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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for September 2011

Vietnam – Analyse eines Exempels

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„Wir meinen, daß wir die Verurteilung des Krieges, den die USA gegen das vietnamesische Volk führt, nicht den Kommunisten und ihren Anhängern überlassen dürfen.“

Mitglieder des Berliner SDS, 1966

Die Fragestellung ist immer noch diese: Warum sind Teile der antiautoritären Bewegungen der Illusion aufgesessen, man könne – und müsse – eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung in den Kategorien bewaffneter Auseinandersetzung denken? Ich hatte letzte Woche vier Punkte aufgeführt, die ich für die Herausbildung dieser Vorstellung für entscheidend halte. Einer der Punkte war der Befreiungskampf der Länder der Dritten Welt gegen die koloniale Unterdrückung. Und für die antiautoritären Bewegungen war vor allem die Solidarität mit dem Kampf des vietnamesischen Volkes von entscheidender Bedeutung.

Den eigentlichen Beginn der antiautoritären Bewegungen habe ich von einem einschneidenden Ereignis her bestimmt: In der BRD war dies der 2. Juni 1967, dem Tag, an dem während einer Demonstration gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. Doch die Vietnam-Solidarität ist, auch in der BRD, älter. Tatsächlich gehörte sie zur Agenda der Neuen Linken, die ich hier in diesem Blog bereits öfters deutlich von den antiautoritären Bewegungen unterschieden habe. Wir müssen deshalb zwischen der Vietnam-Solidarität der Neuen Linken vor dem 2. Juni 1967, und der Vietnam-Solidarität der antiautoritären Bewegungen nach diesem Datum unterscheiden. Der Unterschied ist beträchtlich und wird uns der Frage, warum gesellschaftliche Veränderungen Anfang der 70er Jahre brachial militärisch gedacht wurden, ein gutes Stück näher bringen.

Dementsprechend wird sich die Darstellung der Vietnam-Solidarität in zwei Teile aufspalten. Diese Woche geht es darum, den Ursachen des Vietnamkriegs nachzuspüren und die ersten Auseinandersetzung um diesen Krieg nachzuzeichnen.

Was wir heute als „Vietnamkrieg“ bezeichnen ist nur die letzte Phase eines länger andauernden antikolonialen Befreiungkrieges, der bereits während des zweiten Weltkriegs begonnen hatte. Ursprünglich richtete sich der Kampf der vietnamesischen Kommunisten unter Ho Chi Minh gegen die japanische Besatzung, die von den eigentlichen Kolonialherren, den mit den Achsenmächten kollaborierenden Vichy-Franzosen, geduldet wurde. Nach dem Ende der Vichy-Regierung und der Kapitulation Japans wollten sich die Vietnamesen sich nicht erneut unter das Joch der französischen Kolonialherrschaft beugen, der Krieg gegen die französischen Kolonialherren begann. 1954 erlitt das französische Kolonialregime in der Schlacht von Dien Bien Phu dann eine vernichtende Niederlage. Das aus dieser Niederlage resultierende Genfer Friedensabkommen teilte das Land zunächst provisorisch entlang des 17. Breitengrades geteilt. Der nördliche Teil stand von nun an unter kommunistischer Herrschaft, im Süden regierte ein korruptes Marionettenregime von westlichen Gnaden. Dieser Zustand der Teilung sollte durch gesamtvietnamesische Wahlen, die das Genfer Abkommen innerhalb von zwei Jahren vorsah, überwunden werden.

Um zu verstehen, was dann geschah, muß man sich die damals im Westen grassierende antikommunistische Hysterie in Erinnerung rufen. Es war die Zeit des McCarthyismus, und für die antikommunistischen Ideologen war jede Schandtat legitim, so lange sie nur der Abwehr der „Roten Gefahr“ diente.

Die USA hatten bereits die Franzosen bei ihrem Versuch, der vietnamesischen Befreiungsbewegung Herr zu werden, massiv unterstützt. Jetzt, nach dem Zusammenbruch der französischen Kolonialherrschaft, versuchten sie verzweifelt, eine kommunistische Machtübernahme in Vietnam zu verhindern. Das Projekt freier, gesamtvietnamesischer Wahlen wurde torpediert; in den folgenden Jahren wurde ein korruptes südvietnamesisches Regime nach dem anderen gestützt und mit Waffen und militärischen Beratern ausgestattet. Doch all das genügte nicht, um die südvietnamesischen Marionettenregierungen dauerhaft an der Macht zu halten, weshalb die USA ab 1964 direkt militärisch intervenierten.

Diese völkerrechtswidrige Intervention mobilisierte, nach bereits zwanzig Jahren Auseinandersetzung in Vietnam, endlich die links-liberale Öffentlichkeit. Die erste bedeutende Demonstration gegen die US-amerikanischen Vietnamkrieg erfolgte am 17. April 1965 in den USA: Der „Marsch auf Washington“ brachte 25.000 Kriegsgegner auf die Beine. Die Bewegung nimmt schnell internationale Ausmaße an. 1966 wird das zentrale Jahr für diese erste Bewegung gegen die Vietnamkrieg, es finden weltweit Demonstrationen statt, Betrand Russel ruft das Vietnam War Crimes Tribunal ins Leben. In der BRD übernahm der Sozialistische Deutsche Studentenbund als wichtigste Gruppierung der Neuen Linken eine führende Rolle bei der Aufklärung über den Vietnamkrieg.

