shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Januar 2012

Der große Ökostrom-Studien-Schwindel

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Klewes gehört zu den wenigen Menschen, denen man schon im Alter von Mitte 40 den Titel der grauen Eminenz anhängte. Das liegt zweifellos an seinen Verdiensten für die PR-Branche.“

Handelsblatt, 19. Oktober 2006

Aus aktuellem Anlaß gibt es heute einen Beitrag, der nur indirekt mit dem eigentlich zu verhandelnden Thema, dem Verhältnis von antiautoritären Bewegungen und den Medien zu tun hat – damit geht es nächste Woche weiter. Dafür geht es heute um eine „wissenschaftliche“ Studie, an der ich gebeten worden bin, teilzunehmen.

Dazu muß ich vielleicht einiges vorausschicken. Wenn man, wie ich, in der selbsternannten „Green City“ Freiburg lebt, dann hat man ein Problem. Zumindest als Alter Bolschewik. Denn dann verachtet man einerseits das spießige grün-alternative Manufactum-Bürgertum aus tiefster Seele. Zum anderen muß man allerdings, wenn man ehrlich ist, zugeben, daß man mit diesem mehr gemein hat, als einem lieb ist. Natürlich habe ich die Erde nicht von meinen Kindern geborgt. Um genau zu sein: Ich würde mich hüten, überhaupt irgendwelche unerzogenen Blagen in die Welt zu setzen und dann „Luca“ zu nennen. Ich kontrolliere auch nicht, ob meine Nachbarn den Müll korrekt trennen (und wenn, dann höchst selten). Aber ich habe statt eines Autos einen Fahrradanhänger. Ich bemühe mich, meine Lebensmittel direkt beim Erzeuger zu kaufen. Und ich beziehe meinen Strom von einem Ökostromanbieter, so einem richtigen, nicht einem, der verschiedene „Tarife“ anbietet und dann rein bilanztechnisch den Atomstrom auf die nicht Ökostrombezieher verschiebt. Nein, die Anbieter meines Ökostroms sind honorige Leute, absolut integer, die seit Jahrzehnten gegen die Atomlobby aktiv sind. Und um das zu unterstützen, bin ich durchaus bereit, für meinen Strom ein paar Kröten mehr springen zu lassen (so viel mehr ist das übrigens gar nicht).

Ich bilde mir also zusammen mit vielen meiner Freiburger Mitbürger ein, ich sei ein „kritischer“ Konsument. Zwar glaube ich nicht, daß ich die Welt dadurch retten werde, weil ich statt zu dem einen Konsumgut zu einem anderen greife, aber es schadet auch sicherlich nicht. Und so bin ich beim selben Ökostromanbieter wie viele meiner umweltbewußten, grün wählenden Mitbürger. Das hat natürlich auch mit der Freiburger Geschichte zu tun, mit der Verhinderung des Atomkraftwerks in Wyhl (das, für die norddeutschen Leserinnen, „Wiehl“ ausgesprochen wird, nicht „Wühl“). Hier findet sich also noch ein Residuum der Bewegungsgeschichte. Geblieben ist davon allerdings nicht viel mehr als eine bestimmte Form des Konsums, die der Illusion aufsitzt, sie sei mehr als bloßer Konsum.

Allerdings ist diese Art des Konsums für manche Menschen ein Problem. Nämlich für die Werbewirtschaft. Denn wir uns „kritisch“ dünkende Konsumenten sind für sie sehr schwer erreichbar. Das hängt auch mit der Bewegungsgeschichte, und ja, mit deren Verhältnis zu den Medien zusammen. Das reicht zurück bis in die 60er und 70er Jahre. Die letzte Woche beschriebene Konfrontation mit der Springer-Presse, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre begann, hat ein grundsätzlich kritisches Bewußtsein gegenüber den Medien hinterlassen, das diesen ein manipulatives Interesse unterstellt. Noch schlimmer ist es um die „Botschaften“ der Werbeindustrie bestellt: Diese sind für uns „kritische Konsumenten“ nichts als Lüge und Manipulation: Zwischen der Bild-Zeitungs-Redaktion und einer Agentur für „Kommunikationsberatung“ ist, in unserer Sicht der Welt, kein wesentlicher Unterschied festzustellen. Das heißt, eigentlich sind wir für diese Menschen nicht erreichbar.

Nun könnten wir friedlich in unseren Welten nebeneinander herleben, wenn, ja, wenn die Werbeindustrie nicht ein ausgeprägtes Interesse an uns hätte. Einmal ganz davon abgesehen, daß wir über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen, wir sind sogar bereit dazu, für bestimmte Produkte mehr zu zahlen, zum Beispiel für Ökostrom, ohne daß wir das geringste davon haben. Meinem Laptop, mit dem ich das hier schreibe, ist es völlig egal, ob er mit Ökostrom oder Atomstrom betrieben wird. Wenn ich mein Gemüse auf dem Markt statt beim Diskounter kaufe, dann erhalte ich für mein Geld wenigstens auch bessere Qualität. Doch wenn ich Ökostrom kaufe, dann bringt mir das, zumindest auf das Produkt selbst bezogen, überhaupt nichts, es kostet nur mehr. Könnte man also, und hier fängt der „Kommunikationsmanager“ an zu träumen, herauskriegen, warum es Menschen gibt, die sich ökonomisch offensichtlich komplett irrsinnig verhalten; und ließen sich diese Mechanismen im Detail studieren und auf andere Produkte anwenden, dann, ja dann hätte man den Heiligen Gral der Werbung gefunden.

