shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Vietnam und Straßenkampf

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„Unsere Vietnamdemonstrationen sind schon längst primär Momente des gesellschaftlichen Kampfes mit unserer herrschenden Oligarchie, stehen nicht mehr unter dem Verdikt des eingepaßten pluralistischen Protestkomplexes.“

Rudie Dutschke

Ich habe letzte Woche behauptet, daß es in der Vietnam-Solidarität der 60er Jahre einen wichtigen Bruch gegeben hat, den ich mit dem Datum des 2. Juni 1967 verbunden habe. Man kann diesen Übergang als einen von der aufklärerischen Position der Neuen Linken zu der aktivistischen der antiautoritären Bewegungen beschreiben. Der zweite Vietnam-Kongreß, den der Sozialistische Deutsche Studentenbund am 17. und 18. Februar 1968 in Berlin abhielt, stand, im Gegensatz zum ersten Kongreß 1966, ganz im Zeichen der Aktion.

Gaston Salvatore und Rudi Dutschke hatten für diesen Kongreß den Text Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam! von Che Guevara übersetzt und veröffentlicht. In seinem gewalttätigen Pathos ist dieser Text heute kaum mehr erträglich:

„Der Krieg muß dorthin gebracht werden, wohin der Feind ihn bringt: zu seinem Haus, zu seinen Vergnügungsvierteln – der totale Krieg. Man muß den Feind hindern, auch nur eine Minute Ruhe zu finden, eine Minute Ruhe außerhalb seiner Kaserne und sogar innerhalb derselben. Wo auch immer er sich befinden möge, dort muß man ihn angreifen. Man muß ihn dazu bringen, daß er sich wie ein gehetztes Tier fühlt, wo auch immer er sich bewege. Dann wird seine Moral mehr und mehr sinken. Er wird noch bestialischer werden, aber es mehren sich die Zeichen des Nachlassens seiner Kräfte. Dann wird sich ein wahrer proletarischer Internationalismus herausbilden: mit internationalen proletarischen Armeen, in denen unter der Fahne der heiligen Sache der Erlösung der Menschheit gekämpft wird.“ (zit. nach [1], S.188f)

Und an anderer Stelle:

„Der Haß als Faktor des Kampfes, der unbeugsame Haß dem Feinde gegenüber, der den Menschen über die natürlichen Grenzen hinaus antreibt, und ihn in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt. Unsere Soldaten müssen so sein; ein Volk ohne Haß kann über einen brutalen Feind nicht siegen.“ (zit. nach [1], S.188)

Diese Rhetorik wurde dann auf dem Kongreß in eine Fetischisierung der Militanz auch hierzulande transformiert. Insbesonder taten sich dabei die anwesenden französischen Trotzkisten von der Jeunesse Communiste Révolutionaire hervor, „die während der Schlußdemonstration durch ihr militantes, zugleich aber diszipliniertes Auftreten und ihre Demonstrationstechnik einen großen Eindruck auf die deutsche Studentenbewegung machten.“ ([4], S.123). Schon während des Kongresses hatte der Trotzkist Ernest Mandel Straßenmilitanz propagiert:

„Einige technische Lehren – ich weiß nicht, ob Ihr die Fotos der Zengakuren-Studenten gesehen habt, als sie gegen die amerikanische »Enterprise« mit ihren Motorrollerhelmen und ihren Stöcken in den Händen marschierten, und andere Abwehrmittel gegen die Repression der Polizei. Ich kann euch nur sagen, daß diesen Bildern, die in den Illustrierten und Wochenschauen gebracht wurden, bereits vergangene Woche in Paris durch Pariser radikale Jugendliche gefolgt wurde, und es ist ein guter Ratschlag, den ich auch den Westberliner Studenten geben möchte.“ ([5], S.65)

Diese Militanz hatte einerseits natürlich ihren Grund in der zunehmenden Repression auf der Straße (die Repression wird noch Thema eines der nächsten Blogbeiträge sein). Andererseits stand dahinter aber auch ein agitatorisches Kalkül, das vor allem von Rudi Dutschke offensiv propagiert wurde. Zur Begründung dafür wurde ein wildes Gebräu aus frühem Marx und kritischer Theorie angerührt. Die „entscheidende Wahrheit des Marxismus“ ([3], S.47) steckt für ihn in Marx‘ dritter Feuerbachthese:

