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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (2)

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„Als Ausländer in Deutschland hat der ausländische Student dieselben Grundrechte wie jeder Deutsche […]. Zu diesen Rechten gehört auch das Recht der freien politischen Meinungsäußerung, nicht nur in privaten Kreisen, sondern auch in aller Offentlichkeit, sogar durch Publikation.“

Kenneth Hanf (USA), in einem Leserbrief an die Freiburger Studentenzeitung, 1960

Letzte Woche hatte ich mit einer kleinen Serie begonnen, mit welchen Angriffen Autoren der Freiburger Studentenzeitung (FSZ) in den 50er und 60er Jahren zu rechnen hatten, wenn sie sich erdreisteten, Konventionen oder Hierarchien in Frage zu stellen. Damit geht es heute weiter und wird auch noch nächste Woche eine Fortsetzung finden.

Scherzo: Peinlich

Der nächste Fall verlief etwas glimpflicher, wohl weil er so absurd war. In einer kurzen Notiz unter der Überschrift „Peinlich“ berichtete die FSZ im Dezember 1959 wird über eine Rede des Regierungspräsidenten Dichtel:

„Regierungspräsident Dichtel sprach in seiner Festansprache anläßlich der Einweihung des neuen Studentenwohnheims davon –  wie wir in Erinnerung haben –, »daß man es einmal sagen muß, daß all das Unglück, das uns am 27. November 1944 getroffen hat, nicht zum Schaden der Universität war«, oder – wie es am nächsten Tag die »Badische Zeitung« berichtete – »das Unglück der Zerstörung 1944 letzten Endes für Freiburg eine gute Wirkung gehabt« habe.“

Und der Autor wagt die Frage zu stellen:

„Hat sich der Herr Regierungspräsident wirklich nicht überlegt, daß bei Luftangriffen 2924 Freiburger getötet wurden? Dachte er nicht daran, daß eventuell unter seinen Zuhörern Angehörige solcher Opfer sein könnten? Sagte ihm nicht sein Fingerspitzengefühl, daß diesen Menschen seine Bemerkung als grobe Taktlosigkeit erscheinen mußte?
Wir empfanden selten etwas so peinlich.“ ([1], S.2)

Wer glaubt, daß das angesichts der wenig sensiblen Formulierungen des Regierungspräsidenten, die in der Folge nie bestritten wurden, durchaus berechtigte Fragen sein könnten, irrt sich gewaltig. Wie kann es ein Student wagen, öffentlich einen Regierungspräsidenten zu kritisieren! Der Vorsitzende des Studentenwerks, Professor Max Müller, auf dessen Einladung der Regierungspräsident gesprochen hatte ist durchaus der Meinung, der Regierungspräsident habe „keine Taktlosigkeit begangen, sondern etwas ausgesprochen, was in dem Zusammenhang der Einweihungsfeier durchaus am Platze war. Eine grobe Taktlosigkeit bedeutet es dagegen, wenn die Studentenzeitung glaubt, als erziehungsberechtigte Gouvernante des Regierungspräsidenten auftreten zu müssen.“ (zit. nach [4], S.3) Und er fordert nicht nur eine Entschuldigung, sondern gleich den Rücktritt des Chefredakteurs.

In diesem Fall stellte sich allerdings der AStA auf die Hinterbeine, und bot dem Professor die Stirn:

„Der AStA ist jedoch der Meinung, daß in dem besagten Artikel die Redaktion ihre Kompetenzen nicht überschritten hat […] Der Großteil der bei der Einweihungsfeier anwesenden Studenten vertrat durchaus die Meinung, die in dem Artikel der FSZ ausgedrückt wurde.
Nach Meinung des AStA hat sich die Studentenzeitung in keiner Weise als »erziehungsberechtigte Gouvernante« aufgespielt. Es dürfte jedoch das Recht einer Studentenzeitung sein, berechtigte Kritik an Äußerungen zu üben, auch wenn sie von höherer Stelle gemacht werden. Der AStA sieht daher keine Veranlassung, die von Ihnen erwarteten Maßnahmen zu ergreifen.“ (zit. nach [4], S.3)

Müller steckte zurück:

„Da AStA und Redaktion einmütig sich weigern, Ihren Taktfehler einzusehen und dabei bleiben, öffentlich und gedruckt dem Herrn Regierungspräsidenten Taktlosigkeit vorwerfen zu müssen; da in einem solch überheblichen Pharisäismus der Balken im eigenen Auge unbemerkt bleibt, ja bestritten wird, der Splitter im Auge des anderen aber derart hinausposaunt wird: bei dieser Lage der Dinge kann ich in der von Ihnen erwähnten persönlichen Aussprache nur eine Zeitvergeudung für uns beide sehen.
[…] Für mich ist damit die Angelegenheit endgültig, wenn auch negativ, erledigt, da ein Weiterspinnen solcher Dinge bestimmt fruchtlos ist.“

Auch in diesem Fall ist wieder typisch, daß der eigentliche Inhalt, um den es ging, überhaupt nicht thematisiert wurde. Stattdessen ging es wieder um „Takt“, es wird erneut der Vorwurf der „Beleidigung“ erhoben – kurz: Das eigentliche Problem ist immer, daß die Hierarchien nicht respektiert werden.

Vivace: Fassade „Autonomie“

Im Februar 1960 erscheint dann ein Artikel, der sich mit den Vorschlägen der CDU auseinandersetzt, die Autonomie der Hochschulen abzuschaffen. Daß solche Bestrebungen von Erfolg gekrönt sein könnten, befürchtet der Autor Werner Müller aufgrund der Zustände an den Universitäten selbst:

„Hinter der Fassade der Selbstbestimmung werden eigensüchtige Kämpfe um Institutseinrichtungen und Lehrstühle geführt. Man hält die Konkurrenz fern, man behauptet, es gäbe nicht genügend wissenschaftlich befähigten Nachwuchs. Während einsichtige Professoren das Kolleggeldsystem abschaffen wollen, geht Semester für Semester der Streit weiter, wer diesmal die Pfründe einer Großvorlesung schröpfen darf. Und während drinnen dieses Spiel getrieben wird, geht hinter den verschlossenen Türen der Ministerien den Hochschulen das Zepter der Autonomie verloren.“ ([6], S.1)

Natürlich ruft dies wieder einen Sturm der Entrüstung hervor, wieder sind „Würde und Ansehen der Universität“ in höchster Gefahr. Müller wird vor Gericht zitiert, erklärt dann in der nächsten Nummer, daß er unzulässig verallgemeinert habe und wirft den Bettel als Chefredakteur hin. Der Studentenrat verabschiedet daraufhin folgenden Text ohne Gegenstimme mit einer Enthaltung:

„Der Studentenrat bedauert außerordentlich den Rücktritt des im Februar einstimmig vom StR. gewählten Chefredakteurs der FSZ auf Grund der Vorfälle um den Artikel „Fassade Autonomie“ in der FSZ vom Februar 1960 (Nr. 2/10. Jg.). Der StR. bedauert weiterhin die Schwierigkeiten, die sich in der letzten Zeit im Verhältnis zwischen einigen Professoren und FSZ ergeben haben.
Der StR. ist der Meinung, da eine zu enge Anlegung des § 40 der Grundordnung der Albert-Ludwigs-Universität zu einer Beschränkung der allgemeinen Pressefreiheit, die nach Meinung des Studentenrates auch für die Studentenpresse innerhalb der Universität gilt, führen kann. Der StR. ist daher der Auffassung, daß die Arbeit der Redakteure nicht durch mittelbare oder unmittelbare Androhung eines Disziplinarverfahrens behindert werden sollte.“ (zit. nach [4], S.4)

Intermezzo

Nachdem die FSZ die zuletzt geschilderten Versuche, die studentische Meinungsfreiheit zu beschränken, 1960 in der Juni-Nummer dokumentierte, brach natürlich sofort wieder ein Sturm der Entrüstung los. Bei einer Rede zum 17. Juni behauptete der Rektor, die Studentenzeitung „mißbrauche das Vertrauen der Studentenschaft und den ihr ausgestellten Blankowechsel“ ([5], S.2). Die Redaktion interpretierte dies als einen Versuch, zwischen die Zeitung und die Studentenschaft einen Keil zu treiben. Politisch nicht ungeschickt stellte sie sich sofort einer Abstimmung des Studentenrates, der ihr mit 16 zu 7 Stimmen bei einer Enthaltung das Vertrauen aussprach.