Doch wie gesagt, wir „kritischen“ Konsumenten sind ein widerborstiges Völkchen, was unser Verhältnis zur Werbung angeht. Klingelte also jemand von einer Werbeagentur, nennen wir sie mal Ketchum Pleon, bei uns und fragte höflich, ob wir an einer kleinen Umfrage über unser Konsumverhalten teilnehmen würden, dann müßte dieser jemand sehr schnell seine Nase zurückziehen, weil sie sonst schmerzhaft Kontakt mit unserer Tür aufnehmen würde. Es ist also nicht so ganz einfach, uns die Information aus der Nase zu ziehen, warum wir unser Geld so und nicht anders ausgeben.

Es muß also irgendwie anders gehen. Man kann sich lebhaft die Brainstorming-Sitzungen in unserer Werbeagentur vorstellen, wie dieses Problem zu lösen sei. Bis auf einmal der Seniorpartner der Agentur, nennen wir ihn einmal Joachim Klewes, eine glorreiche Idee hat: Ich gründe eine „unabhängige“ Stiftung, die dann derartige Untersuchungen durchführt. Wenn man nicht als Werbeagentur, sondern als gemeinnützige Stiftung vor der Tür steht, dann sind die Erfolgschancen sicherlich deutlich höher. Gesagt, getan, die Stiftung wird gegründet und nennt sich Change Centre Foundation. Allerdings ist die Verbandelung dieser „unabhängigen“ Stiftung mit der Werbe- und Kommunkationsindustrie so offensichtlich, daß man wahrscheinlich auch nicht besonders erfolgreich sein wird: Man holt sich vielleicht keine blutige Nase, wird aber trotzdem freundlich abgewimmelt.

Es muß also zusätzlich Vertrauen geschaffen werden. Und wem vertraut der Deutsche? Die jüngste Allensbachstudie zum Berufsprestige behauptet, daß nach Ärzten, Krankenschwestern, Lehrern, Handwerkern und Ingenieuren ausgerechnet Professoren das höchste Ansehen genießen (Kommunikationsberater tauchen in der Allensbach-Studie gar nicht auf, wahrscheinlich ist ihr Prestige eher im Bereich des Tierreiches, irgendwo im Umfeld von Kakerlaken, anzusiedeln). Nun trifft es sich, daß unser Stiftungsgründer auch Lehrveranstaltungen an der Universität Düsseldorf anbietet und sich deshalb „Honorarprofessor“ nennen darf. Wenn er jetzt noch eine der Studentinnen aus seinem Seminar vorschickt, die erklärt, sie arbeite im Auftrag der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und in Zusammenarbeit mit der unabhängigen, gemeinnützigen Change Centre Foundation, tja, dann weiß ich nicht, dann lasse ich sie vielleicht doch über meine Schwelle.

Um das Ganze aber wasserdicht zu machen, braucht es noch jemanden, der – in der Sprache der „Kommunikationsberater“ – als „Testimonial“ auftritt, also jemand, dem ich grundsätzlich erst einmal vertraue. Und so schreibt mich der Geschäftsführer meines Ökostrom-Anbieters mit folgenden wohlklingenden Worten an:

„Lieber Alter Bolschewik,
heute möchte ich Sie auf ein Forschungsprojekt der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aufmerksam machen. Unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Klewes beschäftigt sich ein Team junger Wissenschaftler mit der Frage, unter welchen Bedingungen individueller Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung möglich sind.“

Und damit hatten sie mich am Haken – schließlich interessiert mich individueller Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung ungemein (in diesem Blog geht es ja im Prinzip um nichts anderes).

Es behaupte also keiner, er sei nicht manipulierbar – es ist nur eine Frage der Mittel. Und Vertrauen ist der Hebel schlechthin. Ich vertraue meinem Ökostrom-Anbieter (und ich bin nach wie vor überzeugt, daß von dieser Seite aus nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt wurde und sie einfach über den Tisch gezogen wurden) und habe den „Professor“ Klewes und seine „Change Centre Foundation“ nicht so genau unter die Lupe genommen, wie ich das sonst getan hätte.

Und dieses Problem ist nicht zu umgehen. Ich muß tagtäglich Menschen vertrauen, es geht gar nicht anders, ich kann nicht immer alles selbst nachprüfen. Ziel der „Kommunkationsberater“ ist es, genau dieses notwendige Vertrauen zu manipulieren. Und am besten gelingt dies natürlich, wenn die Verbreiter bestimmter Botschaften sich gar nicht dessen bewußt sind, daß sie mißbraucht werden. Der neuste Werbe-Hype „virales Marketing“ beruht gerade darauf. Wenn mir eine Werbeagentur eine eMail zuschickt, in der sie mich auf ein angeblich interessantes oder lustiges Video auf youtube hinweist, dann landet das sofort im virtuellen Papierkorb. Wenn die Werbeagentur aber einen meiner Freunde dazu bringt, mir eine eMail mit dem selben Inhalt zu senden, dann werde ich mir das Video wohl ansehen. Die Agentur Ketchum Pleon ist sehr stolz darauf, daß sie diese Technik beherrscht.

Und so ließ ich mich also vermittels des Vertrauens, das ich in meinen Ökostrom-Anbieter setze, dazu manipulieren, Klewes Fragebogen auszufüllen. Allerdings stellte ich recht schnell fest, daß es im Fragebogen überhaupt nicht um „individuellen Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung“ ging, sondern allein um die Frage, warum ich bereit bin, ein teureres Produkt, nämlich Ökostrom zu kaufen, obwohl ich persönlich davon überhaupt keinen Nutzen habe.