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. […] Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ ([6], S.5f)

Daraus leitet Dutschke ab, daß das Ziel der politischen Aktion nicht primär Aufklärung über gesellschaftliche Sachverhalte sein soll, sondern vor allem erst einmal Selbstveränderung. Diese Wendung von der Aufklärung zur Selbstveränderung wird von Dutschke mit Hypothesen der Frankfurter Schule über die bürgerliche Charakterstruktur unterfüttert. Kennzeichnend für den bürgerlichen Charakter sei, daß er die gesellschaftlichen Strukturen, die doch sein Produkt sind, als fremde Mächte erlebt und sich selbst, in dieser Entfremdung, als machtlos:

„Dieses »Gefühl der Ohnmacht« (Fromm) ist im bürgerlichen Charakter des Individuums im wesentlichen unbewußt. […] Nun meinen wir gerade, daß wir duch die aktiv-militanten Auseinandersetzungen auf der Straße diese unsere und alle Menschen in der Gesellschaft des Kapitalismus auszeichnende bürgerliche Charakterstruktur durch den Kampf modifiziert haben. Indem es uns gelang, die latente und manifeste Irrationalität des Systems, den Terror in den Institutionen und die Brutalität der Polizei in der Auseinandersetzung zu entlarven, versuchten wir – ähnlich wie der Vietkong – die Verwundbarkeit des Systems nachzuweisen.“ ([3], S.75f)

Damit verschiebt sich die Bedeutung der politischen Aktion grundlegend: Sie wird nicht mehr an konkreten politischen Zielen, die erreicht oder verfehlt werden können, gemessen, sondern sie wird zum Selbstzweck, zum Happening, oder wie man heute sagen würde: zum Event. Selten wurde dieser dieser Event-Charakter der Aktion besser zum Ausdruck gebracht als in einem Gespräch, in dem das Kommune I Mitglied Ulrich Enzensberger folgendes äußerte:

„Seit VIVA MARIA würde man wissen, daß Revolution Spaß macht, und zwar einen so ungeheuren Spaß, daß wir das für uns ausnützen könnten. Wenn die Leute (die Bevölkerung) erst einmal sehen, daß es denen, die Eier auf das Amerika-Haus werfen, Spaß macht, schließen sie sich an.“ (zit. nach [2], S.216)

Politisch ist diese Taktik natürlich außerordentlich gefährlich. Indem sie die Aktion völlig von irgendwelchen damit zu erreichenden politischen Zielen entkoppelt, nähert sie sich der Heideggerschen Entschlossenheit an, der es egal ist, für was sie sich entschließt. Jürgen Habermas‘ berüchtigter „Linksfaschismus“-Vorwurf gegen Dutschke legte den Finger genau in diese Wunde, auch wenn er damit weit über das Ziel hinausschoß. Dutschke hingegen zeigte sich von derartiger Kritik wenig beeindruckt:

„Vielen Genossen von uns wurde in dieser Zeit von anderen unseres Schlages vorgeworfen, Demonstrationen durchzuführen, ohne politische Inhalte sichtbar werden zu lassen. Nun zeigte es sich aber gerade, daß diese aktive Konfrontation mit der Polizei und damit auch dem Senat und der Politik des Senats in West-Berlin, daß wir in diesen Auseinandersetzungen jenen elementaren Lernprozeß absolvieren, um überhaupt die Fähigkeit für den politischen Kampf, den Klassenkampf zu erwerben.“ ([3], S.75)

Und in der Tat ist dies eine wichtige und richtige Einsicht darüber, wie soziale Bewegungen funktionieren. In den militanten Aktionen lag, zumindest in der Periode von ca. 1965 bis 1968 ein ungeheures Mobilisierungspotential. Problematisch wurde es jedoch zu dem Zeitpunkt, als dieses Mobilisierungspotential an seine Grenzen stieß, die Bewegung nicht mehr weiterwuchs und aus mangelnder inhaltlicher Klarheit in Kleinfraktionen zersplitterte. In dieser Situation führte das Festhalten an der illegalen Aktion zu deren Fetischisierung. Nicht mehr der Spaß, auch nicht die Mobilisierungsgewinne wurden zum Maßstab für die Aktion, sondern der Grad an Militanz – und der Grad der Repression.

