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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 2

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„Von der »Volksgemeinschaft« zu reden hieß nach 1945 zugleich, von Exklusions- und Distinktionsmechanismen zu schweigen.“

Malte Thießen ([7])

Wenn wir, wie letzte Woche angekündigt, begreifen wollen, was Thiemes Denken mit der Ideologie des Nationalsozialismus verbindet, dann müssen wir uns zunächst ganz allgemein das anschauen, was als ideologische Brücke vom Bürgertum zu den Nazis führte: Die Ideologie der Volksgemeinschaft. Denn diese Ideologie war keineswegs das ausschließliche Monopol der Nationalsozialisten; auch für die bürgerlichen Parteien im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (bis hin zu den liberal-konstitutionellen) stellte die Volksgemeinschaft ein Ideal gesellschaftlicher Organisation dar.

Man vereinfacht nicht allzu sehr, wenn man die „Volksgemeinschaft“ als bürgerlichen Gegenbegriff zum „Klassenkampf“ ansieht. Die Deutsche Demokratische Partei etwa verwendete für die Wahlen von 1924 den Slogan: „Demokratie heißt Überwindung des Klassenkampfgedankens durch Volksgemeinschaft.“ (zit.nach [8], S. 29) Imaginiert wird eine Gesellschaft, in der die Klassen zwar weiter existieren, aber zum Wohle des ganzen Volkes in Harmonie zusammenarbeiten. Dabei wird das Bild einer pseudo-mittelalterlichen Ständeordnung beschworen, wo jeder seinen ihm zugewiesenen Platz ausfüllt und damit glücklich ist. Konsequenterweise ist in diesem ideologischen Rahmen dann auch immer von „Ständen“ statt von Klassen die Rede.

Daß dieses Gesellschaftsmodell der Realität des Industriekapitalismus Hohn sprach, entwertete es keineswegs, sondern machte es umso attraktiver. Man wollte die Industriegesellschaft, aber bitteschön ohne Klassenkampf, so wie es in einer imaginären guten alten Zeit der Fall gewesen sein sollte. Und wenn die zeitgenössische Realität dem nicht entsprach, dann mußte jemand daran schuldig sein: Offenbar waren zersetzende Elemente am Werk, die die schöne Harmonie zwischen Bürgertum, Arbeitern, Bauern und Soldaten (so die gängige Klassifizierung der gesellschaftlichen „Stände“) zerstörten. Bei der Identifizierung dieser zersetzenden Elemente gab es allerdings gewisse Differenzen zwischen Nationalsozialisten und bürgerlichen Konservativen. Die Nazis verstanden die Volksgemeinschaft vor allem „rassisch“, die zersetzenden Elemente, die man vernichten mußte, um eine harmonische Volksgemeinschaft herzustellen, wurden als feindliche „Gegenrassen“ identifiziert: Insbesondere den Juden wurde vorgeworfen, die Volksgemeinschaft von innen zu zersetzen. Bei den bürgerlichen Konservativen, soweit sie nicht selbst antisemitisch und rassistisch eingestellt waren, wurde diese zersetzende Tätigkeit gewissenlosen sozialistischen Agitatoren unterstellt. Ohne deren Zutun, so die Vorstellung, wäre die Arbeiterklasse mit ihrem Los durchaus zufrieden.

Die Übergänge zwischen diesen beiden Formen des Volksgemeinschaftsdenkens (es gab auch noch eine dritte, demokratische) waren fließend. Es gibt aber einen zentralen Überschneidungspunkt. Konservative stimmten mit den Nationalsozialisten in einem militanten Anti-Bolschewismus überein. Selbst dort, wo die Konservativen die antisemitische Gleichsetzung von „Bolschewismus“ und „Judentum“ als unsinnig ablehnten, waren sie durchaus mit der allgemeinen Stoßrichtung zufrieden. Verhinderten die Nationalsozialisten, daß sozialistischen Agitatoren die Arbeiterklasse gegen das Bürgertum aufhetzten, so war der Antisemitismus ein kleiner Preis, den man dafür gerne zu zahlen bereit war.