Doch selbst als mir das bewußt wurde, stellte mir meine Arroganz noch einmal ein Bein – was wiederum zeigt, wie erfolgreich zumindest ich manipulierbar bin. Spätestens jetzt hätte ich zunächst einmal recherchieren müssen, ob die „Verengung“ der angeblichen Fragestellung auf bloßen Konsum kein Zufall ist. Und sonderlich schwierig wäre das nicht gewesen: Es reicht, „Joachim Klewes“ bei Wikipedia einzugeben. Stattdessen ließ ich mich auch noch dazu hinreißen, nach Abschluß des Fragebogens die Erforscher „individuellen Verhaltenswandels und gesellschaftlicher Veränderung“ darauf hinzuweisen, daß sich dieser nicht auf Konsumentscheidungen reduzieren lasse, im Gegenteil.

Kaum hatte ich meinen Kommentar abgeschickt, schwante mir natürlich auf einmal, daß der von mir kritisierte „Fehler“ der Studie in Wirklichkeit gar keiner war, sondern exakt deren Intention beschrieb. Es treibt mir nachträglich die Schamröte ins Gesicht, wie Klewes über meine Naivität gegackert haben muß. Es ist wohl diese narzisstische Kränkung, die mich heute dazu bewogen hat, über diesen „Großen Ökostrom-Studien-Schwindel“ zu schreiben. Und wer weiß, vielleicht findet ja auch dieser Artikel eine virale Verbreitung, die den Manipulationen eines Klewes etwas entgegensetzt.

Nächste Woche geht es aber weiter im Thema antiautoritäre Bewegungen und Medien, wenn das Darmstädter Echo 1967 meint:

„Ein Meinungskonzern überwacht die politische Wohlanständigkeit in Berlin; nur wenige riskieren es, ihn gegen sich zu haben. Die kritischen FU-Studenten gehören zu dieser Minorität.“

Written by alterbolschewik

27. Januar 2012 at 17:11

Veröffentlicht in Ökonomie, Medien, Wissenschaft

Enteignet Springer!

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SPD, CDU und FDP, damit das Parlament und der Senat – alle sind sich einig: Diese »Kommune« muß eins auf den Deckel kriegen!“

Bild-Zeitung vom 12. April 1967

Dieser Text über das Verhältnis von Medien und antiautoritären Bewegungen soll Überlegungen abschließen, die ich im Herbst letzten Jahres angestellt hatte. Mir ging es damals um die Gründe, warum Teile der antiautoritären Bewegungen in eine sinnlose Gewaltspirale abglitten, die dann in den 70er Jahren dazu führte, daß sich tatsächlich klandestine bewaffnete Gruppen bildeten. Unter anderem hatte ich als einen Grund für die Eskalation folgendes angegeben:

„Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte.“

Der Grundgedanke war, daß die mediale Aggression auf Seiten der Betroffenen selbst Aggressionen erzeugten, bis sie irgendwann glaubten, zurückschlagen zu müssen. Machten sich linke Studenten in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch über die Springerpresse lustig, begriffen sie zusehends, daß es sich um eine Macht handelte, und zwar eine parteiische Macht. Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 wurde das ganz offensichtlich. Und zwar teilten diese Meinung nicht nur linke Studenten. So erklärte beispielsweise auch der RCDS in Mainz:

„Die Wurzel für die Dauerunruhen scheint uns vor allem in der verantwortungslosen Hetze der Berliner Presse gegen die Studentenschaft zu liegen. Seit Monaten versuchen die Berliner Zeitungen, in einer regelrechten Kampagne die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufzubringen.“ (zit. nach [1], S. 69)

In der Tat hatte die Springer-Presse mit beispielloser Aggressivität agiert und damit ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in der Gewalt gegen demonstrierende Studenten völlig legitim erschien. Die Bild-Zeitung rief beispielsweise bereits am 14. Dezember 1966 auf zum Austeilen von „Polizeihieben auf Krawallköpfe, um möglicherweise noch vorhandenen Grips locker zu machen“ (zit. nach [3], S. 541). Am 11. Januar 1967 forderte dann die ebenfalls zum Springer-Konzern gehörende Berliner Morgenpost, man müsse „Störenfriede ausmerzen“ (zit. nach [1], S. 69).

Am Tag nach dem Tod von Benno Ohnesorg forderten dann auch Studenten in Westberlin das Abgeordnetenhaus auf, „aufgrund der Bestimmungen der Verfassung von Westberlin und des Grundgesetzes der BRD die Enteignung des Springerkonzerns vorzubereiten.“ (zit. nach [1], S. 78) – natürlich ohne Erfolg. Doch damit nahm die sogenannte Springer-Kampagne ihren Anfang. Im Wintersemester 1967/68 bildete sich im Rahmen der Kritischen Universität an der FU Berlin ein Springer-Arbeitskreis, der zusammen mit anderen Gruppen wie dem Republikanischen Club ein Hearing im Frühjahr 1968 vorbereitete. Am 2. Februar wurde eine vorbereitende Veranstaltung durchgeführt, in der Arbeitsgruppenergebnisse vorgetragen wurden.

