung. Aber nationalistische und chauvinistische Tendenzen innerhalb hat es nicht gegeben. Das bedeutet, daß unsere Jugend national gesund ist.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.251)

Tito gelang es dann auch, die in Belgrad andauernde Besetzung der Universität zu beenden und damit der Studentenbewegung als einer Massenbewegung das Wasser abzugraben, und zwar gelang ihm das mit einer Rede, die am 9. Juni im Fernsehen und im Radio übertragen wurde. Diese Rede ist in der Tat außerordentlich bemerkenswert. Nicht nur, daß Tito eine gründliche Untersuchung der Vorfälle in der Unterführung versprach, nein er räumte entscheidende Fehler der Parteiführung ein und versprach, daß wesentliche Punkte des Aktionsprogrammes in der zukünftigen Politik des BdKJ umgesetzt würden.

Allerdings unterstellte Tito, wie noch jeder gute Stalinist, eine Verschwörung hinter den Studenten:

„Während ich im Lauf der Demonstrationen über alles nachdachte, was ihnen vorausging, gelangte ich zur Überzeugung, dass die Revolte bei den jungen Leuten, bei den Studenten spontan ausbrach. Aber schrittweise, als sich die Demonstrationen entfalteten und sich von der Straße in die Aulen und Säle der Universitäten verlagerten, kam es zu einer gewissen Infiltrierung uns fremder Elemente, die nicht auf sozialistischen Positionen […] stehen […]. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass der Großteil, ich kann sagen, 90 Prozent der Studenten, rechtschaffene Jugendliche sind, um die wir uns nicht genügend gekümmert haben.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.253)

Das genügte, um die Protestbewegung als Massenbewegung in sich zusammenklappen zu lassen. Wer aber die „fremden Elemente“ waren, die die Jugend angeblich indoktriniert hatten, sprach Tito dann am 26. Juni 1968 vor dem Gewerkschaftskongress aus:

„Wie Sie wissen, Genossen und Genossinnen, gab es bislang alle möglichen Versuche seitens verschiedener Elemente, Unruhe zu stiften. Es traten diejenigen in Erscheinung, mit denen wir an den Universitäten auch vor der Studentenrevolte zu tun hatten. Das sind einzelne Professoren, einige Philosophen, verschiedene Praxis-Anhänger […]. Jeder arbeitet natürlich für sich, aber trotzdem sind sie im Bestreben vereint, bei uns ein Chaos anzurichten und im Trüben zu fischen. Ihnen müssen wir entschlossenen Widerstand leisten, ihnen entschieden nein sagen.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.259)

Immerhin war Jugoslawien nicht die Sowjetunion: Die Professoren landeten nicht im Gulag, sondern wurden zunächst einmal nur aus dem BdKJ ausgeschlossen – was als Sanktion noch relativ harmlos, wenn auch für die ehemaligen Partisanen ziemlich demütigend gewesen sein dürfte. Doch die nächste Aufgabe lag bereits vor ihnen: Die Sommerschule in Korčula 1968, mit einer hochkarätigen Riege internationaler, undogmatischer Sozialisten zum Thema „Marx und Revolution“.

Lesen Sie deshalb auch nächsten Freitag weiter, wenn Herbert Marcuse meint:

„Ich würde gerne meinem Vortrag eine Inschrift aus der Sorbonne zum Motto geben, die mir das Wesen dessen zu bezeichnen scheint, was heute vor sich geht. Die Inschrift lautete: „Soyons réalistes, demandons l’impossible!“ Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche.“ ([Marcuse 1969], S.20)

Literaturverzeichnis

Marcuse, H. (1969): „The Realm Of Freedom And The Realm Of Necessity. A Reconsideration.“, in: Praxis, Jg.5 (1969), Nr.1/2: 20-25.

Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Ed.) 2008: 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

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Written by alterbolschewik

24. Juni 2011 at 14:30

Veröffentlicht in Jugoslawien

Rote Universität Karl Marx, Belgrad

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„Wir haben uns dieser jugendlichen Bewegung angeschlossen und bekamen dafür auf den Schädel.“

Milan Kangrga im Interview mit Krunoslav Stojaković, 2007

Wie der letzte Blogbeitrag gezeigt hat, wurde auch in Jugoslawien die Revolte von ’68 durch das Erstarken einer subkulturellen Bewegung vorbereitet. Es verwundert deshalb nicht, daß das für die jugoslawischen antiautoritären Bewegungen zentrale Ereignis mit einem Rockkonzert zusammenhängt: In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1968 knüppelte die Miliz Besucher eines Konzertes in Novi Beograd (Neu-Belgrad), die auf dem Heimweg waren, in einer Unterführung brutal zusammen. Dieses Ereignis war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.