Und genau dies ist das eigentliche Stichwort: Aufklärung. Dieser ersten Bewegung gegen den Vietnamkrieg ging es vor allem darum, eine politische Beurteilung des US-amerikanischen Vorgehens in Vietnam durchzusetzen, die sich von dem idiotischen Dogma des Kalten Krieges, daß im Kampf gegen den Kommunismus alle Mittel erlaubt seien, verabschiedete. Es ist heute kaum mehr nachzuvollziehen, mit welch hanebüchenen Begründungen offizielle politische Repräsentanten der Bundesrepublik ihre ideologische Unterstützung der US-Intervention begründeten. So erklärte etwa der Bundestagspräsident Eugen Gerstenmainer, daß

„die USA seit 20 Jahren Gut und Blut für die Durchsetzung ihrer Politik der Eindämmung des Kommunismus an den Grenzen der freien Welt aufwenden. Darum stehen sie noch immer in Berlin, darum haben sie in Korea gekämpft und darum nehmen sie in Vietnam einen schmutzig-blutigen Dschungelkrieg auf sich. Sie verdienen dafür nicht Tadel, sondern die Bewunderung und Dankbarkeit aller, die es ernst meinen mit der Freiheit der Welt.“ (zit. nach [1], S.153)

Tatsächlich wurde alle Kritik am Vorgehen der USA als kommunistisch gebrandmarkt. Welche Auswirkungen dies selbst in studentischen Kreisen hatte, kann man daran sehen, daß 1965 der SDS-AStA an der FU Berlin nach einer Kampagne der Springerpresse gestürzt wurde, weil die beiden AStA-Vorsitzenden Wolfgang Lefèvre und Peter Damerow es gewagt hatten, einen Aufruf »Frieden für Vietnam« zu unterschreiben, der von einer SED-nahen Institution initiiert worden war (vgl. [2], S.89).

Deshalb war für die Neue Linke äußerste Sachlichkeit geboten. Anfang 1965 gründete der SDS in Berlin deshalb einen Arbeitskreis „Südvietnam“, der sich „mit der sozio-ökonomischen, politischen und militärischen Situation in Vietnam seit Ende des Zweiten Weltkrieges“ ([2], S.89) beschäftigte. Der Arbeitskreis arbeitete sich durch über 100 Bücher hindurch und verfolgte regelmäßig die Berichterstattung in 65 Zeitungen und Zeitschriften des Auslands ([1], S.144). Result dieses Arbeitskreises ist unter anderem das 1966 in der edition suhrkamp erscheinende Buch Vietnam. Genesis eine Konflikts von Jürgen Horlemann und Peter Gäng.

Das strategische Ziel der Neuen Linken war klar: Mit unwiderstreitbaren Fakten sollte der antikommunistische Panzer, der sich um die öffentliche Meinung gelegt hatte, durchbrochen werden. Es wurden Ausstellungen organisiert, eine »Erklärung« namhafter Intellektueller »über den Krieg in Vietnam« auf den Weg gebracht und Vertreter der US-Mission in Berlin öffentlich auf einer Podiumsdiskussion bloßgestellt. „Auf dieser Podiumsdiskussion – einem Vorläufer der teach-ins – gelang es den Rednern des SDS, die Vertreter der US-Mission so zu provozieren, daß diese unfreiwillig den Hauptvorwurf der Linken bestätigten, die USA führten ihren Krieg in Vietnam gegen das Volk und nicht mit den Volk gegen eine fremde Macht.“ ([2], S.91)

Höhepunkt dieses aufklärerischen Konzepts war der am 22. Mai 1966 in Frankfurt stattfindende Kongreß »Vietnam – Analyse eines Exempels« mit über 2200 Teilnehmern. Das Hauptreferat hielt Herbert Marcuse. Dieser Kongreß unterschied sich grundlegend vom zweiten Vietnam-Kongreß des SDS, der am 17. und 18. Februar 1968 in Berlin stattfand.

Diese Veränderungen in der Vietnam-Solidarität werden nächste Woche Thema sein, wenn es um das Motto des zweiten Vietnam-Kongresses geht:

„Für den Sieg der vietnamesischen Revolution – Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.“

Literaturverzeichnis

[1] Balsen, W. & Rössel, K., Hoch die Internationale Solidarität. Zur Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik, Köln 1986.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

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Written by alterbolschewik

30. September 2011 at 14:38

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Von der Schwerkraft der Begriffe

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„Das Ziel ist die Errichtung einer Rätedemokratie.“

Bewegung 2. Juni

Letzte Woche ging es um die höchst seltsame Moral, die sich aus den öffentlichen Selbstbekenntnissen zweier ehemaliger Terroristinnen ergab. Ich will gar nicht beurteilen, ob diese moralische Indifferenz angesichts von Aktionen, bei denen der Tod von Menschen bewußt einkalkuliert wurde, repräsentativ für die ganze sogenannte „Stadtguerilla“ war. Es ist, unabhängig von jeder moralischen Beurteilung, zunächst einmal Fakt, daß derartige Aktionen, zumindest bis zur Schleyer-Entführung, von einem großen Teil der antiautoritären Bewegungen nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurden. Natürlich gab es eine Menge Kritik an diesen Aktionen, doch diese Kritik blieb weitgehend „solidarisch“: Wenn die radikalen Teile der antiautoritären Bewegung auch den bewaffneten Kampf auf diese Art und Weise und im konkreten Hier und Jetzt ablehnte, so wurde seine grundsätzliche Notwendigkeit dennoch nicht bezweifelt. Die eigentlich zu stellende Frage ist deshalb nicht, wie die Aktionen der „Stadtguerilla“ moralisch zu bewerten sind, sondern warum damals eigentlich niemand von denen, die ebenfalls eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft anstrebten, aufstand und sagte: „Die haben doch komplett ein Rad ab.“

Ehrlich gesagt habe ich darauf auch keine schlüssige Antwort (falls das jemand erwartet haben sollte). Aber ich will in diesem Beitrag und wahrscheinlich auch noch in ein paar Folgebeiträgen dieser Frage nachgehen. Es wird sich dabei aber eher um ein Zusammentragen verstreuter Elemente handeln, als daß sich das Ganze zu einem theoretischen Ganzen bündeln würde. Im Augenblick scheinen mir vier Themenkomplexe für dieses Thema relevant zu sein. Zum einen ist dies zweifellos die Gewalt, die von der Gegenseite ausging. Eine entscheidende Erfahrung, die den Weg in die Sackgasse der Gewalt bahnte, war sicherlich, daß der Polizist (und, wie sich später herausstellte, Stasi-Spitzel) Kurras am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg liquidieren durfte, ohne daß er dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde. Der zweite Punkt ist das Verhalten der Öffentlichkeit: Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte. Der dritte Punkt war das heuchlerische Verhalten der offiziellen Politik den antikolonialen Befreiungsbewegungen gegenüber. Hier spielten insbesondere die Befreiungsbewegungen in Vietnam und Palästina eine wichtige Rolle. Um diese drei Punkte wird es in Folgebeiträgen gehen.

