shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Philosophie und Revolution (2)

with 2 comments

„Der Mensch ist Mensch nicht dann, wenn er passiv und geduldig erwartet, was die Zeit unvermeidlich mit sich bringt, sondern dann, wenn er wirkt und kämpft, um sein wirklich menschliches individuelles und gesellschaftliches Sein zu realisieren.“

Gajo Petrović, Praxis und Sein, 1965

Der heutige Beitrag bringt den zweiten Teil des Textes von Gajo Petrović über Philosophie und Revolution, dessen erster Teil hier vor einer Woche veröffentlicht wurde. Im Fragenbündel 12 und dann vor allem im letzten der 20 Fragenbündel wird der konkrete Bezug zur Situation hergestellt, in der sich 1968 die kritische Philosophie der Praxis-Gruppe nach den Studentenunruhen vom Juni befand.

10.

Ist die Revolution ein Phänomen, das mit dem Gesetz übereinstimmt oder ist es ein Bruch des Gesetzes? Ausdruck der Notwendigkeit oder ein Schritt in das Reich der Freiheit? Die Realisierung des Möglichen oder die Einführung neuer Möglichkeiten? Die Herstellung des Durchgeplanten oder die spontane Schöpfung des Unvorhergesehenen? Ist nicht die freie schöpferische Aktivität die wesentliche „Qualität“ der Revolution?

11.

Kann man sagen, daß die Revolutionen konzentrierte Bruchstücke des gesellschaftlichen Fortschritts sind, oder daß Fortschritt und Revolution zwei fundamental verschiedene Phänomene sind, so wie es die unendliche, wenn auch verbesserte Wiederholung des Alten und die freie Schöpfung einer radikal neuen Sache, wie es die in Gramm gewogene kontrollierte Entwicklung des Menschlichen und seine unermessliche Blüte sind? Sind die Revolutionen die Grundlage jeden Fortschritts? Oder der Fortschritt die beste Vorbereitung der Revolution? Kann sich die Revolution in den Fortschritt einfügen? Der Fortschritt in die Revolution eingeschlossen werden? Oder muß man sagen, daß der Fortschritt, mit seinen Zielen, seinen Methoden und seinen vorherbestimmten Vorgehensweisen, notwendigerweise zu jeder revolutionären Vision in Widerspruch steht, die frei aller Bindungen und offen für alle Möglichkeiten ist?

12.

Ist die Revolution ohne revolutionäre Organisation möglich? Ist sie mit pseudorevolutionären Organisationen möglich? Erlaubt die Revolution nicht allein die Selbstorganisation, die jedem Individuum die freie Schöpfertätigkeit ermöglicht? Und neigt nicht die Organisation dazu, die Aktivität aller Individuen in den Dienst des Allgemeininteresses zu stellen, wie es von den erwählten Individuen begriffen wird? Ist die Organisation das Kriterium dessen, was revolutionär ist und was nicht, oder ist der revolutionäre Akt das Kriterium für die den revolutionären Charakter der ganzen Organisation? Ist die wirkliche Revolution nur im Rahmen von Institutionen möglich? Oder aber sind die Institutionen die Gräber der Revolution? Verbleibt die „vernünftige“ Revolution in den Grenzen des Verordneten, oder aber muß jede Revolution die erbarmungslose Kritik alles Existierenden sein, die Einführung in ein Leben, wie es nie zuvor gesehen worden ist? Ist die Selbstverwaltung eines der Ziele der Revolutionen, beziehungsweise ist jede Revolution Selbstaktivität, Selbstorganisation, Selbstschöpfung und Selbstverwaltung?

13.

Setzen sich die Revolutionen aus Illusionen zusammen? Oder kann man sagen, daß die „revolutionären Illusionen“ Wahrheiten sind, gegen die die Reaktion ankämpft? Setzten sich die Revolutionen aus revolutionärem Romantizismus zusammen, oder kann man sagen, daß der „revolutionäre Romantizismus“ eine lebendige Realität ist, die den Ekel der Konterrevolution hervorruft? Setzen sich die Revolution aus ihren Neigungen zur Destruktion zusammen? Oder ist die Revolution aus dem guten Grund „destruktiv“, weil sie sich weigert, am Aufbau der repressiven Ordnung teilzunehmen oder an deren Wiederaufbau? Fressen die Revolutionen ihre Kinder? Zumindest wenn es nicht die Konterrevolutionen sind, die die Revolutionen fressen?

