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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von der Schwerkraft der Begriffe

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„Das Ziel ist die Errichtung einer Rätedemokratie.“

Bewegung 2. Juni

Letzte Woche ging es um die höchst seltsame Moral, die sich aus den öffentlichen Selbstbekenntnissen zweier ehemaliger Terroristinnen ergab. Ich will gar nicht beurteilen, ob diese moralische Indifferenz angesichts von Aktionen, bei denen der Tod von Menschen bewußt einkalkuliert wurde, repräsentativ für die ganze sogenannte „Stadtguerilla“ war. Es ist, unabhängig von jeder moralischen Beurteilung, zunächst einmal Fakt, daß derartige Aktionen, zumindest bis zur Schleyer-Entführung, von einem großen Teil der antiautoritären Bewegungen nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurden. Natürlich gab es eine Menge Kritik an diesen Aktionen, doch diese Kritik blieb weitgehend „solidarisch“: Wenn die radikalen Teile der antiautoritären Bewegung auch den bewaffneten Kampf auf diese Art und Weise und im konkreten Hier und Jetzt ablehnte, so wurde seine grundsätzliche Notwendigkeit dennoch nicht bezweifelt. Die eigentlich zu stellende Frage ist deshalb nicht, wie die Aktionen der „Stadtguerilla“ moralisch zu bewerten sind, sondern warum damals eigentlich niemand von denen, die ebenfalls eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft anstrebten, aufstand und sagte: „Die haben doch komplett ein Rad ab.“

Ehrlich gesagt habe ich darauf auch keine schlüssige Antwort (falls das jemand erwartet haben sollte). Aber ich will in diesem Beitrag und wahrscheinlich auch noch in ein paar Folgebeiträgen dieser Frage nachgehen. Es wird sich dabei aber eher um ein Zusammentragen verstreuter Elemente handeln, als daß sich das Ganze zu einem theoretischen Ganzen bündeln würde. Im Augenblick scheinen mir vier Themenkomplexe für dieses Thema relevant zu sein. Zum einen ist dies zweifellos die Gewalt, die von der Gegenseite ausging. Eine entscheidende Erfahrung, die den Weg in die Sackgasse der Gewalt bahnte, war sicherlich, daß der Polizist (und, wie sich später herausstellte, Stasi-Spitzel) Kurras am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg liquidieren durfte, ohne daß er dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde. Der zweite Punkt ist das Verhalten der Öffentlichkeit: Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte. Der dritte Punkt war das heuchlerische Verhalten der offiziellen Politik den antikolonialen Befreiungsbewegungen gegenüber. Hier spielten insbesondere die Befreiungsbewegungen in Vietnam und Palästina eine wichtige Rolle. Um diese drei Punkte wird es in Folgebeiträgen gehen.

Beim vierten Punkt, der heute Thema sein soll, geht es allerdings um ein ganz hausgemachtes Problem, nämlich das eigene revolutionäre Selbstverständnis. Ich hatte schon vor zwei Wochen beschrieben, wie sich die Rebellierenden, in dem Maße, in dem sie sich zur Bewegung formierten, eine Sprache ausborgten, die eigentlich nicht die eigene war: Die der revolutionären Arbeiterbewegung. Und diese erborgte Sprache bestimmte dann, wie sie sich den Modus gesellschaftlicher Veränderung dachten: Als Revolution.

Das wäre nun nicht besonders problematisch, wenn man Revolution nur ganz allgemein und abstrakt im Sinne einer grundlegende Veränderung der Produktionsverhältnisse begriffen hätte. Dann hätte die Diskussion aber zumindest zwei Punkte klären müssen: Zum einen, wie die neuen Verhältnisse auszusehen hätten. Das blieb in den Bewegungen allerdings mehr als vage, der breite Konsens war am ehesten „irgendwas mit Räten“, konkrete Vorstellungen allerdings, wie eine hochindustrialisierte Produktionsweise auf andere als auf kapitalistische Weise zu organisieren sei, wurden nie entwickelt. Die zweite Frage wäre die gewesen, wie man ein solches Ziel, wenn man sich denn im klaren gewesen wäre, wie es genau auszusehen hätte, unter den Bedingungen einer mehr schlecht als recht, aber immerhin funktionierenden parlamentarischen Demokratie erreichen wollte. Diese Frage wurde zwar schon eher diskutiert, aber die Antworten waren von vornherein dadurch verzerrt, daß ihr der Revolutionsbegriff der radikalen Fraktionen der Arbeiterbewegung als Diskussionsfolie dienten.

