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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (4)

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Schauen wir über Freiburg hinaus, dann mag es gestattet sein, daran zu erinnern, daß allerorten mit gleichbleibender Regelmäßigkeit die Studentenpresse von sich reden macht. Strafprozesse, Disziplinarverfahren, Gotteslästerungsprozesse, Absetzung von Chefredakteuren, Unterstellung von Kommunistenfreundlichkeit, – das ist offensichtlich schon zur lieben Gewohnheit geworden.“

Walter Vitt in Civis – Zeitschrift für christlich-demokratische Politik, November 1960

Was bisher geschah: Am 16. Mai 1960 wurde Nicos Hajinicolaou von der Universitätsverwaltung daran gehindert, die Zeitschrift konkret auf dem Universitätsgelände zu verkaufen. Trotz des Protestes der Studentenvertretung wurde dieses auf einem Senatsbeschluß vom 14. Januar 1959 fußende Verbot dann in der Senatssitzung vom 15. Juni 1960 bestätigt. Als Hajinicolaou am 23. Juni dann die konkret statt an der Universität auf öffentlichem Grund zu verkaufen versuchte, schritt die Polizei ein, und zwar, wie sich herausstellt, auf Drängen der Universitätsverwaltung. Daraufhin ersuchte der Studentenrat am 26. Juni das Akademische Rektorat um Stellungnahme.

Die Möglichkeit dazu bot sich dann auf einer außerordentlichen Studentenvollversammlung am 5. Juli 1960 im restlos gefüllten Hörsaal 1. Drei Punkte standen auf der Tagesordnung:

1. Protest gegen das vom Senat verhängte Vertriebsverbot aller auswärtigen Studentenzeitungen auf dem Universitätsgelände.
2. Protest gegen die andauernde Einflußnahme des Senats auf die Meinungsfreiheit der Freiburger Studentenpresse.
3. Protest gegen die Verschleppung der Diskussion über die Mitbestimmung der Studenten in akademischen Gremien.
“ (zit. nach [8])

Seine Magnifizenz, der uns bereits zur Genüge bekannte Rektor Hans Thieme, erhielt in dieser Vollversammlung die Gelegenheit, seinen Standpunkt darzustellen. Daß das Vertriebsverbot eine Einschränkung der Meinungsfreiheit darstelle, konnte er nicht erkennen, vielmehr gehe es um die „Wahrung akademischer Ordnung“ ([8]). Allerdings beließ er es in diesem Zusammenhang nicht nur bei dieser formalen Bestimmung, sondern ergänzte, daß es um die „Bekämpfung radikaler Tendenzen“ gehe ([8]). Endlich wurde, wenn auch indirekt, zugegeben, daß es sich durchaus um eine Form politischer Zensur handelte. Die FSZ kommentiere dann auch in ihrer nächsten Ausgabe:

„Außerdem – und das war für alles Kommende sehr wichtig – gab Se. Magnifizenz, Prof. Dr. Hans Thieme, zu, das Verbot richte sich ausschließlich gegen die sogenannten radikalen Studentenzeitungen »konkret« und »Student im Volk«, man habe aber »der administrativen Vereinfachung halber« gleich alle verboten.“ ([1], S. 10)

Daß es bei alldem um unliebsame politische Standpunkte ging, erhärtete sich, als Thieme auf den Punkt 2 der Tagesordnung einging. Denn hier bezog er sich direkt auf die Juni-Nummer der Studentenzeitung. Das war die bereits erwähnte Nummer, in der die verschiedenen Versuche, Autoren unliebsamer Artikel zu schikanieren, dokumentiert worden war. Allerdings ging es Thieme in erster Linie gar nicht um diese Dokumentation, sondern um den eigentlichen Aufmacher dieser Nummer, nämlich einen Artikel zum 17. Juni. Bei diesem handle es sich, so Thieme, um einen „Verstoß gegen die akademische Zucht und Sitte“ ([8]).

Dieses Totschlagargument kommentierte der Autor der Zeit, die über die Versammlung berichtete, folgendermaßen:

„So gut wie alles, was mißfällt, kann also als »Stilverstoß« ausgelegt und disziplinarisch verfolgt werden, wobei der Immatrikulationseid als juristischer Bezug dienlich ist.“ ([8])

Auf das rein formale Argument aber setzte Thieme noch den inhaltlichen Vorwurf, der Artikel lasse eine „prokommunistische Tendenz“ erkennen, was einen „Orkan von Pfui- und Buhrufen“ zur Folge hatte und den Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung dazu veranlaßte, den Saal zu verlassen ([8]). In der Tat konnte nichts absurder sein als gerade dieser Vorwurf – denn der Artikel verteidigte vehement die Westbindung der BRD:

„Der Weg, für wenigstens einen Teil Deutschlands die Freiheit zu erlangen, bestand in der engen Zusammenarbeit mit den Westmächten, in der westeuropäischen Integration.“ ([3])

Jedes Beharren auf einer deutschen Wiedervereinigung hingegen würde gerade diese Westintegration in Frage stellen:

„Man verlangt auch von den westlichen Alliierten die Wiedervereinigung. Da diese sie nicht geben können, werden auch sie den Schuldigen zugerechnet. Unsere Integration wird in Frage gestellt.“ ([3])

Von einer „prokommunistischen“ Tendenz, wie sie Thieme unterstellt, konnte also nicht im geringsten die Rede sein. Allerdings paßte der Artikel einfach nicht in Thiemes national-konservatives Weltbild. Zugunsten der Westbindung auf die staatliche Einheit der deutschen Nation zu verzichten ist für jemanden wie Thieme undenkbar; und weil ihm der Artikel inhaltlich nicht paßt, wird von akademischer Zucht und Sitte schwadroniert und der Standardvorwurf herangezogen, es handle sich um kommunistisches Gedankengut – auch wenn sich beim besten Willen weder der eine noch der anderen Vorwurf nachvollziehen läßt. Die offensichtliche Absurdität dieser Argumentation kommentierte die Freiburger Studentenzeitung dann auch in ihrer nächsten Nummer zurecht mit den Worten: „Der Rektor erlebte eine der schwärzesten Stunden seines Lebens“ ([1], S. 10).

Die Angelegenheit verschärfte sich in der Folge dann dadurch, daß sie überregionale Wellen schlug. Die Berichterstattung in der Zeit wurde schon erwähnt; doch schon vor dem Zeit-Artikel erschien am 8. Juli unter dem Titel „Freiburger Studenten wehren sich“ ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung. Dieser hatte zur Folge, daß der Abgeordnete Saam im Stuttgarter Landtag aktiv wurde. Als Mitglied der FDP, die damals noch für Bürgerrechte und nicht für Steuersenkungen zugunsten der Besserverdienenden einstand, brachte er eine kleine Anfrage ein: „Er wollte vom Kultusminister Dr. Gerhard Storz wissen, ob der Minister in dem Vertriebsverbot eine Einschränkung der Informations- und Pressefreiheit sehe.“ ([2])

Die Antwort, die dann am 7. September aus dem Ministerium kam, klang so, als sei sie unmittelbar von der Freiburger Universitätsverwaltung verfaßt worden (was wahrscheinlich auch der Fall war). Daraufhin fragte die Freiburger Studentenzeitung bei Minister Storz brieflich um ein Interview an, worauf von Seiten des Ministeriums aber nicht reagiert wurde. Übermütig ob des publizistischen Wirbels, den sie entfacht hatte, unterlief den Redakteuren der FSZ ein schwerer taktischer Fehler, denn sie kommentierten die fehlende Reaktion folgendermaßen:

„Daß Ministerialbürokratien langsam mahlen, ist hinlänglich bekannt, daß es aber ein Minister innerhalb von 40 Tagen nicht fertigbringt, einen Brief wenigstens zu bestätigen, wurde von verschiedenen Seiten als »Unverschämtheit« und »Lümmelei« bezeichnet.“ ([1], S. 11)

Damit hatten sie, zumindest für das Jahr 1960, tatsächlich den Bogen in Sachen akademischer Stil und journalistischer Anstand überspannt. Wußten sie bislang unter dem Banner der „Mei­nungs­frei­heit“ die Mehrheit der Studentenschaft hinter sich, witterten nun bestimmte Kreise, denen die inhaltliche Ausrichtung der FSZ nicht paßte, ihre Chance. Aus dem Umfeld der Freiburger Korporierten wurde der Versuch unternommen, die Redaktion der Studentenzeitung abzusetzen. In der Sitzung vom 23. November gab es eine erbitterte Auseinandersetzung:

„Die Krise um die FSZ, die mit der Novembernummer ausgelöst wurde, benutzten bestimmte Kreise der Studentenschaft dazu, nicht nur die Redaktion an die Kette zu legen, sondern die Zeitung selbst in die Hände zu bekommen. Die Diskussion im Studentenrat zeigte, daß es dabei nicht so sehr um Entgleisungen und Fehler ging, sondern um die »politische Linie«.“ ([4], S. 9)

In dieser Sitzung gelang es den Korporierten, mit einer Mehrheit von 15 zu 10 Stimmen bei 2 Enthaltungen, folgende Resolution durchzusetzen:

„Der Studentenrat distanziert sich entschieden von den Äußerungen in der Freiburger Studentenzeitung, die eine wesentliche Verschlechterung der Beziehungen der Studentenvertretung zur Professorenschaft bewirkt habe.
»Er spricht der jetzigen Redaktion der FSZ sein Mißtrauen aus.«“ ([5])

Die Redaktion weigerte sich jedoch zurückzutreten, und zwar berief sie sich dabei auf das Statut der FSZ, in dem festgelegt war, daß nur zwei Drittel des AStAs oder ein Drittel der Studentenschaft einen Antrag auf Absetzung der Redaktion stellen könnten ([9]).