„Anschließend an diese Referate wurde ein 5-Minuten-Film von Holger Meins über die Herstellung und Verwendung von Molotowcocktails gezeigt. In derselben Nacht wurden die Fensterscheiben von 7 Morgenpost-Filialen mit Steinen zertrümmert.“ ([2], S. 122)

Die Eskalation der Gewalt hatte begonnen. Das eigentliche Springer-Hearing sollte nicht mehr stattfinden, denn die Ereignisse überschlugen sich, als am 11. April 1968 das Attentat auf Rudi Dutschke verübt wurde. Der Attentäter, ein minderbemittelter Hilfsarbeiter, war offensichtlich durch die Pressekampagne gegen die antiautoritären Bewegungen und dem als „Anführer“ stilisierten Dutschke zu seiner Tat angestiftet worden. In einem Flugblatt schrieb der Berliner SDS:

„Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, daß dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche Springer-Konzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben.“ (zit. nach [1], S.97)

Bereits am Abend des Attentats versammelten sich 5000 Demonstranten vor dem Springer-Haus und bewarfen es mit Steinen. Ein Polizeieinsatz mit Schlagstöcken und Wasserwerfern konnte nicht verhindern, daß fünf Auslieferungswagen abgefackelt und zehn weitere umgekippt und demoliert wurden. Das Berliner Beispiel machte Schule:

„In allen Städten der Bundesrepublik, in denen die »Bild«-Zeitung gedruckt oder ausgeliefert wird, kam es nach dem Dutschke-Attentat zu Blockadeversuchen. In Hamburg, Frankfurt, Essen, Köln und München gelang die Blockade in der Nacht zum Samstag; in Hannover verzögerten sich die Auslieferungen um einige Stunden, in Esslingen bei Stuttgart bis zum frühen Morgen.“ ([1], S. 100)

Die Aktionen zogen sich über das Oster-Wochenende hin und erreichten ihren Höhepunkt am Ostermontag. Zwei Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben: Der Photograph Klaus Frings wurde von einem Stein tödlich getroffen, der Student Rüdiger Schreck starb wahrscheinlich aufgrund von Polizeiprügeln. 400 weitere Personen wurden verletzt.

Es ist also durchaus plausibel, die massenmediale Vermittlung des Protestes für die Gewalteskalation verantwortlich zu machen. Zumindest die Springerpresse als geschworene Gegnerin der Protestbewegungen trug ein hohes Maß an Verantwortung für die Zuspitzung des Konfliktes.

Doch so unbestreitbar richtig, wie diese Einsicht ist, so vereinfachend ist sie auch. Zum einen bestand die bundesrepublikanische Medienlandschaft in den 60er Jahren nicht nur aus den Blättern der Springerpresse. Es gab andere, durchaus meinungsbildende Publikationen, in deren Blättern die neu entstehende gesellschaftliche Unruhe im Sinne einer Demokratisierung der Gesellschaft begrüßt wurde. Darauf werde ich nächste Woche genauer eingehen. Aber auch das Verhältnis zur Springerpresse selbst war ambivalenter als das oben skizzierte Freund-Feind-Schema suggeriert.

Tatsächlich erkannten Teile der Bewegungen, daß die Polarisierung, die der Boulevardjournalismus betrieb, keineswegs sein intendierte Ziel erreichte. Dieses Ziel, wenn es denn überhaupt jenseits der Auflagensteigerung ein politische Ziel gab, bestand darin, die Bewegungen zu isolieren und zum Abschuß freizugeben. Und wo die Springersche Meinungsmacherei auf bereits bestehende autoritäre Fixierungen traf, wirkte sie auf diese sicherlich verstärkend. Andererseits aber waren ihre Mittel derart grotesk und überzeichnet, daß sie durchaus in die Gegenrichtung mobilisierend wirken konnten. Wo die Schmähungen so übersteigert waren, konnten sie leicht dazu führen, die Geschmähten zu medialen Helden zu stilisieren.

Paradebeispiel derartiger, durch die Boulevardpresse überhaupt erst hervorgebrachter Helden waren die Bewohner der Kommune I. Deren Entstehung läßt sich – über die Subversive Aktion und die Gruppe Spur – bis zur Situationistischen Internationale zurückverfolgen. Ob nun diese Verbindung zu den Theoretikern der „Gesellschaft des Spektakels“ ausschlaggebend war oder ob es sich um puren Instinkt handelte: Die Kommune I betrachtete die Springer-Presse völlig zurecht nicht nur als Gegner, sondern auch als ein Medium, um den Spaß an der antiautoritären Revolte unter das Volk zu bringen.

„Die Diskrepanz zwischen Wort und Bild in der betont negativen Berichterstattung von Boulevardpresse und Fernsehen (die bis heute noch nicht wissenschaftlich untersucht worden ist) hatte eine nicht zu unterschätzende Multiplikatoren-Funktion. Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und später auch Georg von Rauch lasen nur noch Bild und BZ. Waren schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.“ ([2], S.103)

Tatsächlich dürften sie damit eine ganze Menge Jugendliche, vor allem auch Lehrlinge, erreicht und mobilisiert haben. Was der Elterngeneration zum Schrecken dienen sollte, diente der jungen Generation zur Anfeuerung. Jerry Rubin hat das in Do it! knapp und einleuchtend erklärt:

„Allein die Idee einer »Story« ist revolutionär, weil eine »Story« die Unterbrechung des normalen Lebens impliziert. Jeder Reporter ist ein Dramatiker, der Theater aus dem Leben schafft.
Verbrechen auf den Straßen ist eine Nachricht; Recht und Ordnung sind es nicht. Eine Revolution ist eine Nachricht; der status quo ist es nicht.
Die Medien berichten nicht über eine »Nachricht«, sie schaffen sie. Ein Ereignis geschieht, wenn es ins Fernsehen kommt und ein Mythos wird.
Die Medien sind nicht »neutral«. Die Anwesenheit einer Kamera verwandelt eine Demonstration, sie macht uns zu Helden. […] Ich habe niemals eine „schlechte“ Berichterstattung über eine Demonstration gesehen. Es ist egal, was sie über uns sagen. Die Bilder sind die Geschichte.“ ([4], S.106ff)

Zum Problem wird dies allerdings, wenn die so geschaffenen Helden selbst glauben, Helden zu sein, wenn sie glauben, man sei Revolutionär, wenn man von der Bild-Zeitung als solcher bezeichnet wird, kurz: wenn man sich selbst im Gewirr der Mythen des Boulevardjournalismus verfängt. Dann wird aus der spielerisch-provokativen Herausforderung irrationaler Autoritäten ein blutiger Krieg, der von einer kleinen radikalen Minderheit nur verloren werden kann.