Natürlich hatte bis dahin keine Friedhofsruhe geherrscht. Seit 1966 gab es auch in Jugoslawien eine Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Diese warf der jugoslawischen Führung vor, mit den US-Amerikanern zu paktieren. Die Demonstrationen hatten im Dezember 1966 begonnen und führten zu ziemlichen heftigen Auseinandersetzungen mit der Miliz.

Nach dem Vorfall in der Unterführung fand am Morgen des 3. Juni eine Protestdemonstration statt. Die Polizei eskalierte die bereits angespannte Situation, indem sie Schußwaffen einsetzte. Damit war der Bogen endgültig überspannt, die Studenten besannen sich internationaler Vorbilder. Gut zwei Monate zuvor, am 22. März, war in Nanterre das Verwaltungsgebäude der Universität besetzt worden, am 2. Mai in Paris dann die Sorbonne. Am 15. Mai wird dann der normale Betrieb der Frankfurter Universität lahmgelegt und die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Karl-Marx-Universität umbenannt. In der besetzten Universität finden trotzdem weiter Seminare statt – nur wird nicht mehr der übliche Stoff durchgenommen, sondern es werden die aktuellen Themen der Bewegung diskutiert; 2000 Studenten und Schüler, aber auch Professoren und Assistenten beteiligen sich.

Das Frankfurter Vorbild macht in Belgrad Schule. Die Professorin für Soziologie und Anthropologie, Zagorka Golubović, die mit zur Herausgebergruppe der Praxis gehörte, berichtet:

„Ich bin am Morgen des 3. Juni mit einem Telefonanruf aus dem Dekanat der Philosophischen Fakultät geweckt worden. Es wurde mir gesagt, dass ich sofort in die Fakultät kommen sollte. Alle Professoren sollten kommen, weil es in Novi Beograd zu einem harten Zusammenstoß zwischen Studenten und Miliz gekommen sei. Ich habe mich also angezogen und bin sofort losgegangen. Erst sechs Tage später kam ich wieder nach Hause. Wir waren alle eine Woche lang in der besetzten Universität, die von der Polizei belagert wurde.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.117)

Die Demonstranten flüchteten sich nach den Attacken der Miliz in die Universität, die von der Polizei umstellt wurde. Noch am selben Tag veröffentlichen die Besetzer einen ersten Aufruf, in dem sie ganz konkrete Forderungen stellen, die sich auf die aktuellen Ereignisse bezogen: Freilassung der verhafteten Demonstranten, Entlassung der Verantwortlichen für den brutalen Milizeinsatz und derjenigen der Medien, und zwar „auf Grund der beispiellos verlogenen Berichterstattung“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.233)

Während der folgenden Tage und Nächte wird in der besetzten Universität in sogenannten „Konventen“ diskutiert (der Name sollte an die französische Revolution erinnern). Resultat dieser Diskussionen ist das dann am 5. Juni veröffentlichte „Politische Aktionsprogramm“. Dieses Programm geht weit über die unmittelbaren sich aus der Situation ergebenden Forderungen des ersten Aufrufs zwei Tage zuvor hinaus. Das Aktionsprogramm zerfällt in zwei Teile, dessen erster radikale, aber politisch keineswegs utopische gesamtgesellschaftliche Forderungen aufstellt: Es soll eine Nivellierung der gesellschaftlichen Unterschiede angestrebt werden, indem klare Kriterien für individuelle Einkommen und eine Obergrenze für derartige Einnahmen festgelegt werden. Die Arbeitslosenproblematik soll unverzüglich angegangen werden, wobei dem grassierenden Nepotismus der Kampf angesagt wird:

„In der Kaderpolitik sollte konsequent das Prinzip angewandt werden, dass Arbeitsplätze, die eine bestimmte Qualifikation erfordern, auch nur von Leuten mit der entsprechenden Qualifikation besetzt werden.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.235)

Die Selbstverwaltung soll so ausgebaut werden, daß sie ihren Namen auch verdient:

„Der Ausgangspunkt für eine wahrhafte Entwicklung der direkten Selbstverwaltung ist, dass die direkten Produzenten selbständig über alle wichtigen Bedingungen ihrer Arbeit, und besonders über die Verteilung des Mehrwerts bestimmten.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.235)

