shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Auf der Suche nach einer neuen Sprache

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„Meine Wünsche sind nicht ausgereift, sie sind stumm und versteckt in Abneigung gegen die Hierarchie, gegen die Anpassung und Einordnung in ihre Lebensvorgaben.“

Inge Viett

Im Anfang war das Ereignis: Letzte Woche wurde bereits erklärt, daß es zwar gute Gründe für eine Revolte oder gar eine Revolution geben mag, doch daß diese Gründe nicht ausreichen, damit eine Bewegung in Gang kommt; dazu braucht es das singuläre, kontingente Ereignis, das in seiner schockhaften, traumatisierenden Kontingenz die Bindungen an die herrschende Ideologie zertrümmert.

Was jetzt auf das Ereignis folgt, ist zunächst ein Reigen der Freiheit: Die Welt muß neu interpretiert werden, denn die bisher gültige Interpretation der Welt ist durch das Ereignis fundamental in Frage gestellt.

Zu Beginn sieht die jetzt anstehende Aufgabe ganz einfach aus: Es scheint nur notwendig zu sein, die Wahrheit über das Ereignis publik zu machen. Der erste Schritt besteht deshalb in der Regel darin, einfach nur den tatsächlichen Sachverhalt richtig darzustellen: Das war in Belgrad nach dem brutalen Milizeinsatz in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1968 nicht anders als ein Jahr zuvor in Berlin, als Benno Ohnesorg erschossen worden war. Die erste Aufgabe ist es, die Lügen und Halbwahrheiten der Polizeiverantwortlichen, der Presse, der Politik zu widerlegen. Im ersten Aufruf der protestierenden Studenten in Belgrad ist es nicht von ungefähr eine von vier unmittelbaren Forderungen,

„Dass auf Grund der beispiellos verlogenen Berichterstattung die Direktoren und leitenden Redakteure der Belgrader Tageszeitungen, Radio Belgrads sowie von Tanjug ausgewechselt werden.“ ([5], S.233)

Doch die Bewegungen müssen schnell lernen, daß die einfache, wahrheitsgetreue Darstellung der Fakten nicht ausreicht, die Öffentlichkeit zugunsten der Bewegung zu mobilisieren. In diesem Augenblick schlägt die Stunde derer, die bereits vor dem Ereignis eine Kritik der bestehenden Zustände formuliert hatten und dadurch über eine Sprache verfügten, die es erlaubte, das Ereignis in einem größeren Zusammenhang zu sehen. In der Bundesrepublik war das vor allem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), in Jugoslawien spielten eher informelle Kreise im Umfeld der Praxis-Philosophen eine Rolle. Daneben mischten natürlich auch noch weitere linke Kleingruppen und Sekten mit, die ebenfalls ihren Beitrag zur Formierung einer neuen Sprache leisteten, die es der Bewegung erlauben sollte, ihren Protest halbwegs kohärent zu formulieren.

Indem sie ihre Sprachlosigkeit überwand, handelte sich die Bewegung allerdings auch eine schwere Hypothek eine: Die Tradition der Arbeiterbewegung mit ihren Revolutionen und Revolutionsversuchen. Es trat das ein, was Marx bereits Mitte des 19. Jahrhunderts konstatiert hatte:

„Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstliche die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ ([2], S.115)

Und so stellten sich die Bewegungen in eine Tradition und verwendeten eine Sprache, die eine Kontinuität suggeriert, die von der Pariser Commune über die Oktoberrevolution, den Spanischen Bürgerkrieg und die antikolonialen Befreiungsbewegungen bis in ihre Gegenwart reichen soll.

Für Jugoslawien brachte das die paradoxe Ironie mit sich, daß auch der herrschende Bund der Kommunisten sich in dieser Tradition sah. Es entbrannte deshalb eine Art Kampf um die Arbeiterklasse, weil der Bund panische Angst hatte, der Funke könne, wie in Frankreich, auf die Betriebe überspringen. In einem internen Papier über eine Versammlung mehrerer hundert Funktionäre des BdKJ heißt es:

„Auf der Versammlung wurde beschlossen, dass in allen Arbeitsorganisationen im Stadtbezirk Kampfgruppen (udarne grupe) formiert werden, in die die besten Arbeiter und Kommunisten eintreten sollen. Die Kampfgruppen sollen in jedem Moment die Arbeitsorganisationen vor dem Auftreten jeglicher Betriebsfremder, Versuchen des Verteilens jeglichen Materials oder der Herstellung von jeglichem Kontakt zu den Arbeitern schützen. Die Formierung solcher Gruppen wird als unabdingbar betrachtet, weil sich unter den Studenten und an einzelnen Fakultäten Zentren mit allen Kennzeichen konterrevolutionärer und extremistischer Gruppen gebildet haben, die mit allen Mitteln versuchen, Verwirrung und Konfusion zu stiften, um eine möglichst große Zahl arbeitender Menschen mit ihren Forderungen und Konzeptionen irrezuleiten.“ (zit. nach [1], S.252)