Beim vierten Punkt, der heute Thema sein soll, geht es allerdings um ein ganz hausgemachtes Problem, nämlich das eigene revolutionäre Selbstverständnis. Ich hatte schon vor zwei Wochen beschrieben, wie sich die Rebellierenden, in dem Maße, in dem sie sich zur Bewegung formierten, eine Sprache ausborgten, die eigentlich nicht die eigene war: Die der revolutionären Arbeiterbewegung. Und diese erborgte Sprache bestimmte dann, wie sie sich den Modus gesellschaftlicher Veränderung dachten: Als Revolution.

Das wäre nun nicht besonders problematisch, wenn man Revolution nur ganz allgemein und abstrakt im Sinne einer grundlegende Veränderung der Produktionsverhältnisse begriffen hätte. Dann hätte die Diskussion aber zumindest zwei Punkte klären müssen: Zum einen, wie die neuen Verhältnisse auszusehen hätten. Das blieb in den Bewegungen allerdings mehr als vage, der breite Konsens war am ehesten „irgendwas mit Räten“, konkrete Vorstellungen allerdings, wie eine hochindustrialisierte Produktionsweise auf andere als auf kapitalistische Weise zu organisieren sei, wurden nie entwickelt. Die zweite Frage wäre die gewesen, wie man ein solches Ziel, wenn man sich denn im klaren gewesen wäre, wie es genau auszusehen hätte, unter den Bedingungen einer mehr schlecht als recht, aber immerhin funktionierenden parlamentarischen Demokratie erreichen wollte. Diese Frage wurde zwar schon eher diskutiert, aber die Antworten waren von vornherein dadurch verzerrt, daß ihr der Revolutionsbegriff der radikalen Fraktionen der Arbeiterbewegung als Diskussionsfolie dienten.

Dies war wahrscheinlich kaum zu vermeiden, schließlich gab es keinen Präzendenzfall für eine Revolution in hochentwickelten und damit reichen kapitalistischen Ländern mit einem mehr oder minder gut funktionierenden parlamentarischen System, das sich durch ein allgemeines Wahlrecht legitimiert wußte. Doch die revolutionäre Tradition, auf die man sich berief, hatte es mit ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen zu tun gehabt, was aber systematisch ausgeblendet wurde. Diese klassischen Revolutionen richteten sich gegen Monarchien, Diktaturen, Kolonialherrschaften, deren Macht sich auf Gewalt, nicht auf parlamentarisch-demokratische Legitimation stützte. Diese Art despotischer Macht konnte nur durch Waffengewalt gebrochen werden, was die Revolution letztlich zu einem militärischen Akt machte.

Ein derartiger Akt militärischer Machtübernahme in der BRD ist und war auch damals natürlich völlig absurd, darüber bräuchte man eigentlich gar keine Worte verlieren. Aber allein die historische Schwerkraft des Wortes „Revolution“ brachte die Vorstellung ins Spiel, daß eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft auf jeden Fall nur mit militärischer Gewalt durchsetzbar wäre. Die Argumentation hierfür war einfach, aber suggestiv: Wenn erst die Revolution kommt, dann werden die Herrschenden natürlich nicht tatenlos zusehen, sondern werden die ganz Gewalt mobilisieren, über die sie mit Polizei und Militär verfügen. Und um die Evidenz dieser Behauptung zu untermauern, mußte man nur auf die eben durchs Parlament gepeitschten Notstandsgesetze verweisen. Und so ergab sich der einfache Schluß: vis revolutionem para bellum – wer die Revolution will, muß sich auch bewaffnen. Und der Revolutionärste von allen ist der, der diesen scheinbar unabwendbaren bewaffneten Kampf im hier und jetzt schon vorwegnimmt.

Damit vorschob sich die Diskussion aber völlig weg von den Zielen hin zu den Mitteln. Statt eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche Macht- und Eigentumsstrukturen wie und in welche Richtung hin zu verändern seien, wurde stattdessen hauptsächlich über die Mittel gestritten, wie der Kampf zu organisieren sei, legal oder illegal, parlamentarisch oder außerparlamentarisch, bewaffnet oder nicht… Und so verkamen die Mittel selbst immer mehr zum Zweck, bis die „Guerilla“ nur noch sich selbst zur Aufgabe hatte, indem es ab einem bestimmten Zeitpunkt ausschließlich darum ging, die Gefangenen zu befreien, wodurch die „Stadtguerilla“ zu einem selbstreferenziellen System wurde.

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, auf den mit historischem Ballast und romantischen Assoziationen völlig überladenen Begriff der „Revolution“ zu verzichten; das hätte den Blick auf die Größe und Schwierigkeit der Aufgabe sicherlich geschärft. Doch derartige Gedankenspielereien sind müßig, denn die Bewegung wäre auch nicht das gewesen, was sie war, hätte sie nicht von dieser Revolutionsromantik gezehrt. Und diese Romantik hatte eine gewichtige internationalistische Komponente.

Nächste Woche beschäftigen wir uns deshalb mit der internationalistischen und antiimperialistischen Rhetorik der Bewegungen, wenn Wolfgang Dreßen, Sibylle Plogstedt und Gerhart Rott meinen:

„Solidarität mit dem vietnamesischen Volk bedeutet für uns, Ho Chi Minhs Aufforderung an die italienischen Kommunisten »Errichtet die Revolution in eurem eigenen Land« zu übernehmen und an dieser Aufgabe zu arbeiten.“

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23. September 2011 at 11:47

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Ihre Moral und meine

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„Das Gewissen ist fähig, Unrecht für Recht zu halten, Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für politisch wertvoll. Das Gewissen ist um 180 Grad drehbar.“

Erich Kästner

Der heutige Beitrag fällt mir schwer. Er fällt mir deshalb schwer, weil ich etwas tue, was ich eigentlich selbst hochgradig verabscheue: Ich argumentiere moralisch statt politisch. Geplant war das nicht. Eigentlich wollte ich nur einen großen Bogen zu schlagen, nämlich vom Ereignis, das die antiautoritären Bewegungen in Gang brachte, zu deren Niedergang im Links-Terrorismus der Bewegung 2. Juni und der RAF. Es sollte gezeigt werden, welche Weichen schon zu Beginn der Bewegungen gestellt wurden, die dann diesen Niedergang möglich – wenn auch keineswegs notwendig – machten.

