shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Rock ’n‘ Roll!

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„Ich hatte schon von früher etwas längere Haare, und als ich von einem Lehrer ermahnt wurde, nicht als Preseren [slownischer Dichter des 19. Jhdts] herumzulaufen, hatte ich das Gefühl, daß ich auf einmal die »Beatles« verstehen konnte.“

Jugoslawischer Jugendlicher, zit. nach [Barber-Kersovan 2005]

Nicht nur die Bundesrepublik erlebte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein „Wirtschaftswunder“, das galt auch für Jugoslawien. Dabei hatte dort der Wiederaufbau nach dem Krieg durch den Bruch mit Stalin zunächst einen herben Rückschlag erlitten:

„Die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Verbündeten schlossen Jugoslawien Anfang 1949 aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe aus und errichteten eine hermetische Handelsblockade. Die starre Planung, die politische Isolation nach dem Rauswurf aus der Kominform und eine extreme Dürre führten den Vielvölkerstaat im Jahr 1950 in eine tiefe ökonomische und psychologische Krise.“ ([Calic 2010], S.190)

Andererseits boten sich nun auch andere Chancen. Da die USA fälschlicherweise glaubten, mit Hilfe Jugoslawiens einen Keil in den Ostblock zu treiben, boten sie großzügige militärische und wirtschaftliche Hilfe an. Die Wirtschafthilfe floß zwar weitgehend direkt in den Konsum, doch die damit einhergehende Öffnung der westlichen Märkte erlaubte Jugoslawien ein beispielloses Wirtschaftswunder:

„Zwischen 1953 und 1960 stieg die Industrieproduktion jährlich um imponierende 13,83 Prozent. Jugoslawien hielt damit vor Japan den Weltrekord. Noch in den 1960er Jahren lag die Rate bei 8,2 Prozent. Dadurch vergrößerte sich allmählich auch der Wohlstand. Die Einkommen nahmen zwischen 1953 und 1959 umd 5,9 Prozent zu, und nach den entbehrungsreichen Aufbaujahren rückte nun die Verbesserung des Konsums in den Vordergrund.“ ([Calic 2010], S.197)

Dieser wirtschaftliche Aufschwung brachte – wie in den westlichen Ländern – einen Mentalitätswandel mit sich, der die Jugendlichen, die in diesem prosperierenden Umfeld aufgewachsen waren, in Konflikt mit der älteren Generation brachte, die an den alten, überlieferten Werten festhielt. Dies wurde zum Teil auch von den jugoslawischen Kommunisten aktiv unterstützt:

„Mit besonderer Verve ging der Staat gegen archaische Relikte in der muslimischen Kultur vor. […] Eine junge Muslimin erhählte: »Früher war alles ganz anders. Die Mädchen waren nicht frei […]. Heute […] kann es sich aussuchen, mit wem es zusammen ist und wohin es gehen will. […] Als ich meine Zöpfe abschnitt und mir eine Dauerwelle machen ließ, gab es viel Murren und Klatsch. Ich war eines der ersten Mädchen, das keine Pluderhosen (dimija) mehr trug, sondern ein Kleid.«“ ([Calic 2010], S.219)

Während sich so die Lebensumstände und auch die Alltagskultur rasant veränderten, hinkte der offizielle kulturelle Überbau weitgehend hinter der Entwickung her. Direkt nach dem Krieg war die offizielle Kulturpolitik völlig auf stalinistischer Linie. Gefördert wurden

„Schauspiele mit Partisanenthematik, Volkstänze mit Akkordeonbegleitung, die Veröffentlichung von (pseudo-)literarischen Erzeugnissen in Wand- und Schulzeitungen und die zahlreichen Chöre, bei denen auf dem Umweg über Chorleiterseminare sicher gestellt wurde, daß das Repertoire den vorgeschriebenen ideologischen Richtlinien entsprach. Als »ideologisch unverdächtig« beziehungsweise »empfehlenswert« galten heimische Wecklieder, revolutionäre Lieder unterschiedlicher Herkunft, regimekritische Lieder aus der Vorkriegszeit, Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg, slowenische Volks- und Partisanenlieder.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.29)

Jazz hingegen war verpönt. Bereits unmittelbar nach Kriegsende sahen sich die Fans der Jazz-Band „Verseli beraci“ in Ljubljana, „die ihre Zugehörigkeit mit langen Haaren, engen Hosen mit hohen Aufschlägen und bunten Socken zur Schau stellten“ polizeilichen Schikanen ausgesetzt, die bis zu Razzien und willkürlichen Verhaftungen auf der Promenade führten ([Barber-Kersovan 2005], S.33)

Doch auch nach dem Bruch mit Stalin veränderte sich die Situation nicht unbedingt positiv. Zwar fiel ein Teil des Propagandameterials aufgrund seiner sowjetischen Herkunft weg, doch die Lücken wurden nicht unbedingt mit Besserem aufgefüllt: An ihre Stelle traten Schlager und sogenannte „volkstümliche Musik“ wie die des Ensembles Slavko Avsenik. Jazz hingegen wurde weiterhin als „Musik-Pornographie“ abqualifiziert ([Barber-Kersovan 2005], S.32).

