shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen

with 2 comments

„Ja, wenn man eine Reise tut, kann man was erzählen. Wenn man in den Osten fährt, kann man viel erzählen, aber noch mehr kann man dann über das erzählen, was man gemeinhin „Westen“ nennt.“

Heinz Walter, Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung 1957

Das Intermezzo letzte Woche darüber, daß Gewalt sich nicht nur in physischen Auseinandersetzung manifestiert, ist eine ganz gute Einleitung für den heutigen Beitrag, der nächste Woche noch eine Fortsetzung finden wird. Es geht darum, wie in den späten 50er und frühen 60er Jahren, Formen von höchstenfalls moderat abweichendem oder kritischem Verhalten in der Freiburger Studentenzeitung mit institutionellen Angriffen beantwortet wurden, die jede Verhältnismäßigkeit vermissen ließen.

Wie momorulez in einem Kommentar letzte Woche zurecht anmerkte, verengt dies den Blick auf die verhältnismäßig privilegierte Schicht der Studenten. Es müßte, zumindest in diesem Fall, dringend um das Bild ergänzt werden, welchen Schikanen Auszubildende in weniger privilegierten Bereichen der Gesellschaft ausgesetzt waren. Ich will versuchen, demnächst die recht gut belegten Angriffe auf die Meinungsfreiheit von Studenten um die sehr schlecht dokumentierte Perspektive von Lehrlingen zu ergänzen.

Ouvertüre: „Reporter des Satans“

Die Ouvertüre paßt noch nicht so ganz zum Rest der Auseinandersetzungen, die in der Folge dargestellt werden sollen. Der Konflikt ist hier eher innerhalb der Studentenschaft angesiedelt, zwischen AStA und Studentenrat auf der einen und dem Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung auf der anderen. Ich greife den Fall hier dennoch auf, weil er den repressiven Charakter der den Westen damals dominierenden antikommunistischen Paranoia recht gut exemplifiziert.

Seit 1947 veranstaltete der „Weltbund der demokratischen Jugend“ – eine stalinistische Vorfeldorganisation – in unregelmäßigen Abständen die „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“, eine kommunistische Propagandaveranstaltung. Es war natürlich in der BRD während des Kalten Krieges verpönt, sich an einer derartigen Veranstaltung zu beteiligen. Doch in der Tauwetterperiode in der Sowjetunion nach dem XX. Parteitag von 1956 entschloß sich der damalige Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung, Heinz Walter, ein Theologiestudent, die lächerliche antikommunistsche Doktrin zu mißachten und sich selbst vor Ort ein Bild zu machen. Und so reiste er im Juli 1957 nach Moskau.

In Moskau erfuhr er dann aus der dortigen Presse, daß der Studentenrat der Freiburger Universität ihn als Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung abgesetzt hatte – eine entsprechende Presseerklärung hatte der Studentenrat an die Deutsche Presseagentur gegeben, das Ganze erschien in einer Reihe von westdeutschen Blättern und wurde von der stalinistischen Propaganda dankbar aufgenommen ([4], S.7).

Die Begründung dafür liefert der AStA-Vorsitzende:

„Herr Walter hat eine offizielle Einladung zu den Moskauer Festspielen angenommen in seiner Eigenschaft als Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung. Diese Moskauer Weltjugendfestspiele trugen unmißverständlich kommunistisch-propagandistischen Charakter.
Ich bin auch heute noch der Meinung, daß die eindeutig ablehnende Haltung der westdeutschen Studentenschaft gegenüber dem kommunistischen System in Frage gestellt wird, wenn offizielle Einladungen zu solchen Propaganda-Veranstaltungen angenommen werden.“ ([1], S.8)

Und so wurde Heinz Walter nicht nur seinen Posten als Chefredakteur der Studentenzeitung, sondern auch seinen Job in der Herder-Druckerei los. Diese betonte natürlich, wie die Freiburger Studentenzeitung in aller Naivität auch noch abdruckte, daß diese Entlassung mit der Moskauer Angelegenheit absolut nichts zu tun habe.