14.

Kann man von Revolutionen im Plural reden? Oder muß man sagen, daß nur die REVOLUTION in Großbuchstaben möglich ist? Und wenn „kleine“, „relative“ Revolutionen möglich sind, was sind sie: Eine völlig spezifische Sache, oder irgendeine Sache, die nur unter der Bedingung den Namen Revolution verdient, daß sie Teil hat an der gerechten, absoluten und totalen Revolution, der REVOLUTION in Versalien?

15.

Trägt die Revolution ihren Sinn und ihre Bedeutung in sich selbst? Oder findet man ihn in den Früchten, die sie tragen muß, in einem dauerhaften Zustand, den sie einrichtet? Kann die Revolution siegen? Ist der „Sieg“ der Revolution nicht zur gleichen Zeit ihre Niederlage? Und muß sich der einzig authentische Sieg der Revolution nicht hüten, ihn anderswo zu suchen als in ihrer Fortführung? Aber kann die Revolution ohne Ruhepause fortgeführt werden? Ist sie nicht genau das, was sich vom Üblichen, dem, was immer ist, dem, was sich dauernd wiederholt, unterscheidet?

16.

Ist die Revolution nicht der Übergang aus einer Form des Seins in eine andere, überlegenere Form, eine bestimmte Unterbrechung, Sprung, „Loch“ im Sein, oder nicht allein die höchste Form des Sein, sondern sogar das Sein selbst in seiner Fülle? Ist die Revolution nicht die am höchsten entwickelte Form der Schöpfung, die authentischste Form der Freiheit? Das offene Feld aller Möglichkeiten, das Reich des wirklich neuen? Ist die Revolution nicht das „Wesen“ des Seins, das Sein in seinem Wesen? Und wenn die Revolution das Sein selbst ist, ist die Philosophie, die das Denken des Seins ist, nicht aus genau diesem Grunde (und nicht zeitgleich und daneben) das Denken der Revolution?

17.

Ist die Revolution möglich ohne die Philosophie? Warum kann man sich keine Revolution vorstellen ohne ein Denken der Revolution? Ist nicht die Revolution irrational, chaotisch, unmittelbar und das Denken rational, geordnet, vermittelt? Hat eine vulkanische Eruption, sei sie auch die Eruption der Humanität, Bedarf am Denken? Aber ist die Revolution wirklich möglich ohne das Denken? Wenn jemand Revolution sagt, sagt er nicht bewußter menschlicher Wille, Engagement und Risiko? Wird die Revolution nicht durch das Projekt einer möglichen Zukunft geleitet? Und ist nicht die Vernunft die innere Form der wahrhaften Spontaneität?

18.

Ist die Philosophie möglich ohne die Revolution? – Warum nicht? Hat man nicht, ohne die Hilfe irgendeiner Revolution, Mengen von Logiken, Methodologien, Erkenntnistheorien, Ontologien, Ethiken, Ästhetiken entwickelt? Hat man nicht, ohne Hilfe irgendeiner Revolution, unzählige Aporien und Antinomien, Feinheiten und Unterscheidungen entdeckt und aufgezeigt? Und die Philosophie, die sich an die Revolution bindet, ist das nicht eine neue (um nicht zu sagen unerfahrene) Philosophie, die sich wenig um Gewohnheiten schert und bis eben unbekannt war? Aber muß die Philosophie zwingend immer die selbe bleiben? Muß sie sich nicht auch selbst negieren, wenn das die Bedingung ist, die ihr erlaubt, wahres Denken zu werden? Und ist das Denken der Revolution trotz allem nicht den großen Philosophien der Vergangenheit näher als die angeblich neutralen gelehrten Disziplinen, deren Spezialität es ist, das bestehende zu verteidigen?

