shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Marxismus vs. Positivismus

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„Damit etwas anders sein kann, als es ist, bedarf es der Voraussetzung der Freiheit; die geschichtliche Praxis ermöglicht die Freiheit, ja sie ist die Freiheit selbst.“

Milan Kangrga

Die Philosophen der jugoslawische Praxis-Gruppe verstanden sich, daran besteht kein Zweifel, als Marxisten. Allerdings unterschied sich ihre Auffassung der Marxschen Theorie ziemlich von der, wie sie ursprünglich in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung üblich war. Man kann diese Tradition des Arbeiterbewegungsmarxismus recht gut als „positivistisch“ beschreiben. Im Zentrum ihrer Argumentation stand die Auffassung, daß es sich beim Marxismus um einen „wissenschaftlichen Sozialismus“ handle. Mit „wissenschaftlich“ meinte man damals, ganz im Sinne des im 19. Jahrhunderts gängigen Wissenschaftsbegriffs, daß es sich um eine objektiv nachprüfbare Theorie handle, deren Wahrheit unabhängig von den erkennenden Subjekten einfach gegeben sei. Marx, so war in etwa die Vorstellung, habe die Entwicklung der Gesellschaft ebenso gesetzmäßig beschrieben wie die newtonsche Physik das Verhalten der Körper im Raum. Der Sieg der Arbeiterbewegung über den Kapitalismus, so die allgemeine verbreitete Vorstellung, würde mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes früher oder später eintreten. Es gab dann zwar Streitereien, ob das durch eine gewaltsame Revolution geschehen müsse, oder ob die Eroberung der Macht auch auf friedlich-parlamentarischem Wege vonstatten gehen könne, doch die Naturgesetzlichkeit des Vorgangs wurde nicht in Frage gestellt.

Letztlich blieb diese positivistische Sicht, daß gesellschaftliche Entwicklungen quasi naturgesetzlich ablaufen würden, auch nach der Spaltung der Arbeiterbewegung in einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen, sich an der Sowjetunion orientierenden Flügel, in beiden Fraktionen erhalten. Nur in einer kurzen Zwischenphase, im Anschluß an den ersten Weltkrieg und die russische Revolution, gab es innerhalb der kommunistischen Bewegung einige wenige Denker, die einen dezidiert anti-positivistischen Standpunkt vertraten (zu nennen wären hier etwa Georg Lukács mit Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) und Karl Korsch mit Marxismus und Philosophie (ebenfalls 1923)). Doch in dem Maße, in dem sich die kommunistische Bewegung den außenpolitischen Bedürfnissen der Sowjetunion unterordnete, fiel der stalinistische „dialektische und historische Materialismus“ wieder zurück in einen dogmatischen Positivismus (zumindest was die behauptete „Wissenschaftlichkeit“ betrifft; parallel dazu herrschte aber gleichzeitig ein völliger Voluntarismus, demzufolge immer gerade das als Wahrheit zu gelten hatte, was der Parteiführung und letztlich Stalin einfiel als solche zu dekretieren).

„Der Stalinismus war, unter anderem, eine seltsame Kombination einer extrem dogmatischen und einer extrem nihilistischen Haltung gegenüber dem philosophischen Erbe des Marxismus.“ ([5], S.56)

Doch für die Praxis-Philosophen war ihr Hauptfeind, der Stalinismus, nur eine unter vielen Varianten des Positivismus. In anti-positivistischem Furor zählt etwa Milan Kangrga außer dem dialektischen und historischen Materialismus folgende Varianten des Positivismus auf:

„Historismus, Relativismus, Ökonomismus, Technokratismus, Politizismus, Bürokratismus, Scientismus (= reine Wissenschaftlichkeit), Strukturalismus, Organismus, Biologismus, Neopositivismus, Semantik, Phänomenologie, Axiologie, normative Ethik mathematische oder symbolische Logik, alle Arten des Ontologismus, Soziologismus, Anthropologismus, Moralismus, Metaphysik, Empirismus, Gnoseologismus, Pragmatismus, Praxeologie, (dialektische) Bedeutungslehre, Gesellschaftstheorie usw.“ ([1], S.439)

Gegen alle diese Spielarten des Positivismus – sowohl des bürgerlichen wie des stalinistischen – setzten die Praxis-Philosophen einen lebendigen Marxismus:

„In diesem Sinne kann in unserer Zeit in Bezug auf Marx nur eine wesentliche gedankliche und existentielle Alternative gestellt werden: Marxismus oder Positivismus.“ ([1], ebd.).

