shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ihre Moral und meine

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„Das Gewissen ist fähig, Unrecht für Recht zu halten, Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für politisch wertvoll. Das Gewissen ist um 180 Grad drehbar.“

Erich Kästner

Der heutige Beitrag fällt mir schwer. Er fällt mir deshalb schwer, weil ich etwas tue, was ich eigentlich selbst hochgradig verabscheue: Ich argumentiere moralisch statt politisch. Geplant war das nicht. Eigentlich wollte ich nur einen großen Bogen zu schlagen, nämlich vom Ereignis, das die antiautoritären Bewegungen in Gang brachte, zu deren Niedergang im Links-Terrorismus der Bewegung 2. Juni und der RAF. Es sollte gezeigt werden, welche Weichen schon zu Beginn der Bewegungen gestellt wurden, die dann diesen Niedergang möglich – wenn auch keineswegs notwendig – machten.

Diese Absicht habe ich immer noch, allerdings erst nächste Woche, im Anschluß an einen unangenehm moralisierender Einschub diese Woche, den ich für notwendig erachte. Das liegt daran, daß ich mich, nach rund einem Vierteljahrhundert, wieder einmal mit der Geschichte des euphemistisch so genannten „bewaffneten Kampfes“ in der BRD beschäftigt habe. Zu diesem Zweck wollte ich nicht auf die kulturindustrielle Verwurstung der Ereignisse zurückgreifen: Ich habe keinen der RAF-Filme gesehen, das Aust-Buch nie gelesen. Genaugenommen kannte ich bis vor ein paar Wochen nur die Erklärungen der Gruppen selbst; und ich hatte in den 80er Jahren so meine persönlichen Erfahrungen mit der Sympathisantenszene gemacht.

Schon in den 80er Jahren hatten mich die RAF-Sympis auf die Palme gebracht. Damals lag das allerdings hauptsächlich daran, weil man mit diesen Idioten überhaupt nicht diskutieren konnte, weil sie bestenfalls dazu in der Lage waren, die Sprechblasen aus den Bekennerschreiben und Erklärungen nachzuplappern, statt sie als den intellektuellen Dünnschiß zu erkennen, den sie de facto darstellten.

Als ich vor ein paar Wochen beschloß, diesen End- und Tiefpunkt der Bewegungen zum Thema zu machen, beschloß ich, auf „authentisches“ Material zurückzugreifen, das mir helfen sollte, diesen Niedergang zu erklären. Und so besorgte ich mir die autobiographischen Berichte von Inge Viett (Bewegung 2. Juni) und Margrit Schiller (RAF), um nachvollziehen zu können, wie alles endete.

Die Lektüre hinterließ mich fassungslos. Daß das Ganze politisch-theoretisch eher schlicht ausfallen würde, war mir von vornherein klar. Inge Vietts Begründung dafür, warum sie sich für den „bewaffneten Kampf“ entschieden habe, ist von einer politischen Naivität, die man eigentlich nicht für möglich halten sollte bei einer derartigen existentiellen Entscheidung. In ihrer Autobiographie erzählt sie, wie sie auf einer Afrikareise das Elend der dortigen Massen hautnah erlebt habe. Nun ist es zweifellos richtig, daß das dortige Elend ein Resultat kolonialer Ausbeutung ist; und daß diese Abhängigkeitsverhältnisse in immer neuen Formen bis heute reproduziert werden. Das ist empörend und sollte zurecht Anstoß zum Handeln sein. Doch dieses Handeln sollte irgendwie einen konkreten Zusammenhang mit dem Problem haben. Stattdessen trat an die Stelle zielgerichteten Handelns ein eher an religiöse Sekten erinnernder Wunsch nach Reinheit:

„Zurück von meiner ersten Reise, warf ich den ganzen Kreuzberger Mummenschanz aus meiner Wohnung. Die Schnörkel- und Trödlermöbel, den überflüssigen Szene-Konsum-Kitsch. Er belästigte mich jetzt, ich wollte Klarheit, Eindeutigkeit, Einfachheit.
Ich mied die Kaufhäuser, die Luxusstraßen. Sie ekelten mich. Der Überfluß ist obszön.“ ([2], S.81f)

Und die Erklärung mündet dann in die üblichen Sprechblasen: „vom Protest zum Widerstand, von der Spontaneität zur Verbindlichkeit.“ ([2],S.83)

Viett kann wenigstens ein Erweckungserlebnis, wenn schon keine vernünftige politische Begründung anbieten. Schiller hingegen schlittert einfach so in die Sache hinein: Als Psychologiestudentin in Heidelberg ist sie zunächst in der Drogenselbsthifegruppe Release, dann im Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) aktiv:

„Aus dem Leiden die Kraft zum Kampf entwickeln. Darin konnte ich mich erkennen. Den Stein meiner Einsamkeit und Verzweiflung am Leben aufzuheben und ihn gegen die Ursache zu werfen. Die Ursache war die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Krankheit hielten wir für einen zentralen Begriff revolutionärer Vorstellungen: »Aus der Krankheit eine Waffe machen!« war unser Slogan.“ ([1], S.55)

Das SPK hat Kontakte zur RAF, Schiller stellt zunächst ihre Wohnung als Unterschlupf zur Verfügung, später ihren Ausweis zur Anmietung einer konspirativen Wohnung, geht dann, als die Repression gegen das SPK eskaliert in die Illegalität und ist bereits wenige Wochen darauf in eine Schießerei verwickelt. Und die Gründe dafür?

„Die wesentlichen Beweggründe für meine Schritte vom Release zum SPK und dann zur RAF hatten in meinem damaligen Lebensgefühl gelegen, in meinen Erfahrungen mit Familie, Schule und Gesellschaft. Ich hatte mich nirgendwo wiederfinden können. Ich fand das Leben sinnlos. Überall war Lüge, Enge, Gewalt. Damit wollte ich mich nicht abfinden.
Ich suchte nach einer Identität von politischer und persönlicher Moral, und diese Suche hatte mich bis zur RAF geführt.“ ([1], S.86)

Ein solches Verhalten Naivität zu nennen, wäre noch eine gewaltige Untertreibung. Doch wie gesagt, derartige politische Schlichtheit hatte ich erwartet. Das ist es nicht, was mich entsetzt hat. Was mich entsetzt hat ist die Kälte und Sprachlosigkeit angesichts von Gewaltakten, für die man zumindest mitverantwortlich war. Krassestes Beispiel derartiger Kälte ist Vietts Bericht über die mißglückte Entführung des Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann:

„Das Volksgefängnis ist fertig, wir werden uns den höchsten Richter Berlins greifen und hineinstecken.
Die Aktion geht anders aus. Der Präsident des Berliner Kammergerichts, von Drenkmann, wird beim Entführungsversuch erschossen. Die Bewegung 2. Juni übernimmt die Verantwortung.“ ([2], S.131)

Danach wird dann noch aus der damals veröffentlichten Erklärung der Bewegung 2. Juni zitiert, und das war’s. Die Aktion ist dumm gelaufen, weiter zur nächsten. Von Drenkmann war weder ein Nazi gewesen, noch hatte er Prozesse gegen Mitglieder der Bewegung geführt, er war einfach nur ein hochrangiger Jurist. Und sein Tod wird das Los der Hungernden in Afrika, deren Elend Inge Viett so überwältigt hatte, zweifellos schwer erleichtert haben. Es fällt wirklich schwer, hier nicht in absoluten Zynismus zu verfallen.

Von Viett gibt es kein Wort des Bedauerns, nichts, stattdessen das bürokratische „Die Bewegung 2. Juni übernimmt die Verantwortung“. Hier wird eine erschreckende Unfähigkeit zur Empathie sichtbar, die sich überall im Buch manifestiert. Neben der von Drenkmann-Episode wird dies vielleicht am deutlichsten sichtbar, als sie eine Szene in einem palästinensischen Ausbildungslager beschreibt. Einer dieser dämlichen europäischen Stadtguerilleros bringt sich beim Handgranatentraining in Lebensgefahr und wird von einem palästinensischen Genossen unter Einsatz seines Lebens und unter schweren Verletzungen gerettet. Vietts Kommentar dazu läßt einem das Blut in den Adern gefrieren:

„Der bedingungslose Einsatz der palästinensischen Genossen, wie ein Reflex für das Leben eines anderen Genossen einzustehen, hatte uns ihre hohe revolutionäre Moral vor Augen geführt.“ ([2], S.155)

Die Vorstellung, es könnte ein ganz normales menschliches Verhalten und völlig unabhängig von jeder „revolutionären Moral“ sein, daß jemand nicht tatenlos danebensteht, wenn er einen Mitmenschen in Lebensgefahr sieht, kommt ihr offenkundig überhaupt nicht in den Sinn. Abstrakt-sentimentales Geschwätz über die Opfer des Imperialismus verbindet sich mit absoluter Kälte angesichts der durch das eigene Handeln zu verantwortenden Opfer, sei es in den eigenen Reihen, sei es in der der Gegner. Hier ist wird eine andere Unfähigkeit zu trauern sichtbar, die sprachlos macht.

