shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Jahresrückblick

with 18 comments

„I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.“

Laurence Sterne, Tristram Shandy

Ist es wirklich erst ein dreiviertel Jahr her, daß ich begonnen habe, hier auf shifting reality zu schreiben? Irgendwie kommt es mir deutlich länger vor. Ursprünglich war das Ganze nur eine vage Idee, die ich unvorsichtigerweise che gegenüber geäußert hatte; wenige Tage später erhielt ich durch ches Vermittlung von momorulez die Zugangsberechtigung – und damit hatte ich den Salat: Ich mußte anfangen zu schreiben.

Ehrlich gesagt, ich hatte kein großes Konzept, sondern nur einige vage Ideen. Es sollte um die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre gehen; und ich wollte etwas über die jugoslawische Praxis-Philosophie machen, die mich zu dieser Zeit beschäftigte. Zudem las ich fatalerweise zu der Zeit gerade von Karl May Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde, was mir wohl die Vorstellung in den Kopf setzte, es wäre ganz lustig, das Ganze als eine Art historisch-philosophischen roman feuilleton aufzuziehen: Jede Woche sollte eine Folge mit einer bestimmten Länge erscheinen, am besten mit einem Cliffhanger am Ende jeder Veröffentlichung; dazu kämen wechselnde Schauplätze, die ich immer wieder überraschend verlassen würde, um woanders hinzuspringen, um dann irgendwann genauso überraschend den Faden wieder aufzunehmen. Jeder Beitrag sollte rund 1000 Wörter umfassen und immer Freitags erscheinen. Schnell kam das Konzept dazu, an den Anfang ein Zitat als eine Art Motto zu stellen und ihn mit einem Zitat zu beenden, das auf den Text der nächsten Woche neugierig machen soll.

Das alles ist im Großen und Ganzen auch gelungen – die Texte sind im Durchschnitt eher etwas länger, bis auf eine Woche habe ich jeden Freitag meinen Beitrag fertigbekommen und offensichtlich gibt es auch eine kleine, aber hartnäckige Schar von Lesern, die hier halbwegs regelmäßig hereinschaut. Ich kann mich also nicht beklagen.

Eine Paradoxie des Bloggens besteht, zumindest für mich, jetzt darin, daß ich viel weniger am Computer und vor allem weniger am Internet hänge, sondern viel mehr Bücher und Aufsätze lese (ganz zu schweigen davon, daß mein Konsum schlechter Filme rapide abgenommen hat). Und es macht mir, ganz ehrlich, tierisch Spaß, in den totgesagten Holzmedien auf Spurensuche zu gehen. Ich habe im letzten Dreivierteljahr mehr geschrieben und gelesen als in all den Jahren seit dem Ende meines Studiums.

Worum ging es nun inhaltlich? Im groben Rückblick lassen sich, glaube ich, drei Blöcke identifzieren: Zum einen ist dies die Auseinandersetzung um die jugoslawische Studentenbewegungen und ihr Bezug zur Philosophie der Praxis-Gruppe. Der zweite Block ist das Verhältnis von politischer und künstlerischer Bewegung, von politischer Revolution und von der Kunst inspirierter Umwälzung des Alltags. Und der dritte Block ist der Konflikt von Vorkriegs- und Nachkriegsgeneration, der die Revolte der 60er Jahre befeuerte.

Die Auseinandersetzung mit der spezifisch jugoslawischen Situation begann am 13. Mai mit einem Überblick über die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens und die Auseinandersetzungen innerhalb der jugoslawischen Philosophie. Ich schloß eine Erörterung über den Kunst-Begriff einiger Praxis-Philosophen an, um dann die Realgeschichte der jugoslawischen Bewegungen darzustellen, die in der Besetzung der Belgrader Universität im Juni 1968 kulminierte. Die Problematik des politischen Revolutionsbegriffs der Neuen Linken wurde dann anhand der Sommerschule von Korčula 1968 thematisiert, wobei ich im Juli dann Gajo Petrovićs brillianten Aufsatz Philosophie und Revolution hier erstmals in deutscher Sprache publizierte. Persönlicher Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Jugoslawien war für mich dann die Konferenz auf Korčula, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Praxis-Philosophie veranstaltete und von der ich direkt aus Kroatien berichtete.