Dies war eine Reaktion darauf, daß die Studenten versucht hatten, Delegationen in die Betriebe zu senden, um die Wahrheit über die Ereignisse und die tatsächlichen Forderungen der Universitätsbesetzer an der manipulierten Öffentlichkeit vorbei direkt zu übermitteln.

Die Ähnlichkeit der Sprachen führte aber auch dazu, daß sich Bewegung und Apparat gar nicht so unversöhnlich gegenüberstanden wie in den westlichen Ländern. Zum einen gab es während der Universitätsbesetzung Sympathiebekundungen aus dem Bund der Kommunisten (auch die meisten Professoren der Praxis-Gruppe waren zu diesen Zeitpunkt noch Mitglieder). Zum anderen erklärte Tito am 9. Juni öffentlich:

„Und ich kann auch sagen, dass ich glücklich bin, dass wir so eine Jugend haben, die ihre Reife bewiesen hat. […] Unsere Jugend ist gut, aber wir müssen ihr mehr Aufmerksamkeit widmen. Uns und besonders den Bund der Kommunisten trifft eine große Schuld, weil wir uns an der Universität selbst nicht ausreichend für die Lösung der Probleme der Studenen eingesetzt haben. Und es musste erst eine so überaus unliebsame Situation entstehen, dass wir jetzt letztendlich erkannt haben, dass wir allzu schleppend vorwärts gegegangen sind, zu lange abgewartet haben und das das schwerwiegende Folgen nach sich gezogen hat.“ ([4], S.255)

Damit wurde in Jugoslawien die Konfrontation sehr schnell auch wieder entschärft, die Bewegung verlor quasi über Nacht wieder ihren Massencharakter.

Wo aber die Bewegung ihren Massencharakter verliert, beginnt sie sich zu radikalisieren, oft genug auf eine ungute Art und Weise. Einer der jugoslawischen Aktivisten berichtete später:

„Später diskutierten einige von uns über Ulrike Meinhof, Andreas Baader und die Rote Armee Fraktion (RAF). Es gab einige Sympathien für die RAF. Einige Leute meinten sogar, dass es die Bedingungen gäbe, etwas Ähnliches in Jugoslawien zu beginnen. Wir hatten interne Diskussionen über den bewaffneten Kampf und einige von uns waren dafür, Attentate zu organisieren.“ (zit. nach [1], S.366)

Wie diese Radikalisierung mit der erborgten Sprache der Arbeiterbewegung zusammenhängt, lesen Sie nächste Woche, wenn die Rote Armee Fraktion der Meinung ist:

„Es ist das Verdienst der Studentenbewegung in der Bundesrepublik und Westberlin – ihrer Straßenkämpfe, Brandstiftungen, Anwendung von Gegengewalt, ihres Pathos also auch, ihrer Übertreibungen und Ignoranz, kurz: Ihrer Praxis, den Marxismus-Leninismus im Bewußtsein wenigstens der Intelligenz als diejenige politische Theorie rekonstruiert zu haben, ohne die politische, ökonomische und ideologische Tatsachen und ihre Erscheinungsformen nicht auf den Begriff zu bringen sind, ihr innerer und äußerer Zustammenhang nicht zu beschreiben ist.“ ([3], S.346)

Literaturverzeichnis

[1] Kanzleiter, B., Die »Rote Universität«. Studentenbewegung und Linksopposition in Belgrad 1964-1975, Hamburg 2011.

[2] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

[3] Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, in: Rote Armee Fraktion, texte: der RAF, o.O. 1983 (überarbeitete und aktualisierte Ausgabe).

[4] Tito, J. B.: „Rede zu den Studentenprotesten in TV und Radio (9. Juni 1968)“, in: Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Hg.), 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

[5] Universitätsausschuss des Studentenbundes der Belgrader Universität, Aktionsausschuß der Demonstration, Redaktion Student: „Aufruf (3. Juni 1968)“, in: Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Hg.), 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.

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Written by alterbolschewik

9. September 2011 um 15:17

Eine Antwort

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  1. Wie immer hochinteressant und selbst für mich thematisch ein absolut weißer Fleck. Inge Viett habe ich übrigens sogar mal kennengelernt.

    che2001

    10. September 2011 at 14:16


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