Daraufhin nicht faul starteten die Korporierten eine Unterschriftenaktion:

„+ Die Vielfalt der Meinungen der Freiburger Studenten kommt in der jetzigen Freiburger Studentenzeitung nicht zum Ausdruck!
+ Der „schnodderige“ Ton und die oberflächliche Betrachtungsweise in der FSZ sind nicht repräsentativ für die Freiburger Studentenschaft!
+ Herr Breier und seine Redaktion sollen nach dem eindeutigen Mißtrauensvotum der Studentenvertretung nicht mehr mit dem Geld der Studentenschaft die FSZ gestalten!
[…]
Ihre Stimme entscheidet – deshalb unterschreiben bitte auch Sie!“ ([6])

Tatsächlich gelang es ihnen, einem Drittel der Studentenschaft eine Unterschrift abzuringen. Doch der diesesmal rechtmäßig zustande gekommene Antrag wurde in der Sitzung des Studentenrats vom 7. Dezember 1960 mit deutlicher Mehrheit abgelehnt ([7]). Stattdessen wurde eine Resolution verabschiedet, die die Mißgriffe der Novembernummer scharf kritisierte, aber auch folgendes zur Kenntnis nahm: „Die Redaktion hat sich dafür gegenüber dem Herrn Kulturminister, dem Rektor und der Studentenvertretung entschuldigt und versichert, künftig ähnliches zu vermeiden.“ ([7]) Und die Resolution schließt mit den Worten:

„Wie von vielen Seiten zugegeben wird, ist es auch Aufgabe einer Studentenzeitung, zu Fragen des öffentlichen Lebens Stellung zu nehmen und sich dabei des journalistisch legitimen Mittels der pointierten Stellungnahme zu bedienen. Gerade für eine Studentenzeitung ist es Pflicht, Vorgänge, die in unserer Demokratie kritikwürdig erscheinen, aufzugreifen. Der Studentenrat empfiehlt, die Redaktion der FSZ um zwei Mitglieder zu erweitern, damit diesen Erfordernissen Genüge getan wird.“ ([7])

Damit endete der Freiburg Zeitungsstreit des Jahres 1960.

Und damit, liebe Leserinnen und Leser, endet auch mein erstes Jahr als Blogger auf shifting reality. Vielen Dank an alle für’s Lesen und Kommentieren. Nächste Woche werde ich Resümee ziehen, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen will ich noch einmal den Kampf um die Meinungsfreiheit und seine Bedeutung Anfang der 60er Jahre zusammenfassen; zum anderen möchte ich auf all das zurückblicken, was ich die letzten Monate hier zusammengeschrieben habe. Kommen Sie gut ins neue Jahr und wir lesen uns wieder nächste Woche.

Literaturverzeichnis

[1] [o.N.], „“Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung““, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.6 (November 1960): S.10 – 11.

[2] b, „Universität als Warenhaus? Die Antwort des Ministers beruhigt die Freiburger Studenten nicht“, in: Die Zeit, Jg.13 (1960), Nr.39 (23. September 1960): S.6.

[3] Berten, R., „Nationale Illusionen“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.4 (Juni 1960): S.1.

[4] Bluhm, G., „Linke Tendenzen?“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.7 (Dezember 1960): S.9.

[5] Flugblatt: „Heute Nacht beschloß der Studentenrat“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).

[6] Flugblatt: „Die FREIBURGER STUDENTENZEITUNG – Ihre Visitenkarte ???“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).

[7] Flugblatt: „„Zeitungsstreit“ beendet“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).

[8] P.L. [Peter Hemmerich], „Studentenrebellion in Freiburg“, in: Die Zeit, Jg.13 (1960), Nr.29 (15. Juli 1960): S.4.

[9] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Liebe FSZ-Leser!“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.7 (Dezember 1960): S.2.

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30. Dezember 2011 at 16:36

Veröffentlicht in Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (3)

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Wer bringt diese Zeitung heraus? Sicherlich lauter Ausländer!“

Amtmann Wagner 1960 über die Zeitschrift konkret

Ich gebe zu, dieses Blog mäandert ganz schön durch die Gegend, um sich seinem Ziel, die antiautoritären Bewegungen der späten 60er Jahre zu verstehen, anzunähern. Vor drei Monaten hatte ich die Frage gestellt, wie es in den 70er Jahren zur Gewalteskalation der terroristischen Gruppen kommen konnte – und als eine Ursache hatte ich die schon länger, nämlich seit Ende der 50er Jahre, schwelende Erfahrungen mit Repression angeführt. Und es ist bereits zwei Monate her, daß ich begonnen habe diese Repressionserfahrungen zunächst am Beispiel der Berliner Krippendorff-Affäre zu exemplifizieren, um dann zu lokalen Ereignissen hier in Freiburg umzuschwenken.

Diese waren soweit eskaliert, daß der damalige Rektor Thieme einem griechischen Kommilitonen das Wort verbot. Daraufhin hatte ich dann in den letzten drei Wochen vielleicht etwas zu minutiös untersucht, wes Geistes Kind eigentlich dieser Rektor Thieme war. Und ausgestattet mit dem Wissen über diese von Thieme exemplarisch verkörperte Geisteshaltung nähern wir uns nun der Schlußrunde: Höhepunkt der Auseinandersetzungen in den Jahren 1960/61 bildeten Maßnahmen des Rektorats, um den Verkauf der Zeitschrift konkret an der Universität Freiburg zu unterbinden.

Zuvor allerdings noch eine Korrektur: Ich hatte, als ich vor drei Monaten mit diesem Gedankengang begann, ganz allgemein von „Repressionserfahrungen“ gesprochen. Und um Repression handelt es auch, zumindest in gewissem Sinn. Allerdings ging bei alldem um eine spezielle Form der Unterdrückung, nämlich um die Unterdrückung studentischer Meinungsfreiheit. Diese Diskussion wurde von Seiten der Universitätsverwaltung und einiger – nicht aller – Professoren auf eine seltsam verdruckste Art geführt. Es wurde versucht, den Anschein zu erwecken, daß nicht Kritik als solche im Fokus stünde, sondern daß allein die Form, wie studentische Kritik geäußert würde, anstößig sei. Die angeblichen Argumente waren immer die selben: Personen seien beleidigt worden, die Würde der Universität nähme Schaden etc.

Dies sollte sich nun ändern. Beim Angriff auf die Meinungsfreiheit, der uns heute und nächste Woche beschäftigen wird, geht es nicht mehr um Beleidigungen oder die Ehre, sondern tatsächlich um politische Inhalte – auch wenn dies zunächst hinter Formalien versteckt wird.

Finale Furioso: Verkaufsverbot für die konkret

Beginnen wir mit dem eigentlichen Sachverhalt: Am 16. Mai 1960 hatte sich der uns bereits bekannte griechische Student Nikos Hadjinicolaou auf die Freitreppe der Universität gestellt und die in Hamburg erscheinende Studentenzeitschrift konkret verkauft.

Diese Zeitschrift war durchaus bekannt, in bestimmten Kreisen auch berüchtigt. Warum, ist einem Pressezitat aus dem forum academicum vom Mai 1960 zu entnehmen:

„»konkret« ist keine bequeme Erscheinung. Grundsätzlich läßt sich bei regelmäßiger Lektüre dieser Zeitschrift feststellen, daß durchweg Themen aufgegriffen werden, von denen Axel Springer nicht einmal träumt. Alles was in unserem Provisorium so schön schwach ist, etwa Nazi-Generäle in der Bundeswehr, wird vernichtend angegriffen.“ (zit. nach [3], S.14)

Es war ein offenes Geheimnis, daß die Zeitschrift der seit 1956 verbotenen KPD nahestand. Und die damit verbundene Unterstützung aus dem Osten beschränkte sich nicht nur auf finanzielle Zuwendungen: Der Zeitschrift wurden auch immer wieder Materialien zugespielt, die die Rolle, die bundesrepublikanische Funktionsträger im Nationalsozialismus gespielt hatten, belegten. Daß von Seiten der DDR damit propagandistische Absichten verfolgt wurden, ist unzweifelhaft; es besteht aber auch kein Zweifel daran, daß die derart aufgedeckten üblen Kontinuitäten durchaus äußerst real waren.