Und damit ist der Weg gebahnt in den „bewaffneten Kampf“ der 70er Jahre, der den Bezug der eigenen Militanz zu den Aufständen der Dritten Welt seines Symbolcharakters beraubte und unmittelbar in eins setzte.


Hinweis in eigener Sache: Die nächsten beiden Wochen werde ich in Kroatien sein, unter anderem auf einem Kongreß zur Praxis-Philosophie. Wenn ich einen Internetanschluß habe, mein Laptop nicht spinnt und ich Zeit und Lust habe zu schreiben, wird es wahrscheinlich ein oder zwei Berichte von diesem Kongreß geben. Ansonsten lesen wir uns erst in drei Wochen wieder.

Literaturverzeichnis

[1] Balsen, W. & Rössel, K., Hoch die Internationale Solidarität. Zur Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik, Köln 1986.

[2] Bauß, G., Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, Köln 1977.

[3] Bergmann, U.; Dutschke, R.; Lefèvre, W. & Rabehl, B., Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition, Reinbek 1968.

[4] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[5] Mandel, E., „Rede auf dem Vietnam Kongreß“, in: neue kritik, Jg.9 (1968), Nr.47.

[6] Marx, K.: „Thesen über Feuerbach“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 3, Berlin 1956ff.

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Written by alterbolschewik

7. Oktober 2011 um 13:46

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

9 Antworten

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  1. Hier übrigens die Webseite von der Schule, die Gaston Salvatore laut wikipedia besuchte -> http://www.saintgeorge.cl/ Das Bild vom Eingangstor ist ganz sicher charakteristisch für die gesamte Ausstattung. Vor 1970 lags im oberen Providencia. Dort siehts heute so aus wie in einem besseren Viertel einer deutschen Stadt. Danach zog die Schule nach Santiago – Vitacura um, einem Gebiet mit einem heute höheren Pro-Kopf Einkommen als dem Norwegens. Salvatore war übrigens ein Neffe Salvador Allendes. Nichts gegen Salvatore oder seinen Onkel, das nur als Zusatzinformation über ein entferntes andinisches Land, in dem die Anarchisten sehr oft die Neffen der Fachos sind und jenen 200 Familien angehören.
    Am stärksten verstört mich ja an diesen Texten von Ernesto Guevara bis zu etwa den heutigen von Eva Haule und Christian Klar in Amerika21 ist ja dieser granitharte Glaube, in jedem Fall und immer auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

    Die Happening-artigen Begleiterscheinung seh ich als einen Indikator für die gesellschaftliche Tiefe einer Protestbewegung. Natürlich kann man über diese Kommune 1 Leute schmunzeln, nur drückten sie vielleicht auch etwas aus, das viele damals diffus verspürten. Die Notwendigkeit eines updates der breiten-wohlständig gewordenen deutschen Gesellschaft. Auch die aktuellen chilenischen Proteste tragen viel hapening-artiges Beiwerk und ich habs dort als Indiz der inneren Stärke der Bewegung gesehen. Vielleicht ermuntert der Rückhalt in weiten Schichten der Bevölkerung Protestbewegungen zu solchen kreativen Aktivitäten. Trotz aller Ablehnung ernteten auch die deutschen 68er eine Menge Sympathie, eben z.B. auch von disziplinierten materiell und gesellschaftlichen Aufsteigern wie meinen Eltern.
    Vielleicht war die Entschlossenheit einfach da, weil viele Gebräuche und Haltungen der Adenauer-Zeit einfach nicht mehr in die damalige Bundesrepublik paßten. Istne Phrase unserer jüngeren Geschichte, aber die kulturellen Änderungen die damals ihren Ausgang nahmen waren doch wohl schon wirklich gewaltig. Auch in den aktuellen chilenischen Protesten gibts wenig Bereitschaft der Bewegung auch nur zu ernsthaften Gesprächen mit der Regierung. Hauptsächlich gehts darum, entschlossenen Fundamental-Protest zu demonstrieren, weil sie spüren, dass viele Charisterika der Spielregeln ihrer Gesellschaft nicht mehr zur Gesellschaft selbst passen.