Und so bildeten Volksgemeinschaftsdenken und Anti-Bolschewismus das ideologische Bindeglied zwischen Nationalsozialisten und Bürgertum, selbst dort, wo der antisemitische Kitt der nationalsozialistischen Ideologie nicht griff. Auch in den Teilen des Bürgertums, die den handgreiflichen Antisemitismus des Nazipöbels abstoßend fanden, erschien die nationalsozialistische Machtergreifung als kleineres Übel verglichen mit der als chaotisch empfundenen Weimarer Republik. Als die Nazis als erstes die Parteien und Organisationen der Arbeiterklasse ausschalteten, schien die vom Klassenkampf befreite Volksgemeinschaft in greifbare Nähe zu rücken. Am 20. Januar 1934 wurde der Klassenkampfes mit dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ offiziell beendet, das harmonische Miteinander von Kapitalisten und Arbeiterklasse wurde Gesetz. Dessen erster Paragraph lautete:

„Im Betriebe arbeiten der Unternehmer als Führer des Betriebes, die Angestellten und Arbeiter als Gefolgschaft gemeinsam zur Förderung der Betriebszwecke und zum gemeinsamen Nutzen von Volk und Staat.“

So viel zum ideologischen Hintergrund, ohne den so jemand wie Hans Thieme nicht zu verstehen ist. Denn die Volksgemeinschaft ist und bleibt für Thieme, auch nach 1945 ein erstrebenswertes Ideal. Im Jahr 1969, als an der Universität erste zaghafte Versuche unternommen werden, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten, hält Thieme einen Vortrag, der dann in der Freiburger Studentenzeitung ausführlich rezensiert wurde. In dieser Rezension heißt es:

„Trotz seiner Abneigung gegen die meisten Ergebnisse des Faschismus gibt Thieme zu bedenken, daß der positive erzieherische Wert des Dritten Reiches nicht einfach unterschlagen werden dürfe. Schließlich seien »viel Egoismus und – wie man heute sagt – ‚ohne mich‘ – Denken … damals bekämpft bekämpft und wenigstens zeitweise und bei beträchtlichen Teilen der Bevölkerung wirklich überwunden worden.«
Thieme möchte gern die »Werte« retten, die der Faschismus für falsche Ziele »mißbraucht« hat. Für Thieme ist z. B. ein vom Nationalsozialismus pervertierter, aber an sich brauchbarer Wert: »Hoch und Niedrig im Dienste an der Volksgemeinschaft zu vereinigen«. Wie das nicht pervertiert vor sich gehen soll, ist uns schleierhaft. Unseres Wissens ist gerade dieser »Wert« Thiemes ein Kernstück nationalsozialistischer Ideologie. Er beinhaltet nämlich nichts anderes, als daß die Entrechteten und Unterprivilegierten ihre Klassenlage und ihre Wut auf die Ausbeuter vergessen sollen, um gemeinsam mit den Kapitalisten der »Volksgemeinschaft« zu dienen.“ ([1], S. 9)

Der Vorwurf ist sicherlich gerechtfertigt; und trifft doch nicht exakt ins Schwarze. Thiemes Vorstellung von „Volksgemeinschaft“ ist eine andere als die der Nazis. Die terroristische Durchsetzung einer völkisch-homogenen Gemeinschaft, war ihm – das ist durchaus glaubwürdig – ein Gräuel. Weder war Thieme Antisemit noch ein Freund von Gewalt. Was die Nazis zunächst in den Straßen und dann in den okkupierten Ländern veranstalten, stieß ihn zutiefst ab. Aber er hielt dennoch am Ideal einer Gesellschaft fest, in der einerseits die bestehenden Klassenverhältnisse nicht angetastet würden, sich die Klassenkonflikte aber dennoch einfach in Luft auflösten. Nur sollte dieser idyllische Zustand nicht durch Gewalt hergestellt werden.