19.

Kann sich das Denken der Revolution damit begnügen, über die Revolution nachzudenken, ohne sich an ihr zu beteiligen? Macht das wahre Denken nichts anderes als studieren, betrachten, untersuchen, oder zerstört sie vielmehr das, was stabilisiert, überholt und geheiligt ist, um neue Wege zu öffnen und das zu schaffen, was noch nicht ist? Kurz, ist die wahrhafte Philosophie allein das Denken der Revolution oder ist sie Revolutionsdenken?

20.

Bilden nicht die allgemeinen Überlegungen, die zur Revolution gemacht werden, ein Hindernis für die tatsächliche Verwirklichung der Revolution? Oder aber sind sie, diese „allgemeinen Überlegungen“, nicht die Vorbedingung, ohne die sich keine wirkliche Revolutionarität ereignen kann? Sind die Revolutionen bis heute gescheitert, weil man sich zu sehr mit der Philosophie beschäftigt oder weil man jedes kritische Denken erstickt hat? Sind die Revolutionen unter dem Gewicht der Bücher der Philosophen zerbrochen, oder unter dem Gewicht von ökonomischen Interessen oder Klassenprivilegien? Und wer sind die Feinde des Sozialismus: Diejenigen, die die Arbeiterklasse ausbeuten, oder diejenigen, die davon mit erhobener und fester Stimme sprechen? Wer sind die Konterrevolutionäre: Diejenigen, die in einem herrlichen Palast leben, oder diejenigen, die sich weigern, für sie die Rolle des Hofnarren zu spielen.


Nächsten Freitag verlassen wir für einen kurzen Moment die 60er Jahre in Jugoslawien und wenden uns einem schon länger schwelenden Streit zwischen dem Alten Bolschewiken und dem Nörgler zu. Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn der Nörgler meint: „Der Bürger ficht darum so unverdrossen für die Ewigkeit der Kunst, weil seinem fetischisierten Bewußtsein die ewige Bewegung des sich selbst verwertenden Werts Blaupause aller Bewegung ist.“

Advertisements

Written by alterbolschewik

15. Juli 2011 um 14:36

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Sehr gut, fasst bündelartig eigentlich alle Fragen zusammen, die sich von Trotzkys Konzept der permanenten Revolution bis hin zu den Diskussionen der Situationisten und Subversiven stellen. Noch nie etwas davon gehört, im Übrigen.

    che2001

    20. Juli 2011 at 8:36

  2. Nicht wahr? Ich habe den Text im Zug von Freiburg nach Berlin gelesen und wußte sofort: Den Text darfst Du nicht nur en passant erwähnen, der ist es wert, übersetzt und erneut publiziert zu werden. Nicht nur des Inhalts, sondern auch der Form wegen: Ich finde die Idee, den ganzen Text in Frageform (auch wenn manche Fragen nur rhetorische sind) zu schreiben, den antiautoritären Vorstellungen der ausgehenden 60er Jahre absolut adäquat. Schon in der Form ist die Hoffnung enthalten, daß ein Gegenüber, mit dem über solche Fragen in Auseinandersetzung getreten werden kann, existieren möge; daß diese Fragen nur Gemeinsam, in einem freien Kollektiv beantwortet werden können, nicht von der doktrinären Position eines überlegenen Theoretikers aus. Gleichzeitig aber stellen sich der Text bzw. sein Autor nicht dümmer als sie sind, denn das würde nur dazu führen, daß der Dialog zur pädagogischen Veranstaltung würde, die das Gegenüber nicht als eigenständiges und eigensinniges Individuum ernstnähme, sondern als unmündigen Trottel, dem die richtigen Antworten in den Mund gelegt werden sollen. Gerade dadurch, daß Petrović mit der Frageform die Autorität des (angeblich) Wissenden ablegt, gewinnt er eine Souveränität, um die ihn andere Autoren nur beneiden können.

    alterbolschewik

    20. Juli 2011 at 20:42


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s