In weiteren Punkten geht es darum, daß die gesellschaftlichen Organisationen und ausdrücklich auch die Massenmedien demokratisiert, die Tendenzen zur Rekapitalisierung gestoppt und die Wohnraumprobleme in dem Sinn gelöst werden müssen, daß Spekulation mit öffentlichem und privatem Wohnraum verhindert wird. Der Kultur wird ein eigener Punkt gewidmet:

„Die Bedingungen im kulturellen Sektor müssen so gestaltet sein, dass die Kommerzialisierung verhindert wird, gleichzeitig aber Möglichkeiten eröffnet werden, unter denen sich eine gute und kreative Kultur, die allen zugänglich ist, entwickeln kann.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.236)

Der zweite, kürzere Teil befaßt sich dann mit spezifischen Belangen der Studenten und der Universität. Hier werden dann zentrale Forderungen wie die nach einer gesetzlichen Verankerung der universitären Autonomie erhoben oder für Berufungen regelmäßige Wiederwahlen gefordert.

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieses politische Aktionsprogramm nicht allein auf dem Mist der Studenten gewachsen ist. In seiner präzisen Ausformulierung konkreter, weitreichender aber keineswegs unmöglicher Forderungen, kann man die Handschrift der Professoren aus der Praxis-Gruppe durchaus erkennen. Die Forderungen sind in den Diskussionen der Konvente entstanden, doch ihre Genauigkeit verdankt sich sicherlich der Beteiligung der Professoren an diesen Debatten. Deren Rolle in der jugoslawischen Bewegung war eine völlig andere als im Westen, wo zwar einige durchaus sympathisierten, aber nicht wirklich Teil der Bewegung waren. Der Filmemacher Želimir Žilnik, der unter den Besetzern war und auch Aufnahmen machte, aus denen er dann in seinen Film Lipanjska gibanja (Ereignisse im Juni) zusammenschnitt, berichtet:

„Unsere Professoren haben während dieser Ereignisse eine sehr solidarische Haltung gegenüber uns Studenten eingenommen, im Falle eines Blutvergießens – wir hatten ja bestimmte Informationen, dass die Armee in Bereitschaft versetzt worden sei – wollten sie sich schützend vor uns stellen. Viele dieser Professoren waren ja alte Partisanenkämpfer!“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.157)

Doch es wurde nicht nur diskutiert. Es gab außerdem ein Kulturprogramm, dessen Höhepunkt der Auftritt des bekannten Schauspielers Stevo Žigon war. Žigon war schon als Vierzehnjähriger im Partisanenkampf aktiv und wurde, als er bei Sabotageaktionen geschnappt wurde, nach Dachau deportiert. Vor den Besetzern der Universität rezitierte er die große Rede Robespierres aus Dantons Tod:

Doch wie ging die Belagerung der Belgrader Universität aus? Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn Tito erklärt:

„Was die Unzufriedenheit der Studenten wegen der unliebsamen Ereignisse betrifft, zu denen es in Neu-Belgrad gekommen ist, finde ich, dass diese Sache einer Überprüfung bedarf. Wenn irgend jemand auf welcher Seite auch immer gegen die Gesetze verstoßen hat, oder seine Pflichten nicht erfüllt oder sein Amt missbraucht hat – das wird die Ermittlung klären – so wird er zur Verantwortung gezogen, ungeachtet wer es gewesen ist.“ (zit. nach Kanzleiter & Stojaković [2008], S.255)

Literaturverzeichnis

Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Ed.) 2008: 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.


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Written by alterbolschewik

17. Juni 2011 at 9:00

Veröffentlicht in He! Sie da! Polizei!, Jugoslawien, Marx

Rock ’n‘ Roll!

with one comment

„Ich hatte schon von früher etwas längere Haare, und als ich von einem Lehrer ermahnt wurde, nicht als Preseren [slownischer Dichter des 19. Jhdts] herumzulaufen, hatte ich das Gefühl, daß ich auf einmal die »Beatles« verstehen konnte.“

Jugoslawischer Jugendlicher, zit. nach [Barber-Kersovan 2005]

Nicht nur die Bundesrepublik erlebte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein „Wirtschaftswunder“, das galt auch für Jugoslawien. Dabei hatte dort der Wiederaufbau nach dem Krieg durch den Bruch mit Stalin zunächst einen herben Rückschlag erlitten:

„Die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Verbündeten schlossen Jugoslawien Anfang 1949 aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe aus und errichteten eine hermetische Handelsblockade. Die starre Planung, die politische Isolation nach dem Rauswurf aus der Kominform und eine extreme Dürre führten den Vielvölkerstaat im Jahr 1950 in eine tiefe ökonomische und psychologische Krise.“ ([Calic 2010], S.190)

Andererseits boten sich nun auch andere Chancen. Da die USA fälschlicherweise glaubten, mit Hilfe Jugoslawiens einen Keil in den Ostblock zu treiben, boten sie großzügige militärische und wirtschaftliche Hilfe an. Die Wirtschafthilfe floß zwar weitgehend direkt in den Konsum, doch die damit einhergehende Öffnung der westlichen Märkte erlaubte Jugoslawien ein beispielloses Wirtschaftswunder:

„Zwischen 1953 und 1960 stieg die Industrieproduktion jährlich um imponierende 13,83 Prozent. Jugoslawien hielt damit vor Japan den Weltrekord. Noch in den 1960er Jahren lag die Rate bei 8,2 Prozent. Dadurch vergrößerte sich allmählich auch der Wohlstand. Die Einkommen nahmen zwischen 1953 und 1959 umd 5,9 Prozent zu, und nach den entbehrungsreichen Aufbaujahren rückte nun die Verbesserung des Konsums in den Vordergrund.“ ([Calic 2010], S.197)

Dieser wirtschaftliche Aufschwung brachte – wie in den westlichen Ländern – einen Mentalitätswandel mit sich, der die Jugendlichen, die in diesem prosperierenden Umfeld aufgewachsen waren, in Konflikt mit der älteren Generation brachte, die an den alten, überlieferten Werten festhielt. Dies wurde zum Teil auch von den jugoslawischen Kommunisten aktiv unterstützt:

„Mit besonderer Verve ging der Staat gegen archaische Relikte in der muslimischen Kultur vor. […] Eine junge Muslimin erhählte: »Früher war alles ganz anders. Die Mädchen waren nicht frei […]. Heute […] kann es sich aussuchen, mit wem es zusammen ist und wohin es gehen will. […] Als ich meine Zöpfe abschnitt und mir eine Dauerwelle machen ließ, gab es viel Murren und Klatsch. Ich war eines der ersten Mädchen, das keine Pluderhosen (dimija) mehr trug, sondern ein Kleid.«“ ([Calic 2010], S.219)

Während sich so die Lebensumstände und auch die Alltagskultur rasant veränderten, hinkte der offizielle kulturelle Überbau weitgehend hinter der Entwickung her. Direkt nach dem Krieg war die offizielle Kulturpolitik völlig auf stalinistischer Linie. Gefördert wurden

„Schauspiele mit Partisanenthematik, Volkstänze mit Akkordeonbegleitung, die Veröffentlichung von (pseudo-)literarischen Erzeugnissen in Wand- und Schulzeitungen und die zahlreichen Chöre, bei denen auf dem Umweg über Chorleiterseminare sicher gestellt wurde, daß das Repertoire den vorgeschriebenen ideologischen Richtlinien entsprach. Als »ideologisch unverdächtig« beziehungsweise »empfehlenswert« galten heimische Wecklieder, revolutionäre Lieder unterschiedlicher Herkunft, regimekritische Lieder aus der Vorkriegszeit, Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg, slowenische Volks- und Partisanenlieder.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.29)

Jazz hingegen war verpönt. Bereits unmittelbar nach Kriegsende sahen sich die Fans der Jazz-Band „Verseli beraci“ in Ljubljana, „die ihre Zugehörigkeit mit langen Haaren, engen Hosen mit hohen Aufschlägen und bunten Socken zur Schau stellten“ polizeilichen Schikanen ausgesetzt, die bis zu Razzien und willkürlichen Verhaftungen auf der Promenade führten ([Barber-Kersovan 2005], S.33)

Doch auch nach dem Bruch mit Stalin veränderte sich die Situation nicht unbedingt positiv. Zwar fiel ein Teil des Propagandameterials aufgrund seiner sowjetischen Herkunft weg, doch die Lücken wurden nicht unbedingt mit Besserem aufgefüllt: An ihre Stelle traten Schlager und sogenannte „volkstümliche Musik“ wie die des Ensembles Slavko Avsenik. Jazz hingegen wurde weiterhin als „Musik-Pornographie“ abqualifiziert ([Barber-Kersovan 2005], S.32).