    Damit kann ich natürlich nicht den deutschen Terrorismus erklären, aber das trau ich mir eh nicht zu 😉
    Deine Artikel les ich übrigens sehr gerne.

    Mario Vargas Llosa hat einmal sinngemäss bemerkt, dass in einem künstlerischen Werk Wucht zählt, eine brauchbare politische Analyse eher von vielen ähs und ja abers durchzogen ist. Aproposito Wucht http://www.youtube.com/watch?v=stutWBY35yw&feature=player_embedded#! (3:15 gehts richtig los).

    Lemmy Caution

    8. Oktober 2011 at 16:23

    • Danke für die Ermutigung, Lemmy, manchmal habe ich schon das Gefühl, ins Leere hineinzuschreiben. Nicht, daß mir das viel ausmachen würde, das meiste hier ist einfach mal laut vor mich hingedacht, aber es ist trotzdem erfreulich, wenn’s jemand anderes mit Gewinn liest.
      Über Salvatore weiß ich zu meiner Schande so gut wir gar nichts. Letzte oder vorletzte Woche war in der FAZ ein Artikel zu seinem 70. Geburtstag, in dem bemerkt wurde, daß er bei der radikalen Linken in Ungnade gefallen sei, weil er die 68er-Aktivitäten durchaus selbstkritisch hinterfragt habe. Er scheint also zumindest eine Persönlichkeit zu sein, die eine nähere Beschäftigung lohnt.
      Das mit dem Event-Charakter der Dutschkeschen Aktionstheorie kam, glaube ich, etwas zu negativ rüber, weil mein augenblicklicher Aufhänger das Abrutschen von Teilen der antiautoritären Bewegungen in den Terrorismus ist. Ich glaube tatsächlich auch, daß das, unabhängig davon, wozu es später dann auch geführt hat, eines der innovativsten Momente der Bewegung war (wobei allerdings auch die eklatanten Schwächen analysiert werden müssen). Insbesondere stellt sich die Frage, ob das, was in der zweiten Hälfte der 60er Jahre funktionierte, noch einmal reproduzierbar ist, oder ob die Bedingungen dafür endgültig vergangen sind. Dein Hinweis auf Chile ist da sicherlich interessant; überhaupt habe ich schwer das Gefühl, daß wir wieder vor einem internationalen Bewegungszyklus von Protesten stehen, die für sich selbst noch überhaupt keine Sprache und auch keine anderen eigenständigen Artikulations- und Aktionsformen gefunden haben. Wir leben auf jeden Fall auf einmal wieder in interessanten Zeiten.

      alterbolschewik

      8. Oktober 2011 at 22:46

  2. Ich denke, es lesen hier viele mit Gewinn. Die Texte sind freilich so stringent und dicht, daß es sich nicht für nebenbei kommentieren läßt. Ich habe es mir immer wieder vorgenommen, etwas zu schreiben, weil auch mich die Frage nach der Praxis in der Theorie antreibt. Aber es erfordert eine angemessene Antwort auf Deine Texte eben auch Zeit, und es muß dazu gelesen und nachgeschlagen werden.

    Die Internationalisierung von Protest (und den Zusammenschluß) halte auch ich für wichtig. Hier würde ich allerdings Deleuzes/Guattaris Konzept von Vernetzung und Verknüpfung, als Rhizom konzipiert, ansetzten: daß die Vielheit (des Protestes) bewahrt wird.

