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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Film und „Praxis“

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Die Konferenz auf Korčula hat, zumindest für mich, eine Reihe wichtiger Fragen aufgeworfen, auf die ich auch keine Antwort habe, von denen ich aber glaube, daß es lohnt, sich weiter in sie zu vertiefen. Zentral scheint mir dabei die Frage zu sein, in welchem Verhältnis die (Sub-)Kultur der 60er Jahre sich zu den theoretischen Konzepten der Neuen Linken verhielt. Die jugoslawische Erfahrung scheint mir dabei ein ganz gutes Beispiel zu sein, um dies zu thematisieren.

I

Eine der wichtigsten ungelösten Fragen auf der Konferenz war die nach dem Zusammenhang zwischen der sogenannten „schwarzen Welle“ im jugoslawischen Film und den Theorien, wie sie in der Zeitschrift Praxis und während der Sommerschulen auf Korčula entwickelt wurden. Želimir Žilnik, einer der wichtigsten Regisseure des neuen jugoslawischen Films bestritt vehement, daß er von der Praxis-Philosophie beeinflußt gewesen sei. Was ihn beeinflußt hätten, seien andere Regisseure gewesen, nicht irgendwelche Philosophen. Krunoslav Stojanović vertrat dagegen die Auffassung, daß sich mit dem „Praxis“-Begriff ein Analogon finden ließe, mit dessen Hilfe sowohl die Philosophie wie auch die (Gegen-)Kultur als einheitliche Bewegung zu denken wären.

Auf den ersten Blick klingt das nicht unplausibel: Zweifellos lassen sich Analogien zwischen den Formen im kulturellen Bereich (in Jugoslawien vor allem Film und Theater) und der Praxis-Philsophie aufzeigen. Beide verband eine Unzufriedenheit darüber, wie kommunistische Ideologie und jugoslawische Realität auseinanderklafften. Und beide versuchten, auf ihre Weise, diesen Abgrund zu überbrücken. Zudem gab es auch persönliche Kontakte. Krunoslav zitiert beispielsweise einen Redebeitrag des Praxis-Autors Danko Grlić auf einem Symposion zum jugoslawischen Kino ([1], S.53).

Doch die eigentliche Frage ist, ob der doch sehr allgemeine Begriff der „Praxis“ einen, wie es Krunoslav nannte, „kognitiven Rahmen“ bilden kann, der es erlaubt, die beiden unterschiedlichen Verhaltensweisen, die der Philosophen und die der Kunst- oder Kulturschaffenden als Einheit zu begreifen. Oder ob man nicht vielmehr herausarbeiten müßte, was die beiden unterscheidet.

II

Wenn wir eine klassische Herangehensweise wählen würden, dann müssten wir eine solche Einheit von vornherein ganz grundsätzlich verneinen. Die Künste und die Philosophie mögen in ihrer grundsätzlichen Zielvorstellung übereinstimmen, ihre jeweilige Verfahrensweise ist jedoch fundamental verschieden. Auch wenn beide, traditionell gesprochen, auf das Absolute zielen, dann in doch sehr unterschiedlicher Form: Die Kunst letztlich als sinnliche Erfahrung, Schönheit, die Philosophie hingegen im Medium des Begriffs, Wahrheit. Die Kunst zielt also auf die Unmittelbarkeit der Sinnlichkeit, die Philosophie dagegen auf gedankliche Vermittlung.

Diese Differenzierung zwischen Kunst und Philosophie wird seit der Antike als Konkurrenzverhältnis begriffen. Bei Platon ist die Erfahrung sinnlicher Schönheit nur ein ungenügender Widerschein dessen, was die Erkenntnis der unsinnlichen Wahrheit dem Philosophen bieten kann. Sie wird nicht verdammt (zumindest nicht im Symposion, in der Politeia dann schon eher), aber sie ist nur ein Einstieg, die Leiter, die fortgeworfen werden kann, wenn man die Sphäre der un- oder übersinnlichen Wahrheit erklommen hat.

Diese Differenzierung zieht sich dann, in unterschiedlichen Formen durch bis zu Hegel, der ein mögliches Ende der Kunst ja gerade dadurch begründete, daß diese Form der durch die Sinnlichkeit vermittelten Erkenntnis des Absoluten durch die Philosophie (um genau zu sein: durch seine Philosophie) obsolet geworden ist.

Selbst die romantische Kunstauffassung zehrt noch von diesem Widerspruch, auch wenn sie ihn von den Füßen auf den Kopf stellt: Hier wird dann gerade die Unmittelbarkeit der Kunst überhöht, weil die Zergliederung und Zerstückelung, die dem begrifflichen Denkens eigen ist, als dem Absoluten unangemessen behauptet wird.

III.

Doch greift diese Differenzierung zwischen Kunst und Philosophie auch im Kontext der Bewegungen der 60er Jahre? Die Kunst, oder um direkt auf unser Beispiel zurückzukommen: Der neue jugoslawische Film lässt sich längst nicht mehr so als unvermittelte Sinnlichkeit charakterisieren, wie es die philosophische Kunstverachtung gerne getan hat.