Nächsten Freitag widmen wir uns den publizistischen Unterstützern der antiautoritären Bewegungen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Sie im Berliner Ärzteblatt lesen können:

„Die Studentenschaft als Organ der Universität, nicht als ihr Objekt – das ist etwas, woran sich viele, vor allem ältere Professoren nicht gewöhnen können, es widerspricht allzusehr den patriarchalischen Verhältnissen des Obrigkeitsstaates traditioneller Prägung. Und es bringt Unruhe. Demokratie ist immer unbequem, und wir haben so wenig Übung darin.“ (zit. nach [3], S.493f)

Literaturverzeichnis

[1] Bauß, G., Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, Köln 1977.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] Rubin, J., Do it!, London 1970.

Written by alterbolschewik

20. Januar 2012 at 17:26

Veröffentlicht in Medien

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Die geschmähte Generation

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Es lohnt sich für uns alle, wenn wir uns das Jahrzehnt von 1945 bis 1955 wieder vergegenwärtigen, das kein Honiglecken für das deutsche Volk, sondern die härteste Prüfung auf Herz und Nieren gewesen ist.“

Hans Filbinger, Die geschmähte Generation

In einem Kommentar zum Jahresrückblick letzte Woche hat g. auf einen Mangel in diesem Blog hingewiesen. Bislang bin ich nicht darauf eingegangen, daß die antiautoritären Bewegungen auch deshalb entstanden, weil nach 1945 eine nicht unerheblich Zahl alter Nazis wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden. Dies ist zweifellos richtig, in beiderlei Hinsicht: Zum einen war es tatsächlich so, und zum anderen habe ich das bislang noch nicht thematisiert.

Ich habe das bislang nicht thematisiert, weil ich glaube, diese Konfliktsituation ist inzwischen schon beinahe zum Klischee verkommen. Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger darf inzwischen in keinem noch so kurzen Abriß über die „68er“-Bewegung fehlen. Und es ist auch ein Ziel dieses Blogs, die sich im Umlauf befindenden Stereotypen zu den antiautoritären Bewegungen zu hinterfragen.

Dabei will ich keineswegs behaupten, daß die Konflikte mit alten Nazis in Schulen und Behörden, auf Ämtern und Gerichten, an den Universitäten und in der Politik nicht existiert hätten. In meiner oberschwäbischen Heimat (wo auch der unselige Kanzler Kiesinger herkam) habe ich das in den 70er Jahren noch selbst miterlebt. Dennoch hat es mich immer gestört, wenn die Nazivergangenheit der Elterngeneration als ein wesentlicher Grund für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen genannt wurde, und zwar deshalb, weil diese Bewegungen international waren. In den USA hatte es die aufrührerische Generation nicht mit alten Nazis zu tun, sondern mit Eltern, die diese vernichtend geschlagen hatte. Oder um ein anderes, bereits in diesem Blog dargestelltes Beispiel zu nennen: In Jugoslawien richtete sich der Protest gegen eine explizit antifaschistische Elterngeneration, die im Partisanenkrieg aktiv war.

Und so schien mir der „Muff von tausend Jahren“ immer ein eher lokalspezifisches Phänomen zu sein, das aber eigentlich aus einer internationalen Perspektive zu betrachten wäre. Das wiederum hieße zu untersuchen, was diese spezifische deutsche Elterngeneration mit eben derselben Generation in den USA oder in Frankreich gemein hatte. Ich will dazu heute eine Hypothese aufstellen, die dann im weiteren Verlauf dieses Blogs immer wieder einmal mit den konkreten Auseinandersetzungen in den verschiedenen Ländern konfrontiert werden soll.

Grundannahme für diese Hypothese: Es gab nach 1945 keine Nazis mehr. Bevor ich sofort als Geschichtsrevisionist entlarvt werde, gleich eine Präzisierung: Nach 1945 gab es in der BRD nur noch ehemalige Nazis. Und das ist keine leere Sophisterei, sondern wirklich ein Unterschied. Die Anzahl derer, die wirklich noch voll hinter all dem standen, was sie zwischen 1933 und 1945 gedacht und getrieben hatten, war sicherlich verschwindend gering. Diese besonders unappetitlichen Exemplare gab es zweifellos auch, doch sie bildeten eine absolute Minderheit.

Der Feld-, Wald- und Wiesen-Ex-Nazi hingegen entwickelte eine ganz eigene, neue Ideologie, die keineswegs identisch war mit der von vor 1945. Vielmehr wurde die alte nazistische Ideologie in einzelne Bausteine zerlegt, der neuen politischen Situation angepaßt und in veränderter Form wieder neu zusammengesetzt. Wenn man so will, wurde die alte Ideologie im hegelschen Sinne „aufgehoben“, nämlich einerseits verändert, andererseits aber auf neuer Stufenleiter reproduziert. So war zum Beispiel offener Antisemitismus verpönt, stattdessen wurden, wie Che jüngst in einem Kommentar anmerkte, die Erfolge der israelischen Armee gefeiert, das heißt, Antisemitismus wurde in eine höchst seltsame Form von Philosemitismus transformiert. Andere nazistische Ideologiebausteine hingegen mußten überhaupt nicht umgestülpt werden, sondern konnten fast nahtlos übernommen werden. Der Antibolschewismus des Dritten Reiches wurde umstandslos in den Antikommunismus des Kalten Krieges überführt, und man konnte sich dabei sogar des Beifalls der Befreier (die allerdings eher als Besatzer wahrgenommen wurden) sicher sein.