Und Milan Kangrga erläutert dann auch sofort, was er unter dieser Alternative versteht:

„Ausgangspunkt, Grundlage, Perspektive und Horizont des ersteren liegen in der Möglichkeit, anders zu sein, als es ist und als es war, also in der dialektischen Negation des Bestehenden als des Endlichen und wesentlich Prozessualen; die Perspektive des anderen liegt in dem Verharren im Rahmen und auf den wesentlichen Voraussetzungen des Gegebenen, Bestehende, Faktischen, tatsächlichen Zustandes, sowohl des Gewesenen als auch des Heutigen, also auf der Bestätigung dessen, was ist, als des an sich Wahren und Möglichen.“ ([1], ebd.)

Der methodische Referenzpunkt für diese Auffassung des Marximus als einer im Kern vor allem anti-positivistischen Philosophie, machen die Praxis-Philosophen an einem bestimmten Marxschen Text fest, den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, die Marx im Frühjahr und Sommer 1844 im Pariser Exil verfaßt hatte. Hier faßt Marx den Menschen als ein praktisches Wesen:

„In der Art der Lebenstätigkeit liegt der ganze Charakter eine species, ihr Gattungscharakter, und die freie bewußte Tätigkeit ist der Gattungscharakter des Menschen.“ ([4], S.516)

Der anti-positivistische Charakter dieser Marxschen Frühschrift beruht nun darauf, daß er diesen „Gattungcharakter des Menschen“ der aktuellen menschlichen Realität gegenüberstellt. Denn in der historisch gegebenen Wirklichkeit ist es keineswegs so, daß der Mensch sich und seine Welt in freier und bewußter Tätigkeit schafft; vielmehr ist die Arbeit, die real geleistet wird, entfremdete Arbeit. Und diese Art der Arbeit „entfremdet dem Menschen seinen eigenen Leib, wie die Natur außer ihm, wie sein geistiges Wesen, sein menschliches Wesen.“ ([4], S.517)

Indem Marx so die Realität dem Wesen entgegensetzt, geht er über den status quo hinaus, die empirische Wirklichkeit ist nicht mehr der Maßstab aller Dinge; die Realität ist nun nicht mehr allein Gegenwart, sondern erhält eine zusätzliche Dimension.

Ich hatte bereits in einem früheren Text gezeigt, daß Marx diese Konzeption eines menschlichen Wesens, das dem historischen Hier und Jetzt entgegengesetzt wird, unter dem Einfluß der Stirnerschen Kritik an Feuerbach verworfen hat und in der Folge eine rein immanente Revolutionstheorie entwickelte. Die Praxis-Gruppe aber kehrte zu dieser frühen, von Marx selbst als untauglich verworfenen Konstruktion einer ihres eigenen Wesens entfremdeten Menschheit zurück.

Allerdings wird die frühe Marxsche Konstruktion in einem entscheidenden Punkt korrigiert: Das Wesen des Menschen wird nun nicht mehr als ein überhistorisch Gegebenes postuliert, sondern als etwas, das noch nicht ist:

„Der Mensch entfremdet sich selbst seiner menschlichen Natur (und ist dann nur Naturwüchsigkeit), er entfremdet sich von diesem »Noch-nicht-er-selbst«, wenn er aufhört das sein zu wollen, was er noch nicht ist […]. Das ist aber nirgends gegeben, und das kann ihm von niemandem und von nichts gegeben werden […], das muß der Mensch selbst erkämpfen, erzeugen und schaffen für sich als Menschen, und dann auch für andere Menschen, um überhaupt als Mensch im menschlichen, geschichtlichen Medium, das er um sich herum und in sich geschaffen hat, existieren zu können.“ ([2], S.22)

Das Wesen des Menschen ist nicht ein einmal festgelegtes Sein, sondern es ist Prozeß. Der Mensch ist das, was er sein wird, wenn er sich praktisch daran macht, gerade das zu werden. Für Kangrga und die Gruppe der Praxis-Philosophen ergibt sich daraus dann eine Forderung, die unmittelbar von den antiautoritären Bewegungen aufgegriffen werden konnte:

„Man muß nämlich wagen, sein eigenes, authentisches Leben zu leben, damit dieses Schicksal wirklich das unsere werde, das heißt, damit es aufhöre ein bloßes Fatum zu sein, das uns unter den verschiedensten Formen und mit allen möglichen Mitteln tagtäglich von außen her bezwingt, schlägt, verstümmelt, vereitelt und vernichtet. Dazu reicht das wissenschaftliche Wissen nicht aus, ob und wie etwas einfach als bloße Tatsache ist, dazu bedarf es des Mutes, die Frage nach dem Sinn einer bestehenden Tatsache zu stellen.“ ([1], S.448f)

Um zu erfahren, was es mit diesem authentischen Leben auf sich hat, lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn D. Tralić erklärt:

„Ich halte Bob Dylan für einen Revolutionär, mehr als unsere Väter, die über ihr bequemes bürgerliches Leben sehr glücklich und stolz sind.“ ([3], S.95)

Literaturverzeichnis

[1] Kangrga, M., „Der Sinn der Marxschen Philosophie“, in: Praxis, Jg.3 (1967), Nr.3: 436 – 452.

[2] Kangrga, M., „Das Problem der Entfremdung in Marx‘ Werk“, in: Praxis, Jg.3 (1967), Nr.1: 13 – 30.

[3] Kanzleiter, B., Die »Rote Universität«. Studentenbewegung und Linksopposition in Belgrad 1964-1975, Hamburg 2011.

[4] Marx, K.: Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), in: MEW 40, Berlin 1985.

[5] Petrović, G., „Marxism versus Stalinism“, in: Praxis, Jg.3 (1967), Nr.1: 55 – 69.

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Written by alterbolschewik

12. August 2011 um 15:50

Veröffentlicht in Jugoslawien, Marx, Philosophie

11 Antworten

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  1. Positivismus kann nur dann wissenschaftlich sein, wenn das zu Analysierende als abgeschlossenes und deduzierbares Ganzes fundiert erklärt werden kann.
    Sobald dies nicht mehr der Fall ist, endet entweder diese Form von Positivismus oder sie modifiziert sich entsprechend.
    Die Philosophen der Praxisgruppe haben mit ihren Begriffsumschreibungen („Historismus, Relativismus, Ökonomismus, Technokratismus, Politizismus, Bürokratismus,…) den ersten Fall gemeint und zurecht daran Kritik geübt.

    Ob sich Marx grundlegend von seiner ersten Revolutionstheorie verabschiedet hat, würde ich nicht unter allen Umständen bejahen.
    Er hat sie nicht mehr verfolgt, nachdem ihm klar geworden ist, dass ihm die (positivistischen) wissenschaftlichen Möglichkeiten dafür fehlen und eine Beibehaltung ihn notgedrungen ins Feld der Unwissenschaftlichkeit manövriert hätte.

    Der Gattungscharakter des Menschen ist dabei auch nicht deduktionistisch zu verstehen, sondern relativistisch als humane Entfaltungsmöglichkeit auf Basis materieller Grundlagen, was im Grunde nichts anderes bedeutet als Materialismus im nicht-vulgären Sinne. Den sich entwickelnden Möglichkeiten gesellschaftliche Gestaltungskraft einzuräumen in einem ganzheitlichen Sinne, was die Ebene der Plusmacherei und Existenzerhaltung um jeden Preis überschreitet, ist das zentrale Kennzeichen jeder wirklich humanen Gesellschaft.

    ludwig

    4. September 2011 at 22:59

    • Nach der Lektüre der jugoslawischen Philosophen, vor allem Kangrgas, denke ich inzwischen auch, daß Marx, unter dem Eindruck der Stirnerschen Kritik, seinen ursprünglichen Ansatz zu schnell verworfen bzw. nicht weiter verfolgt hat. Da läßt sich, so bin ich inzwischen fast überzeugt, mehr herausholen. Man darf die Bestimmung der menschlichen Kreativität nur nicht zu vorschnell als anthropoligische Konstante fassen, sondern muß – und daran krankt in der Tat der frühe marxsche Ansatz – die spezifischen historischen Rahmenbedingungen, das heißt die in unterschiedlichen Epochen und Perioden sehr verschieden ausgeprägten Freiheitsgrade, sehr genau fassen. Dann werden die doch noch sehr abstrakten Überlegungen des jungen Marx durchaus wieder interessant.

      alterbolschewik

      7. September 2011 at 16:28

  2. Es gibt die Theorie der Französischen Revolution, der Oktoberrevolution oder welcher Revolution auch immer. Die Theorie einer zukünftigen Revolution jedoch ist apriori unmöglich, da sie ein methodologisch geregeltes Verfahren zur Herstellung von Freiheit voraussetzte.