Nehmen wir zum Beispiel Žilniks Frühe Werke. Schon im Titel (der auf die Marxschen Frühschriften verweist, ein Wortspiel, das in der deutschen Sprache nicht so ganz funktioniert) werden diskursive Bezüge hergestellt, die mit unmittelbarer Sinnlichkeit nichts zu tun haben. Und so sind die Bilder des gesamten Films vollgepackt mit Bezügen, die sich nicht unmittelbar erschließen, sondern ganz bewußt gelesen werden müssen. So ist der Citroën Deux Cheveaux, mit dem die Studenten erfolglos auf’s Land fahren, um die Bauern zu agitieren, nicht nur ein beliebiges Fortbewegungsmittel, sondern natürlich auch eine Bezugnahme auf den französichen Mai 68, etc. Das unvermittelte Wahrnehmen des Films würde diesen in eine Reihe zusammenhangsloser Bilder verwandeln, die einfach nur langweilig wären. Erst die vermittelte Lektüre macht ihn zu einem einheitlichen Ganzen, einer Kritik nicht nur der zeitgenössischen jugoslawischen Realität, sondern auch der Unzulänglichkeiten der Studentenbewegung.

IV.

Und können wir im Gegenzug nicht auch die Zeitschrift Praxis und die Sommerschule von Korčula völlig anders bewerten? Was ist, wenn wir dies nicht als theoretisch-philosophisches Projekt interpretieren, sondern als eine kulturelle Praxis, bei der es beispielsweise gar nicht so sehr auf eine subtile Interpretation der Marxschen Grundrisse ankam, sondern auf das gemeinsame Projekt als solches? Natürlich hatte die intellektuelle Auseinandersetzung einen wesentlichen Stellenwert, aber war das kulturelle Netzwerk, das dann im Moment gesellschaftlicher Krise für die Aktion aktiviert werden konnte, nicht mindestens so wichtig? Und unterscheidet sich das so durch die Herausgabe der Zeitschrift und der Veranstaltung der Sommerschule geknüpfte Netzwerk denn von denen der Theaterleute oder Filmemacher?

V.

So schön das alles klingt: Diese Ineinssetzung von kulturell-künstlerischer und theoretisch-philosophischer Praxis ist scheinhaft. Filme wie Žilniks Frühe Werke mögen eine diskursive Struktur haben und der Dekodierung bzw. Interpretation bedürfen. Deswegen sind sie dennoch nicht wirklich argumentativ. Ihren visuellen „Argumenten“ bleibt eine Unbestimmtheit und Uneindeutigkeit wesentlich. Und selbst wo Žilnik in seinem Film direkt mit Marx-Zitaten arbeitet, dienen diese nicht als Nachweis oder Bestätigung einer Aussage. Vielmehr werden sie in diesem filmischen Kontext zum genauen Gegenteil eines „Klassiker“-Zitates: Statt die „Aussage“ des Filmes zu bestätigen, dient der Film vielmehr dazu, die Bedeutung des Zitates zu destabilisieren.

Andererseits ist die Philosophie der Praxis-Gruppe viel zu sehr in der klassischen deutschen Philosophie verankert, als daß ihre philosophische Praxis selbst als ein in weiten Teilen kulturelles Phänomen zu interpretieren wäre. Das rationale Argument, dessen Wahrheitsgehalt, wie problematisch auch immer, argumentativ abgesichert werden muß, ist für dieses Philosophieren unabdingbar.

Das heißt auch, daß wir bei der Frage nach dem Zusammenhang von neuem jugoslawischem Film und Praxis-Philosophie zumindest davon ausgehen müssen, daß die Form der jeweiligen Praxis eine wesentlich verschiedene war. Sie sind nicht Teil einer allgemeinen „Kritik alles Bestehenden“, sondern repräsentieren zwei grundlegend unterschiedliche Modi der Kritik, die sich einerseits zwar nicht gegenseitig ausschließen, sondern parallel zu einander bestehen können, die sich aber andererseits auch nicht wirklich überschneiden.

VI.

Das gilt sicherlich nicht für jegliches Philosophieren: Das Gegenmodell zur rational-diskursiven Systematik der klassischen deutschen Philosophie, in deren Tradition die Praxis-Gruppe steht, ist sicherlich die Aphoristik Nietzsches. Hier geht es nicht die systematische Entwicklung eines Gedankenganges, sondern vielmehr um eine unvermittelt aufblitzende Evidenz. Diese ist aber eine eher künstlerisch-literarische als eine klassisch-philosophische Verfahrensweise. Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, daß derjenige der Praxis-Philosophen, der sich am vehementsten in die künstlerischen Debatten der 68er-Jahre eingemischt hat, der ausgewiesene Nietzsche-Kenner Danko Grlić war.

Die Praxis-Gruppe aber ging gerade nicht diesen Weg (auch Grlić nicht in seinen Praxis-Texten). Wenn wir eine Philosophie finden wollen, der wir einen gemeinsamen Wesenskern mit den antiautoritären Bewegungen unterstellen wollen, dann müssen wir den Blick eher nach Westen richten, auf das „anti-humanistische“ Denken der französischen Postmodernen. Dieses schmiegte sich den zentralen Themen der antiautoritären Bewegungen viel eher an als die humanistische Marx-Interpretation der jugoslawischen Philosophen.

Um es zuzuspitzen: In Žilniks Frühe Werke lassen sich wahrscheinlich viel eher Bezüge zur Philosophie von Deleuze aufzeigen als zu der von Kangrga…

Literaturverzeichnis

[1] Stojanović, K.: „Praxis als kognitiver Rahmen der Kultur?“, in: Rosa Luxemburg Stiftung (Hg.), Reader zur Konferenz „Praxis – Kritik und humanistischer Sozialismus“ vom 13. bis 15. Oktober 2011, o.O. (Belgrad) o.J. (2011).

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Written by alterbolschewik

21. Oktober 2011 um 16:41

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

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