Dies war wahrscheinlich kaum zu vermeiden, schließlich gab es keinen Präzendenzfall für eine Revolution in hochentwickelten und damit reichen kapitalistischen Ländern mit einem mehr oder minder gut funktionierenden parlamentarischen System, das sich durch ein allgemeines Wahlrecht legitimiert wußte. Doch die revolutionäre Tradition, auf die man sich berief, hatte es mit ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen zu tun gehabt, was aber systematisch ausgeblendet wurde. Diese klassischen Revolutionen richteten sich gegen Monarchien, Diktaturen, Kolonialherrschaften, deren Macht sich auf Gewalt, nicht auf parlamentarisch-demokratische Legitimation stützte. Diese Art despotischer Macht konnte nur durch Waffengewalt gebrochen werden, was die Revolution letztlich zu einem militärischen Akt machte.

Ein derartiger Akt militärischer Machtübernahme in der BRD ist und war auch damals natürlich völlig absurd, darüber bräuchte man eigentlich gar keine Worte verlieren. Aber allein die historische Schwerkraft des Wortes „Revolution“ brachte die Vorstellung ins Spiel, daß eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft auf jeden Fall nur mit militärischer Gewalt durchsetzbar wäre. Die Argumentation hierfür war einfach, aber suggestiv: Wenn erst die Revolution kommt, dann werden die Herrschenden natürlich nicht tatenlos zusehen, sondern werden die ganz Gewalt mobilisieren, über die sie mit Polizei und Militär verfügen. Und um die Evidenz dieser Behauptung zu untermauern, mußte man nur auf die eben durchs Parlament gepeitschten Notstandsgesetze verweisen. Und so ergab sich der einfache Schluß: vis revolutionem para bellum – wer die Revolution will, muß sich auch bewaffnen. Und der Revolutionärste von allen ist der, der diesen scheinbar unabwendbaren bewaffneten Kampf im hier und jetzt schon vorwegnimmt.

Damit vorschob sich die Diskussion aber völlig weg von den Zielen hin zu den Mitteln. Statt eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche Macht- und Eigentumsstrukturen wie und in welche Richtung hin zu verändern seien, wurde stattdessen hauptsächlich über die Mittel gestritten, wie der Kampf zu organisieren sei, legal oder illegal, parlamentarisch oder außerparlamentarisch, bewaffnet oder nicht… Und so verkamen die Mittel selbst immer mehr zum Zweck, bis die „Guerilla“ nur noch sich selbst zur Aufgabe hatte, indem es ab einem bestimmten Zeitpunkt ausschließlich darum ging, die Gefangenen zu befreien, wodurch die „Stadtguerilla“ zu einem selbstreferenziellen System wurde.

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, auf den mit historischem Ballast und romantischen Assoziationen völlig überladenen Begriff der „Revolution“ zu verzichten; das hätte den Blick auf die Größe und Schwierigkeit der Aufgabe sicherlich geschärft. Doch derartige Gedankenspielereien sind müßig, denn die Bewegung wäre auch nicht das gewesen, was sie war, hätte sie nicht von dieser Revolutionsromantik gezehrt. Und diese Romantik hatte eine gewichtige internationalistische Komponente.

Nächste Woche beschäftigen wir uns deshalb mit der internationalistischen und antiimperialistischen Rhetorik der Bewegungen, wenn Wolfgang Dreßen, Sibylle Plogstedt und Gerhart Rott meinen:

„Solidarität mit dem vietnamesischen Volk bedeutet für uns, Ho Chi Minhs Aufforderung an die italienischen Kommunisten »Errichtet die Revolution in eurem eigenen Land« zu übernehmen und an dieser Aufgabe zu arbeiten.“

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Written by alterbolschewik

23. September 2011 um 11:47

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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