In den 60er Jahren bildeten sich dann im eher gehobenen Gymnasiaten- und Studentenmilieu eine Partykultur heraus bei der sich Jugendliche in privaten Wohnung zum Tanzen und Trinken trafen:

„Das Bestehen einer derartigen Party-Gemeinschaft wird bereits für die späten 1950er Jahre überliefert. Sie wurde nach ihrem Maskottchen Crne macke (Schwarze Katze) benannt und von der öffentlichen Meinung zum Inbegriff des Unmoralischen hochstilisiert. Über die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Jugendlichen wurde unter anderem gemunkelt, sie leiteten ihre wilden Orgien mit dem Verzehr einer gebratenen Hauskatze ein und pflegten Verbindungen zu einem Selbstmörder-Club. Handfeste Beweise für solche Vorwürfe gab es zwar nicht, trotzdem trug die Existenz dieser Party-Gemeinschaft maßgeblich dazu bei, daß man den Begriff »Hausball« in Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum und sexueller Promiskuität brachte, obwohl die Veranstaltungen selbst in der Regel viel harmloser verliefen, als ihnen nachgesagt wurde.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.38)

Mitte der 60er Jahre erreichte die Beatles-Mania auch Jugoslawien. Es bildeten sich erste Bands, die versuchten, Beat-Musik zu spielen, Fan-Gruppen entstanden, die sich auch durch Kleidung und Haartracht abgrenzten. Insbesondere die langen Haare provozierten die Autoritäten: „Im Jahr 1964 vereinbarten Direktoren aller Gymnasien aus Ljubljana sogar eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der unerwünschten Haarlänge bei Jungen.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.47) Diese sich langsam entwicklende Subkultur sah sich – wie auch im Westen – massiven Angriffen ausgesetzt, deren Diktion sich allerdings von den Angriffen im Westen etwas unterschied, wie man folgendem Leserbrief entnehmen kann:

„Es gibt etwas, was mich an den »Beatles«-Fans stört […]. Es stört mich die schädliche Ideologie. Sie steht am wackeligen Fundament einer kleinbürgerlichen Ideologie, deren Gestalter reaktionäre Indivudualisten aus den bürgerlichen Staaten sind. So sind wir heute Zeugen der Anarchie, der Faulheit, der Verantwortungslosigkeit und des Desinteresses an gesellschaftlichen Gegebenheiten, an Arbeit, Kultur und Wissenschaft, also an allem, von dem die Zukunft jeglicher Gemeinschaft abhängt.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.45)

Derartige Angriffe waren natürlich völlig kontraproduktiv (oder produktiv, wie man’s nimmt). Nicht nur, daß sie die Fronten zwischen den Generationen verhärteten. Sie führten vor allem dazu, daß ein unsprünglich unpolitisch verstehendes Verhalten, dem es nur um den Ausdruck einer milden Form von Hedonismus ging, die durch die prosperierende ökonomische Situation legitimiert war, sich politisierte.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Damjan Ovsec meint:

„Zunächst war für uns die Protesthaltung als solche interessant, ohne daß sie in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet wäre. Das geschah erst später, als die Gesellschaft […] unliebsam zu reagieren begann, was natürlich im Nu das gewünschte Kampffeld schaffte. Zugleich begann unsere Generation imer mehr über die Unstimmigkeiten im eigenen Umfeld nachzudenken. Dadurch wurde die Identifikation mit den ausländischen Bewegungen möglich. Die Popmusik bekam eine soziale Konnotation.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.48f)

Literaturverzeichnis

Barber-Kersovan, A. 2005: Vom „Punk-Frühling“ zum „Slowenischen Frühling“, Hamburg 2005.

Calic, M.-J. 2010: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.


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Written by alterbolschewik

10. Juni 2011 at 9:00

Veröffentlicht in Jugoslawien, Medien, Pop

Kunst im technischen Zeitalter (2)

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„Die Wahrheit der Kunst besteht genau darin, daß sie etwas in sich trägt, das über sie hinausweist, etwas Über-Künstlerisches“

Danielo Pejović, L’art et l’esthétique, 1966

Mit den Aufsätzen von Danilo Pejović [1966] und Milan Kangrga [1966] betreten wir nun interessanteres philosophisches Terrain. Hier finden wir nicht nur die Ablehnung des sozialistischen Realismus, die uns bereits bei Grlić [1966] und Focht [1966] begegnet ist, sondern eine weitergehende Auseinandersetzung über das Verhältnis von Philosophie und Kunst, die uns jetzt mitten in die Ontologie der Praxis-Gruppe hineinführt.