Allegro Furioso: Eine Kette wird umgehängt

Die klassische Konfliktsituation tritt dann zum ersten Mal 1959 auf: Mit Kritik an institutionellen Würdenträgern wird knallhart ins Gericht gegangen, wobei auf jede inhaltliche Auseinandersetzung verzichtet wird, sondern immer auf die Form abgehoben wird. Sehr gern wird die „Verletzung der Würde“ von irgendetwas oder irgendjemand angeprangert, der Vorwurf der „Beleidigung“ folgt dann auf dem Fuß.

In der Juni-Nummer von 1959 erscheint der Artikel „Eine Kette wird umgehängt“, der die feierliche Rektoratsübergabe zu Beginn des Sommersemesters kritisiert. Es ist durchaus bezeichnend, daß der eigentliche Kritikpunkt des Autors in der folgenden Debatte überhaupt nicht angesprochen wird: Es geht ihm um die Entfremdung zwischen dem Lehrkörper und den Studenten. Alle Kritikpunkte des Artikels spitzen sich auf diese Frage zu und münden in die Feststellung:

„Aber binnen eines Jahres wird sich der ganze Zauber sicherlich wiederholen. Am besten wäre es, die Studenten gleich gar nicht einzuladen.“ ([3], S.2)

Doch statt auf diese Kritik einzugehen, bezieht sich die ganze Aufregung auf den mittleren Teil des Artikels, in dem die Rechenschaftslegung des scheidenden Rektors Vögtle kritisiert wird. Auch hier bemängelt der Autor, daß nicht die Studenten angesprochen würden, sondern allein die anwesenden Honoratioren aus Politik und Wirtschaft. Zudem wird die Frage aufgeworfen, ob es wirklich sein muß, „daß sich der Jahresüberblick des abtretenden Rektors anhört wie der Geschäftsbericht einer industriellen Unternehmung“ ([3], S.2).

Mehr wird nicht gesagt. Eigentlich ist die Harmlosigkeit des Artikels nicht zu überbieten. Und er ist inhaltlich auf jeden Fall durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Doch schon am 10. Juni schreibt der AStA an die Studentenzeitung, daß er den Artikel für „beleidigend“ halte. Er sieht darin einen „unberechtigten Angriff auf den Prorektor Herrn Prof. Dr. Anton Vögtle, der sich um die Zusammenarbeit zwischen Studentenschaft und Rektorat und um die Gesamtanliegen unserer Universität große Verdienste erworben hat.“ (zit. nach [2], S.2)

Die Reaktion des AStA zeigt, daß hier, wie schon beim oben geschilderten Fall, durchaus Konflikte innerhalb der politisch interessierten Studentenschaft existierten. Doch der eigentliche Konflikt wird jetzt zwischen der Studentenzeitung und dem Rektorat ausgetragen. In einem Schreiben vom 11. Juni stößt der Rektor der Universität in das selbe Horn wie der AStA, wenn er ebenfalls feststellt, daß der Artikel „eine Beleidigung des bisherigen Rektors und jetzigen Prorektors, Herrn Prof. Dr. Vögtle, darstellt.“ (zit. nach [2], S.2). Sowohl AStA wie auch Rektor fordern eine Entschuldigung in der nächsten Nummer der Zeitschrift.

Worin eigentlich der für Vögtle beleidigende Charakter des Artikels liegen soll, wird in keinem der Schreiben erwähnt, und auch dem Leser erschließt sich dieser überhaupt nicht. Dieser Meinung ist auch der Studentenrat, der die Angelegenheit am 15. Juni diskutiert. Allenfalls sei „in gewissen Formulierungen eine Verletzung der Würde des Herrn Prorektors zu erblicken“ gewesen, eine Entschuldigung halte der Studentenrat allerdings nicht für „wünschenswert“ (zit. nach [2], S.2)

Dies teilt der Chefredakteur der Studentenzeitung dann dem Rektor mit und beruft sich in seiner Antwort auf das Recht der freien Meinungsäußerung sowie auf den Berliner Professor von der Gablentz, den wir vor zwei Wochen bereits bei der Kuby/Krippendorff-Affäre kennengelernt haben:

„Herr Prof. von der Gablentz hat am 17. Juni den Freiburger Studenten zugerufen, sie sollten ruhig »Unruhe in den Betrieb« bringen. Er sagte wörtlich: »Wenn wir keine Unruhe in den Betrieb bringen, dann haben wir unsere Pflicht nicht getan.«“ (zit. nach [2], S.2)