Trotz oder vielleicht auch wegen dieser eindeutigen Tendenz des Blattes verkaufte Hadjinicolaou an diesem 16. Mai innerhalb einer Stunde mehr als hundert Exemplare der Zeitschrift, bis die Obrigkeit in Gestalt eines Universitätsbediensteten auf ihn zueilte und ihn vor den Universitätsrat Dr. Curtius zitierte. Dieser beschied ihm, daß der Verkauf der konkret auf Universitätsgelände verboten sei. Hadjinicolaou erwiderte, er sei der Meinung, daß der Verkauf nur innerhalb des Kollegiengebäudes untersagt sei. Das bestritt Curtius, weigerte sich aber, Hadjinikolaou eine schriftliche Bestätigung dieses Verbotes auszuhändigen. Dieser legte daraufhin Beschwerde beim Rektor ein, der ihm beschied, daß es einen Senatsbeschluß aus dem vorhergehenden Jahr gebe, der jeglichen Zeitschriftenverkauf auf dem ganzen Universitätsgelände verbiete, es sei denn, es handle sich um universitätseigene Zeitschriften.

Tatsächlich war dies gelogen. Zwar gab es einen Senatsbeschluß vom 14. Januar 1959, in dem der Verkauf und die Werbung für Zeitungen und Zeitschriften im Kollegiengebäude verboten wurde. Daß dabei inhaltlich-politische Gründe eine Rolle spielten, war offensichtlich, denn schon damals ging es um die konkret, die laut Protokoll der Senatssitzung „keinen guten Eindruck“ mache und ein „ausgesprochenes destruktives Blatt“ sei ([5]).

Doch diese inhaltlich-politischen Fragen fließen nicht in den Beschluß ein, vielmehr werden wieder formale Gründe vorgeschoben, nämlich „unerträgliche Störungen in den ohnehin beengten Gängen des Erdgeschosses“ ([5]). Doch dieses Verschiebung der Diskussion vom Inhaltlichen auf das Formale führt dann dazu, daß der Zeitschriftenverkauf vor der Universität erlaubt bleibt. Explizit heißt es im Protokoll:

„Die Frage des Rektors, ob irgendwelche Bedenken gegen eine Werbung vor den universitätseigenen Gebäuden bestehe, wird von Herrn Gerber verneint.“ ([5])

Nicht nur, daß Universitätsrat Curtius und nach ihm dann Rektor Thieme offensichtlich gelogen haben: Die Studentenzeitung weist in ihrer nächsten Nummer außerdem darauf hin, daß dieser Beschluß ganz offenkundig im Fall einer ganzen Reihe von anderen Zeitungen und Zeitschriften keineswegs durchgesetzt werde:

„Man kann sich im vorliegenden Fall nicht des Eindrucks erwehren, daß hier mit zweierlei Maß gemessen und der Gleichheitsgrundsatz mißachtet wird. Außerdem sollte man durch derlei Maßnahmen doch nicht immer wieder die Studenten politisch ans Gängelband nehmen. Jeder Student weiß um die politische Orientierung von »konkret« oder »Student im Volk«, um die beiden extremsten Vertreter der Studentenpresse zu nennen, jeder Student wird folglich in der Lage sein, an die Lektüre mit entsprechender Reserve heranzugehen.“ ([1], S.6)

Daraufhin eskaliert die Angelegenheit. Am 15. Juni 1960 setzt der Senat das Thema wieder auf die Tagesordnung, nachdem, wie sich der AStA-Vorsitzende ausdrückte, „von einigen Studenten eine Einschränkung als Zensur und geistiger Terror betrachtet werde“ ([4]). Der Senat hält jedoch hartnäckig am Verbot fest.

Deshalb stellt Hadjinicolaou, um sich nicht noch mehr Ärger einzuhandeln, bei der Polizei einen Antrag, um die Zeitschrift außerhalb des Universitätsgeländes zu verkaufen. Die Genehmigung wird anstandslos, wenn auch nur mündlich, erteilt. Doch die Freude währt nicht lange: Als er am 23. Juni versucht, in Sichtweite der Universität, aber auf einem öffentlichen Platz, erneut die konkret zu verkaufen, wird er nach einiger Zeit von einem Polizisten auf das Polizeipräsidium zitiert, wo ihm der weitere Verkauf der Zeitschrift vom stellvertretenden Polizeidirektor Greß und Amtmann Wagner verboten wird.

Als dann eine Delegation der Freiburger Studentenzeitung bei der Polizei vorspricht, stellt sich heraus, daß dieser überraschende Entzug der Verkaufserlaubnis auf einen Telefonanruf des bereits unrühmlich bekannten Dr. Curtius zurückgeht. Das Verbot selbst wird dann mit verkehrstechnischen Bedenken begründet, die dann auf Nachfrage folgendermaßen konkretisiert werden:

„a) »konkret« sei eine Zeitschrift, in der — »wie verlautet« — Artikel erschienen, »an denen sich die Gemüter erhitzten.«
b) Durch die Person des Freiburger Vertreters der Zeitung sei ein ruhiger Verkauf nicht gewährleistet. Dazu: »Herr H. ist offenbar Grieche und gehört mithin einem Volk an, das für seine Geschäftstüchtigkeit bekannt ist.«“ ([2], S.7)

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn der Studentenrat am 26. Juni 1960 folgenden Beschluß faßt:

„Nachdem der Hohe Senat in seinem auf die Universität beschränkten Beschluß vom 15. 6. 1960 im Gegensatz zu der Meinung des Studentenrates keine Beschneidung der studentischen Informationsfreiheit sieht, ist der Studentenrat außerordentlich erstaunt, daß das Akademische Rektorat jetzt versucht, durch Beeinflussung der Polizei den Vertrieb von Studentenzeitungen auch außerhalb der Universität zu verhindern. Der Studentenrat versteht dieses Verhalten nicht und bittet das Akademische Rektorat um Stellungnahme.“ (zit. nach [2], S. 7)

Literaturverzeichnis

[1] H[orst].B[reier]., „“Konkret“-es“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.4 (Juni 1960): S.6.

[2] H[orst].B[reier]., „“Konkret“-es II“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.7.

[3] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Aus der Presse zitiert“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.14.

[4] „Senatsprotokoll vom 15. Juni 1960“, in: Universitätsarchiv Freiburg B12 (Senatsprotokolle).

[5] „Senatsprotokoll vom 14. Januar 1959“, in: Universitätsarchiv Freiburg B12 (Senatsprotokolle).

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23. Dezember 2011 at 16:21

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 3

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Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben. Die Grundentscheidung, drinnen zu bleiben, war aber richtig.“

Brief von Hans Thieme an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947

Ich weiß, es ist zu viel des Guten: Drei Artikel auf die Geisteshaltung eines mehr oder minder bedeutungslosen konservativen Jura-Professors zu verschwenden, nur weil dieser sich im Jahr 1960 eine beachtenswerte Auseinandersetzung mit kritischen Studenten geliefert hat. Aber der Fall scheint mir durchaus exemplarischen Charakter zu haben. Rekapitulieren wir noch einmal, was wir über Professor Dr. Hans Thieme, 1960 Rektor der Universität Freiburg, bislang erfahren haben.

Zum einen empfand er sich, ganz subjektiv, als jemand, der mit den Nationalsozialisten nichts am Hut hatte, der im Grunde seines Herzens Antifaschist war und dessen Karriere durch den Nationalsozialismus nur Nachteile erfahren hatte. Vor allem der nationalsozialistische Studentenbund stellte in seinen Augen das Haupthindernis dafür dar, daß seine Karriere nicht in den geordneten Bahnen verlief, in denen sie auf Grund seiner Herkunft und seiner wissenschaftlichen Meriten hätte verlaufen sollen.

Zum anderen haben wir bislang aber auch erfahren, daß Thieme – wie viele seiner Klasse – gegenüber dem Volksgemeinschaftsgedanken der Nationalsozialisten durchaus aufgeschlossen war. Seine Teilnahme an der Bücherverbrennung 1933 oder sein Eintritt in die Motor-SA deuten darauf hin, daß er sich in der Anfangszeit durchaus bemühte, seine Rolle als aktives Mitglied der nazistischen Volksgemeinschaft zu spielen, sei es nun aus Überzeugung, sei es aus Opportunismus.