Diese Absicht habe ich immer noch, allerdings erst nächste Woche, im Anschluß an einen unangenehm moralisierender Einschub diese Woche, den ich für notwendig erachte. Das liegt daran, daß ich mich, nach rund einem Vierteljahrhundert, wieder einmal mit der Geschichte des euphemistisch so genannten „bewaffneten Kampfes“ in der BRD beschäftigt habe. Zu diesem Zweck wollte ich nicht auf die kulturindustrielle Verwurstung der Ereignisse zurückgreifen: Ich habe keinen der RAF-Filme gesehen, das Aust-Buch nie gelesen. Genaugenommen kannte ich bis vor ein paar Wochen nur die Erklärungen der Gruppen selbst; und ich hatte in den 80er Jahren so meine persönlichen Erfahrungen mit der Sympathisantenszene gemacht.

Schon in den 80er Jahren hatten mich die RAF-Sympis auf die Palme gebracht. Damals lag das allerdings hauptsächlich daran, weil man mit diesen Idioten überhaupt nicht diskutieren konnte, weil sie bestenfalls dazu in der Lage waren, die Sprechblasen aus den Bekennerschreiben und Erklärungen nachzuplappern, statt sie als den intellektuellen Dünnschiß zu erkennen, den sie de facto darstellten.

Als ich vor ein paar Wochen beschloß, diesen End- und Tiefpunkt der Bewegungen zum Thema zu machen, beschloß ich, auf „authentisches“ Material zurückzugreifen, das mir helfen sollte, diesen Niedergang zu erklären. Und so besorgte ich mir die autobiographischen Berichte von Inge Viett (Bewegung 2. Juni) und Margrit Schiller (RAF), um nachvollziehen zu können, wie alles endete.

Die Lektüre hinterließ mich fassungslos. Daß das Ganze politisch-theoretisch eher schlicht ausfallen würde, war mir von vornherein klar. Inge Vietts Begründung dafür, warum sie sich für den „bewaffneten Kampf“ entschieden habe, ist von einer politischen Naivität, die man eigentlich nicht für möglich halten sollte bei einer derartigen existentiellen Entscheidung. In ihrer Autobiographie erzählt sie, wie sie auf einer Afrikareise das Elend der dortigen Massen hautnah erlebt habe. Nun ist es zweifellos richtig, daß das dortige Elend ein Resultat kolonialer Ausbeutung ist; und daß diese Abhängigkeitsverhältnisse in immer neuen Formen bis heute reproduziert werden. Das ist empörend und sollte zurecht Anstoß zum Handeln sein. Doch dieses Handeln sollte irgendwie einen konkreten Zusammenhang mit dem Problem haben. Stattdessen trat an die Stelle zielgerichteten Handelns ein eher an religiöse Sekten erinnernder Wunsch nach Reinheit:

„Zurück von meiner ersten Reise, warf ich den ganzen Kreuzberger Mummenschanz aus meiner Wohnung. Die Schnörkel- und Trödlermöbel, den überflüssigen Szene-Konsum-Kitsch. Er belästigte mich jetzt, ich wollte Klarheit, Eindeutigkeit, Einfachheit.
Ich mied die Kaufhäuser, die Luxusstraßen. Sie ekelten mich. Der Überfluß ist obszön.“ ([2], S.81f)

Und die Erklärung mündet dann in die üblichen Sprechblasen: „vom Protest zum Widerstand, von der Spontaneität zur Verbindlichkeit.“ ([2],S.83)

Viett kann wenigstens ein Erweckungserlebnis, wenn schon keine vernünftige politische Begründung anbieten. Schiller hingegen schlittert einfach so in die Sache hinein: Als Psychologiestudentin in Heidelberg ist sie zunächst in der Drogenselbsthifegruppe Release, dann im Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) aktiv:

„Aus dem Leiden die Kraft zum Kampf entwickeln. Darin konnte ich mich erkennen. Den Stein meiner Einsamkeit und Verzweiflung am Leben aufzuheben und ihn gegen die Ursache zu werfen. Die Ursache war die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Krankheit hielten wir für einen zentralen Begriff revolutionärer Vorstellungen: »Aus der Krankheit eine Waffe machen!« war unser Slogan.“ ([1], S.55)

Das SPK hat Kontakte zur RAF, Schiller stellt zunächst ihre Wohnung als Unterschlupf zur Verfügung, später ihren Ausweis zur Anmietung einer konspirativen Wohnung, geht dann, als die Repression gegen das SPK eskaliert in die Illegalität und ist bereits wenige Wochen darauf in eine Schießerei verwickelt. Und die Gründe dafür?