Mit anderen Worten: Wenn man die Elterngeneration einfach als eine Generation von Nazis betrachtet, verfehlt man den entscheidenden Punkt. Sie waren Nazis, die aus den Erfahrungen des Krieges und der Niederlage Lehren gezogen hatten. Man muß allerdings dazu sagen: Meistens die falschen. Das Problem war, daß es keine wirklich allgemeine und öffentliche Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben hatte, sondern im besten Fall eine individuelle und private. Natürlich war man irgendwie darüber betroffen, daß es mit dem nationalen Sozialismus nicht so richtig geklappt hatte und war möglicherweise auch entsetzt über die Blutspur, die man hinterlassen hatte. Doch dann log man sich seine Biographie zurecht und verdrängte die persönliche Verantwortung.

Professor Dr. Hans Thieme, dessen Werdegang und Geisteshaltung hier bereits ausführlich thematisiert worden sind, mag als Beispiel dienen, eben weil er ein – vergleichsweise – harmloser Fall war. Ich hatte gezeigt, daß er das nationalsozialistische Regime durchaus begrüßte und sich zunächst wohlwollend und opportunistisch verhielt. Dann begann er sich zusehends abzugrenzen, um sich nach dem Krieg eher als „Opfer“ denn als Täter zu begreifen. Und in der Tat: Was hatte er getan? Nichts als seine Arbeit als Universitätsprofessor, und das wurde ihm noch nicht einmal gedankt. Mit dieser Haltung stand er nicht allein – nach 1945 verstand sich die große Masse der Deutschen als Opfer Hitlers.

Diese Opferrolle, die dennoch grundiert war von einem latenten Schuldgefühl, prägte die Nachkriegsideologie. So wenig man sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatte, so vehement bekämpfte man nun den „Totalitarismus“. Das führte zu einem Paradox. Der aus der Nazi-Zeit herübergerettete Antibolschewismus fungierte als Antikommunismus in einer unfreiwillig ironischen Volte jetzt als Ausweis einer „antitotalitären“ Gesinnung.

Ähnlich verhielt es sich mit der an den strengen Hierarchien des Nationalsozialismus geschulten autoritären Grundhaltung. Der autoritäre Charakter wurde nicht als wesentliche Voraussetzung nationalsozialistischer Herrschaft zu erkannt. Wenn wir uns an Thieme zurückerinnern, so schreckte ihn am Nationalsozialismus zu keiner Zeit das Autoritär-Hierarchische (man denke an seine Apologie des Führer-Gefolgschaftsverhältnisses oder seine ständische Gesellschaftsauffassung), sondern vielmehr dessen pseudo-revolutionären Fassade. Vor allem eine Jugend, die sich über die traditionellen Hierarchien hinwegsetzte, wurde ihm zum Symbol nationalsozialistischer Willkür:

„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA.“ ([3], S 12)

Und so wurde in der Nachkriegszeit dann versucht, durch strikte Einhaltung der vorgegebenen Hierarchien, derartiges zu verhindern. Die Eliten, so meinte man verstanden zu haben, hätten die Aufgabe, die Jugend zu erziehen, notfalls mit harter Hand, und sie von jeglicher Infragestellung der herrschenden Ordnung abzuhalten. Ich zitiere hier noch einmal Thiemes Begründung für das Verbot, die konkret an der Universität Freiburg zu vertreiben, weil er diese Gesinnung in völlig unreflektierter Naivität einfach ausspricht:

„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich’s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S. 9)

Daß diese autoritäre Bevormundung gerade nicht mit einem demokratischen Gemeinwesen vereinbar ist, sondern wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie reproduzierte, kam dieser Generation überhaupt nicht in den Sinn. Aus ihrer Sicht zogen sie gerade die Konsequenz aus der Katastrophe des Nationalsozialismus. Und genau deshalb wurden die Kämpfe dann auch so erbittert geführt, weil sie überhaupt nicht begriffen, was an ihrem Verhalten kritikwürdig war.

Diese autoritäre Haltung, die sich zusammen mit einem militanten Antikommunismus als antitotalitär begriff, ist meines Erachtens ein wesentliches Element des Generationenkonflikts, der die antiautoritären Bewegungen im Westen hervorbrachte. Und das ist eben nicht allein ein deutsches Phänomen, auch wenn die deutsche Variante auf Grund der besonderen historischen Umstände eine spezifische Färbung besaß.

Nächste Woche geht es dann, wie versprochen weiter mit dem Thema „Antiautoritäre Bewegungen und die Medien“. Freuen Sie sich also darauf, wenn Jerry Rubin sagt:

„Hast Du jemals im Fernsehen eine langweilige Demonstration gesehen? Schon daß sie im Fernsehen ist, macht sie aufregend.“ ([2], S. 106)

Literaturverzeichnis

[1] Hemmerich, P., „Interview mit Hans Thieme“, in: Die Zeit, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 – 10.

[2] Rubin, J., Do it!, London 1970.

[3] Thieme, H., „Ankläger Jugend?“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.