Ausgangspunkt für Pejović ist die Frage, ob es so etwas wie eine marxistische Ästhetik überhaupt geben kann. Schon seine einleitenden Bemerkungen verraten, daß er zumindest die bisherigen Versuche einer spezifisch marxistischen Ästhetik ablehnt. Er führt ein Zitat des ganz jungen Marx an, in dem dieser die Freiheit als Voraussetzung schriftstellerischen Schaffens postuliert. Philosophisches Nachdenken über Kunst ist aber Pejović zufolge den Kunstwerken nachgelagert; Versuche, wie etwa die von Lukács, der Kunst aus allgemeinen Prinzipien abgeleitete Regeln vorzuschreiben, bezeichnet er deshalb als „Naivität“: Ästhetik ist für ihn keine „normative Disziplin, die die Kunstwerke Anforderungen und Gesetzen unterwirft und es unternimmt, bestimmte Kriterien und bestimmte willkürliche Bedingungen aufzustellen, von denen es abhängt, ob ein Werk als Kunstwerk oder nicht qualifiziert werden kann.“ ([Pejović 1966], S.298)

Damit begründet Pejović seine Ablehnung des Sozialistischen Realismus und überhaupt einer politisch gegängelten Kulturproduktion. Ähnliches, wenn auch mit anderer Begründung, kennen wir bereits von Grlić und Focht. Doch Pejović geht darüber hinaus: Er stellt die Ästhetik als philosophische Disziplin selbst in Frage. Zurecht weist er darauf hin, daß der Begriff eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts ist und ein inferiores Erkenntnisvermögen, nämlich die sinnliche Erkenntnis bezeichnet. Von der Ästhetik zu unterscheiden ist die Philosophie oder Metaphysik der Kunst, deren Tradition bis Platon und Aristoteles zurückgeht.

Es scheint zunächst eine müßige terminologische Streiterei zu sein, ob man von Ästhetik oder Metaphysik der Kunst spricht, doch Pejović geht es um eine sachliche Differenz, nämlich die zwischen der Ästhetik als einer letztendlich erkenntnistheoretischen Disziplin und der ontologischen Herangehensweise bei Platon und Aristoteles, die nach der speziellen Seinsform der Kunst fragen. Diese Differenz zwischen Ästhetik als Erkenntnistheorie und Kunstmetaphysik als Ontologie sieht Pejović dann bei Hegel aufgehoben, der die Kunst als das sinnliche Scheinen der Idee auffaßt. Und genau in dieser Einheit von sinnlicher Erkenntnis und Ontologie gründet ja die hegelsche These von einem möglichen Ende der Kunst: Weil die sinnliche Erkenntnis ein inferiores Vermögen ist, büßt die Kunst ihre Relevanz ein, wenn es andere, höhere Formen der Erkenntnis gibt, in denen sich die absolute Idee offenbart.

Pejović versucht nun, diese Hegelsche These vom Ende der Kunst vom Kopf auf die Füße zu stellen. Er geht dabei von der Philosophie des jungen Marx aus und deren Anspruch, mehr als Philosophie sein zu wollen. Indem Marx die menschliche Schöpferkraft ins Zentrum seiner Aufhebung der Philosophie stellt, die Forderung aufstellt, sie müsse praktisch werden, macht er die Philosophie selbst zu einem kreativen Vermögen, sie wird Teil dessen, was sie beschreibt: Menschliche Praxis. Damit wird die Philosophie selbst zu einer künstlerischen Verfahrensweise, Philosophie und Kunst bewegen sich auf dem selben Terrain:

„Der Philosoph, der die Welt als menschliches Produkt begriffen hat, hat sich von der Metaphysik gelöst: Als hätte er der poiesis des Aristoteles, die praxis und theoria vereinigt, indem sie sie aufhebt, das Ohr geliehen, so hat Marx die einengenden Grenzen zwischen Philosophie und Kunst zerstört.“( [Pejović 1966], S.301)

Kunst ist sowenig ein Gegenstand wie Philosophie. Sie ist produktive Tätigkeit im Sinne der Ontologie des jungen Marx. Nur wenn sie in dieser Dynamik begriffen wird und nicht als gegebenes Objekt der ästhetischen Anschauung, wird man ihr gerecht. Und daraus abgeleitet besteht nun der eigentliche Witz seiner Argumentation gegen Hegel darin, daß er an die Stelle des Endes der Kunst das Ende der Ästhetik als einer bloß über Kunst reflektierenden Aktivität setzt:

„Wenn für uns die Ästhetik und die Metaphysik der Kunst Vergangenheit geworden sind, so wird die Kunst, im Gegensatz zu dem, was Hegel dachte, mehr und mehr zur Zukunft, von wo aus das Denken aufhört, ausschließlich Philosophie zu sein.“ ([Pejović 1966], S.301)

Einen ähnlichen Ansatz wählt auch Milan Kangrga, nur ist seine Argumentation philosophisch präziser – aber auch bedenklicher. Auch Kangrga kritisiert die philosophische Ästhetik, aber bei ihm wird diese Kritik mit einer Kritik der technisierten Welt verknüpft. Und diese Verknüpfung ist bei ihm nicht lose, wie bei den anderen drei Autoren des Heftes, bei denen die Notwendigkeit der Kunst als Gegengewicht zur Technik eine bloße Behauptung blieb.

Schon Kangrgas Ausgangsfrage ist deutlich radikaler als die seiner Kollegen. Er fragt, ob es überhaupt ein Verhältnis von Kunst und Philosophie geben kann, und falls ja, auf was diese Möglichkeit gründet. Zumindest die klassische Ästhetik verfehlt Kangrga zufolge jedenfalls dieses Verhältnis. Versteht man die Ästhetik als eine spezielle philosophische Disziplin, die einen speziellen Gegenstandsbereich abdeckt, eben die Kunst, dann hat man, so zumindest die Behauptung von Kangrga, von vornherein verloren. Die Ästhetik ist zuständig für das Schöne, so wie die Logik für das Wahre und die Ethik für das Gute. Damit hat die Kunst auf einmal keine Wahrheit mehr, sondern ist nur noch schön. Und diese Schönheit nimmt die Ästhetik selbst als gegeben an, weshalb sie zwar Erkenntniskriterien für die Schönheit des Kunstwerkes entwickeln, doch das Gegebensein der Schönheit nicht hinterfragen kann. Kangrga aber will die Möglichkeit des Kunstwerks und damit des Schönen selbst erörtern.

Es würde das Format eines Blogbeitrags sprengen, im Detail Kangrgas Auseinandersetzung mit Kant, die vor allem das Verhältnis des Naturschönen zum Kunstschönen thematisiert, nachzuzeichnen. Beschränken wir uns ganz unphilosophisch auf das Ergebnis dieser Auseinandersetzung: Kangrga zufolge erbt das Naturschöne seine Schönheit vom Kunstschönen. Die Bedingung der Möglichkeit des Kunstschönen selbst aber ist die menschliche Schöpferkraft, die durch keine nachträgliche Reflexion einzuholen ist. Und wenn man das einmal verstanden hat, versteht man auch die Natur, die ebenfalls nicht einfach ein Gegebenes ist, sondern das Resultat ursprünglicher menschlicher Praxis.

Dieses ursprünglich praktisch-schöpferische Welterverhältnis, das die menschliche Praxis auszeichnet und deren Resultat sowohl die Kunst wie auch die humanisierte Natur ist, wird durch die moderne Technik zerstört. Indem das durch keine Reflexion einzuholende schöpferische Tun unter das Diktat einer abstrakten Rationalität gestellt wird, nicht mehr seinen ursprüngliche Impulsen folgt, entfremdet es sich. Natur wird zum bloßen Material technischer Rationalität. Diese Entfremdung verdoppelt sich in der modernen Kunst, die gerade durch ihre Ästhetisierung den Zugang zu den ursprünglichen schöpferischen Quellen verloren hat. Indem die Ästhetik zum Regelwerk wird, zerstört sie die Spontaneität des künstlerischen Impulses. Kangrgas Kritik ist unmißverständlich:

„Die zeitgenössische Kunst produziert das und in dem, was für die Wissenschaft (in diesem Falle für die ästhetische Theorie) bereits als Gegebenes bekannt ist, so daß es sich nicht als etwas Ursprüngliches und in diesem Sinne als eine originelle Entdeckung der Wahrheit, als tätige Erschließung und Erweiterung der sinnhaltigen Welt ereignet, sondern die Kunst operiert bewußt und absichtlich innerhalb des Vergangenen, des in der Vergangenheit Erschlossenen und für das Zukünftige geschlossenen, fertigen Bereichs der Wahrheit, die dadurch zur Unwahrheit am Werk wird.“ ([Kangrga 1966], S.321)