Und damit schließe ich meine Predigt über die „Moral“ des „bewaffneten Kampfes“, entschuldige mich höflich dafür und verspreche, nächste Woche wieder politisch zu argumentieren, wenn ich die Frage stelle, wie aus der Infragestellung anachronistischer gesellschaftlicher Werte ein politisch völlig sinnloses Kräftemessen mit den bewaffneten Staatsorganen hervorgehen konnte.

Literaturverzeichnis

[1] Schiller, M., Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF, München 2001.

[2] Viett, I., Nie war ich furchtloser. Autobiographie, Reinbek bei Hamburg 2000.

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Written by alterbolschewik

16. September 2011 um 15:38

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

4 Antworten

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  1. Ich habe sie ja kennengelernt, die Damen und Herren Antiimps (nur echt mit Bezug auf die Stadtguerrilla, der Markenkern ist geschützt) mit dem Beton in den Mundwinkeln, dem eiskalten Blick und den supercoolen Umgangsformen, die selbst jeden Autonomen erstmal für nen Spitzel hielten und schon mißtrauisch wurden, wenn man sie nach der Uhrzeit fragte, mit einem ghettoiisierten Sprachgebrauch (man sagte nicht Bullen und auch nicht Kapitalisten, sondern Pigs) und einer halb märtyrerhaften, halb chiliiastischen und miltärisch reduzierten Revolutionsauffassung und dem Ziel, auf ihrem Lebensweg „zur Front zu kommen.“

    che2001

    19. September 2011 at 18:16

    • Keine schlechte Beschreibung, che. Spätestens nach dem Desaster von 1977 ließ sich mit den Typen (und leider auch Frauen), die immer noch diesen Quatsch von „bewaffnetem Kampf“ propagierten, nicht mehr in politischen Kategorien diskutieren. Vor ’77 war das zwar auch alles grundfalsch, aber die Übergänge waren fließend; die „bewaffneten Kämpfer“ teilten eine Reihe von Illusionen auch mit den anderen radikalen Linken, und das läßt sich nicht auf die Ebene rein subjektiver Borniertheiten reduzieren. Ich hoffe, nächsten Freitag (diese Woche wird’s bei mir extrem eng), ein paar von den Gründen aufzuzeigen, warum trotz allem diese Vorstellung von Stadtguerilla im direkten Niedergang der antiautoritären Bewegungen eine scheinbare Plausibilität hatte.

      alterbolschewik

      19. September 2011 at 22:03

  2. Warum verstecken Sie sich eigentlich hinter einer Maske ? So eine Maske löst bei mir immer den Verdacht aus, dass jemand gewalttätig und asozial ist. Dazu passen Ihre Artikel eigentlich nicht. Wenn man – OK, das ist für Sie möglicherweise kein Kriterium, aber sei’s drum – davon ausgeht, dass sich unsere sog. Parteiendemokratie in Bezug auf das bürgerliche Mitspracherecht und der bürgerlichen Identifizierung mit den gesellschaftlichen Eliten befindet, und dass eine Wurzel des Übels die fehlende öffentliche und frei Diskussion ist, dann sollte man in aller Freiheit – und mag sie noch so strafbewehrt sein ( was ja auch ein demokratisches Unding ist ) – mit seiner Person und Persönlichkeit hinter seiner Meinung stehen. Umgekehrt gefragt: Müssen sich Beteiligte an öffentlichen Diskussionen inzwischen hinter Autonomen- und Kriminellenmasken verstecken, weil sie nicht den Arsch in der Hose haben, zu Ihrer Ansicht zu stehen ?!

    Reinhard Wilhelm

    23. Dezember 2012 at 11:40

    • Vielen Dank für Ihren inhaltlich unglaublich bereichernden Beitrag. Die luzide Auseinandersetzung mit dem Text ist beeindruckend.

      Dennoch, obwohl es mir beinahe die Sprache verschlägt, will ich Ihnen dennoch eine Antwort geben: Ich stehe durchaus mit meinem Namen und meiner Person zu all den Texten, die ich veröffentliche; vieles von dem, was ich hier im Blog etwas ins Unreine schreibe, landet dann früher oder später überarbeitet auch in öffentlichen Vorträgen und Artikeln, die unter meinem Namen publiziert werden. Aber ich habe keine Lust, im Internet mehr als die unbedingt nötigen Spuren zu hinterlassen. Es finden sich eh schon viel zu viele Informationen über mich, wenn man meinen Klarnamen bei Google eingibt.

      Davon einmal abgesehen: Die Texte, denke ich, sollten für sich stehen und einen diskutierenswerten Inhalt haben, unabhängig von der Person, die sie verfaßt hat.

      alterbolschewik

      23. Dezember 2012 at 16:16


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