Darauf hin rastet der Rektor aus. Am 23. Juni schreibt er an den Chefredakteuer Martin Schmid:

„Eine Berufung auf das Recht der freien Meinungsäußerung, das durch das Grundgesetz garantiert ist, ist in keiner Weise gerechtfertigt, und ich muß mich wundern, daß Sie, sehr geehrter Herr Schmid, als Chefredakteur einer Studentenzeitung Kritik mit urteilsloser und dazu geschmackloser Lächerlichmachung einer ernsten Angelegenheit, wie sie der Jahresbericht eines Rektors darstellt, verwechseln. […] Ihre Berufung auf die Ausführung des Herrn Prof. v. d. Gablentz am 17. Juni zeigt mir, daß Sie auch diesen Redner offensichtlich falsch verstanden haben. »Bringen Sie Unruhe in den Betrieb« – dagegen wird kein Rektor etwas zu sagen haben. Aber ich verbitte es mir, daß meine Amtsvorgänger in so unqualifizierter Weise und völlig ungerechtfertigt angegriffen werden.“ (zit. nach [2], S.2)

Zudem erhält der Chefredakteur eine Vorladung zum Disziplinarbeamten der Universität. Und so sieht sich die Redaktion gezwungen, trotz vorangegangener Rücktrittsdrohungen, nachzugeben und eine unterwürfige Entschuldigung abzudrucken. Das Sahnehäubchen für diese Angelegenheit liefert dann der ehemalige Rektor Vögtle ab, der Martin Schmid zu guter Letzt wissen läßt:

„Was mich persönlich betrifft, ist die Angelegenheit hiermit selbstverständlich erledigt. Ich bedaure nur, daß Sie durch Ihr impertinentes Verhalten Seiner Magnifizenz und nicht weniger Ihren loyal gesinnten Kommilitonen des AStA und Studentenparlaments unnötige Scherereien bereitet haben.“ (zit. nach [2], S.3)

Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn sich der Studentenrat auf die Hinterbeine stellt, und feststellt, „daß die Arbeit der Redakteure nicht durch mittelbare oder unmittelbare Androhung eines Disziplinarverfahrens behindert werden sollte.“ (zit. nach [2], S.4)

Literaturverzeichnis

[1] Niemann, H., „An die Freiburger Studentenzeitung“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.7 (1957), Nr.7: S.8.

[2] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Dokumentation in eigener Sache“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.4: S.1 – 4.

[3] sd., „Eine Kette wird umgehängt“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.9 (1959), Nr.4: S.1 – 2.

[4] Walter, H., „“Reporter des Satans“?“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.7 (1957), Nr.6: S.7.

Advertisements

Written by alterbolschewik

11. November 2011 um 15:44

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. By the way, ich will künftigen Erzählungen hier ja nicht vorgreifen, aber eine der wichtigsten linksradikalen Gruppen der 1970er und frühen 80er Jahre, der KB (Kommunistischer Bund) ist aus einem Hamburger Lehrlingskollektiv hervorgegangen (KB Nord), das dann mit einer eher studentischen ML-Gruppe aus Berlin (KB ML) fusionierte.

    che2001

    15. November 2011 at 15:22

    • Das ist ein ganz guter Hinweis, Che. Ich denke auch, daß die sogenannten K-Gruppen in mancher Hinsicht unterschätzt sind; der lächerliche Anachronismus ihres leninistischen Parteiaufbaus verdeckt einfach die Tatsache, daß sie in der Tat in den Betrieben gar nicht so erfolglos waren. Nicht im Sinne einer Agitation der Arbeiterklasse, sondern indem sie gerade jungen ArbeiterInnen und Auszubildenden gezeigt haben, daß ihre Lage veränderbar ist.

      In Freiburg war das der Bund Kommunistischer Arbeiter (BKA), dem es durchaus gelang, Lehrlinge in den Betrieben anzusprechen (später wurde daraus der KBW). Wolfgang Schorlau, heute Krimiautor, hat das in einem sehr schönen Artikel einmal thematisiert: Die Azubis der Revolution.

      alterbolschewik

      16. November 2011 at 22:32


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s