    Der Event- oder Spektakelcharakter bei Aktionen ist sicherlich zu kritisieren, aber das Moment des Lusthaften sollte trotzdem nicht völlig ausgeschieden werden. Zumal es seinerzeit ja auch um die Befreiung vom bürgerlichen Zwangscharakter ging. Allerdings scheint mir diese Befreiung doch selbst wieder ein Stück jenes Zwanges zu reproduzieren und derart gleichermaßen zwanghaft geraten zu sein.

    Bersarin

    9. Oktober 2011 at 19:47

  3. Aktion als Hilfsmittel einer fundierten Gesellschaftskritik macht zwar gesellschaftlichen Eindruck, kann diese aber nicht ersetzen.
    Wenn die herrschende Ideologie/Weltanschauung in den Augen vieler Schiffbruch erlitten hat, dennoch aber auf die plumpeste Weise verteidigt und dabei auch vor unlautersten Mitteln nicht zurückgeschreckt wird, provoziert dies sehr beträchtlich – und vor allem aktionistischen Protest.
    Die blindwütige Gewalt der Herrschenden führt dann leicht dazu, ebenso unreflektiert, strategisch und taktisch undiszipliniert und somit rücksichtslos „zurück-zu-schlagen“.
    Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darf man annehmen, dass diese Verselbständigung des Protestes in unreflektierte Gewalt von bestimmten Kreisen durchaus so gewollt war, um auf diese Weise keinen Überschlag von Sympathien auf die Gesamtbevölkerung befürchten zu müssen.

    Von Dutschke stammen auch andere Meinungen über Aktionismus, wie man an seinem Revolutionsbegriff unschwer erkennen kann.
    Viele Äußerungen sind aber einer als revolutionär empfundenen Situation geschuldet und letztendlich nur von dieser Warte aus vernünftig einzuordnen.

    Grundsätzlich muss aber schon bemerkt werden, dass auch die kritische gesellschaftliche Analyse zur damaligen Zeit bei aller verständlichen Kritik nicht zu einer fundierten gesellschaftlichen Veränderung, welche weit über die stetig stattfindenden hinausgeht, befähigt war und eine evtl. Revolution im Revolutionismus geendet hätte, was aber im wesentlichen nur eine historische Weiterführung der bisherigen Revolutionen gewesen wäre.
    Denn das zentrale Fundament für eine wirkliche Revolution sind die brachliegenden Möglichkeiten einer anderen gesellschaftlichen Reproduktion, welche aber in vielem zuerst eine bewusste Modifizierung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse erfordert und keinen unreflektierten Umsturz.
    Dafür muss aber ein bestehendes System erst wirklich verstanden werden.
    Wenn ich mir aber bestimmte Äußerungen über den „Finanzkapitalismus“ in der heutigen Zeit als Grundlage nehme, so kann man nicht attestieren, dass die gesellschaftliche Reproduktion und ihr Wandel fundamental wirklich verstanden worden ist oder bereits wird.

    ludwig

    9. Oktober 2011 at 20:25

  4. Der Hinweis auf Deleuze / Guattari trifft, glaube ich, ins Schwarze. Ich neige immer mehr der Ansicht zu, daß der größte Teil des Neomarxismus (vom orthodoxen ganz zu schweigen) nach ’68 weitgehend irrelevant war – und das sage ich mit einiger Bitternis, weil dies für mich ein wichtiger Bezugspunkt war. Ich denke, wenn es eine philosophische Strömung gab, die wesentliche Impulse dieses Aufbruchs verarbeitet hat (aber auch an einigen seiner Schwächen litt), dann war das die französische „Postmoderne“. Die von Ferry und Renaut pejorativ gemeinte Bezeichnung der Postmoderne als „Pensée 68“ trifft tatsächlich in einem durchaus guten Sinne zu.

