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Vietnam – Analyse eines Exempels

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„Wir meinen, daß wir die Verurteilung des Krieges, den die USA gegen das vietnamesische Volk führt, nicht den Kommunisten und ihren Anhängern überlassen dürfen.“

Mitglieder des Berliner SDS, 1966

Die Fragestellung ist immer noch diese: Warum sind Teile der antiautoritären Bewegungen der Illusion aufgesessen, man könne – und müsse – eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung in den Kategorien bewaffneter Auseinandersetzung denken? Ich hatte letzte Woche vier Punkte aufgeführt, die ich für die Herausbildung dieser Vorstellung für entscheidend halte. Einer der Punkte war der Befreiungskampf der Länder der Dritten Welt gegen die koloniale Unterdrückung. Und für die antiautoritären Bewegungen war vor allem die Solidarität mit dem Kampf des vietnamesischen Volkes von entscheidender Bedeutung.

Den eigentlichen Beginn der antiautoritären Bewegungen habe ich von einem einschneidenden Ereignis her bestimmt: In der BRD war dies der 2. Juni 1967, dem Tag, an dem während einer Demonstration gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. Doch die Vietnam-Solidarität ist, auch in der BRD, älter. Tatsächlich gehörte sie zur Agenda der Neuen Linken, die ich hier in diesem Blog bereits öfters deutlich von den antiautoritären Bewegungen unterschieden habe. Wir müssen deshalb zwischen der Vietnam-Solidarität der Neuen Linken vor dem 2. Juni 1967, und der Vietnam-Solidarität der antiautoritären Bewegungen nach diesem Datum unterscheiden. Der Unterschied ist beträchtlich und wird uns der Frage, warum gesellschaftliche Veränderungen Anfang der 70er Jahre brachial militärisch gedacht wurden, ein gutes Stück näher bringen.

Dementsprechend wird sich die Darstellung der Vietnam-Solidarität in zwei Teile aufspalten. Diese Woche geht es darum, den Ursachen des Vietnamkriegs nachzuspüren und die ersten Auseinandersetzung um diesen Krieg nachzuzeichnen.

Was wir heute als „Vietnamkrieg“ bezeichnen ist nur die letzte Phase eines länger andauernden antikolonialen Befreiungkrieges, der bereits während des zweiten Weltkriegs begonnen hatte. Ursprünglich richtete sich der Kampf der vietnamesischen Kommunisten unter Ho Chi Minh gegen die japanische Besatzung, die von den eigentlichen Kolonialherren, den mit den Achsenmächten kollaborierenden Vichy-Franzosen, geduldet wurde. Nach dem Ende der Vichy-Regierung und der Kapitulation Japans wollten sich die Vietnamesen sich nicht erneut unter das Joch der französischen Kolonialherrschaft beugen, der Krieg gegen die französischen Kolonialherren begann. 1954 erlitt das französische Kolonialregime in der Schlacht von Dien Bien Phu dann eine vernichtende Niederlage. Das aus dieser Niederlage resultierende Genfer Friedensabkommen teilte das Land zunächst provisorisch entlang des 17. Breitengrades geteilt. Der nördliche Teil stand von nun an unter kommunistischer Herrschaft, im Süden regierte ein korruptes Marionettenregime von westlichen Gnaden. Dieser Zustand der Teilung sollte durch gesamtvietnamesische Wahlen, die das Genfer Abkommen innerhalb von zwei Jahren vorsah, überwunden werden.

Um zu verstehen, was dann geschah, muß man sich die damals im Westen grassierende antikommunistische Hysterie in Erinnerung rufen. Es war die Zeit des McCarthyismus, und für die antikommunistischen Ideologen war jede Schandtat legitim, so lange sie nur der Abwehr der „Roten Gefahr“ diente.

Die USA hatten bereits die Franzosen bei ihrem Versuch, der vietnamesischen Befreiungsbewegung Herr zu werden, massiv unterstützt. Jetzt, nach dem Zusammenbruch der französischen Kolonialherrschaft, versuchten sie verzweifelt, eine kommunistische Machtübernahme in Vietnam zu verhindern. Das Projekt freier, gesamtvietnamesischer Wahlen wurde torpediert; in den folgenden Jahren wurde ein korruptes südvietnamesisches Regime nach dem anderen gestützt und mit Waffen und militärischen Beratern ausgestattet. Doch all das genügte nicht, um die südvietnamesischen Marionettenregierungen dauerhaft an der Macht zu halten, weshalb die USA ab 1964 direkt militärisch intervenierten.

