shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 1

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„Es ist ein wenig viel, was man offenbar dem Bürgertum ankreiden möchte: Nationalismus, Versagen gegenüber der sozialen Frage, politische Reaktion, Unmoral, Nihilismus.“

Hans Thieme, 1948

Vorletzte Woche hatte ich über die Auseinandersetzung berichtet, die 1960 zwischen dem Rektor der Universität Freiburg und der Redaktion der Freiburger Studentenzeitung stattgefunden hatte. Und ich hatte die empörende Bemerkung des Rektors gegenüber dem griechischen Redaktionsmitglied Nikos Hadjinicolaou referiert, dem von eben diesem Rektor beschieden wurde: „Sie sind besser ruhig! Darüber spreche ich nur mit Deutschen!“ ([1], S. 2)

Diesen Text hatte ich während einer Zugfahrt, ohne Internetzugang geschrieben und dann sofort veröffentlich. Später interessierte mich dann doch, wer dieser Rektor namens Hans Thieme eigentlich gewesen war. Und es überraschte mich nicht im geringsten, als ich aus der Wikipedia erfuhr, daß Thieme 1937 in die NSDAP eingetreten war und im 2. Weltkrieg als Offizier gedient hatte.

Weitere Recherchen ergaben, daß Thieme dann nach dem Krieg enge Beziehungen zum rechten Rand des Konservativismus unterhielt. Der revanchistische Bund der Vertriebenen stellte da nur das Sahnehäubchen dar – eine wichtige Rolle spielte er auch im von den Altnazis Hermann Aubin und Johannes Künzig 1953 gegründeten Ostdeutschen Akademischen Arbeitskreises in Freiburg (Kopernikuskreis). Aubin kannte Thieme übrigens noch aus seiner Breslauer Zeit in den 30er Jahren, als Aubin der Nestor der rassistischen deutschen Volkskunde war.

Angesichts dieser Fakten schien sich das Bild endgültig abzurunden: Offensichtlich handelte es sich bei Thieme um einem alten Nazi und unverbesserlichen Revisionisten, der Ausfall gegen Hadjinicolaou war also durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Kurz und gut: Thieme verkörperte, zumindest dem ersten Anschein nach, exemplarisch die 68er Parole, derzufolge es unter den Talaren nach dem Muff von 1000 Jahren roch.

Doch dieses simple Bild trügt. Tatsächlich ist Thiemes Verhalten um einiges komplexer, als es der eben skizzierte Lebenslauf vermuten läßt.

Es geht im Folgenden weder darum, Thieme posthum noch einmal etwas am Zeug zu flicken, noch ihn weißzuwaschen. Es geht einfach darum, zu verstehen, was das für Persönlichkeiten waren, mit denen sich die Nachkriegsgeneration herumschlagen mußte. Thieme ist, gerade in seiner Widersprüchlichkeit, ein erschreckendes Beispiel für die Werte und Vorstellungen seiner Generation und Klasse. Denn Thieme war, zumindest in seinem eigenen Selbstverständnis, tatsächlich so etwas wie ein Gegner des Nationalsozialismus. Im Entnazifizierungsbescheid heißt es über ihn:

„Der Unterausschuss der Universität hat den Betroffenen am 20.11.1947 als »klaren Antifaschisten«für eine Einstufung nach Kat. V vorgeschlagen. Am 9.4.48 hat sich der Hauptausschuss dem angeschlossen, sodass der Betroffene unbedenklich als entlastet festgestellt werden konnte.“ ([8])

Nun sind solche Persilscheine natürlich mit Vorsicht zu genießen. Immerhin war Thieme Mitglied der Motor-SA, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund und, wie in der Wikipedia korrekt konstatiert, der NSDAP. Die Dokumente in Thiemes Entnazifizierungsakte belegen aber durchaus glaubwürdig, daß er die Nazis verabscheute und allein aus Karrieregründen den genannten Organisationen beitrat. Selbstkritisch bekannte er 1947:

„Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben.“ ([5])

Daß Thieme mit der Partei, ihren Organisationen und dem ganzen nationalsozialistischen Staat am liebsten gar nichts zu tun gehabt hätte, ist ziemlich unzweifelhaft. Umso erschreckender ist es, daß wesentliche Pfeiler seiner Gedankenwelt nicht nur mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatibel waren, sondern sich von dieser überhaupt nicht unterscheiden lassen. Doch dazu nächste Woche mehr.