In den Papieren, die sich im Konvolut seiner Entnazifizierungsakten findet, beteuert er immer wieder, daß seiner Mitgliedschaft in verschiedenen nazistischen Organisationen die innere Überzeugung gefehlt hätte, ja, daß sie ihm eigentlich immer gegen seinen Willen aufgezwungen worden sei. Typisches Beispiel hierfür ist seine Beschreibung, wie und warum er Mitglied der NSDAP wurde:

„Ich bin Mai 1937 Mitglied der NSDAP geworden. Der Vorgang war folgender: Ich erhielt eines Tages, ohne jeden diesbezüglichen Schritt meinerseits, einen Brief meines zuständigen Fachgruppenführers im nat-soz. Dozentenbund, er habe mich zur Aufnahme in die Partei vorgeschlagen; ich möchte einen entsprechenden Antrag stellen. Hätte ich mich darauf ablehnend verhalten, so wäre ich als Professor – ich war damals Extraordinarius in Breslau – wie als Beamter überhaupt erledigt gewesen. Das weiss jeder, der im Dritten Reich gelebt hat. Da ich übrigens die Voraussetzungen für die Aufnahme in die Partei – Verdienste um die Bewegung, Betätigung als Amtswalter usw. nicht erfüllte, erfolgte meine Aufnahme schliesslich nicht einmal auf Grund meines Antrags, sondern auf Antrag des Gauleiters, also ohne jede Einflussnahme meinerseits.“ ([6])

Er hat zwar einen Antrag gestellt, aber er wurde gar nicht auf Grund seines Antrags in die Partei aufgenommen. So leicht konnte man damals also in eine Partei hineinrutschen, mit der man eigentlich nichts am Hut hatte. Thieme beteuert in den Akten weiter, er sei in der NSDAP immer nur eine Karteileiche gewesen, sei nie zu den Parteiversammlungen gegangen und habe auch das Parteiabzeichen niemals angesteckt. Eine aktive Rolle habe er nie gespielt.

Für die Partei stimmt das wahrscheinlich auch, denn zur Zeit seines Parteieintrittes wandte sich Thieme wieder der Kirche zu, aus der er 1933 ausgetreten war. Was er aber in allen Dokumenten zu seiner Entnazifizierung völlig ausblendet, ist seine Rolle im nationalsozialistischen „Rechtswahrer-Bund“. Denn hier hat sich Thieme in den Jahren 1934/35 durchaus aktiv eingebracht und in dessen von Hans Frank herausgegebenem Zentralorgan Deutsches Recht drei Artikel publiziert.

Diese Artikel sind vor allem deshalb interessant, weil sich Thieme in diesem Fall nicht damit herausredet, er habe sie wider besseres Wissen, quasi auf Druck von außen verfaßt. Als ihn Otto Köhler 1961 in einem Artikel in der konkret als einen von „Hitlers willigen Denkern“ bezeichnet, rechtfertigt sich Thieme in einem Leserbrief. Natürlich weist er wieder einmal darauf hin, „welches die Situation junger Dozenten, die nicht zur Partei gehörten, damals war – nicht zuletzt gerade wegen des Drucks ihrer Studenten“ ([7]); viel interessanter als dieses uns inzwischen bekannte Stereotyp aber ist, daß er Köhler vorwirft, nur die Tatsache der Publikation in einem solchen Blatt für seinen „Rufmord“ heranzuziehen, „ohne zu berücksichtigen, was dort überhaupt steht“ ([7]). Wir können also davon ausgehen, daß Thieme nicht der Meinung ist, sich inhaltlich von dieser Artikelserie distanzieren zu müssen. Aus diesem Grund erweist sich ihr Inhalt für die Kontinuität von Thiemes Rechts- wie auch Gesellschaftsauffassung als ziemlich erhellend.

Um es gleich von vornherein zu sagen: Es steht nichts Rassistisches oder Antisemitisches in diesen Artikeln; und was Thieme schreibt, fügt sich nahtlos in die Kontinuität seines Denkens auch nach dem 2. Weltkrieg ein. Deshalb sah Thieme wohl auch keinen Grund dafür, sich inhaltlich von diesen Artikeln distanzieren zu müssen. Aber er erachtet gerade das als unbedenklich, was die Nazis mit den konservativen Bürgerlichen verband: Die Vorstellung der Nation als einer hierarchisch gegliederten Volklsgemeinschaft.

Thema aller drei Artikel ist das letzte Woche bereits erwähnte „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ oder einfacher Arbeitsordnungsgesetz (AOG) ([11]). Ziel dieses Gesetzes war es, die notwendigen Interessenskonflikte in den Betrieben wegzudefinieren, um damit den Arbeitern jegliche Kampfmittel aus der Hand zu nehmen.

Dazu wird erst einmal das Vertragsverhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern zugunsten eines Verhältnisses von Führer und Gefolgschaft uminterpretiert (§1). Thieme sieht ganz deutlich, daß es darum geht, den objektiven Interessensgegensatz zu Gunsten der Volks­ge­mein­schafts­ideo­logie einfach wegdekretiert. Um diesen „revolutionären“ Gehalt des AOG herauszuarbeiten, vergleicht er es mit Roosevelts New Deal, bei dem es ja auch um eine Neuordnung der Ar­beits­verhältnisse während der Großen Depression ging:

„Auch unter der Herrschaft der NIRA (National Industrial Recovery Act) stehen sich die Partner der Arbeitsordnung als feindliche Parteien gegenüber. Vereinigiungs- und Streikrecht sind ausdrücklich bestätigt […]. Anders die Gedankenwelt des neuen deutschen Arbeitsrechts […]. Nicht mehr als feindselige Prozeßgegner sollen Gefolgschaft und Betriebsführer den Treuhänder anrufen, sondern als gemein­schafts­bewußte Glieder eines Ganzen.“ ([3], S.466)

Der Jurist Thieme begrüßt also ausdrücklich, daß an die Stelle bürgerlicher Vertragsverhältnisse ein autoritäres Regime tritt: Die „Gefolgschaft“ hat dem „Betriebsführer“ „die in der Betriebsgemeinschaft begründete Treue zu halten“ (§2).

Was aber, wenn sich die Konflikte nicht wirklich wegdekretieren lassen, wenn es trotzdem zum Konflikt kommt? In diesem Fall tritt der „Treuhänder der Arbeit“ auf den Plan, der „für die Erhaltung des Arbeitsfriedens zu sorgen“ hat (§19). Dazu greift der „Treuhänder der Arbeit“ mit Hilfe von Richtlinien in die Tarif- und Betriebsautonomie ein.

Es ist eine mehr als ironische Pointe, daß Thieme diesen autoritären Eingriff des „Treuhänders der Arbeit“ in die Betriebsautonomie nicht nur rechtfertigt, sondern die Befugnisse des Treuhänders viel weiter gefaßt sehen will, als dies der Schöpfer des AOG, Werner Mansfeld, intendierte. Bei Mansfeld handelte es sich um einen Freikorps- und wahrscheinlich Stahlhelm-Kämpfer, der in der Weimarer Republik für den Verein für die Bergbauliche Interessen unter anderem die Tarifverhandlungen mit den bzw. gegen die Gewerkschaften führte. In die NSDAP trat er erst 1933 ein ([2], S.330). Mansfeld ging es vor allem darum, die Gewerkschaften auszuschalten, das bereits vor dem AOG existierende Konstrukt eines „Treuhänders der Arbeit“ diente mehr oder minder als Feigenblatt, um dem Ganzen einen national-„sozialistischen“ Anstrich zu geben. Mansfeld nahm ganz klar eine unternehmerfreundliche Position ein und wollte in den Treuhänder-Richtlinien nur unverbindliche, lediglich zur Berücksichtigung empfohlene Hinweise sehen.

Dagegen positionierte sich Thieme als der bessere Nationalsozialist. Ihm zufolge geht es, wenn der Treuhänder Richtlinien erläßt, „nicht an, daß die Betriebsführer sich darüber hinwegsetzen und bestenfalls ehrengerichtlich zur Verantwortung gezogen werden.“ ([3], S.467) Der „Betriebsführer“ ist für ihn eindeutig dem „Treuhänder“ untergeordnet.