Written by alterbolschewik

13. Januar 2012 at 15:40

Veröffentlicht in Generationenkonflikt

Jahresrückblick

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„I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.“

Laurence Sterne, Tristram Shandy

Ist es wirklich erst ein dreiviertel Jahr her, daß ich begonnen habe, hier auf shifting reality zu schreiben? Irgendwie kommt es mir deutlich länger vor. Ursprünglich war das Ganze nur eine vage Idee, die ich unvorsichtigerweise che gegenüber geäußert hatte; wenige Tage später erhielt ich durch ches Vermittlung von momorulez die Zugangsberechtigung – und damit hatte ich den Salat: Ich mußte anfangen zu schreiben.

Ehrlich gesagt, ich hatte kein großes Konzept, sondern nur einige vage Ideen. Es sollte um die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre gehen; und ich wollte etwas über die jugoslawische Praxis-Philosophie machen, die mich zu dieser Zeit beschäftigte. Zudem las ich fatalerweise zu der Zeit gerade von Karl May Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde, was mir wohl die Vorstellung in den Kopf setzte, es wäre ganz lustig, das Ganze als eine Art historisch-philosophischen roman feuilleton aufzuziehen: Jede Woche sollte eine Folge mit einer bestimmten Länge erscheinen, am besten mit einem Cliffhanger am Ende jeder Veröffentlichung; dazu kämen wechselnde Schauplätze, die ich immer wieder überraschend verlassen würde, um woanders hinzuspringen, um dann irgendwann genauso überraschend den Faden wieder aufzunehmen. Jeder Beitrag sollte rund 1000 Wörter umfassen und immer Freitags erscheinen. Schnell kam das Konzept dazu, an den Anfang ein Zitat als eine Art Motto zu stellen und ihn mit einem Zitat zu beenden, das auf den Text der nächsten Woche neugierig machen soll.

Das alles ist im Großen und Ganzen auch gelungen – die Texte sind im Durchschnitt eher etwas länger, bis auf eine Woche habe ich jeden Freitag meinen Beitrag fertigbekommen und offensichtlich gibt es auch eine kleine, aber hartnäckige Schar von Lesern, die hier halbwegs regelmäßig hereinschaut. Ich kann mich also nicht beklagen.

Eine Paradoxie des Bloggens besteht, zumindest für mich, jetzt darin, daß ich viel weniger am Computer und vor allem weniger am Internet hänge, sondern viel mehr Bücher und Aufsätze lese (ganz zu schweigen davon, daß mein Konsum schlechter Filme rapide abgenommen hat). Und es macht mir, ganz ehrlich, tierisch Spaß, in den totgesagten Holzmedien auf Spurensuche zu gehen. Ich habe im letzten Dreivierteljahr mehr geschrieben und gelesen als in all den Jahren seit dem Ende meines Studiums.

Worum ging es nun inhaltlich? Im groben Rückblick lassen sich, glaube ich, drei Blöcke identifzieren: Zum einen ist dies die Auseinandersetzung um die jugoslawische Studentenbewegungen und ihr Bezug zur Philosophie der Praxis-Gruppe. Der zweite Block ist das Verhältnis von politischer und künstlerischer Bewegung, von politischer Revolution und von der Kunst inspirierter Umwälzung des Alltags. Und der dritte Block ist der Konflikt von Vorkriegs- und Nachkriegsgeneration, der die Revolte der 60er Jahre befeuerte.

Die Auseinandersetzung mit der spezifisch jugoslawischen Situation begann am 13. Mai mit einem Überblick über die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens und die Auseinandersetzungen innerhalb der jugoslawischen Philosophie. Ich schloß eine Erörterung über den Kunst-Begriff einiger Praxis-Philosophen an, um dann die Realgeschichte der jugoslawischen Bewegungen darzustellen, die in der Besetzung der Belgrader Universität im Juni 1968 kulminierte. Die Problematik des politischen Revolutionsbegriffs der Neuen Linken wurde dann anhand der Sommerschule von Korčula 1968 thematisiert, wobei ich im Juli dann Gajo Petrovićs brillianten Aufsatz Philosophie und Revolution hier erstmals in deutscher Sprache publizierte. Persönlicher Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Jugoslawien war für mich dann die Konferenz auf Korčula, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Praxis-Philosophie veranstaltete und von der ich direkt aus Kroatien berichtete.

Das Thema des zweiten Blocks, das Verhältnis von künstlerischer und politischer Bewegung, tauchte in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder auf. Die erste kleinere Folge von Texten findet sich im April, wo ich mit der Diskussion über die Formen direkter Aktionen im bundesrepublikanischen SDS begann; hier wurde die direkte Aktion aber nur als neues taktisches Mittel für klassische politische Ziele begriffen. Dies kontrastierte ich dann mit den Thesen der französischen Situationisten, die unter dem Einfluß Henri Lefebvres eine Umwälzung des Alltags auf die Tagesordnung setzten. Erneut aufgenommen wurde das Thema dann am 10. Juni, als ich die subkulturellen Strömungen in Jugoslawien abhandelte; und im Prinzip ging es darum auch in einem dreiteiligen Exkurs über die These vom „Ende der Kunst“, der ab dem 22. Juli erschien. Die zwiespältige Zusammenführung von Subkultur und politischer Bewegung mußte dann thematisiert werden, als ich die Suche der Bewegung nach einer eigenen Sprache beschrieb. Diese wird dann notwendig, wenn sich im spontanen Ereignis die Bewegung konstituiert, diese sich aber ihrer selbst noch nicht bewußt ist und sich von der politischen Linken eine Sprache erborgt. Das daraus mögliche Mißverständnis, gewaltsame politische Revolution und provokative symbolische Aktion fälschlich zu identifizieren, führte mich dann zu einer Kritik des linken Terrorismus, wie sie sich in der BRD als Bewegung 2. Juni beziehungsweise RAF manifestierten.