Daraufhin kam es zu einem Gespräch zwischen der Redaktion und dem Rektor, bei dem es offenkundig hoch her ging. Nach diversen Ausfälligkeiten des Rektors steuerte die Unterredung offensichtlich auf einen beeindruckenden Höhepunkt zu, als er dem griechischen Redaktionsmitglied Nikos Hadjinicolaou das Wort verbot: „Sie sind besser ruhig! Darüber spreche ich nur mit Deutschen!“ ([5], S.2)

Ein derartiger Ausfall blieb selbst in den frühen 60er Jahren nicht völlig konsequenzlos. Neben der FSZ-Redaktion protestierten nun auch verschiedene studentische Hochschulgruppen, worauf es zu einem klärenden Gespräch zwischen dem Chefredakteur der FSZ und dem Rektor kam. Dieser betonte, seine Äußerungen

„seien keineswegs Ausdruck einer allgemeinen Ausländerfeindlichkeit gewesen, sondern bedingt durch die besonderen Gegenstände des Gesprächs; zum Teil hätten sie auch politische Motive gehabt, da Herr Hadjinicolaou dem Rektor zuerst durch den Verkauf von „konkret“ bekannt geworden war.
Seine Äußerung »er halte es überhaupt nicht für angängig, daß Ausländer in der Redaktion der Studentenzeitung seien«, nahm der Rektor zurück, wies aber auf den gebotenen Takt in politischen Fragen hin, den Ausländer in ihrer Heimat von Deutschen ebenfalls erwarten dürften.“ ([5], S.2)

Das eigentliche Problem hatte sich dadurch allerdings nicht erledigt, wie Hadjinicolaou in einem eigenen Artikel herausarbeitete:

„Unsere Beteiligung am deutschen Studentenleben für die deutsche Sache und die Wiedervereinigung ist also nur dann erwünscht, wenn wir eine bestimmte Meinung vertreten, wenn wir eine bestimmte Auffassung von der deutschen Spaltung und der Wiedervereinigung haben. […]
Wollen uns die deutschen Kommilitonen am Ende nur als Kuriosum und exotische Abwechslung benutzen, um ihre Langeweile zu bekämpfen? Wir möchten das nicht glauben. Wir werden […]  wie unsere deutschen Kommilitonen gegen jede Unterdrückung der Pressefreiheit an der Universität protestieren.“ ([3] , S.2)

Grund genug dafür gab es, denn Hadjinicolaou stand im Zentrum der konkret-Affäre, die uns nächste Woche beschäftigen wird. Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Amtmann Wagner zu Nikos sagt: „Sie sollten als Ausländer froh sein, daß Sie eine Aufenthaltserlaubnis haben!“ (zit. nach [2], S.7)

Literaturverzeichnis

[1] ck., „Peinlich“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.9 (1959), Nr.7: S.2.

[2] H. B., „“Konkret“-es II“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5: S.7.

[3] Hadjinicolaou, N., „Ausländer und die deutsche Politik“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5: S.2.

[4] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Dokumentation in eigener Sache“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.4: S.1 – 4.

[5] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Eine Erklärung – kein Widerruf!“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5: S.2.

[6] W.M., „Fassade „Autonomie““, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.2: S.1.

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Written by alterbolschewik

19. November 2011 um 13:08

3 Antworten

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  1. Wow, das ist ja wirklich hammerhart! Danke für die Recherche und die packende Darstellung.

    che2001

    19. November 2011 at 14:46

    • Gern geschehen. Und das Ganze ist ja nur die Spitze eines Eisberges, das, was einen schriftlichen Niederschlag gefunden hat. Wenn man sich solche Geschichten nicht vergegenwärtigt, bleibt ’68 einfach unverständlich.

      alterbolschewik

      20. November 2011 at 10:09

  2. […] der Macht Hinterlasse einen Kommentar Geschrieben von momorulez am November 20, 2011 „Nach diversen Ausfälligkeiten des Rektors steuerte die Unterredung offensichtlich auf einen … Antirassismus, Extremismus der Mitte ← […]


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