    Nörgler

    7. September 2011 at 19:21

    • Hallo Nörgler, schön, daß Du hier wieder rumnörgelst, ich hatte schon die Befürchtung, Dich mit meinem impertinenten Geschreibsel vergrätzt zu haben.

      Das mit der Freiheit und der Revolutionstheorie dünkt mich etwas komplexer, als Deine aphoristische Zuspitzung suggeriert. Denn die Freiheit, die sich in der Revolte / Revolution Bahn bricht, ist ja keine transzendentale Freiheit, sondern eine spezifisch historische Freiheit: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ Du hast natürlich vollkommen recht, wenn Du sagst, daß die freie Entscheidung, die dem revolutionären Akt notwendig innewohnt, nicht aus irgendwelchen Ursachen theoretisch ableitbar ist. Aber es läßt sich theoretisch angeben, was die notwendigen Bedingungen sind, damit ein solcher Akt der Freiheit a) möglich und b) erfolgreich sein kann. „Revolutionstheorie“ in diesem Sinne hieße deshalb natürlich besser „Theorie der Bedingungen der Möglichkeit und der Grenzen revolutionären Handelns“; ist aber etwas unhandlich, weshalb ich unvorsichtigerweise von „Revolutionstheorie“ geschrieben habe.

      Tatsächlich ist dieses Blog ja in gewisser Weise der Versuch, eben diese Bedingungen und Grenzen der antiautoritären Bewegungen theoretisch zu durchdringen. Nicht in unmittelbar praktischer Hinsicht, um daraus ein Rezept zu destillieren, denn diese Bedingungen sind vergangen und die Grenzen heute ganz andere. Sondern eher zukünftigen Bewegungen als kritisches Memento, damit diese Tradition eines zumindest halbtoten Geschlechts nicht wie ein Alp auf ihren Hirnen lastet, auf daß sie sich von ihm nicht Name, Schlachtparole und Kostüm entlehnen, nicht die verdinglichten, ritualisierten Formen ihres Kampfes wiederholen, sondern sich bestenfalls von ihrem Geist inspirieren lassen. Insofern hast Du völlig recht: Es geht darum, die Welt richtig zu interpretieren, was aber auch eine Interpretation der Aufstände gegen diese Welt einschließt.

      alterbolschewik

      8. September 2011 at 10:33

  3. Die besten Revolutionen waren immer die, welche nicht stattfinden mussten, weil die Herrschenden die gesellschaftlichen Entwicklungen begleitet haben – wenn auch nicht aus freien Stücken – und sich ihr nicht als Reaktionäre in den Weg stellten.
    Marx hat eigentlich sehr gut die zentrale Bedingung für gesellschaftliche „Revolutionen“ aufgezeigt: das Auseinanderdriften zwischen dem, was „real/materialistisch“ möglich wäre und dem, was unter den „alten“ Umständen nur real in Erscheinung treten kann.
    Das Auswechseln von (privilegierten/sich privilegierenden) Eliten ist für mich keine Revolution, auch wenn es manchmal als solches bezeichnet werden sollte.

    ludwig

    7. September 2011 at 21:36

  4. @ alterbolschewik

    Eine anthropologische Konstante, welche als wissenschaftliche/philosophische Basis dienen muss, ist meines Erachtens auch gar nicht notwendig.

    Eine „kommunistische Gesellschaft“ nennt Marx ganz bewusst das „Reich der Freiheit“.

    Die Philosophen haben die Welt (nur) verschieden interpretiert.
    Es kommt darauf an, den Menschen ihre Entfaltungsmöglichkeiten/Befreiungspotentiale aufzuzeigen, damit sie ihre Welt bewusst(!) verändern können.

    ludwig

    7. September 2011 at 21:43

  5. „Eine ‚kommunistische Gesellschaft‘ nennt Marx ganz bewusst das ‚Reich der Freiheit‘.“

    Nein, das tut er nicht. „Reich der Freiheit“ und „Reich der Notwendigkeit“ sind in der Marxschen Theorie bezogen auf die „Umformung von Naturstoff“ als „ewige Naturnotwendigkeit“ (überhistorische Konstante!). Die zweckgerichtete Umformung produziert hierbei das notwendige und das Mehrprodukt. Die Fähigkeit hierzu ist eine menschliche Gattungseigenschaft (überhistorische Konstante!).
    Die Existenz des Mehrprodukts ist das Reich der Freiheit, das unter den Bedingungen gesellschaftlicher Herrschaft jedoch Freiheit nur der Herrschenden bedeutet.