In der Nachkriegszeit jedenfalls verstand sich Thieme ohne jeden Zweifel als jemand, für den eine „offene Verurteilung dieser üblen Vergangenheit, das redliche Bestreben, es besser zu machen“ selbstverständlich waren ([3], S. 4). Exemplarischer Ausdruck hierfür ist der Aufsatz „Hochschullehrer klagen an“, den Thieme 1953 veröffentlichte. Thieme setzt sich darin scharf mit einer Publikation eines Herbert Grabert auseinander, der als Vorsitzender eines „Verbandes der nichtamtierenden (amtsverdrängten) Hochschullehrer“ fungierte. Der Terminus der „amtsverdängten“ Hochschullehrer war nichts anderes als ein Euphemismus für in der Wolle gefärbte Nazis, die für die Universitäten beim besten Willen (und dieser reichte weit) nicht mehr tragbar waren. Thieme empörtesich zurecht:

„Mit keinem Wort geht er [Grabert] darauf ein, was eigentlich an den deutschen Hochschulen vor 1945 geschah. […] Weiß er nichts mehr von Gleichgültigkeit und Eigennutz, Lieblosigkeit und Ehrgeiz, die 1933 in der deutschen Hochschullehrerschaft erschreckend zu tagen traten, Juden, Mischlinge und politisch Andersdenkende ächteten, denunzierten, depossedierten, in Not und Verzweiflung trieben, ins Exil und nicht selten in den Selbstmord? […] Hat er nie etwas von der „Deutschen Mathematik“ gehört, von einem Anatomen, der die Skelette ad hoc ermordeter Juden sammelte, von anderen Medizinern, die Zwangsexperimente mit Häftlichen veranstalteten, von Theologen, die historisch, dogmatisch oder kirchenpolitisch Nationalsozialismus und Christentum unter einen Hut brachten, von Juristen, die den »großartigen Kampf des Gauleiters Streicher« rühmten, das Judentum als »volkgewordene Kriminalität« kennzeichneten, dem Reichsführer SS zum 50. (!) Geburtstag eine Festschrift darbrachten oder die »Kriegsschuldfrage 1939« wider besseres Wissen zurechtbogen?“ ([3], S. 3f)

Und völlig korrekt führt Thieme weiter aus:

„Eine unumgängliche Rücksicht schulden wir dagegen den aus der Emigration zurückgekehrten Kollegen. Manchem kann es nicht hoch genug angerechnet werden, daß er trotz Unbill und Leid, die ihm zugefügt wurden, wieder zu uns gekommen ist. Dürfen wir solchen Männern zumuten, in den Fakuĺtäten mit solchen zusammenzuarbeiten, die gleichsam den ordre public verletzt haben? Hier gibt es eine echte Wiedergutmachungspflicht, die selbst auf Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen hat.“ ([3], S. 5)

Thieme ist ganz offenkundig jemand, der sich tatkräftig für einen demokratischen Neuanfang engagiert und dies auch öffentlich zum Ausdruck bringt. Ausdrücklich forderte er, es gelte „den Staat vor einer reaktionären Haltung der Universitäten und die studierende Jugend vor der Gefahr neuerlicher politischer Mißleitung zu bewahren.“ ([3], S. 5)

Und in einem offenen Brief, in dem er sich gegen das Korporations(un)wesen ausspricht, bekräftigt er noch einmal:

„Wir fühlen uns für die Universität, für die geistige und politische Entwicklung und für die junge Generation verantwortlich.“ ([4], S. 11)

Genau darin aber liegt einer der Gründe dafür, daß es zu einer derartigen Entgleisung kommen konnte, wie sie sich Thieme gegenüber Hadjinicolaou erlaubte. Die beschworene Verantwortung für die Jugend äußerte sich in einer dezidiert patriarchal-autoritären Haltung. Die Lernenden sollten sich nicht einbilden, daß sie das Recht hätten, Kritik an den Lehrenden zu üben.

Dies ging durchaus auf persönliche biographische Erfahrungen während des Nationalsozialismus zurück. Thiemes Klage über aktivistische Studenten zieht sich wie ein roter Faden durch seine Schriften. Im bereits zitierten Artikel gegen Grabert beklagt er sich nachträglich über die „einflußreichen »jungen Marschierer[…]« und »politischen Soldaten« vom Studentenbund“ ([3], S. 3). In einem anderen Artikel erklärt er:

„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA. […] Nur ein »militanter Typ« fand Gnade vor ihren Augen, keine »Intellektbestie«, wie der schöne Ausdruck lautete.“ ([2], S 12)

Ganz konkret bezieht sich dies auf ein Ereignis während Thiemes Frankfurter Zeit:

„Für das WS 33/34 hatte ich keine Vorlesungen angekündigt, um ganz für die Fertigstellung meiner Habilitationsarbeit frei zu sein; dies weckte bei der Studentenschaft die Vorstellung, als sei ich ebenso wie so viele andere politisch nicht mehr tragbar. Man wußte nicht recht, woran man mit mir war, einerseits machte ich nirgends mit, andererseits hatte man mir auch nichts Positiv vorzuwerfen. Ich wurde zur Teilnahme an einem Wehrsportlager aufgefordert, lehnte aber wegen wissenschaftlicher Arbeitsverpflichtungen ab und geriet dadurch in einen erheblichen Konflikt mit dem damaligen Fachschaftsführer Marder, einem wilden SS-Mann, in dem mich nur die persönliche energische Führsprache meines Lehrers Beyerle vor einem Verdikt der Studenten rettete.“ ([6])

Beinahe wäre es also mit der schönen Karriere zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Studentische Mitbestimmung ist ihm, wie politisches Engagement, das sich nicht in den rechtlich fest abgesteckten Bahnen bewegt, grundsätzlich suspekt. Und wahrscheinlich muß man eine derartige Haltung, die aus der Erfahrung mit den nationalsozialistischen Studenten geboren ist, bei einer großen Anzahl der damaligen Universitätsprofessoren einfach in Rechnung stellen, und zwar nicht nur bei alten Nazis oder einfachen Opportunisten wie Thieme, sondern gerade auch bei durchaus antifaschistisch gesinnten Hochschullehrern.

Schwerer jedoch als dieser, mit etwas gutem Willen auch als gut gemeint interpretierbare patriarchale Autoritarismus, wiegen die grundsätzlichen Gesellschaftsvorstellungen von Thieme, die tatsächlich mit einem demokratischen Gemeinwesen eigentlich nicht vereinbar sind.

Dazu nächste Woche mehr, wenn Thieme dann doch zugibt, daß er „tatsächlich kurze Zeit an die Möglichkeit eines »deutschen Sozialismus« unter Bewahrung christlicher und deutsch-rechtlicher Werte und an die Aufgabe, sich dafür einzusetzen“ glaubte ([7]).

Literaturverzeichnis

[1] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Eine Erklärung – kein Widerruf!“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.2.

[2] Thieme, H., „Ankläger Jugend?“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.

[3] Thieme, H., „Hochschullehrer klagen an“, in: Deutsche Universitätszeitung, Jg.8 (1953), Nr.7 (7. April 1953): S.3 – 5.

[4] Thieme, H., „An einen Alten Herrn“, in: Deutsche Universitätszeitung, Jg.8 (1953), Nr.9 (4. Mai 1953): S.11.

[5] Thieme, H.:„Brief an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[6] Thieme, H.:„Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: Universitätsarchiv FreiburgC46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[7] Thieme, H.:„Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).

[8] „Entnazifizierungsbescheid Thieme vom 1. Dezember 1948“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

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Written by alterbolschewik

2. Dezember 2011 um 18:07

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

4 Antworten

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  1. Tolle Artikelserie und Recherchearbeit, danke. Du könntest versuchen, die auch anderswo unterzubringen, wo sie mehr Aufmerksamkeit bekommt.

    genova68

    20. Dezember 2011 at 9:30

    • Danke für das Lob! Ich habe in der Tat vor, das Ganze über Weihnachten noch mal zu überarbeiten und einen Aufsatz daraus zu machen. Mal sehen, was ich dann damit anfange.

      alterbolschewik

      20. Dezember 2011 at 18:10

  2. Vielen Dank für Deinen Blog, alterbolschewik!
    Du bist ein Licht, das (für mich) mindestens ebenso hell strahlt wie der Stern von Bethlehem.
    Es gibt Dinge, die man nicht kaufen kann, weil sie nicht von (pekuniärem) Gewinninteresse gespeist werden, sondern von der Kraft des Herzens, des Geistes und der Seele.
    Deine Gedanken, welche ein unbändiges Maß an intellektueller Redlichkeit offenbaren, gehören ganz unbedingt in diese (viel zu oft) vernachlässigte Kategorie als Basis für wirklichen Wohlstand bzw. ganzheitliches Wohlsein.

    Ich verneige mich!

    Beste Grüße
    Ludwig

    ludwig

    25. Dezember 2011 at 11:42

    • Jesses, ob so viel Lob kann ich nur erröten. Ich mache das hier, weil es mir Spaß macht und damit ich vor lauter Lohnarbeit nicht verblöde. Wenn es anderen Leuten dann auch gefällt, vielleicht sogar den einen oder anderen Erkenntnisgewinn bringt, dann freut mich das natürlich zusätzlich. Deshalb vielen Dank für die positive Rückmeldung.

      alterbolschewik

      25. Dezember 2011 at 14:29


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