shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

On the road to Korčula

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Korcula

Das Panorama von der Hotelterrasse aus ist umwerfend: Unter mir liegt die Stadt Korčula mit ihrem Hafen, jenseits davon erhebt sich ein Gebirgsmassiv auf der Halbinsel Pelješac, von der wir gestern nach einer dreistündigen Busfahrt von Dubrovnik her übergesetzt sind. Dort waren wir letzten Samstag nach völlig entspannter Anreise gelandet, ganz anders als die GenossInnen, die einen Tag später anreisten: Diese mußten wegen eines heftigen Sturms in Split notlanden und kamen nach einer abenteuerlichen Reise über enge Serpentinenstraßen und der Überfahrt auf stürmischer See in einer Nußschale nachts um halb drei auf Korčula an.

Ein alter Bolschewik wartet auf seinen Flug

Wir hatten von alldem nichts mitbekommen, sondern blieben noch einige Tage in Dubrovnik. Hier kann man auf jeden Fall zumindest ein partielles Verständnis für die islamistische Ideologie entwickeln: Nach zwei Tagen in Dubrovnik entwickelt man selber einen abgrundtiefen Haß auf Kreuzfahrer. Dubrovnik ist eine absolute Touristenfalle – und dennoch möchte ich die beiden Tage nicht missen. Daß Dubrovnik – damals Ragusa – im 16. Jahrhundert einer der bedeutendsten Seehäfen der Welt war, der in der Adria mit Venedig konkurrierte, war zumindest mir bislang nicht bekannt.

In einer Stadt wie Dubrovnik spielt die Geschichte, die hier an jeder Straßenecke zu greifen ist, eine ganz andere Rolle als etwa bei mir zu Hause in Freiburg. Natürlich kenne ich die Freiburger Stadtgeschichte, und ich kann die ganzen subtilen Kleinigkeiten im Stadtbild entziffern, die auf diese Geschichte verweisen. Doch in Dubrovnik ist Stadtgeschichte nicht subtil verborgen; die ganze Stadt ist Stein und Mauerwerk gewordene Erinnerung einstiger kroatischer Größe, und daran wird man auch auf Schritt und Tritt erinnert.

Dubrovnik

Die Grenze zum lächerlich Nationalistischen wird dann auch schnell überschritten: Im Maritim-Museum macht einen zum Beispiel ein Schild darauf aufmerksam, daß typisch „jugoslawische“ Schiffsnamen, die man auf einigen Bildern sehe, nichts anderes seien als Ausdruck eines groß-serbischen Machtstrebens. Leider nimmt die Dummheit dieses Nationalismus ihm nichts von seiner Gefährlichkeit.

Erschütternd sind dann aber auch die Photographien eines Dubrovniks, das sich unter serbischem Beschuß versucht, wegzuducken (im Maritim-Museum und im Rektoren-Palast). Erst zwanzig Jahre ist es her, daß hier ein irrwitziger Bürgerkrieg tobte; und auch wenn die ganzen physischen Schäden längst beseitigt sind, die Schäden im Bewußtsein bleiben bestehen.

Dementsprechend spannend dürfte die Konferenz zur Praxis-Gruppe die nächsten Tage werden. Die Geschichte der Zeitschrift Praxis und der Sommerschule auf Korčula berührt Punkte, die in der Gegenwart der Staaten des ehemaligen Jugoslawiens weiterhin aktuell sind. Ich hatte in diesem Blog ja schon öfter erwähnt, daß die Neue Linke der 60er Jahre versuchte, zwischen den beiden Polen des Kalten Krieges, zwischen Ost und West eine dritte Position einzunehmen. Weder wurde der verkürzte westliche Freiheitsbegriff, der diese auf die Freiheit der Marktteilnehmer begrenzte, noch der stalinistischen Autoritarismus akzeptiert. Auf den ersten Blick könnte man deshalb vermuten, daß im blockfreien Jugoslawien diese Dichotomie des Kalten Krieges keine so entscheidende Rolle gespielt hätte. Doch die damalige jugoslawische Wirklichkeit war davon weit entfernt: Ab Mitte der 60er Jahre verlief der Bruch mitten durch den herrschenden Bund der Kommunisten Jugoslawiens, der in eine orthodoxe autoritär-stalinistische und eine liberale, auf Dezentralisierung setzende Fraktion gespalten war. Der Dezentralismus der liberalen Fraktion verband sich jedoch schnell mit nationalistischen Bestrebungen, die Anfang der 70er Jahre zum „kroatischen Frühling“ führten, einem reaktionär-nationalistischen, von der „liberalen“ kroatischen Parteiführung aber unterstützen Aufstand. Das rief die zentralistisch-autoritäre Fraktion auf den Plan, die gegen diesen drohenden Zerfall mit repressiven Maßnahmen reagierte.

Zwischen diesen beiden Polen, die die Politik im Bund der Kommunisten bestimmten, versuchten die Praxis-Philosophen wie auch die antiautoritären Bewegungen einen dritte Position zu entwickeln, die einerseits dem liberalen Partikularismus die Einheit Jugoslawiens entgegensetzte, andererseits aber auch den stalinistischen Autoritarismus vehement kritisierte.

Das Wrack des Humanitären Marxismus?

Diese dritte Position mag historisch unter die Räder gekommen sein, eine Diskussion darüber ist aber auch heute noch von Relevanz. Ich freue mich auf die nächsten Tage.

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Written by alterbolschewik

12. Oktober 2011 um 16:20

Veröffentlicht in Korcula Sommerschule

2 Antworten

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  1. Dubrovnik hat geschichtlich so einiges zu bieten, jedoch ist wie du schon geschrieben hast, Dubrovnik eine große Touristenfalle geworden.
    Vorallem im Sommer wenn die großen Kreuzfahrtschiffe kommen, hat man in der Stadt kaum Platz. Ich würde dir Dubrovnik im Oktober oder März empfehlen. Die Temperaturen sind dann noch moderat, die Städte ist halb leer und die Preise entwickeln sich zurück.

    engleski rjecnik

    22. Oktober 2011 at 19:21

    • Sorry wegen der späten Freischaltung – der Kommentar landete im Spam, was ich jetzt erst bemerkt habe.

      alterbolschewik

      29. Oktober 2011 at 13:49


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