Die falsch verstandene Ästhetik wird so zum Totengräber der Kunst. Das Verhältnis von Kunst und Philosophie muß aber völlig anders gedacht werden. Wenn die Philosophie nicht der Kunst die Regeln vorschreiben will, sondern sich von der Kunst leiten läßt, kommt sie zu einem anderen Verständnis der Natur selbst. Sie ist, richtig verstanden, ebenfalls ein nicht entfremdetes, produktives Verhalten. Das Verhältnis von Kunst und Philosophie ist somit nicht eines von Gegenstand und Erkenntnis, sondern das Verhältnis zweier gleichberechtigter Formen nicht-entfremdeter Praxis.

„Das Verhältnis von Philosophie und Kunst ereignet sich dann unter der Voraussetzung eines gegenseitigen schöpferischen Annäherns und Durchdringens als der geschichtlich-natürlichen Vermittlung und Sinnhaltigmachung, denn das Schöpferische wird nur durch die Schöpfung berührt, erfaßt und erkannt, so daß das Schöpferische das einzige wahre Medium und die Möglichkeit ihres Verhältnisses ist. Denn von Anfang an ereignet sich in ihrem gemeinsamen Grund die Tat als Möglichkeit, also als die geschichtliche Praxis, was das wahre Sein des Menschen und seiner Welt ausmacht und wodurch der Mensch ein Wesen der Praxis oder ein schöpferisches Wesen ist.“ ([Kangrga 1966], S.323)

Man liegt wohl nicht ganz falsch, daß hier weniger Marx als vielmehr Heidegger Pate gestanden hat (der auch mehrfach zitiert wird). Zwei Vorwürfe müssen deshalb gegen Kangrgas Ausführungen erhoben werden.

Zum einen geht es dabei um seine Behauptung, daß diese menschliche Schöpferkraft ein ursprüngliches Tun sei, das durch keine rationale Erörterung, noch nicht einmal nachträglich, einzuholen sei. Damit wird der irrationalen Tat, die sich vor keiner Form von Vernunft rechtfertigen muß, Tür und Tor geöffnet. Wir werden im weiteren Verlauf dieses Blogs diese irrationale Tat-Komponente sowohl in der Praxis-Philosophie wie auch der antiautoritären Bewegungen weiterverfolgen müssen.

Zum anderen steht natürlich die Frage im Raum, wie es denn zu dieser Technisierung der Welt gekommen ist, die an die Stelle der schöpferischer Tat eine abstrakte Rationalität gesetzt hat? In der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Natur, der Produktion, ließe sich dies noch durch die Entwicklung des Kapitalverhältnisses erklären. Aber warum sollten die Künstler ebenso seinsvergessen agieren? Nur weil sie einem ominösen Zeitgeist folgen? Auch dieses Problem, ob die Entfremdungstheorie nicht daran zerbricht, daß sie nicht erklären kann, warum die Menschheit sich ihrer eigenen Schöpferkraft entfremdet hat, wird weiterhin Thema sein.

Nächste Woche allerdings erholen wir uns von tiefgründigen Seins-Fragen bei Alltagsproblemen der jugoslawischen Jugend, die auch nicht einfach zu lösen sind:

„Bereits im ersten Semester habe ich mich verändert. Ich stellte fest, daß das Leben sehr kurz ist und begann nach den eigenen Vorstellungen zu leben […] Ich hörte auf, mir die Haare zu schneiden […]. Mein Vater versuchte es zunächst mit Gewalt. Das heißt, er versuchte mir die Haare abzuschneiden, während ich schlief, weshalb ich stets mit einem Kopftuch ins Bett gehe.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.48)

Literaturverzeichnis

Barber-Kersovan, A. 2005: Vom „Punk-Frühling“ zum „Slowenischen Frühling“, Hamburg 2005.

Focht, I. (1966): „Kunst in der Welt der Technik“, in: Praxis, Jg.2 (1966), Nr.3: 280-295.

Grlić, D. (1966): „Wozu Kunst?“, in: Praxis, Jg.2 (1966), Nr.3: 267-279.

Kangrga, M. (1966): „Philosophie und Kunst“, in: Praxis, Jg.2 (1966), Nr.3: 308-324.

Pejović, D. (1966): „L’art et l’esthétique“, in: Praxis, Jg.2 (1966), Nr.3: 296-307.

Written by alterbolschewik

3. Juni 2011 at 15:19

Veröffentlicht in Jugoslawien, Philosophie