    alterbolschewik

    9. Oktober 2011 at 20:33

  5. Und um gleich auf Ludwig noch zu antworten und im Anschluß an meine Antwort auf Bersarin: Die Schwäche sowohl der Bewegung wie auch der philosophischen Postmoderne lag darin, daß sie sich souverän über die – und jetzt begebe ich mich philosophisch in ganz trübes Fahrwasser – tatsächliche Realität hinweggesetzt hat. Beide begriffen „Realität“ nur noch als ein Konstrukt, das voluntaristisch dekonstruiert werden kann (ich weiß, ich pauschaliere hier gerade weit jenseits des Zulässigen, aber ihr wißt, was ich meine). Die paradoxe Aufgabe hätte eben darin bestehen müssen, die Härte der realen Verhältnisse tatsächlich zu erkennen und zu durchschauen (statt sie als bloßes Konstrukt oder als Verschwörung aufzufassen), sich dadurch aber nicht zu praktischer Ohnmacht verdammen zu lassen. Dutschke zielte prinzipiell schon auf das Richtige, als er forderte, Aktion und Erkenntnis nicht voneinander zu trennen, daß wahre Erkenntnis nur in der Aktion, und vernünftige Aktionen nur dank richtiger Erkenntnis möglich seien. Die reale Praxis sah aber im Gegensatz zur gut gemeinten Theorie Dutschkes so aus, daß in den Bewegungen die Erkenntnis zusehends von der „Praxis“ verdrängt wurde. In den Autobiographien der beiden Terroristinnen, die ich vor ein paar Wochen zitiert habe, kocht ständig diese Verachtung für die „Theoretiker“ hoch, während sie nach wie vor völlig stolz sind auf ihre komplett begriffslose Praxis. Vermittlungslose Praxis aber ist keine Praxis, sondern bloß selbst wieder ein Reflex auf die Verhältnisse.

    alterbolschewik

    9. Oktober 2011 at 20:54

  6. „Vermittlungslose Praxis aber ist keine Praxis, sondern bloß selbst wieder ein Reflex auf die Verhältnisse.“

    Volle Zustimmung. Und ich habe es gestern ganz vergessen – was etwas unhöflich war – Dir eine schöne, interessant und vor allem wissenreiche Zeit in Kroatien zu wünschen. Ein wenig beneide ich Dich um diesen Aufenthalt.

    Der Weg zwischen dem Erkennen der Verhältnisse und dem, nicht der Ohnmacht oder der ohnmächtigen Wut zu verfallen, ist ein schwieriger. Ich selber neige zur Aporie. Aber das ist freilich nicht das letzte Wort. Denn es kommen, wie Ingeborg Bachmann schon in einem ihrer Gedichte wußte, härtere Zeiten.

    Bersarin

    10. Oktober 2011 at 19:29

  7. Danke. Momentan sind wir noch in Dubrovnik und machen das, was alle Touris um uns herum auch so machen, aber morgen geht es weiter nach Korcula. Ich freue mich ungemein auf die Tage mit Vorträgen, Diskussionen, Gesprächen…; ich hoffe, daß ich dazu komme, ein wenig davon auch hier im Blog vermitteln zu können.
    Was die Aporie zwischen Theorie und Praxis betrifft: Das ist, nach den Erfahrungen von 68, sicherlich eine realistischere Sicht der Dinge als das damals geläufige optimistische Schwadronieren von einer „Dialektik“. Aber wenn ich nicht die Hoffnung hätte, daß die Aporie keineswegs zwingend ist, würde ich dieses Blog nicht betreiben. Vielleicht läßt sich ja doch aus der Geschichte der Bewegungen eine Einsicht herausdestillieren, die auch die politische Praxis befördert, ohne zu mystifizieren. Dem steht allerdings Hegels schwerwiegende und bislang empirisch nie widerlegte Einsicht entgegen, daß das einzige, was sich aus der Geschichte lernen lasse, dies sei, daß die Menschen aus der Geschichte nie etwas gelernt hätten.

    By the way: Ich hoffe, wenn ich aus Kroatien zurück bin, zu den höchst interessanten Überlegungen zum Verhältnis von Terror und Bild in Deinem Blog noch etwas zu schreiben, aber das muß warten, bis ich nicht mehr in einem Hotelzimmer sitze…

    alterbolschewik

    10. Oktober 2011 at 21:17

  8. Einfach danke für diesen Beitrag! Hänge in 14-Stunden-Arbeitstagen fest, sonst wäre ich heftig dabei, but Capitalism sucks.

    che2001

    10. Oktober 2011 at 23:26


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