Davon ausgehend versuchte ich in der Vorgeschichte der Bewegungen die Weichenstellungen zu finden, die eine solche Verkennung der Realität befördert hatten. Neben anderen Momenten wie der naiven Identifikation mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen lief dies letztendlich auf eine Analyse des Generationenkonfliktes zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration hinaus – womit wir beim dritten thematischen Block wären. Das war bereits anhand Jugoslawiens schon einmal zur Sprache gekommen, wurde jetzt aber ausführlichst diskutiert anhand der Auseinandersetzungen um Meinungsfreiheit und Zensur in den frühen 60er Jahren. Exemplarisch zeigte ich dies in sieben langen Folgen über die Streitigkeiten zwischen der Freiburger Studentenzeitung und dem amtierenden Rektor der Universität, Hans Thieme im Jahr 1960.

Soweit der Rückblick auf die Texte. Bleibt der Rückblick auf die Kommentare. Nun, allzuviel läßt sich hier nicht sagen, da sich das Kommentaraufkommen einigermaßen in Grenzen hält. Dank auf jeden Fall an alle, die sich im letzten Jahr die Mühe machen, hier zu kommentieren – ich weiß das wirklich zu schätzen. Allerdings muß ich auch zwei Kommentatoren erwähnen, die mich genervt haben: Zum einen war das ein Kommentator namens pyrrhon, der, ohne offensichtlich jemals eine Zeile Kant gelesen zu haben, sich als großer Kant-Kritiker aufspielte, was einfach nur peinlich und lächerlich war. Daß er irgendwann nicht mehr auftauchte, war eine Erleichterung.

Komplizierter ist das ganze mit momorulez, einst ein fleißiger Autor auf diesem Blog und im letzten Jahr gelegentlicher Kommentator. Zu Beginn habe ich seine Einwände durchaus ernst genommen (und im Ausblick für das neue Jahr weiter unten wird darauf auch noch einzugehen sein). Erst eine unangenehme Debatte bei che hat mir den ganz spezifischen Charakter seiner Art der Kommentiererei klargemacht. Momorulez betreibt etwas, was mir schon bei den Antideutschen jahrelang sauer aufgestoßen ist, nämlich das, was ich „symptomatische Lektüre“ nenne würde: Ein Text wird nicht daraufhin gelesen, was der Autor damit zu sagen versuchte, sondern es wird anhand von Symptomen nach einem Text hinter dem Text gesucht. Bei den Antideutschen ist das der Antisemitismus, bei momorulez ist das Heteronormativität. Und so wie die Antideutschen überall eine antisemitische Verschwörung wittern, findet momorulez auf Stichwort latente Homophobie – zum Beispiel beim Stichwort Punk. Um den Textinhalt geht es ihm überhaupt nicht, sondern um teilweise völlig an den Haaren herbeigezogenen Vermutungen, was „eigentlich“ und „unbewußt“ hinter dem Text stecke. Als ich ihn deswegen bei che angegriffen habe, fühlte er sich dadurch furchtbar „angefaßt“. Nun, er braucht keine Angst mehr zu haben, ich werde ihn bzw. seine Kommentare nicht einmal mehr mit der Kohlenzange anfassen.

Nichtsdestotrotz stimmt es natürlich – und da hat momorulez tatsächlich einen Punkt – daß eine ganze Menge Themen, die für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen wichtig sind, im letzten Jahr noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen sind. An realhistorischen Themen liegen mir dabei die folgenden am Herzen: Ein ganz großer und wichtiger Punkt ist die schwarze amerikanische Bürgerrechtsbewegung und ihre Radikalisierung hin zur Black Panther Party. Dann sind da die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und ihre (äußerst verzerrte) Wahrnehmung von Seiten der antiautoritären Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen. Wichtig ist aber ńicht nur der Blick nach Westen, sondern auch nach Osten: Die Emanzipationsbestrebungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“ der Sowjetunion dürfen keineswegs vernachlässigt werden. Und außerdem würde ich gerne über die Bewegungen in Mexiko und Südamerika schreiben. Was davon im nächsten Jahr wirklich realisierbar ist, läßt sich jetzt noch schwer sagen.

Doch über Realgeschichte habe ich in den letzten Wochen mehr als genug geschrieben. Und deshalb will ich in nächster Zeit erst einmal wieder auf philosophisches Terrain abschweifen. Ich will einige Philosophen portraitieren, die aus der heutigen Diskussion fast vollständig verschwunden sind, die aber für die antiautoritären Bewegungen einst eminent wichtig waren. Den Anfang macht dabei Henri Lefebvre, dessen Kritik des Alltagslebens ich schon einmal kurz gestreift habe. Gerne würde ich mich auch noch einmal mit Milan Kangrga auseinandersetzen, der mich von den Praxis-Philosophen am meisten beeindruckt hat. Ein anderer möglicher Kandidat ist Herbert Marcuse – man wird sehen…

Nächste Woche allerdings wird es, zum Abschluß des letzten Themenblocks, um das Verhältnis der Bewegungen zu den Medien gehen. Freuen Sie sich also darauf, daß die Kommune I meint:

„Springer Zeitungen sind die Krönung jedes Frühstücks“ ([1])

Literaturverzeichnis

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

Written by alterbolschewik

6. Januar 2012 at 16:00

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