„Die wesentlichen Beweggründe für meine Schritte vom Release zum SPK und dann zur RAF hatten in meinem damaligen Lebensgefühl gelegen, in meinen Erfahrungen mit Familie, Schule und Gesellschaft. Ich hatte mich nirgendwo wiederfinden können. Ich fand das Leben sinnlos. Überall war Lüge, Enge, Gewalt. Damit wollte ich mich nicht abfinden.
Ich suchte nach einer Identität von politischer und persönlicher Moral, und diese Suche hatte mich bis zur RAF geführt.“ ([1], S.86)

Ein solches Verhalten Naivität zu nennen, wäre noch eine gewaltige Untertreibung. Doch wie gesagt, derartige politische Schlichtheit hatte ich erwartet. Das ist es nicht, was mich entsetzt hat. Was mich entsetzt hat ist die Kälte und Sprachlosigkeit angesichts von Gewaltakten, für die man zumindest mitverantwortlich war. Krassestes Beispiel derartiger Kälte ist Vietts Bericht über die mißglückte Entführung des Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann:

„Das Volksgefängnis ist fertig, wir werden uns den höchsten Richter Berlins greifen und hineinstecken.
Die Aktion geht anders aus. Der Präsident des Berliner Kammergerichts, von Drenkmann, wird beim Entführungsversuch erschossen. Die Bewegung 2. Juni übernimmt die Verantwortung.“ ([2], S.131)

Danach wird dann noch aus der damals veröffentlichten Erklärung der Bewegung 2. Juni zitiert, und das war’s. Die Aktion ist dumm gelaufen, weiter zur nächsten. Von Drenkmann war weder ein Nazi gewesen, noch hatte er Prozesse gegen Mitglieder der Bewegung geführt, er war einfach nur ein hochrangiger Jurist. Und sein Tod wird das Los der Hungernden in Afrika, deren Elend Inge Viett so überwältigt hatte, zweifellos schwer erleichtert haben. Es fällt wirklich schwer, hier nicht in absoluten Zynismus zu verfallen.

Von Viett gibt es kein Wort des Bedauerns, nichts, stattdessen das bürokratische „Die Bewegung 2. Juni übernimmt die Verantwortung“. Hier wird eine erschreckende Unfähigkeit zur Empathie sichtbar, die sich überall im Buch manifestiert. Neben der von Drenkmann-Episode wird dies vielleicht am deutlichsten sichtbar, als sie eine Szene in einem palästinensischen Ausbildungslager beschreibt. Einer dieser dämlichen europäischen Stadtguerilleros bringt sich beim Handgranatentraining in Lebensgefahr und wird von einem palästinensischen Genossen unter Einsatz seines Lebens und unter schweren Verletzungen gerettet. Vietts Kommentar dazu läßt einem das Blut in den Adern gefrieren:

„Der bedingungslose Einsatz der palästinensischen Genossen, wie ein Reflex für das Leben eines anderen Genossen einzustehen, hatte uns ihre hohe revolutionäre Moral vor Augen geführt.“ ([2], S.155)

Die Vorstellung, es könnte ein ganz normales menschliches Verhalten und völlig unabhängig von jeder „revolutionären Moral“ sein, daß jemand nicht tatenlos danebensteht, wenn er einen Mitmenschen in Lebensgefahr sieht, kommt ihr offenkundig überhaupt nicht in den Sinn. Abstrakt-sentimentales Geschwätz über die Opfer des Imperialismus verbindet sich mit absoluter Kälte angesichts der durch das eigene Handeln zu verantwortenden Opfer, sei es in den eigenen Reihen, sei es in der der Gegner. Hier ist wird eine andere Unfähigkeit zu trauern sichtbar, die sprachlos macht.

Und damit schließe ich meine Predigt über die „Moral“ des „bewaffneten Kampfes“, entschuldige mich höflich dafür und verspreche, nächste Woche wieder politisch zu argumentieren, wenn ich die Frage stelle, wie aus der Infragestellung anachronistischer gesellschaftlicher Werte ein politisch völlig sinnloses Kräftemessen mit den bewaffneten Staatsorganen hervorgehen konnte.

Literaturverzeichnis

[1] Schiller, M., Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF, München 2001.

[2] Viett, I., Nie war ich furchtloser. Autobiographie, Reinbek bei Hamburg 2000.

Written by alterbolschewik

16. September 2011 at 15:38

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Auf der Suche nach einer neuen Sprache

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„Meine Wünsche sind nicht ausgereift, sie sind stumm und versteckt in Abneigung gegen die Hierarchie, gegen die Anpassung und Einordnung in ihre Lebensvorgaben.“

Inge Viett

Im Anfang war das Ereignis: Letzte Woche wurde bereits erklärt, daß es zwar gute Gründe für eine Revolte oder gar eine Revolution geben mag, doch daß diese Gründe nicht ausreichen, damit eine Bewegung in Gang kommt; dazu braucht es das singuläre, kontingente Ereignis, das in seiner schockhaften, traumatisierenden Kontingenz die Bindungen an die herrschende Ideologie zertrümmert.

Was jetzt auf das Ereignis folgt, ist zunächst ein Reigen der Freiheit: Die Welt muß neu interpretiert werden, denn die bisher gültige Interpretation der Welt ist durch das Ereignis fundamental in Frage gestellt.

Zu Beginn sieht die jetzt anstehende Aufgabe ganz einfach aus: Es scheint nur notwendig zu sein, die Wahrheit über das Ereignis publik zu machen. Der erste Schritt besteht deshalb in der Regel darin, einfach nur den tatsächlichen Sachverhalt richtig darzustellen: Das war in Belgrad nach dem brutalen Milizeinsatz in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1968 nicht anders als ein Jahr zuvor in Berlin, als Benno Ohnesorg erschossen worden war. Die erste Aufgabe ist es, die Lügen und Halbwahrheiten der Polizeiverantwortlichen, der Presse, der Politik zu widerlegen. Im ersten Aufruf der protestierenden Studenten in Belgrad ist es nicht von ungefähr eine von vier unmittelbaren Forderungen,

„Dass auf Grund der beispiellos verlogenen Berichterstattung die Direktoren und leitenden Redakteure der Belgrader Tageszeitungen, Radio Belgrads sowie von Tanjug ausgewechselt werden.“ ([5], S.233)

Doch die Bewegungen müssen schnell lernen, daß die einfache, wahrheitsgetreue Darstellung der Fakten nicht ausreicht, die Öffentlichkeit zugunsten der Bewegung zu mobilisieren. In diesem Augenblick schlägt die Stunde derer, die bereits vor dem Ereignis eine Kritik der bestehenden Zustände formuliert hatten und dadurch über eine Sprache verfügten, die es erlaubte, das Ereignis in einem größeren Zusammenhang zu sehen. In der Bundesrepublik war das vor allem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), in Jugoslawien spielten eher informelle Kreise im Umfeld der Praxis-Philosophen eine Rolle. Daneben mischten natürlich auch noch weitere linke Kleingruppen und Sekten mit, die ebenfalls ihren Beitrag zur Formierung einer neuen Sprache leisteten, die es der Bewegung erlauben sollte, ihren Protest halbwegs kohärent zu formulieren.

