shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Ende der Roten Universität Karl Marx

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„Wenn die Arbeiter auf die Straße gehen, denken wir, dass wir die Armee einsetzen müssen.“

Exekutivkomitee des ZK des BdKJ, 4. Juni 1968

Während die Studenten die Belgrader Universität besetzt hielten, verfiel der Bund der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) in vollkommene Panik. Das Protokoll einer Sitzung des Exekutivkomitees des ZK offenbart, was die herrschende Parteibürokratie fürchtete: „Gestern wurde sehr offensichtlich und klar geäußert, deklariert, dass es sich im Grunde um die Formierung und Legalisierung einer politischen Oppositionsbewegung handelt.“ ([Kanzleiter & Stojaković 2008], S.249) Die Partei befürchtete, daß ihr das Machtmonopol entgleiten könnte. Als besonders erschreckend wurde empfunden, daß sich an den Demonstrationen und der Besetzung auch Mitglieder des BdKJ beteiligten, und zwar in völliger Übereinstimmung mit den übrigen Protestierenden. Bei der Demonstration, die von der Studentenstadt ausging, waren, so berichtet ein Mitglied des Exekutivkomitees, „mehrere hundert Kommunisten zugegen. Und die Situation war gerade so, dass keine Meinungsunterschiede aufkamen. Die Meinungen, Parolen und Ansichten zu den hervorgehobenen Fragen, die Anschauungen zu den Ereignissen, die Anschauungen zur Kampfmethode, sind identisch.“ ([Kanzleiter & Stojaković 2008], S.249)

Zu diesem Schock, daß man die Mitglieder der eigenen Partei nicht mehr im Griff hatte, gesellte sich die Furcht, daß die Studentenproteste auf die Arbeiterschaft übergreifen könnte:

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass in einigen Arbeitskollektiven, in denen minimale persönliche Einkommen gezahlt werden, denn die persönlichen Einkommen der Arbeitnehmer sind niedrig, gewisse Formen der Unzufriedenheit geäußert werden. Das wäre nach unserer Einschätzung ein tragischer Augenblick, und es ist nicht gerade viel Feuer nötig, damit sich das in so manch einem Umfeld entzündet.“ ([Kanzleiter & Stojaković 2008], S.250)

Die Armee wurde in Bereitschaft versetzt, damit sie im Notfall eingreifen konnte. Doch die  Solidarisierung der Arbeiterschaft durch die Studenten blieb, im Gegensatz zum Pariser Mai 1968, aus.

Während die Mobilisierung der Arbeiter ausblieb, weitete sich der Protest jedoch auf andere Universitäten aus. Erwähnenswert ist hier vor allem die Protestversammlung, die am 5. Juni 1968 in Zagreb stattfand. Interessant ist diese Versammlung nicht so sehr wegen dem, was sich an diesem Tag im Studentenzentrum der kroatischen Universität ereignete, sondern der Konflikt, der dann in der Folge zwischen den Zagreber Praxis-Autoren und einer Gruppe um den Sekretär des BdK an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Marko Veselica aufbrach. Denn in diesem Konflikt schwelte schon das Problem, das sich zwei Jahrzehnte später zur Tragödie Jugoslawiens auswachsen sollte: Der Nationalismus.

Bildete die Praxis-Gruppe eine linke Opposition zur offiziellen Parteilinie, so vertrat die Gruppe um Marko Veselica die rechte, kroatisch-nationalistische Seite (1971 agierte Veselica dann als Wortführer des sogenannten „Kroatischen Frühlings“, eines nationalistischen Aufstands; und 1990 wurde er dann Führer der rechtsradikal-nationalistischen Christlich Demokratischen Partei). Zum Konflikt kam es, als Veselica nach den Ereignissen, am 19. Juni, eine Chronik der Ereignisse veröffentlichte, die man nicht mehr nur als subjektiv gefärbt, sondern als hochgradig verleumderisch ansehen muß.

Natürlich hatte es Veselica nicht gepaßt, daß die Studenten in der Versammlung die Parolen „Brüderlichkeit-Einheit“, „Arbeiter-Studenten“, „Zagreb-Belgrad“ skandiert hatten, das heißt, sich ganz klar anti-kapitalistisch und anti-nationalistisch positioniert hatten. Gajo Petrović, der Herausgeber der Praxis, meinte dann auch in seiner Verteidigung: „Veselica hätte es vielleicht eher gefallen, wenn man »Arbeiter-Kapitalisten« oder »Zagreb-Madrid« skandiert hätte.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.263; Madrid bezieht sich auf das Exil des faschistischen Ustaša-Führers Ante Pavelić). Veselica versuchte deshalb, die Studenten als durch die „ultralinksextremistischen“ Professoren der Praxis-Gruppe aufgehetzt darzustellen. Tatsächlich aber war es ein herausragendes Merkmal der jugoslawischen Studentenbewegung, daß sie im jugoslawischen Sprachgebrauch unitaristisch, das heißt, auf die Einheit Jugoslawiens ausgerichtet war. Selbst Tito erklärte in einer Sitzung der Parteiführung am 9. Juni:

„Nun, ich muss aber auch eine positive Sache erwähnen, nämlich dass nicht eine Parole, ein Aufruf unter den jungen Leuten auf der Linie des nationalen Chauvinismus gewesen war. Es gab solche Parolen, wie beispielsweise – es lebe der König, nieder mit Tito. Doch das hat schon eine andere, eine politische Bedeutung. Aber nationalistische und chauvinistische Tendenzen innerhalb hat es nicht gegeben. Das bedeutet, daß unsere Jugend national gesund ist.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.251)