Thieme ist es also mit der „Volksgemeinschaft“ richtig ernst, das bürgerliche Recht hat für ihn ausgedient, an seine Stelle tritt ein „deutsches“ Recht, das sich einen feuchten Dreck um Gesetzestexte schert, sondern vor allem den „Geist“ eines Gesetzes zum Rechtfertigungsgrund juristischen Handelns erklärt:

„Absichtlich war das AOG von seinen Schöpfern elastisch gefaßt; das heißt, es ist mehrdeutig und empfängt sein Gepräge aus der Hand der Rechtswahrer, die es anwenden und durch den Geist, in dem dies geschieht.“ ([4], S. 214)

Mit anderen Worten, es herrscht pure Willkür in seiner Anwendung. Oder um es mit Thiemes eigenen Worten zu sagen:

„Positivistisches Rechtsdenken und nationalsozialistische Gesetze können schwerlich gut zusammenpassen.“ ([5], S. 502)

An die Stelle verbindlicher Richtlinien tritt deshalb das autoritäre Führer-Prinzip. Der „Betriebsführer“ hat die absolute Macht über die „Gefolgschaft“, der „Treuhänder“ dann wieder über den „Betriebsführer“. Der eigentliche Witz ist, daß Thieme diese autoritäre Hierarchie keineswegs als Herrschaft verstanden wissen will. Vielmehr behauptet er,

„daß Führung als Tätigkeit heute die wesensmäßige, existenzielle Verbundenheit mit einer Gefolgschaft bedeutet und sich dadurch von bloßer Herrschaft unterscheidet […] Der Gemeinschaftsgedanke ist dem Führergrundsatz immanent und ebenso die »Verantwortung nach oben.«“ ([4], S. 215)

Das einzige, was Thieme zufolge das Willkürhandeln eines solchen „Führers“ einschränkt, ist der „Maßstab der sozialen Ehre“, was für ihn ein „Wiederaufleben deutschen Rechtsdenkens“ darstellt ([4], S. 215). Dieses „deutsche Rechtsdenken“ ist eben kein bürgerliches Recht mehr:

„Das heutige Rechtsdenken nun erfaßt das Arbeitsrecht wieder als ständisches Recht und stellt »Arbeiter« neben »Unternehmer« und »Bauer«. Wie überhaupt der Gedanke ständischer Verschiedenartigkeit des Rechts […] im Gegensatz zum 19. Jahrhundert neu lebendig ist.“ ([5], S. 502f)

Damit hat das bürgerliche Recht ausgespielt:

„[V]om ständischen Recht her muß heute die Erneuerung des für alle geltenden geschehen. Wenn auch das BGB noch lange bleibt, so wird doch vom Erbhofrecht her das Bodenrecht neu durchdacht; die Marktordnung des Reichsnährstandes gibt den Austauschgeschäften ein neues Gesicht, und so kann auch das Arbeitsrecht dazu verhelfen, das Vertragsdenken zu überwinden […].“ ([5], S. 503)

Ein distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus sieht, vorsichtig formuliert, anders aus. In den ersten Jahren des nationalsozialistischen Regimes ist Thieme also durchaus ein eifriger Verfechter der neuen, autoritär-hierarchischen Gesellschaftsordnung, die mit der bürgerlichen Gleichheit vor dem Gesetz aufräumt. Daß diese Auffassung auf juristische Willkür und letztlich Gewalt hinausläuft, ignoriert er zunächst geflissentlich. Dies ist umso erstaunlicher, weil sein Bruder Karl 1933 als Professor entlassen wurde, weil er aktiver Sozialdemokrat war, und 1935, als die Gestapo ihm nachstellte, ins Exil flüchtete ([10]).

Es ist schwer zu sagen, was Hans Thieme dann in der zweiten Hälfte der 30er Jahre bewogen hat, auf größere Distanz zu gehen. Möglicherweise spielten die eigenen Erfahrungen mit seiner Ordinierung in Breslau eine Rolle:

„Intrigen, wie sie damals an der Tagesordnung waren, wurden gegen mich gesponnen, das Parteiministerium, aber auch die Studentenschaft spielten eine dunkle Rolle; man sagte mir allerhand nach, was Ehre und Ruf schädigen sollte.“ ([8], S. 136)

Der Eintritt in die NSDAP verhalf ihm dann zwar zu seinem Ordinariat, doch habe ich aus der Zeit danach keine Zeugnisse für einen positiven Bezug auf den Nationalsozialismus mehr gefunden; stattdessen wandte sich Thieme jetzt wieder der Religion zu. Aber seine „Utopie“ der Volksgemeinschaft, die Vorstellung von Führung und Gefolgschaft, die selbstverständliche Annahme einer hierarchischen Rangordnung innerhalb der Gesellschaft, verließ ihn auch nach 1945 nie.

Wie sehr Thieme diese gesellschaftlichen Rangordnungen verinnerlicht hat, zeigt sich nur allzudeutlich in seinem Ende der 40er Jahre redigierten Kriegstagebuch. Dort distanziert er sich, wenig verwunderlich, vehement von den Gräueltaten der SS und strickt mit am Mythos der „sauberen Wehrmacht“. Als er 1944 zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands abkommandiert wird, schreibt er:

„Wir hatten es bisher mit anständigen, soldatischen Aufgaben zu tun gehabt und wollten uns nun nicht in elfter Stunde noch in die Schweinereien jener Kreise [der SS] hineinziehen lassen.“ ([9], S. 301)

Um aber die besondere Perfidie der SS-Schergen deutlich zu machen, beschreibt er einen Flüchtlingszug von polnischen Frauen und Kindern. Schaudernd wendet er sich ab von dem kalten Zynismus des SS-Offiziers, der diese Flüchtlinge nur ziehen läßt, weil er nicht genügend Munition hat, um mehr als die Männer zu erschießen. Doch beim Versuch, diesem Zynismus seine eigene Empathie mit den polnischen Flüchtlingen entgegenzustellen, kommt der ihm eigene, durch seiner eigenen Vorstellungen von gesellschaftlicher Hierarchie und Wertigkeit geprägte Zynismus erschreckend zum Vorschein:

„Was einem in diesem Elend besonders naheging, war, daß es sich diesmal nicht, wie in Rußland, um ganz arme, sowieso schon jammervolle Gestalten handelte, sondern um Menschen unserer Gesellschaftsschicht, Damen in Pelzmänteln, hübsche, bis vor 2 Tagen noch »gepflegte« Kinder.“ ([9], S. 304)

Bei russischen Hungerleidern hält sich das Mitleid des nun wieder christlichen Thieme in Grenzen, aber wenn die Opfer Pelzmantel tragen, ist er erschüttert. Nicht, daß sich Thieme damit auf die selbe Ebene wie den von ihm beschriebenen SS-Schergen stellen würde, aber es macht deutlich, wie schwer diesen konservativ-bürgerlichen Kreisen der Gedanke der Humanität, der nicht diskriminierenden Empathie mit den Opfern von Terror und Gewalt, fällt.

Wie diese Geisteshaltung dann 1960 den Konflikt mit der Freiburger Studentenzeitung prägt, lesen Sie nächste Woche, wenn Thieme meint:

„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich’s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S.9)

Literaturverzeichnis

[1] Hemmerich, P., „Interview mit Hans Thieme“, in: Die Zeit, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 – 10.

[2] Mason, T. W.: „Zur Entstehung des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934: Ein Versuch über das Verhältnis »archaischer« und »moderner« Momente in der neuesten deutschen Geschichte“, in: Mommsen, H.; Petzina, D. & Weisbrod, B. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik Bd.1, Kronberg/Ts. 1977.

[3] Thieme, H., „Die rechtliche Stellung des Treuhänders der Arbeit“, in: Deutsches Recht, Jg.4 (1934), Nr.19 (10. Oktober 1934 1934): S.466 – 468.

[4] Thieme, H., „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935): S.214 – 217.

[5] Thieme, H., „Nationalsozialistisches Arbeitsrecht“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.19/20 (15. Oktober 1935): S.501 -504.

[6] Thieme, H.: „Brief an nicht genannten Adressaten vom 2. Juni 1945“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[7] Thieme, H.: „Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).

[8] Thieme, H.: „Letzte Vorkriegsjahre an der Breslauer Universität“, in: Hupka, H. (Hg.), Meine Heimat Schlesien, München und Wien 1980.

[9] Thieme, H.: „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: Martin, B. & Lewandowska, S. (Hg.), Der Warschauer Aufstand 1944, Warschau 1999.