    Erst die „Gesellschaft der frei assoziierten Produzenten“ produziert das Merhprodukt als Freiheit aller. Doch auch in der befreiten Gesellschaft bleibt „das Reich der Notendigkeit“ bestehen als Notwendigkeit zur Umformung von Naturstoff.

    Nörgler

    7. September 2011 at 22:19

  6. Das „progressive Menschenpack“ (Marx) hat die Welt nur verschieden revolutioniert.
    Es kömmt aber darauf an, sie wieder mal richtig zu interpretieren.

    Nörgler

    7. September 2011 at 22:23

  7. Nein, Du hast mich nicht vergrätzt. Deine Ausführungen hier betreffen ein Kernproblem, und ich kann auch bewerten, wieviel Arbeit in so etwas steckt.
    In der letzten Zeit kommentiere ich auch in den anderen Blogs fast überhaupt nicht mehr, was persönlichen Umständen geschuldet ist. Ich hoffe, dann auch nacharbeiten zu können, sobald ich einige Dinge bewältigt habe.
    So drängt es mich gewaltig, zu Deinem letzten Kommentar einiges zu sagen. Aber wenn ich mir ansehe, was ich auf meiner heutigen Akut-Liste habe, dann geht das nicht, weil die bürgerliche Scheiße, die es ‚eigentlich‘ schon längst nicht mehr geben dürfte, dies verhindert.
    Ich will versuchen, heute oder morgen dazu etwas zu schreiben, kann aber nichts versprechen.

    Nörgler

    8. September 2011 at 11:08

  8. Wir harren gespannt. Und Dir nur Gutes!
    Schade, dass ich nicht vorbeikommen konnte…

    che2001

    8. September 2011 at 22:21

  9. „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer in Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann.
    Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“

    Aus: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Berlin 1988. S. 828.

    @ Nörgler:

    Meines Erachtens kann man die Begrifflichkeit des „Reiches der Freiheit“ durchaus als Synonym für eine kommunistische Gesellschaft gebrauchen.
    Nicht nur nach Marx erweitern sich mit der Entwicklung der Produktionsweisen und damit des Produktionsumfanges und der Produktionsqualität auch die menschlichen Bedürfnisse. Und selbst wenn nur letztgenannte befriedigt werden, so hat dies durch den Entwicklungsprozess doch auf der Bewusstseinsebene das Potential einer emanzipatorischen Komponente, wodurch die unmittelbare Not nicht mehr der eigentliche Nachbar bei der Existenzbefriedigung ist.
    Obwohl heutzutage die Produktivkräfte wirklich weit entwickelt sind, so gibt es auch heutzutage immer noch eine „blinde Macht“, wenn auch nicht real, so doch in den Köpfen der Menschen, wodurch sich der Klassenkampf manifestiert.
    Wenn man ein Reproduktionssystem nicht wirklich versteht und somit auch keine Gestaltungsspielräume benennen kann, behält auch das Mehrprodukt den Geist der Notwendigkeit, was insofern nicht ganz falsch ist, weil die Regeln, nach denen das Mehrprodukt erwirtschaftet wird, auch die Regeln für das Existenzminimum darstellen.
    Meines Erachtens kann es nur dann wirkliche und erfüllende Freiheit geben, wenn ein Reproduktionssystem wirklich verstanden worden und unter gemeinsame gesellschaftliche Kontrolle gebracht ist und keine Herrschaft von ihm mehr ausgeht.
    Die der „menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen“ verkennen auch nicht die „ästhetische“ Komponente, sondern integrieren diese.
    Sobald das „wahre Reich der Freiheit“ auf dem Reich der Notwendigkeit gegründet ist, hat das Reich der Notwendigkeit schon lange seinen Schrecken verloren, was letztendlich den (psychologischen) Zentralkern der Freiheit ausmacht.

    ludwig

    11. September 2011 at 20:26


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