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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Korčula – Der erste Tag

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Erster Teil der Praxis-Ausstellung

Ehrlich gesagt, von der Eröffnungsdiskussion hätte ich mehr erwartet: Auf dem Podium saßen vier ehemalige Teilnehmer und eine Teilnehmerin der historischen Sommerschule, unterstützt von Peter Milat als Moderator. Peter hatte den Teilnehmern schon im voraus Fragen geschickt, die dann gemeinsam auf dem Podium erörtert werden sollten. Nun ja, Peter wurde eine Frage los, dann begann statt eines Gesprächs das große Monologisieren.

Nur, auch innerhalb der Monologe waren die Qualitätsunterschiede erheblich. Zu Beginn wurde das Wort der ältesten Teilnehmerin erteilt, Zagorka Golubović, Jahrgang 1930. In einer leidenschaftlichen Ansprache arbeitete sie noch einmal die zentralen Punkte heraus, die die Klammer um die sehr heterogenen Standpunkte der einzelnen Mitglieder der Praxisgruppe bildete: Eine Konzentration auf die Freiheit des Individuums und die schonungslose Kritik alles Bestehenden. Und die zierliche ältere Dame redete der anwesenden Jugend ins Gewissen, diese Tradition in die Zukunft weiterzuführen. Der Applaus im Anschluß an diese Ausführungen war herzlich und ernst gemeint.

Die Erinnerungsrunde

Beim Applaus, der auf die anschließenden Monologe folgte, mischte sich in die Hochachtung für die Referierenden teils auch die Erleichterung darüber, daß der Redner ein Ende gefunden hatte. Insbesondere Nebojša Popov verstand es in seinen Ausführungen nicht, auf den Punkt zu kommen. Dabei war seine Grundfrage gar nicht uninteressant: Wie konnte Jugoslawien einst als ein Modell gelten, das sowohl dem stalinistischen Autoritarismus wie auch dem Wirtschaftsliberalismus des Westens überlegen schien, dann aber in einem blutigen Bürgerkrieg unterging? Die Antwort fiel sehr weitschweifig und wenig präzise aus. Letztendlich machte er die Repression, die gegen Bestrebungen wie die Praxis-Gruppe und die Stundentenbewegung nach 68 gerichtet wurde, dafür verantwortlich, daß das System sich nicht weiterentwickelte, sondern in Stagnation verfiel und schließlich zerbrach. Dies wurde aber mit so außerordentlicher Liebe zum Detail und mit vielen Abschweifungen exemplifiziert, daß auch der gutwilligste Zuhörer irgendwann genervt auf die Uhr sah. Nichtsdestotrotz beeindruckte, wie wichtig es Popov war, seine Mahnungen zu entfalten.

Die Ausführungen der anderen drei sind in meinem Gedächtnis unter dem Wasserfall der Popovschen Ausführungen begraben. Meinen Aufzeichnungen zufolge gab Božidar Jakšić einen vernünftigen Abriß der Praxisgeschichte, arbeitete Gajo Sekulić die Differenzen zwischen der offiziellen linken Ideologie des Regimes und der linken Position der Praxis-Gruppe bzw. der Studentenbewegung heraus, die er aber als gescheitert ansah, während Lino Veljak als letzter Redner vor allem einige Anekdoten aus der Geschichte der historischen Sommerschule beisteuerte.

Das erste Panel

Das erste Panel nach der Mittagspause verlief dann etwas strukturierter. Krunoslav Stojaković, Branka Ćurčić und Gal Kirn versuchten sich daran, das Verhältnis von kulturellen Bewegungen und Praxis-Philosophie genauer zu bestimmen. Krunoslav arbeitete dabei vor allem mit historischen Analogiebildungen: Der kreativ-humanistische Impetus, der die Praxis-Philosophie beflügelte, lag seiner Auffassung nach auch den modernen künstlerischen Produktionen der Zeit zu Grunde. In der Diskussion ging er, vor allem nach einem Einwurf des anwesenden Regisseurs Želimir Žilnik, sie hätten die Praxis-Philosophie gar nicht rezipiert, dann noch etwas genauer auf das Theorem eines „kognitiven Referenzrahmens“ ein. Danach sei es beim Einfluß der Praxis-Philosophie auf die künstlerische Produktion der späten 60er und frühen 70er Jahre nicht darum gegangen, daß die Kulturschaffenden die Theorien der Praxis-Gruppe rezipiert und umgesetzt hätten, sondern daß sie beide in einem gemeinsamen Feld agiert hätten, innerhalb dessen sie sich gegenseitig beeinflußten.

Branka und Gal hingegen versuchten sich aus etwas unterschiedlicher Warte, aber gleicher Zielrichtung an einer Kritik des Kulturbegriffs der Praxis-Gruppe. Die Praxis-Philosophen, so ihr Vorwurf, hätten die kulturelle Arbeit gar nicht als Arbeit, sondern als Verwirklichung des praktischen menschlichen Wesens begriffen. Dabei sei aber ausgeblendet worden, daß auch die künstlerische Produktion nicht an sich frei sei, sondern sich in einem bestimmten ökonomischen Umfeld abspiele. Durch diese Mißachtung der materiellen Bedingungen künstlerischer Produktion hätten sie aber letztendlich der Prekarisierung kultureller Arbeitsverhältnisse Vorschub geleistet. Diese kritische Intervention gegen einen von den materiellen und ökonomischen Bedingungen losgelösten Humanismus provozierte zumindest eine angeregte Diskussion, die hoffentlich in den nächsten Tagen fortgeführt wird.

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Written by alterbolschewik

13. Oktober 2011 um 22:15

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

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