Diese völkerrechtswidrige Intervention mobilisierte, nach bereits zwanzig Jahren Auseinandersetzung in Vietnam, endlich die links-liberale Öffentlichkeit. Die erste bedeutende Demonstration gegen die US-amerikanischen Vietnamkrieg erfolgte am 17. April 1965 in den USA: Der „Marsch auf Washington“ brachte 25.000 Kriegsgegner auf die Beine. Die Bewegung nimmt schnell internationale Ausmaße an. 1966 wird das zentrale Jahr für diese erste Bewegung gegen die Vietnamkrieg, es finden weltweit Demonstrationen statt, Betrand Russel ruft das Vietnam War Crimes Tribunal ins Leben. In der BRD übernahm der Sozialistische Deutsche Studentenbund als wichtigste Gruppierung der Neuen Linken eine führende Rolle bei der Aufklärung über den Vietnamkrieg.

Und genau dies ist das eigentliche Stichwort: Aufklärung. Dieser ersten Bewegung gegen den Vietnamkrieg ging es vor allem darum, eine politische Beurteilung des US-amerikanischen Vorgehens in Vietnam durchzusetzen, die sich von dem idiotischen Dogma des Kalten Krieges, daß im Kampf gegen den Kommunismus alle Mittel erlaubt seien, verabschiedete. Es ist heute kaum mehr nachzuvollziehen, mit welch hanebüchenen Begründungen offizielle politische Repräsentanten der Bundesrepublik ihre ideologische Unterstützung der US-Intervention begründeten. So erklärte etwa der Bundestagspräsident Eugen Gerstenmainer, daß

„die USA seit 20 Jahren Gut und Blut für die Durchsetzung ihrer Politik der Eindämmung des Kommunismus an den Grenzen der freien Welt aufwenden. Darum stehen sie noch immer in Berlin, darum haben sie in Korea gekämpft und darum nehmen sie in Vietnam einen schmutzig-blutigen Dschungelkrieg auf sich. Sie verdienen dafür nicht Tadel, sondern die Bewunderung und Dankbarkeit aller, die es ernst meinen mit der Freiheit der Welt.“ (zit. nach [1], S.153)

Tatsächlich wurde alle Kritik am Vorgehen der USA als kommunistisch gebrandmarkt. Welche Auswirkungen dies selbst in studentischen Kreisen hatte, kann man daran sehen, daß 1965 der SDS-AStA an der FU Berlin nach einer Kampagne der Springerpresse gestürzt wurde, weil die beiden AStA-Vorsitzenden Wolfgang Lefèvre und Peter Damerow es gewagt hatten, einen Aufruf »Frieden für Vietnam« zu unterschreiben, der von einer SED-nahen Institution initiiert worden war (vgl. [2], S.89).

Deshalb war für die Neue Linke äußerste Sachlichkeit geboten. Anfang 1965 gründete der SDS in Berlin deshalb einen Arbeitskreis „Südvietnam“, der sich „mit der sozio-ökonomischen, politischen und militärischen Situation in Vietnam seit Ende des Zweiten Weltkrieges“ ([2], S.89) beschäftigte. Der Arbeitskreis arbeitete sich durch über 100 Bücher hindurch und verfolgte regelmäßig die Berichterstattung in 65 Zeitungen und Zeitschriften des Auslands ([1], S.144). Result dieses Arbeitskreises ist unter anderem das 1966 in der edition suhrkamp erscheinende Buch Vietnam. Genesis eine Konflikts von Jürgen Horlemann und Peter Gäng.

Das strategische Ziel der Neuen Linken war klar: Mit unwiderstreitbaren Fakten sollte der antikommunistische Panzer, der sich um die öffentliche Meinung gelegt hatte, durchbrochen werden. Es wurden Ausstellungen organisiert, eine »Erklärung« namhafter Intellektueller »über den Krieg in Vietnam« auf den Weg gebracht und Vertreter der US-Mission in Berlin öffentlich auf einer Podiumsdiskussion bloßgestellt. „Auf dieser Podiumsdiskussion – einem Vorläufer der teach-ins – gelang es den Rednern des SDS, die Vertreter der US-Mission so zu provozieren, daß diese unfreiwillig den Hauptvorwurf der Linken bestätigten, die USA führten ihren Krieg in Vietnam gegen das Volk und nicht mit den Volk gegen eine fremde Macht.“ ([2], S.91)

Höhepunkt dieses aufklärerischen Konzepts war der am 22. Mai 1966 in Frankfurt stattfindende Kongreß »Vietnam – Analyse eines Exempels« mit über 2200 Teilnehmern. Das Hauptreferat hielt Herbert Marcuse. Dieser Kongreß unterschied sich grundlegend vom zweiten Vietnam-Kongreß des SDS, der am 17. und 18. Februar 1968 in Berlin stattfand.

Diese Veränderungen in der Vietnam-Solidarität werden nächste Woche Thema sein, wenn es um das Motto des zweiten Vietnam-Kongresses geht:

„Für den Sieg der vietnamesischen Revolution – Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.“

Literaturverzeichnis

[1] Balsen, W. & Rössel, K., Hoch die Internationale Solidarität. Zur Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik, Köln 1986.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

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Written by alterbolschewik

30. September 2011 um 14:38

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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