In den 60er Jahren bildeten sich dann im eher gehobenen Gymnasiaten- und Studentenmilieu eine Partykultur heraus bei der sich Jugendliche in privaten Wohnung zum Tanzen und Trinken trafen:

„Das Bestehen einer derartigen Party-Gemeinschaft wird bereits für die späten 1950er Jahre überliefert. Sie wurde nach ihrem Maskottchen Crne macke (Schwarze Katze) benannt und von der öffentlichen Meinung zum Inbegriff des Unmoralischen hochstilisiert. Über die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Jugendlichen wurde unter anderem gemunkelt, sie leiteten ihre wilden Orgien mit dem Verzehr einer gebratenen Hauskatze ein und pflegten Verbindungen zu einem Selbstmörder-Club. Handfeste Beweise für solche Vorwürfe gab es zwar nicht, trotzdem trug die Existenz dieser Party-Gemeinschaft maßgeblich dazu bei, daß man den Begriff »Hausball« in Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum und sexueller Promiskuität brachte, obwohl die Veranstaltungen selbst in der Regel viel harmloser verliefen, als ihnen nachgesagt wurde.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.38)

Mitte der 60er Jahre erreichte die Beatles-Mania auch Jugoslawien. Es bildeten sich erste Bands, die versuchten, Beat-Musik zu spielen, Fan-Gruppen entstanden, die sich auch durch Kleidung und Haartracht abgrenzten. Insbesondere die langen Haare provozierten die Autoritäten: „Im Jahr 1964 vereinbarten Direktoren aller Gymnasien aus Ljubljana sogar eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der unerwünschten Haarlänge bei Jungen.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.47) Diese sich langsam entwicklende Subkultur sah sich – wie auch im Westen – massiven Angriffen ausgesetzt, deren Diktion sich allerdings von den Angriffen im Westen etwas unterschied, wie man folgendem Leserbrief entnehmen kann:

„Es gibt etwas, was mich an den »Beatles«-Fans stört […]. Es stört mich die schädliche Ideologie. Sie steht am wackeligen Fundament einer kleinbürgerlichen Ideologie, deren Gestalter reaktionäre Indivudualisten aus den bürgerlichen Staaten sind. So sind wir heute Zeugen der Anarchie, der Faulheit, der Verantwortungslosigkeit und des Desinteresses an gesellschaftlichen Gegebenheiten, an Arbeit, Kultur und Wissenschaft, also an allem, von dem die Zukunft jeglicher Gemeinschaft abhängt.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.45)

Derartige Angriffe waren natürlich völlig kontraproduktiv (oder produktiv, wie man’s nimmt). Nicht nur, daß sie die Fronten zwischen den Generationen verhärteten. Sie führten vor allem dazu, daß ein unsprünglich unpolitisch verstehendes Verhalten, dem es nur um den Ausdruck einer milden Form von Hedonismus ging, die durch die prosperierende ökonomische Situation legitimiert war, sich politisierte.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Damjan Ovsec meint:

„Zunächst war für uns die Protesthaltung als solche interessant, ohne daß sie in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet wäre. Das geschah erst später, als die Gesellschaft […] unliebsam zu reagieren begann, was natürlich im Nu das gewünschte Kampffeld schaffte. Zugleich begann unsere Generation imer mehr über die Unstimmigkeiten im eigenen Umfeld nachzudenken. Dadurch wurde die Identifikation mit den ausländischen Bewegungen möglich. Die Popmusik bekam eine soziale Konnotation.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.48f)

Literaturverzeichnis

Barber-Kersovan, A. 2005: Vom „Punk-Frühling“ zum „Slowenischen Frühling“, Hamburg 2005.

Calic, M.-J. 2010: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.


Hinweis: Wenn dieser Beitrag freigeschaltet wird, bin ich in Urlaub. Falls ich nicht auf Kommentare reagiere, liegt das daran, und nicht an meiner Unhöflichkeit.

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Written by alterbolschewik

10. Juni 2011 um 9:00

Veröffentlicht in Jugoslawien, Medien, Pop

Eine Antwort

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  1. Klasse Beitrag, 1000 Dank dafür!

    che2001

    14. Juni 2011 at 16:34


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