Indem sie ihre Sprachlosigkeit überwand, handelte sich die Bewegung allerdings auch eine schwere Hypothek eine: Die Tradition der Arbeiterbewegung mit ihren Revolutionen und Revolutionsversuchen. Es trat das ein, was Marx bereits Mitte des 19. Jahrhunderts konstatiert hatte:

„Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstliche die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ ([2], S.115)

Und so stellten sich die Bewegungen in eine Tradition und verwendeten eine Sprache, die eine Kontinuität suggeriert, die von der Pariser Commune über die Oktoberrevolution, den Spanischen Bürgerkrieg und die antikolonialen Befreiungsbewegungen bis in ihre Gegenwart reichen soll.

Für Jugoslawien brachte das die paradoxe Ironie mit sich, daß auch der herrschende Bund der Kommunisten sich in dieser Tradition sah. Es entbrannte deshalb eine Art Kampf um die Arbeiterklasse, weil der Bund panische Angst hatte, der Funke könne, wie in Frankreich, auf die Betriebe überspringen. In einem internen Papier über eine Versammlung mehrerer hundert Funktionäre des BdKJ heißt es:

„Auf der Versammlung wurde beschlossen, dass in allen Arbeitsorganisationen im Stadtbezirk Kampfgruppen (udarne grupe) formiert werden, in die die besten Arbeiter und Kommunisten eintreten sollen. Die Kampfgruppen sollen in jedem Moment die Arbeitsorganisationen vor dem Auftreten jeglicher Betriebsfremder, Versuchen des Verteilens jeglichen Materials oder der Herstellung von jeglichem Kontakt zu den Arbeitern schützen. Die Formierung solcher Gruppen wird als unabdingbar betrachtet, weil sich unter den Studenten und an einzelnen Fakultäten Zentren mit allen Kennzeichen konterrevolutionärer und extremistischer Gruppen gebildet haben, die mit allen Mitteln versuchen, Verwirrung und Konfusion zu stiften, um eine möglichst große Zahl arbeitender Menschen mit ihren Forderungen und Konzeptionen irrezuleiten.“ (zit. nach [1], S.252)

Dies war eine Reaktion darauf, daß die Studenten versucht hatten, Delegationen in die Betriebe zu senden, um die Wahrheit über die Ereignisse und die tatsächlichen Forderungen der Universitätsbesetzer an der manipulierten Öffentlichkeit vorbei direkt zu übermitteln.

Die Ähnlichkeit der Sprachen führte aber auch dazu, daß sich Bewegung und Apparat gar nicht so unversöhnlich gegenüberstanden wie in den westlichen Ländern. Zum einen gab es während der Universitätsbesetzung Sympathiebekundungen aus dem Bund der Kommunisten (auch die meisten Professoren der Praxis-Gruppe waren zu diesen Zeitpunkt noch Mitglieder). Zum anderen erklärte Tito am 9. Juni öffentlich:

„Und ich kann auch sagen, dass ich glücklich bin, dass wir so eine Jugend haben, die ihre Reife bewiesen hat. […] Unsere Jugend ist gut, aber wir müssen ihr mehr Aufmerksamkeit widmen. Uns und besonders den Bund der Kommunisten trifft eine große Schuld, weil wir uns an der Universität selbst nicht ausreichend für die Lösung der Probleme der Studenen eingesetzt haben. Und es musste erst eine so überaus unliebsame Situation entstehen, dass wir jetzt letztendlich erkannt haben, dass wir allzu schleppend vorwärts gegegangen sind, zu lange abgewartet haben und das das schwerwiegende Folgen nach sich gezogen hat.“ ([4], S.255)

Damit wurde in Jugoslawien die Konfrontation sehr schnell auch wieder entschärft, die Bewegung verlor quasi über Nacht wieder ihren Massencharakter.

Wo aber die Bewegung ihren Massencharakter verliert, beginnt sie sich zu radikalisieren, oft genug auf eine ungute Art und Weise. Einer der jugoslawischen Aktivisten berichtete später:

„Später diskutierten einige von uns über Ulrike Meinhof, Andreas Baader und die Rote Armee Fraktion (RAF). Es gab einige Sympathien für die RAF. Einige Leute meinten sogar, dass es die Bedingungen gäbe, etwas Ähnliches in Jugoslawien zu beginnen. Wir hatten interne Diskussionen über den bewaffneten Kampf und einige von uns waren dafür, Attentate zu organisieren.“ (zit. nach [1], S.366)

Wie diese Radikalisierung mit der erborgten Sprache der Arbeiterbewegung zusammenhängt, lesen Sie nächste Woche, wenn die Rote Armee Fraktion der Meinung ist:

„Es ist das Verdienst der Studentenbewegung in der Bundesrepublik und Westberlin – ihrer Straßenkämpfe, Brandstiftungen, Anwendung von Gegengewalt, ihres Pathos also auch, ihrer Übertreibungen und Ignoranz, kurz: Ihrer Praxis, den Marxismus-Leninismus im Bewußtsein wenigstens der Intelligenz als diejenige politische Theorie rekonstruiert zu haben, ohne die politische, ökonomische und ideologische Tatsachen und ihre Erscheinungsformen nicht auf den Begriff zu bringen sind, ihr innerer und äußerer Zustammenhang nicht zu beschreiben ist.“ ([3], S.346)

Literaturverzeichnis

[1] Kanzleiter, B., Die »Rote Universität«. Studentenbewegung und Linksopposition in Belgrad 1964-1975, Hamburg 2011.

[2] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

[3] Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, in: Rote Armee Fraktion, texte: der RAF, o.O. 1983 (überarbeitete und aktualisierte Ausgabe).