[10] Thieme, K.: „Eidesstattliche Erklärung vom 10. Juni 1946“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[11] Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934 (Arbeitsordnungsgesetz – AOG): http://www.verfassungen.de/de/de33-45/arbeit34.htm

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16. Dezember 2011 at 14:55

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Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 2

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„Von der »Volksgemeinschaft« zu reden hieß nach 1945 zugleich, von Exklusions- und Distinktionsmechanismen zu schweigen.“

Malte Thießen ([7])

Wenn wir, wie letzte Woche angekündigt, begreifen wollen, was Thiemes Denken mit der Ideologie des Nationalsozialismus verbindet, dann müssen wir uns zunächst ganz allgemein das anschauen, was als ideologische Brücke vom Bürgertum zu den Nazis führte: Die Ideologie der Volksgemeinschaft. Denn diese Ideologie war keineswegs das ausschließliche Monopol der Nationalsozialisten; auch für die bürgerlichen Parteien im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (bis hin zu den liberal-konstitutionellen) stellte die Volksgemeinschaft ein Ideal gesellschaftlicher Organisation dar.

Man vereinfacht nicht allzu sehr, wenn man die „Volksgemeinschaft“ als bürgerlichen Gegenbegriff zum „Klassenkampf“ ansieht. Die Deutsche Demokratische Partei etwa verwendete für die Wahlen von 1924 den Slogan: „Demokratie heißt Überwindung des Klassenkampfgedankens durch Volksgemeinschaft.“ (zit.nach [8], S. 29) Imaginiert wird eine Gesellschaft, in der die Klassen zwar weiter existieren, aber zum Wohle des ganzen Volkes in Harmonie zusammenarbeiten. Dabei wird das Bild einer pseudo-mittelalterlichen Ständeordnung beschworen, wo jeder seinen ihm zugewiesenen Platz ausfüllt und damit glücklich ist. Konsequenterweise ist in diesem ideologischen Rahmen dann auch immer von „Ständen“ statt von Klassen die Rede.

Daß dieses Gesellschaftsmodell der Realität des Industriekapitalismus Hohn sprach, entwertete es keineswegs, sondern machte es umso attraktiver. Man wollte die Industriegesellschaft, aber bitteschön ohne Klassenkampf, so wie es in einer imaginären guten alten Zeit der Fall gewesen sein sollte. Und wenn die zeitgenössische Realität dem nicht entsprach, dann mußte jemand daran schuldig sein: Offenbar waren zersetzende Elemente am Werk, die die schöne Harmonie zwischen Bürgertum, Arbeitern, Bauern und Soldaten (so die gängige Klassifizierung der gesellschaftlichen „Stände“) zerstörten. Bei der Identifizierung dieser zersetzenden Elemente gab es allerdings gewisse Differenzen zwischen Nationalsozialisten und bürgerlichen Konservativen. Die Nazis verstanden die Volksgemeinschaft vor allem „rassisch“, die zersetzenden Elemente, die man vernichten mußte, um eine harmonische Volksgemeinschaft herzustellen, wurden als feindliche „Gegenrassen“ identifiziert: Insbesondere den Juden wurde vorgeworfen, die Volksgemeinschaft von innen zu zersetzen. Bei den bürgerlichen Konservativen, soweit sie nicht selbst antisemitisch und rassistisch eingestellt waren, wurde diese zersetzende Tätigkeit gewissenlosen sozialistischen Agitatoren unterstellt. Ohne deren Zutun, so die Vorstellung, wäre die Arbeiterklasse mit ihrem Los durchaus zufrieden.

Die Übergänge zwischen diesen beiden Formen des Volksgemeinschaftsdenkens (es gab auch noch eine dritte, demokratische) waren fließend. Es gibt aber einen zentralen Überschneidungspunkt. Konservative stimmten mit den Nationalsozialisten in einem militanten Anti-Bolschewismus überein. Selbst dort, wo die Konservativen die antisemitische Gleichsetzung von „Bolschewismus“ und „Judentum“ als unsinnig ablehnten, waren sie durchaus mit der allgemeinen Stoßrichtung zufrieden. Verhinderten die Nationalsozialisten, daß sozialistischen Agitatoren die Arbeiterklasse gegen das Bürgertum aufhetzten, so war der Antisemitismus ein kleiner Preis, den man dafür gerne zu zahlen bereit war.

Und so bildeten Volksgemeinschaftsdenken und Anti-Bolschewismus das ideologische Bindeglied zwischen Nationalsozialisten und Bürgertum, selbst dort, wo der antisemitische Kitt der nationalsozialistischen Ideologie nicht griff. Auch in den Teilen des Bürgertums, die den handgreiflichen Antisemitismus des Nazipöbels abstoßend fanden, erschien die nationalsozialistische Machtergreifung als kleineres Übel verglichen mit der als chaotisch empfundenen Weimarer Republik. Als die Nazis als erstes die Parteien und Organisationen der Arbeiterklasse ausschalteten, schien die vom Klassenkampf befreite Volksgemeinschaft in greifbare Nähe zu rücken. Am 20. Januar 1934 wurde der Klassenkampfes mit dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ offiziell beendet, das harmonische Miteinander von Kapitalisten und Arbeiterklasse wurde Gesetz. Dessen erster Paragraph lautete:

„Im Betriebe arbeiten der Unternehmer als Führer des Betriebes, die Angestellten und Arbeiter als Gefolgschaft gemeinsam zur Förderung der Betriebszwecke und zum gemeinsamen Nutzen von Volk und Staat.“

So viel zum ideologischen Hintergrund, ohne den so jemand wie Hans Thieme nicht zu verstehen ist. Denn die Volksgemeinschaft ist und bleibt für Thieme, auch nach 1945 ein erstrebenswertes Ideal. Im Jahr 1969, als an der Universität erste zaghafte Versuche unternommen werden, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten, hält Thieme einen Vortrag, der dann in der Freiburger Studentenzeitung ausführlich rezensiert wurde. In dieser Rezension heißt es:

„Trotz seiner Abneigung gegen die meisten Ergebnisse des Faschismus gibt Thieme zu bedenken, daß der positive erzieherische Wert des Dritten Reiches nicht einfach unterschlagen werden dürfe. Schließlich seien »viel Egoismus und – wie man heute sagt – ‚ohne mich‘ – Denken … damals bekämpft bekämpft und wenigstens zeitweise und bei beträchtlichen Teilen der Bevölkerung wirklich überwunden worden.«
Thieme möchte gern die »Werte« retten, die der Faschismus für falsche Ziele »mißbraucht« hat. Für Thieme ist z. B. ein vom Nationalsozialismus pervertierter, aber an sich brauchbarer Wert: »Hoch und Niedrig im Dienste an der Volksgemeinschaft zu vereinigen«. Wie das nicht pervertiert vor sich gehen soll, ist uns schleierhaft. Unseres Wissens ist gerade dieser »Wert« Thiemes ein Kernstück nationalsozialistischer Ideologie. Er beinhaltet nämlich nichts anderes, als daß die Entrechteten und Unterprivilegierten ihre Klassenlage und ihre Wut auf die Ausbeuter vergessen sollen, um gemeinsam mit den Kapitalisten der »Volksgemeinschaft« zu dienen.“ ([1], S. 9)

Der Vorwurf ist sicherlich gerechtfertigt; und trifft doch nicht exakt ins Schwarze. Thiemes Vorstellung von „Volksgemeinschaft“ ist eine andere als die der Nazis. Die terroristische Durchsetzung einer völkisch-homogenen Gemeinschaft, war ihm – das ist durchaus glaubwürdig – ein Gräuel. Weder war Thieme Antisemit noch ein Freund von Gewalt. Was die Nazis zunächst in den Straßen und dann in den okkupierten Ländern veranstalten, stieß ihn zutiefst ab. Aber er hielt dennoch am Ideal einer Gesellschaft fest, in der einerseits die bestehenden Klassenverhältnisse nicht angetastet würden, sich die Klassenkonflikte aber dennoch einfach in Luft auflösten. Nur sollte dieser idyllische Zustand nicht durch Gewalt hergestellt werden.