Tito gelang es dann auch, die in Belgrad andauernde Besetzung der Universität zu beenden und damit der Studentenbewegung als einer Massenbewegung das Wasser abzugraben, und zwar gelang ihm das mit einer Rede, die am 9. Juni im Fernsehen und im Radio übertragen wurde. Diese Rede ist in der Tat außerordentlich bemerkenswert. Nicht nur, daß Tito eine gründliche Untersuchung der Vorfälle in der Unterführung versprach, nein er räumte entscheidende Fehler der Parteiführung ein und versprach, daß wesentliche Punkte des Aktionsprogrammes in der zukünftigen Politik des BdKJ umgesetzt würden.

Allerdings unterstellte Tito, wie noch jeder gute Stalinist, eine Verschwörung hinter den Studenten:

„Während ich im Lauf der Demonstrationen über alles nachdachte, was ihnen vorausging, gelangte ich zur Überzeugung, dass die Revolte bei den jungen Leuten, bei den Studenten spontan ausbrach. Aber schrittweise, als sich die Demonstrationen entfalteten und sich von der Straße in die Aulen und Säle der Universitäten verlagerten, kam es zu einer gewissen Infiltrierung uns fremder Elemente, die nicht auf sozialistischen Positionen […] stehen […]. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass der Großteil, ich kann sagen, 90 Prozent der Studenten, rechtschaffene Jugendliche sind, um die wir uns nicht genügend gekümmert haben.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.253)

Das genügte, um die Protestbewegung als Massenbewegung in sich zusammenklappen zu lassen. Wer aber die „fremden Elemente“ waren, die die Jugend angeblich indoktriniert hatten, sprach Tito dann am 26. Juni 1968 vor dem Gewerkschaftskongress aus:

„Wie Sie wissen, Genossen und Genossinnen, gab es bislang alle möglichen Versuche seitens verschiedener Elemente, Unruhe zu stiften. Es traten diejenigen in Erscheinung, mit denen wir an den Universitäten auch vor der Studentenrevolte zu tun hatten. Das sind einzelne Professoren, einige Philosophen, verschiedene Praxis-Anhänger […]. Jeder arbeitet natürlich für sich, aber trotzdem sind sie im Bestreben vereint, bei uns ein Chaos anzurichten und im Trüben zu fischen. Ihnen müssen wir entschlossenen Widerstand leisten, ihnen entschieden nein sagen.“ (zit. nach [Kanzleiter & Stojaković 2008], S.259)

Immerhin war Jugoslawien nicht die Sowjetunion: Die Professoren landeten nicht im Gulag, sondern wurden zunächst einmal nur aus dem BdKJ ausgeschlossen – was als Sanktion noch relativ harmlos, wenn auch für die ehemaligen Partisanen ziemlich demütigend gewesen sein dürfte. Doch die nächste Aufgabe lag bereits vor ihnen: Die Sommerschule in Korčula 1968, mit einer hochkarätigen Riege internationaler, undogmatischer Sozialisten zum Thema „Marx und Revolution“.

Lesen Sie deshalb auch nächsten Freitag weiter, wenn Herbert Marcuse meint:

„Ich würde gerne meinem Vortrag eine Inschrift aus der Sorbonne zum Motto geben, die mir das Wesen dessen zu bezeichnen scheint, was heute vor sich geht. Die Inschrift lautete: „Soyons réalistes, demandons l’impossible!“ Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche.“ ([Marcuse 1969], S.20)

Literaturverzeichnis

Marcuse, H. (1969): „The Realm Of Freedom And The Realm Of Necessity. A Reconsideration.“, in: Praxis, Jg.5 (1969), Nr.1/2: 20-25.

Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Ed.) 2008: 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

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Written by alterbolschewik

24. Juni 2011 um 14:30

Veröffentlicht in Jugoslawien

2 Antworten

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  1. Wenn Tito wirklich davon überzeugt war, was er der Praxis-Gruppe vorwarf, dann fehlte ihm der ordnende Gedanke dafür, was Chaos und was Praxis bedeutet.
    Das Chaos spielte sich wohl vornehmlich in seinem Kopf ab mit dessen verknöcherter Vorstellung sozialistischer Elemente.
    Die Vorstellungen der Praxisgruppe hätte ein wesentlich einigenderes Band sein können, als es Titos (wesentlich durch Macht und Gewalt erlangtes) Charisma jemals war.

    ludwig

    30. Juni 2011 at 18:22

    • In der Tat glaube ich auch, daß damals eine Chance vertan wurde. Stattdessen wurden in der Nationalitätenpolitik Zugeständnisse gemacht, die sich dann später als fatal erweisen sollten.
      Tito war halt, trotz aller Distanzierungen von der Sowjetunion, ein gemütlicher Stalinist. Und wenn im Arbeiterparadies etwas schief lief, dann konnte das nicht an der objektiven gesellschaftlichen Realität liegen, sondern mußte auf Saboteure und Klassenfeinde zurückzuführen sein. Und daß kritische Intellektuelle als Sündenböcke herhalten müssen ist leider keine besonders seltene historische Erscheinung.

      alterbolschewik

      1. Juli 2011 at 14:23


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