[4] Tito, J. B.: „Rede zu den Studentenprotesten in TV und Radio (9. Juni 1968)“, in: Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Hg.), 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

[5] Universitätsausschuss des Studentenbundes der Belgrader Universität, Aktionsausschuß der Demonstration, Redaktion Student: „Aufruf (3. Juni 1968)“, in: Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Hg.), 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

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9. September 2011 at 15:17

Ereignis und Bewegung

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„Am Anfang war das Ereignis. Die Zeit verdichtete sich, der Raum konzentrierte sich in einem Punkt, die Metamorphose fand statt. Die Bewegung entstammt diesem ersten Impuls.“

Agentur BILWET

Wer die Geschichte der antiautoritären Bewegungen verstehen will, muß sich Rechenschaft geben von der Kategorie des Ereignisses. Denn die anti-autoritären Bewegungen folgen als politische Bewegungen nicht den Regeln, die sich irgendwelche Sozialwissenschaftler oder Verfassungsschützer vorstellen. Deren klassisch rationalistischer Politikbegriff geht davon aus, daß jede Protestbewegung im Kern auf ein mehr oder minder konkretes Anliegen zurückzuführen ist. Zunächst, so stellt man sich das vor, gibt es einen Mißstand, und dieser Mißstand wird von einigen artikuliert. Diese stellen dann ein gemeinsames Interesse an der Behebung dieses Mißstandes fest. Deshalb schließen sie sich zu einer Organisation, wie strikt oder lose auch immer, zusammen. Damit bilden sie, ob sie sich nun so verstehen oder nicht, eine Avantgarde, die jetzt versucht, für ihr Anliegen zu werben. Wenn sie damit Erfolg haben und eine gewisse kritische Masse erreichen, dann kann daraus eine richtige Protestbewegung werden.

Nicht, daß Derartiges nicht wirklich vorkommen würde. Eine Bürgerinitiative für, sagen wir einmal, eine Umgehungsstraße, funktioniert im Großen und Ganzen nach diesem Muster. Und derartige Formen, in die politische Willensbildung einzugreifen, sind seit den 70er Jahren ein durchaus etablierter Bestandteil des politischen Prozesses. Zumindest auf kommunaler Ebene spielt der nicht parteipolitisch organisierte Bürgerwille inzwischen eine wichtige Rolle, sei es in Form von Bürgerinitativen, sei es in Form von behördlich organisierten Bürgerbeteiligungen, die ein mögliches Protestpotential von vornherein entschärfen sollen.

Doch die antiautoritären Bewegungen funktionierten nicht nach diesem Muster, was Soziologen, Politologen, Kulturwissenschaftler und andere Ideologen des gesellschaftlichen status quo nicht daran hindert, sie genau so zu interpretieren. Für die jugoslawische Studentenbewegung ist in dieser Hinsicht die Master-Thesis von Sarah D. Žabić ein typisches Beispiel. Es ist Žabićs erklärtes Ziel zu zeigen, „daß die Studentenproteste von 1968 ein Beispiel zielgerichteten gesellschaftlichen Handelns (purposive social action) waren, denen es darum ging, die Kritik der Praxis-Schule am Titoismus zu einer gesellschaftlichen Realität zu machen.“ ([3], S.69) Es ist wirklich mehr als naiv anzunehmen, wie Žabić das tut, daß das politische Aktionsprogramm der studentischen Besetzer der Belgrader Universität (abgedruckt in [5], S. 234ff) die tatsächlichen Gründe darlegt, warum sich die Masse der Studenten auf einmal entschlossen hatte, die Universität zu besetzen.

Daß die studentischen Forderungen mit denen der Praxis-Gruppe übereinstimmten, ist einfach zu erklären: Als die Universtität erst einmal besetzt war, brauchte es einer Rechtfertigung für diese Tat, und diese Rechtfertigung stellt das Aktionsprogramm dar. Verfaßt wurde es zweifellos von Autoren aus dem Umfeld der Praxis-Gruppe, wenn nicht gar von Mitglieder der Praxis-Gruppe selbst. Doch die im Aktionsprogramm angesprochenen Mißstände in der jugoslawischen Gesellschaft waren nicht der unmittelbare Grund, warum es zur Besetzung gekommen war. Die Besetzung hatte nichts von einem „zielgerichteten gesellschaftlichen Handeln“, sie war vielmehr ein spontaner, ungeplanter und unvorhersehbarer Akt. Und ausgelöst wurde dieser spontane Akt nicht durch Reflexion auf gesellschaftliche Mißstände, sondern durch ein Ereignis: Das brutale Vorgehen der Miliz gegen Besucher eines Auftritts der Musik- und Theatergruppe „Karawane der Freundschaft“.

Natürlich entwicklete sich während der Tage der Besetzung, auch mit Hilfe der Praxis-Philosophen und ihrer Schüler, eine Sprache und damit ein Bewußtsein von gesellschaftlichen Problemen; und dieses Bewußtsein schlug sich dann in politischen Forderungen nieder. Doch das Ergebnis des Handelns ist nicht seine Ursache. Zudem war die Besetzung viel mehr als nur die Artikulation politischer Forderungen: Sie setzte, wenn auch nur temporär, die gesamte Struktur des Alltags, die üblichen Routinen und Hierarchien außer Kraft. Sie war ein Fest, eine Art Karneval, wo man mit anderen ins Gespräch kam, wo diskutiert wurde, aber auch gesungen und getanzt, wo jeder sich seine Aufgaben suchte und übernahm, kurz: Wo die Individuen nicht mehr Objekte im üblichen, strukturierten Ablauf des Alltags waren, sondern wo jeder einzelne und alle zusammen zum Subjekt eines Ausnahmezustandes wurden.

Parteien, politische Gruppen, Bürgerinitiativen sind die Subjekte „zielgerichteten politischen Handeln“. Das macht sie so furchtbar langweilig. Bewegungen hingegen wollen weniger und mehr zugleich, ihr Ziel ist, wenn man so will, ein philosophisches: Die Unterbrechung des linearen Flusses der physikalischen Zeit. Ihr Ideal ist die pure Gegenwart, die Intensität des Augenblicks, in dem man einerseits vom Sog der Masse mitgerissen wird und andererseits trotzdem das Gefühl hat, das eigene Leben mehr als je zuvor selbst zu bestimmen.