Diese Ideologie einer Klassenversöhnung ohne Aufhebung der Klassen zieht sich durch Thiemes ganzes Denken. In einem mit „Bürgertum“ betitelten Artikel aus dem Jahr 1948 wünscht er sich eben dieses Bürgertum „aufgeschlossen, verantwortungsbewußt, frei von Dünkel, aber auch ohne Minderwertigkeitskomplex. Und es wird hoffentlich ein Arbeitertum geben, das diesem Bürgertum nicht mehr feindselig gegenübersteht, sondern mit ihm zusammen die gemeinsamen Aufgaben angeht und es mit frischem Blut immer wieder verjüngt.“ ([3], S. 2)

In Thiemes Vorstellung muß das Bürgertum mit gesundem Selbstbewußt seiner eigentlichen gesellschaftlichen Führungsverantwortung gerecht werden. Das Problem der Vergangenheit sieht er darin, daß das Bürgertum sein Selbstbewußtsein verloren und sich dem militanten Pöbel unterworfen habe. An diesem mangelnden Selbstbewußtsein verantwortlich war, wenn wir Thieme glauben schenken wollen, „der antibürgerliche Affekt bei der deutschen Jugendbewegung. Sie hat das Bürgertum am meisten diskreditiert.“ ([3], S. 1) Als das Bürgertum nicht mehr willens war, seine Werte von Ordnung, Anstand und Sauberkeit rigoros durchzusetzen, begann der Niedergang: „Mit lügnerischen Plakaten fing es an, mit Bierseidel-Schlachten ging es weiter, und mit dem »Größten Feldherrn aller Zeiten« hörte es auf.“ ([4], S. 4)

Der wahnhafte Glaube, die klassischen bürgerlichen Werte stünden im Gegensatz zum Nationalsozialismus, nimmt bei Thieme streckenweise groteske Züge an. In seinen Ende der vierziger Jahre anhand von Tagebuchnotizen diktierten Kriegserinnerungen berichtet er, wie er nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 auf Heimaturlaub durch das besetzte Polen reiste:

„Ich muß sagen, es war erstaunlich, wie aufgeräumt und wohlverwaltet das Generalgouvernement [d. i. Polen] aussah. Vom Feldzug des Jahres 39 war so gut wie nichts mehr zu sehen. Ordnung, Sauberkeit, Wiederaufbau, zumal auf dem flachen Land. »Kirchhofsruhe« – aber doch ein Zeugnis,daß wir nicht so unfähig sind, fremdes Land zu verwalten, wie man hinterher sagt.“ ([5], S. 306)

Eine andere Bezeichnung als „pervers“ fällt mir angesichts derartiger Äußerungen einfach nicht ein. Thieme ist mental in der Lage, den Nationalsozialismus vollständig vom Bürgertum anzukoppeln. Nationalsozialismus ist für ihn einfach nur Gewalt, Terror, Herrschaft des Pöbels und – für Thieme ganz wichtig – einer respektlosen Jugend. Das Bürgertum hingegen steht für Anstand, Ordnung, Sauberkeit und eine dem Gemeinwohl verpflichtete Führung.

Natürlich weiß Thieme um die Kapitulation des deutschen Bürgertums vor dem Nationalsozialismus:

„Das politische Versagen weiter Kreise des Bürgertums wollen wir nicht beschönigen. Es fragt sich nur, ob es die anderen Stände besser gemacht haben, die Bauern, die Soldaten, die Arbeiter. Gab es nicht überall Einsichtige und Irrende? War einer dieser Stände derart führend bei der Katastrophe, die wir erlebt haben, daß ihm die Hauptschuld zufällt?“ ([3], S. 1)

Damit ist das Bürgertum als Klasse exkulpiert und das ganze Problem löst sich auf in eine nebulöse Unterscheidung von Einsichtigen und Irrenden. Daß es gerade seine bürgerlichen Werte waren, die ihn zumindest in den ersten Jahren nach der Machtergreifung in bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus brachte, ignoriert Thieme geflissentlich. Ein krasses Beispiel findet sich in seiner Entnazifizierungsakte, in der er seine Teilnahme an der Bücherverbrennung auf dem Frankfurter Römerplatz 1933 legitimiert:

„Ich sah in dieser Aktion trotz allem Über-das Ziel-Hinausschießen (so hat man sogar Fontane und Hofmannsthal verbrannt!) und trotz der antisemitischen Komponenten in erster Linie eine sympathische Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden, was auch mich an unsrer Litteratur und Kunst vielfach abgestoßen hatte, etwa im Feuilleton der sonst von mir sehr geschätzten Frankfurter Zeitung (Soma Morgenstern, Heinrich Simon, Bernhard von Brentano, Franz [gemeint ist wohl Siegfried] Krakauer, Erik Graf Wickenburg und wie jene Litteraten alle hießen) und meinte, man müsse die Jugend, die nun zu einer – allerdings tumultarischen – Maßnahme dagegen schritt, welche von Fern an das Wartburgfest erinnerte, dabei nicht im Stich lassen.“ ([6])

Man muß es sich wirklich klarmachen: Dies ist ein Text, den Thieme dem Entnazifizierungsausschuß vorlegte. In der Geisteswelt seiner bürgerlichen Werte ist die „Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden“ in Kunst und Literatur völlig legitim. Wenn Kunst und Literatur nicht dem harmonischen Zusammenwirken der verschiedenen „Stände“ in der Volksgemeinschaft dienen, dann findet ein Bürger wie Thieme es einfach sympathisch, wenn einmal ein Zeichen gesetzt wird, auch wenn das etwas über das Ziel hinausschießt.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn wir uns genauer anschauen, was Thieme zum „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“ ([2]) zu sagen hat.

Literaturverzeichnis

[1]Becker, N., „Thieme“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.19 (1969), Nr.9 (4. Dezember 1969): S.9.

[2]Thieme, H., „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935 1935): S.214 – 217.

[3]Thieme, H., „Bürgertum“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.17 (13. August 1948): S.1 – 2.

[4]Thieme, H., „Anstand in der Politik“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.25 (3. Dezember 1948): S.4.

[5]Thieme, H.: „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: Martin, B. & Lewandowska, S. (Hg.), Der Warschauer Aufstand 1944, Warschau 1999.

[6]Thieme, H.: „Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[7]Thießen, M.: „Schöne Zeiten?“, in: Bajohr, F. & Wildt, M. (Hg.), Volksgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2009.

[8]Wildt, M.: „Die Ungleichheit des Volkes“, in: Bajohr, F. & Wildt, M. (Hg.), Volksgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2009.

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9. Dezember 2011 at 14:28

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Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 1

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„Es ist ein wenig viel, was man offenbar dem Bürgertum ankreiden möchte: Nationalismus, Versagen gegenüber der sozialen Frage, politische Reaktion, Unmoral, Nihilismus.“

Hans Thieme, 1948

Vorletzte Woche hatte ich über die Auseinandersetzung berichtet, die 1960 zwischen dem Rektor der Universität Freiburg und der Redaktion der Freiburger Studentenzeitung stattgefunden hatte. Und ich hatte die empörende Bemerkung des Rektors gegenüber dem griechischen Redaktionsmitglied Nikos Hadjinicolaou referiert, dem von eben diesem Rektor beschieden wurde: „Sie sind besser ruhig! Darüber spreche ich nur mit Deutschen!“ ([1], S. 2)

Diesen Text hatte ich während einer Zugfahrt, ohne Internetzugang geschrieben und dann sofort veröffentlich. Später interessierte mich dann doch, wer dieser Rektor namens Hans Thieme eigentlich gewesen war. Und es überraschte mich nicht im geringsten, als ich aus der Wikipedia erfuhr, daß Thieme 1937 in die NSDAP eingetreten war und im 2. Weltkrieg als Offizier gedient hatte.

Weitere Recherchen ergaben, daß Thieme dann nach dem Krieg enge Beziehungen zum rechten Rand des Konservativismus unterhielt. Der revanchistische Bund der Vertriebenen stellte da nur das Sahnehäubchen dar – eine wichtige Rolle spielte er auch im von den Altnazis Hermann Aubin und Johannes Künzig 1953 gegründeten Ostdeutschen Akademischen Arbeitskreises in Freiburg (Kopernikuskreis). Aubin kannte Thieme übrigens noch aus seiner Breslauer Zeit in den 30er Jahren, als Aubin der Nestor der rassistischen deutschen Volkskunde war.

Angesichts dieser Fakten schien sich das Bild endgültig abzurunden: Offensichtlich handelte es sich bei Thieme um einem alten Nazi und unverbesserlichen Revisionisten, der Ausfall gegen Hadjinicolaou war also durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Kurz und gut: Thieme verkörperte, zumindest dem ersten Anschein nach, exemplarisch die 68er Parole, derzufolge es unter den Talaren nach dem Muff von 1000 Jahren roch.

Doch dieses simple Bild trügt. Tatsächlich ist Thiemes Verhalten um einiges komplexer, als es der eben skizzierte Lebenslauf vermuten läßt.