Diese Ideologie einer Klassenversöhnung ohne Aufhebung der Klassen zieht sich durch Thiemes ganzes Denken. In einem mit „Bürgertum“ betitelten Artikel aus dem Jahr 1948 wünscht er sich eben dieses Bürgertum „aufgeschlossen, verantwortungsbewußt, frei von Dünkel, aber auch ohne Minderwertigkeitskomplex. Und es wird hoffentlich ein Arbeitertum geben, das diesem Bürgertum nicht mehr feindselig gegenübersteht, sondern mit ihm zusammen die gemeinsamen Aufgaben angeht und es mit frischem Blut immer wieder verjüngt.“ ([3], S. 2)

In Thiemes Vorstellung muß das Bürgertum mit gesundem Selbstbewußt seiner eigentlichen gesellschaftlichen Führungsverantwortung gerecht werden. Das Problem der Vergangenheit sieht er darin, daß das Bürgertum sein Selbstbewußtsein verloren und sich dem militanten Pöbel unterworfen habe. An diesem mangelnden Selbstbewußtsein verantwortlich war, wenn wir Thieme glauben schenken wollen, „der antibürgerliche Affekt bei der deutschen Jugendbewegung. Sie hat das Bürgertum am meisten diskreditiert.“ ([3], S. 1) Als das Bürgertum nicht mehr willens war, seine Werte von Ordnung, Anstand und Sauberkeit rigoros durchzusetzen, begann der Niedergang: „Mit lügnerischen Plakaten fing es an, mit Bierseidel-Schlachten ging es weiter, und mit dem »Größten Feldherrn aller Zeiten« hörte es auf.“ ([4], S. 4)

Der wahnhafte Glaube, die klassischen bürgerlichen Werte stünden im Gegensatz zum Nationalsozialismus, nimmt bei Thieme streckenweise groteske Züge an. In seinen Ende der vierziger Jahre anhand von Tagebuchnotizen diktierten Kriegserinnerungen berichtet er, wie er nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 auf Heimaturlaub durch das besetzte Polen reiste:

„Ich muß sagen, es war erstaunlich, wie aufgeräumt und wohlverwaltet das Generalgouvernement [d. i. Polen] aussah. Vom Feldzug des Jahres 39 war so gut wie nichts mehr zu sehen. Ordnung, Sauberkeit, Wiederaufbau, zumal auf dem flachen Land. »Kirchhofsruhe« – aber doch ein Zeugnis,daß wir nicht so unfähig sind, fremdes Land zu verwalten, wie man hinterher sagt.“ ([5], S. 306)

Eine andere Bezeichnung als „pervers“ fällt mir angesichts derartiger Äußerungen einfach nicht ein. Thieme ist mental in der Lage, den Nationalsozialismus vollständig vom Bürgertum anzukoppeln. Nationalsozialismus ist für ihn einfach nur Gewalt, Terror, Herrschaft des Pöbels und – für Thieme ganz wichtig – einer respektlosen Jugend. Das Bürgertum hingegen steht für Anstand, Ordnung, Sauberkeit und eine dem Gemeinwohl verpflichtete Führung.

Natürlich weiß Thieme um die Kapitulation des deutschen Bürgertums vor dem Nationalsozialismus:

„Das politische Versagen weiter Kreise des Bürgertums wollen wir nicht beschönigen. Es fragt sich nur, ob es die anderen Stände besser gemacht haben, die Bauern, die Soldaten, die Arbeiter. Gab es nicht überall Einsichtige und Irrende? War einer dieser Stände derart führend bei der Katastrophe, die wir erlebt haben, daß ihm die Hauptschuld zufällt?“ ([3], S. 1)