Um den Sinn von Bewegungen wirklich zu verstehen, darf man nicht die Sozialwissenschaftler fragen. Eine bessere Adresse ist da schon die Amsterdamer Agentur BILWET (bevordering van de illegalen wetenschap = Förderung der illegalen Wissenschaft), die 1990 ihre Bewegungslehre vorgelegt hat. Die Agentur BILWET hat, im Gegensatz zur legalen Wissenschaft begriffen, daß die zentrale Kategorie zum Verständnis von Bewegungen das Ereignis ist:

„Dieses Ereignis […] zeichnet sich dadurch aus, daß nach einer initiierenden Handlung eine Kettenreaktion einsetzt, die alle ursprünglichen Absichten überschreitet. Es wird ein Ereignis in die Welt gesetzt, das sich dann den Akteuren aus der Hand nimmt. Das übliche Baumdiagramm von Ursache und Wirkung wird ohne Vorwarnung durch ein Kausalitätenkarussell von Vorfällen und Geschichten ersetzt, in denen Ursache und Wirkung austauschbar scheinen. Auf diese Weise erhält das Ereignis einen schicksalhaften Charakter. So und nicht anders wird es verlaufen. Es ist einmalig, lokal, ekstatisch.“ ([1], S.168)

Die rationalistischen sozialwissenschaftlichen Erklärungen versuchen, das ekstatische Moment der Freiheit in den Bewegungen wegzuerklären, indem sie sie wieder auf gesellschaftliche Ursachen zurechtstutzen. Diesen Versuch der Entmündigung pariert die Agentur BILWET mit ihrer Fokussierung auf das einmalige, nicht wiederholbare Ereignis, das sie zurecht ins Zentrum ihrer Bewegungslehre setzt. Doch indem sie auf der Unvorhersehbarkeit des Ereignisses, seiner absoluten Kontingenz beharrt, verfehlt sie etwas anderes, denn das Ereignis ist nicht willkürlich. Es kann nicht zu jeder Zeit und nicht überall auftreten. Der Punkt ist, daß das Ereignis, obwohl es kontingent ist, erwartet wird.

Hier kann uns der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Žižek weiterhelfen. Wie das Ereignis funktioniert, hat dieser am Beispiel von Kaspar Hauser erläutert. Hauser war jahrelang ohne menschlichen Bezug in einem dunklen Keller aufgewachsen, 1828 setzen ihn seine unbekannten Kerkermeister in Nürnberg frei, fünf Jahre später wird er ermordet. Diese Geschichte beschäftigte die Zeitgenossen und die Nachwelt bis heute. Žižek erläutert dieses Ereignis folgendermaßen:

„Obwohl das plötzliche Erscheinen Kaspars die brutale Begegnung mit einem unmöglichen Realen provozierte, welches den symbolischen Kreislauf der Ursachen und Wirkungen unterbrach, ist doch das Überraschendste, daß in einem gewissen Sinne die Zeit ihn erwartete: Als Überraschung kam er zu seiner Zeit. […] Die Begegnung mit Kaspar war also vom materiellen Standpunkt aus das Ergebnis einer Serie unvorhergesehener Unfälle, vom formellen Standpunkt aus war sie aber zutiefst notwendig: Die Struktur des Wissens der Epoche hatte seinen Platz schon vorbereitet. Nur weil ein leerer Ort schon konstruiert war, konnte sein Erscheinen zur Sensation werden, wogegen es ein Jahrhundert früher oder später unbemerkt geblieben wäre.“ ([4], S.17f)

Daß das Vorgehen der Miliz in der Nacht vom 2. zum 3. Juni 1968 in Belgrad eine derartige Wirkung haben konnte, lag daran, daß diesem Ereignis sein Ort schon vorbereitet gewesen war, daß es erwartet wurde. Natürlich war nicht dieses konkrete Ereignis erwartet worden, aber irgendetwas der Art, das die Kettenreaktion auslösen mußte, die dann tatsächlich in Gang kam. Wenn wir die antiautoritären Bewegungen anderer Länder anschauen, werden wir auf ähnliche initiierende Ereignisse stoßen: In der BRD war das etwa die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967.

Das Ereignis ist willkürlich, kontingent, aber dennoch notwendig. Es stößt auf eine Bewußtseinsstruktur, der nur noch dieses traumatische Ereignis gefehlt hat, damit die alte symbolische Ordnung schlagartig zerfällt und einer neuen symbolischen Ordnung Platz macht, in der die bisherigen Fakten eine völlig anderen Sinn bekommen. Damit wurden die bisherigen Autoritäten, die ihren Machtanspruch auf die alte symbolischen Ordnung stützten, schlagartig delegitimiert, die bestehenden Regeln außer Kraft gesetzt. Die Stunde der antiautoritären Bewegungen hatte geschlagen.

Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn wir uns im Gegenzug mit dem Niedergang der antiautoritären Bewegungen beschäftigen und Margrit Schiller sagen hören:

„Andere Menschen kennenzulernen und Freunde zu finden war schwierig. Die Jahre des Aufbruchs in der Studenten-, Schüler- und Lehrlingsbewegung waren vorbei. Es brodelte nicht mehr, es gab nicht mehr überall spontane Diskussionen, bei denen man sofort mittendrin war und Leute kennenlernte.“ ([2], S.25)

Literaturverzeichnis

[1] Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Berlin 1991.

[2] Schiller, M., Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF, München 2001.

[3] Žabić, S. D., Praxis, Student Protest, And Purposive Social Action: The Humanist Marxist Critique Of The League Of Communists Of Yugoslavia, 1964 – 1975, Kent State University 2010, http://rave.ohiolink.edu/etdc/view?acc_num=kent1279565524.

[4] Žižek, S., Der erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus, Wien – Berlin 1992.

[5] Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Ed.), 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

Written by alterbolschewik

2. September 2011 at 16:17