shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Rote Universität Karl Marx, Belgrad

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„Wir haben uns dieser jugendlichen Bewegung angeschlossen und bekamen dafür auf den Schädel.“

Milan Kangrga im Interview mit Krunoslav Stojaković, 2007

Wie der letzte Blogbeitrag gezeigt hat, wurde auch in Jugoslawien die Revolte von ’68 durch das Erstarken einer subkulturellen Bewegung vorbereitet. Es verwundert deshalb nicht, daß das für die jugoslawischen antiautoritären Bewegungen zentrale Ereignis mit einem Rockkonzert zusammenhängt: In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1968 knüppelte die Miliz Besucher eines Konzertes in Novi Beograd (Neu-Belgrad), die auf dem Heimweg waren, in einer Unterführung brutal zusammen. Dieses Ereignis war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.

Natürlich hatte bis dahin keine Friedhofsruhe geherrscht. Seit 1966 gab es auch in Jugoslawien eine Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Diese warf der jugoslawischen Führung vor, mit den US-Amerikanern zu paktieren. Die Demonstrationen hatten im Dezember 1966 begonnen und führten zu ziemlichen heftigen Auseinandersetzungen mit der Miliz.

Nach dem Vorfall in der Unterführung fand am Morgen des 3. Juni eine Protestdemonstration statt. Die Polizei eskalierte die bereits angespannte Situation, indem sie Schußwaffen einsetzte. Damit war der Bogen endgültig überspannt, die Studenten besannen sich internationaler Vorbilder. Gut zwei Monate zuvor, am 22. März, war in Nanterre das Verwaltungsgebäude der Universität besetzt worden, am 2. Mai in Paris dann die Sorbonne. Am 15. Mai wird dann der normale Betrieb der Frankfurter Universität lahmgelegt und die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Karl-Marx-Universität umbenannt. In der besetzten Universität finden trotzdem weiter Seminare statt – nur wird nicht mehr der übliche Stoff durchgenommen, sondern es werden die aktuellen Themen der Bewegung diskutiert; 2000 Studenten und Schüler, aber auch Professoren und Assistenten beteiligen sich.

Das Frankfurter Vorbild macht in Belgrad Schule. Die Professorin für Soziologie und Anthropologie, Zagorka Golubović, die mit zur Herausgebergruppe der Praxis gehörte, berichtet:

„Ich bin am Morgen des 3. Juni mit einem Telefonanruf aus dem Dekanat der Philosophischen Fakultät geweckt worden. Es wurde mir gesagt, dass ich sofort in die Fakultät kommen sollte. Alle Professoren sollten kommen, weil es in Novi Beograd zu einem harten Zusammenstoß zwischen Studenten und Miliz gekommen sei. Ich habe mich also angezogen und bin sofort losgegangen. Erst sechs Tage später kam ich wieder nach Hause. Wir waren alle eine Woche lang in der besetzten Universität, die von der Polizei belagert wurde.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.117)

Die Demonstranten flüchteten sich nach den Attacken der Miliz in die Universität, die von der Polizei umstellt wurde. Noch am selben Tag veröffentlichen die Besetzer einen ersten Aufruf, in dem sie ganz konkrete Forderungen stellen, die sich auf die aktuellen Ereignisse bezogen: Freilassung der verhafteten Demonstranten, Entlassung der Verantwortlichen für den brutalen Milizeinsatz und derjenigen der Medien, und zwar „auf Grund der beispiellos verlogenen Berichterstattung“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.233)

Während der folgenden Tage und Nächte wird in der besetzten Universität in sogenannten „Konventen“ diskutiert (der Name sollte an die französische Revolution erinnern). Resultat dieser Diskussionen ist das dann am 5. Juni veröffentlichte „Politische Aktionsprogramm“. Dieses Programm geht weit über die unmittelbaren sich aus der Situation ergebenden Forderungen des ersten Aufrufs zwei Tage zuvor hinaus. Das Aktionsprogramm zerfällt in zwei Teile, dessen erster radikale, aber politisch keineswegs utopische gesamtgesellschaftliche Forderungen aufstellt: Es soll eine Nivellierung der gesellschaftlichen Unterschiede angestrebt werden, indem klare Kriterien für individuelle Einkommen und eine Obergrenze für derartige Einnahmen festgelegt werden. Die Arbeitslosenproblematik soll unverzüglich angegangen werden, wobei dem grassierenden Nepotismus der Kampf angesagt wird:

„In der Kaderpolitik sollte konsequent das Prinzip angewandt werden, dass Arbeitsplätze, die eine bestimmte Qualifikation erfordern, auch nur von Leuten mit der entsprechenden Qualifikation besetzt werden.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.235)

Die Selbstverwaltung soll so ausgebaut werden, daß sie ihren Namen auch verdient:

„Der Ausgangspunkt für eine wahrhafte Entwicklung der direkten Selbstverwaltung ist, dass die direkten Produzenten selbständig über alle wichtigen Bedingungen ihrer Arbeit, und besonders über die Verteilung des Mehrwerts bestimmten.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.235)

In weiteren Punkten geht es darum, daß die gesellschaftlichen Organisationen und ausdrücklich auch die Massenmedien demokratisiert, die Tendenzen zur Rekapitalisierung gestoppt und die Wohnraumprobleme in dem Sinn gelöst werden müssen, daß Spekulation mit öffentlichem und privatem Wohnraum verhindert wird. Der Kultur wird ein eigener Punkt gewidmet:

„Die Bedingungen im kulturellen Sektor müssen so gestaltet sein, dass die Kommerzialisierung verhindert wird, gleichzeitig aber Möglichkeiten eröffnet werden, unter denen sich eine gute und kreative Kultur, die allen zugänglich ist, entwickeln kann.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.236)

Der zweite, kürzere Teil befaßt sich dann mit spezifischen Belangen der Studenten und der Universität. Hier werden dann zentrale Forderungen wie die nach einer gesetzlichen Verankerung der universitären Autonomie erhoben oder für Berufungen regelmäßige Wiederwahlen gefordert.

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieses politische Aktionsprogramm nicht allein auf dem Mist der Studenten gewachsen ist. In seiner präzisen Ausformulierung konkreter, weitreichender aber keineswegs unmöglicher Forderungen, kann man die Handschrift der Professoren aus der Praxis-Gruppe durchaus erkennen. Die Forderungen sind in den Diskussionen der Konvente entstanden, doch ihre Genauigkeit verdankt sich sicherlich der Beteiligung der Professoren an diesen Debatten. Deren Rolle in der jugoslawischen Bewegung war eine völlig andere als im Westen, wo zwar einige durchaus sympathisierten, aber nicht wirklich Teil der Bewegung waren. Der Filmemacher Želimir Žilnik, der unter den Besetzern war und auch Aufnahmen machte, aus denen er dann in seinen Film Lipanjska gibanja (Ereignisse im Juni) zusammenschnitt, berichtet:

„Unsere Professoren haben während dieser Ereignisse eine sehr solidarische Haltung gegenüber uns Studenten eingenommen, im Falle eines Blutvergießens – wir hatten ja bestimmte Informationen, dass die Armee in Bereitschaft versetzt worden sei – wollten sie sich schützend vor uns stellen. Viele dieser Professoren waren ja alte Partisanenkämpfer!“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.157)

Doch es wurde nicht nur diskutiert. Es gab außerdem ein Kulturprogramm, dessen Höhepunkt der Auftritt des bekannten Schauspielers Stevo Žigon war. Žigon war schon als Vierzehnjähriger im Partisanenkampf aktiv und wurde, als er bei Sabotageaktionen geschnappt wurde, nach Dachau deportiert. Vor den Besetzern der Universität rezitierte er die große Rede Robespierres aus Dantons Tod:

Doch wie ging die Belagerung der Belgrader Universität aus? Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn Tito erklärt:

„Was die Unzufriedenheit der Studenten wegen der unliebsamen Ereignisse betrifft, zu denen es in Neu-Belgrad gekommen ist, finde ich, dass diese Sache einer Überprüfung bedarf. Wenn irgend jemand auf welcher Seite auch immer gegen die Gesetze verstoßen hat, oder seine Pflichten nicht erfüllt oder sein Amt missbraucht hat – das wird die Ermittlung klären – so wird er zur Verantwortung gezogen, ungeachtet wer es gewesen ist.“ (zit. nach Kanzleiter & Stojaković [2008], S.255)

Literaturverzeichnis

Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Ed.) 2008: 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.


Hinweis: Auch wenn dieser Text freigeschaltet wird, bin ich immer noch in Urlaub, ich kann also keine Kommentare freischalten oder beantworten.

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Written by alterbolschewik

17. Juni 2011 um 9:00

Veröffentlicht in He! Sie da! Polizei!, Jugoslawien, Marx

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