Damit ist das Bürgertum als Klasse exkulpiert und das ganze Problem löst sich auf in eine nebulöse Unterscheidung von Einsichtigen und Irrenden. Daß es gerade seine bürgerlichen Werte waren, die ihn zumindest in den ersten Jahren nach der Machtergreifung in bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus brachte, ignoriert Thieme geflissentlich. Ein krasses Beispiel findet sich in seiner Entnazifizierungsakte, in der er seine Teilnahme an der Bücherverbrennung auf dem Frankfurter Römerplatz 1933 legitimiert:

„Ich sah in dieser Aktion trotz allem Über-das Ziel-Hinausschießen (so hat man sogar Fontane und Hofmannsthal verbrannt!) und trotz der antisemitischen Komponenten in erster Linie eine sympathische Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden, was auch mich an unsrer Litteratur und Kunst vielfach abgestoßen hatte, etwa im Feuilleton der sonst von mir sehr geschätzten Frankfurter Zeitung (Soma Morgenstern, Heinrich Simon, Bernhard von Brentano, Franz [gemeint ist wohl Siegfried] Krakauer, Erik Graf Wickenburg und wie jene Litteraten alle hießen) und meinte, man müsse die Jugend, die nun zu einer – allerdings tumultarischen – Maßnahme dagegen schritt, welche von Fern an das Wartburgfest erinnerte, dabei nicht im Stich lassen.“ ([6])

Man muß es sich wirklich klarmachen: Dies ist ein Text, den Thieme dem Entnazifizierungsausschuß vorlegte. In der Geisteswelt seiner bürgerlichen Werte ist die „Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden“ in Kunst und Literatur völlig legitim. Wenn Kunst und Literatur nicht dem harmonischen Zusammenwirken der verschiedenen „Stände“ in der Volksgemeinschaft dienen, dann findet ein Bürger wie Thieme es einfach sympathisch, wenn einmal ein Zeichen gesetzt wird, auch wenn das etwas über das Ziel hinausschießt.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn wir uns genauer anschauen, was Thieme zum „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“ ([2]) zu sagen hat.

Literaturverzeichnis

[1]Becker, N., „Thieme“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.19 (1969), Nr.9 (4. Dezember 1969): S.9.

[2]Thieme, H., „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935 1935): S.214 – 217.

[3]Thieme, H., „Bürgertum“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.17 (13. August 1948): S.1 – 2.

[4]Thieme, H., „Anstand in der Politik“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.25 (3. Dezember 1948): S.4.

[5]Thieme, H.: „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: Martin, B. & Lewandowska, S. (Hg.), Der Warschauer Aufstand 1944, Warschau 1999.

[6]Thieme, H.: „Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).

[7]Thießen, M.: „Schöne Zeiten?“, in: Bajohr, F. & Wildt, M. (Hg.), Volksgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2009.

[8]Wildt, M.: „Die Ungleichheit des Volkes“, in: Bajohr, F. & Wildt, M. (Hg.), Volksgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2009.

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Written by alterbolschewik

9. Dezember 2011 um 14:28

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

3 Antworten

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  1. Das steht pars pro toto für eine Geisteshaltung, die ein Großteil des Bürgertums, darunter noch ein Teil meiner LehrerInnen, noch in den 70er Jahren eingenommen hat.

    che2001

    12. Dezember 2011 at 11:58

    • Das ist mit ein Grund dafür, warum ich so in’s Detail gehe. Ich glaube, ohne das unerträglich gute Gewissen dieser Generation wäre der Zusammenstoß 1967ff auch nicht so extrem ausgefallen, wie er es dann tat.

      alterbolschewik

      12. Dezember 2011 at 18:46

  2. Ja, ganz recht(s). Dazu gehört dann auch diese Begeisterung für Moshe Dayan und die israelische Armee im Sechstagekrieg bei alten Kameraden und die reverse Propalästinenserbegeisterung der antiimperialistischen Linken in Deutschland. Die Kritik der US-Linken an der Hinterhofpolitik ihrer Regierung und die Solidarität mit Guerrillabewegungen in Lateinamerika ist da naheliegender und rationaler, trotzdem strukturell z.T. ähnlich gestrickt.

    che2001

    13. Dezember 2011 at 23:09


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