Es geht im Folgenden weder darum, Thieme posthum noch einmal etwas am Zeug zu flicken, noch ihn weißzuwaschen. Es geht einfach darum, zu verstehen, was das für Persönlichkeiten waren, mit denen sich die Nachkriegsgeneration herumschlagen mußte. Thieme ist, gerade in seiner Widersprüchlichkeit, ein erschreckendes Beispiel für die Werte und Vorstellungen seiner Generation und Klasse. Denn Thieme war, zumindest in seinem eigenen Selbstverständnis, tatsächlich so etwas wie ein Gegner des Nationalsozialismus. Im Entnazifizierungsbescheid heißt es über ihn:

„Der Unterausschuss der Universität hat den Betroffenen am 20.11.1947 als »klaren Antifaschisten«für eine Einstufung nach Kat. V vorgeschlagen. Am 9.4.48 hat sich der Hauptausschuss dem angeschlossen, sodass der Betroffene unbedenklich als entlastet festgestellt werden konnte.“ ([8])

Nun sind solche Persilscheine natürlich mit Vorsicht zu genießen. Immerhin war Thieme Mitglied der Motor-SA, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund und, wie in der Wikipedia korrekt konstatiert, der NSDAP. Die Dokumente in Thiemes Entnazifizierungsakte belegen aber durchaus glaubwürdig, daß er die Nazis verabscheute und allein aus Karrieregründen den genannten Organisationen beitrat. Selbstkritisch bekannte er 1947:

„Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben.“ ([5])

Daß Thieme mit der Partei, ihren Organisationen und dem ganzen nationalsozialistischen Staat am liebsten gar nichts zu tun gehabt hätte, ist ziemlich unzweifelhaft. Umso erschreckender ist es, daß wesentliche Pfeiler seiner Gedankenwelt nicht nur mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatibel waren, sondern sich von dieser überhaupt nicht unterscheiden lassen. Doch dazu nächste Woche mehr.

In der Nachkriegszeit jedenfalls verstand sich Thieme ohne jeden Zweifel als jemand, für den eine „offene Verurteilung dieser üblen Vergangenheit, das redliche Bestreben, es besser zu machen“ selbstverständlich waren ([3], S. 4). Exemplarischer Ausdruck hierfür ist der Aufsatz „Hochschullehrer klagen an“, den Thieme 1953 veröffentlichte. Thieme setzt sich darin scharf mit einer Publikation eines Herbert Grabert auseinander, der als Vorsitzender eines „Verbandes der nichtamtierenden (amtsverdrängten) Hochschullehrer“ fungierte. Der Terminus der „amtsverdängten“ Hochschullehrer war nichts anderes als ein Euphemismus für in der Wolle gefärbte Nazis, die für die Universitäten beim besten Willen (und dieser reichte weit) nicht mehr tragbar waren. Thieme empörtesich zurecht:

„Mit keinem Wort geht er [Grabert] darauf ein, was eigentlich an den deutschen Hochschulen vor 1945 geschah. […] Weiß er nichts mehr von Gleichgültigkeit und Eigennutz, Lieblosigkeit und Ehrgeiz, die 1933 in der deutschen Hochschullehrerschaft erschreckend zu tagen traten, Juden, Mischlinge und politisch Andersdenkende ächteten, denunzierten, depossedierten, in Not und Verzweiflung trieben, ins Exil und nicht selten in den Selbstmord? […] Hat er nie etwas von der „Deutschen Mathematik“ gehört, von einem Anatomen, der die Skelette ad hoc ermordeter Juden sammelte, von anderen Medizinern, die Zwangsexperimente mit Häftlichen veranstalteten, von Theologen, die historisch, dogmatisch oder kirchenpolitisch Nationalsozialismus und Christentum unter einen Hut brachten, von Juristen, die den »großartigen Kampf des Gauleiters Streicher« rühmten, das Judentum als »volkgewordene Kriminalität« kennzeichneten, dem Reichsführer SS zum 50. (!) Geburtstag eine Festschrift darbrachten oder die »Kriegsschuldfrage 1939« wider besseres Wissen zurechtbogen?“ ([3], S. 3f)

Und völlig korrekt führt Thieme weiter aus:

„Eine unumgängliche Rücksicht schulden wir dagegen den aus der Emigration zurückgekehrten Kollegen. Manchem kann es nicht hoch genug angerechnet werden, daß er trotz Unbill und Leid, die ihm zugefügt wurden, wieder zu uns gekommen ist. Dürfen wir solchen Männern zumuten, in den Fakuĺtäten mit solchen zusammenzuarbeiten, die gleichsam den ordre public verletzt haben? Hier gibt es eine echte Wiedergutmachungspflicht, die selbst auf Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen hat.“ ([3], S. 5)

Thieme ist ganz offenkundig jemand, der sich tatkräftig für einen demokratischen Neuanfang engagiert und dies auch öffentlich zum Ausdruck bringt. Ausdrücklich forderte er, es gelte „den Staat vor einer reaktionären Haltung der Universitäten und die studierende Jugend vor der Gefahr neuerlicher politischer Mißleitung zu bewahren.“ ([3], S. 5)

Und in einem offenen Brief, in dem er sich gegen das Korporations(un)wesen ausspricht, bekräftigt er noch einmal:

„Wir fühlen uns für die Universität, für die geistige und politische Entwicklung und für die junge Generation verantwortlich.“ ([4], S. 11)

Genau darin aber liegt einer der Gründe dafür, daß es zu einer derartigen Entgleisung kommen konnte, wie sie sich Thieme gegenüber Hadjinicolaou erlaubte. Die beschworene Verantwortung für die Jugend äußerte sich in einer dezidiert patriarchal-autoritären Haltung. Die Lernenden sollten sich nicht einbilden, daß sie das Recht hätten, Kritik an den Lehrenden zu üben.

Dies ging durchaus auf persönliche biographische Erfahrungen während des Nationalsozialismus zurück. Thiemes Klage über aktivistische Studenten zieht sich wie ein roter Faden durch seine Schriften. Im bereits zitierten Artikel gegen Grabert beklagt er sich nachträglich über die „einflußreichen »jungen Marschierer[…]« und »politischen Soldaten« vom Studentenbund“ ([3], S. 3). In einem anderen Artikel erklärt er:

„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA. […] Nur ein »militanter Typ« fand Gnade vor ihren Augen, keine »Intellektbestie«, wie der schöne Ausdruck lautete.“ ([2], S 12)

Ganz konkret bezieht sich dies auf ein Ereignis während Thiemes Frankfurter Zeit:

„Für das WS 33/34 hatte ich keine Vorlesungen angekündigt, um ganz für die Fertigstellung meiner Habilitationsarbeit frei zu sein; dies weckte bei der Studentenschaft die Vorstellung, als sei ich ebenso wie so viele andere politisch nicht mehr tragbar. Man wußte nicht recht, woran man mit mir war, einerseits machte ich nirgends mit, andererseits hatte man mir auch nichts Positiv vorzuwerfen. Ich wurde zur Teilnahme an einem Wehrsportlager aufgefordert, lehnte aber wegen wissenschaftlicher Arbeitsverpflichtungen ab und geriet dadurch in einen erheblichen Konflikt mit dem damaligen Fachschaftsführer Marder, einem wilden SS-Mann, in dem mich nur die persönliche energische Führsprache meines Lehrers Beyerle vor einem Verdikt der Studenten rettete.“ ([6])

Beinahe wäre es also mit der schönen Karriere zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Studentische Mitbestimmung ist ihm, wie politisches Engagement, das sich nicht in den rechtlich fest abgesteckten Bahnen bewegt, grundsätzlich suspekt. Und wahrscheinlich muß man eine derartige Haltung, die aus der Erfahrung mit den nationalsozialistischen Studenten geboren ist, bei einer großen Anzahl der damaligen Universitätsprofessoren einfach in Rechnung stellen, und zwar nicht nur bei alten Nazis oder einfachen Opportunisten wie Thieme, sondern gerade auch bei durchaus antifaschistisch gesinnten Hochschullehrern.

Schwerer jedoch als dieser, mit etwas gutem Willen auch als gut gemeint interpretierbare patriarchale Autoritarismus, wiegen die grundsätzlichen Gesellschaftsvorstellungen von Thieme, die tatsächlich mit einem demokratischen Gemeinwesen eigentlich nicht vereinbar sind.

Dazu nächste Woche mehr, wenn Thieme dann doch zugibt, daß er „tatsächlich kurze Zeit an die Möglichkeit eines »deutschen Sozialismus« unter Bewahrung christlicher und deutsch-rechtlicher Werte und an die Aufgabe, sich dafür einzusetzen“ glaubte ([7]).

Literaturverzeichnis

[1] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Eine Erklärung – kein Widerruf!“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.2.

[2] Thieme, H., „Ankläger Jugend?“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.

[3] Thieme, H., „Hochschullehrer klagen an“, in: Deutsche Universitätszeitung, Jg.8 (1953), Nr.7 (7. April 1953): S.3 – 5.

[4] Thieme, H., „An einen Alten Herrn“, in: Deutsche Universitätszeitung, Jg.8 (1953), Nr.9 (4. Mai 1953): S.11.

[5] Thieme, H.:„Brief an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[6] Thieme, H.:„Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: Universitätsarchiv FreiburgC46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[7] Thieme, H.:„Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).

[8] „Entnazifizierungsbescheid Thieme vom 1. Dezember 1948“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

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2. Dezember 2011 at 18:07

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