Das Thema des zweiten Blocks, das Verhältnis von künstlerischer und politischer Bewegung, tauchte in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder auf. Die erste kleinere Folge von Texten findet sich im April, wo ich mit der Diskussion über die Formen direkter Aktionen im bundesrepublikanischen SDS begann; hier wurde die direkte Aktion aber nur als neues taktisches Mittel für klassische politische Ziele begriffen. Dies kontrastierte ich dann mit den Thesen der französischen Situationisten, die unter dem Einfluß Henri Lefebvres eine Umwälzung des Alltags auf die Tagesordnung setzten. Erneut aufgenommen wurde das Thema dann am 10. Juni, als ich die subkulturellen Strömungen in Jugoslawien abhandelte; und im Prinzip ging es darum auch in einem dreiteiligen Exkurs über die These vom „Ende der Kunst“, der ab dem 22. Juli erschien. Die zwiespältige Zusammenführung von Subkultur und politischer Bewegung mußte dann thematisiert werden, als ich die Suche der Bewegung nach einer eigenen Sprache beschrieb. Diese wird dann notwendig, wenn sich im spontanen Ereignis die Bewegung konstituiert, diese sich aber ihrer selbst noch nicht bewußt ist und sich von der politischen Linken eine Sprache erborgt. Das daraus mögliche Mißverständnis, gewaltsame politische Revolution und provokative symbolische Aktion fälschlich zu identifizieren, führte mich dann zu einer Kritik des linken Terrorismus, wie sie sich in der BRD als Bewegung 2. Juni beziehungsweise RAF manifestierten.

Davon ausgehend versuchte ich in der Vorgeschichte der Bewegungen die Weichenstellungen zu finden, die eine solche Verkennung der Realität befördert hatten. Neben anderen Momenten wie der naiven Identifikation mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen lief dies letztendlich auf eine Analyse des Generationenkonfliktes zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration hinaus – womit wir beim dritten thematischen Block wären. Das war bereits anhand Jugoslawiens schon einmal zur Sprache gekommen, wurde jetzt aber ausführlichst diskutiert anhand der Auseinandersetzungen um Meinungsfreiheit und Zensur in den frühen 60er Jahren. Exemplarisch zeigte ich dies in sieben langen Folgen über die Streitigkeiten zwischen der Freiburger Studentenzeitung und dem amtierenden Rektor der Universität, Hans Thieme im Jahr 1960.

Soweit der Rückblick auf die Texte. Bleibt der Rückblick auf die Kommentare. Nun, allzuviel läßt sich hier nicht sagen, da sich das Kommentaraufkommen einigermaßen in Grenzen hält. Dank auf jeden Fall an alle, die sich im letzten Jahr die Mühe machen, hier zu kommentieren – ich weiß das wirklich zu schätzen. Allerdings muß ich auch zwei Kommentatoren erwähnen, die mich genervt haben: Zum einen war das ein Kommentator namens pyrrhon, der, ohne offensichtlich jemals eine Zeile Kant gelesen zu haben, sich als großer Kant-Kritiker aufspielte, was einfach nur peinlich und lächerlich war. Daß er irgendwann nicht mehr auftauchte, war eine Erleichterung.

Komplizierter ist das ganze mit momorulez, einst ein fleißiger Autor auf diesem Blog und im letzten Jahr gelegentlicher Kommentator. Zu Beginn habe ich seine Einwände durchaus ernst genommen (und im Ausblick für das neue Jahr weiter unten wird darauf auch noch einzugehen sein). Erst eine unangenehme Debatte bei che hat mir den ganz spezifischen Charakter seiner Art der Kommentiererei klargemacht. Momorulez betreibt etwas, was mir schon bei den Antideutschen jahrelang sauer aufgestoßen ist, nämlich das, was ich „symptomatische Lektüre“ nenne würde: Ein Text wird nicht daraufhin gelesen, was der Autor damit zu sagen versuchte, sondern es wird anhand von Symptomen nach einem Text hinter dem Text gesucht. Bei den Antideutschen ist das der Antisemitismus, bei momorulez ist das Heteronormativität. Und so wie die Antideutschen überall eine antisemitische Verschwörung wittern, findet momorulez auf Stichwort latente Homophobie – zum Beispiel beim Stichwort Punk. Um den Textinhalt geht es ihm überhaupt nicht, sondern um teilweise völlig an den Haaren herbeigezogenen Vermutungen, was „eigentlich“ und „unbewußt“ hinter dem Text stecke. Als ich ihn deswegen bei che angegriffen habe, fühlte er sich dadurch furchtbar „angefaßt“. Nun, er braucht keine Angst mehr zu haben, ich werde ihn bzw. seine Kommentare nicht einmal mehr mit der Kohlenzange anfassen.

Nichtsdestotrotz stimmt es natürlich – und da hat momorulez tatsächlich einen Punkt – daß eine ganze Menge Themen, die für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen wichtig sind, im letzten Jahr noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen sind. An realhistorischen Themen liegen mir dabei die folgenden am Herzen: Ein ganz großer und wichtiger Punkt ist die schwarze amerikanische Bürgerrechtsbewegung und ihre Radikalisierung hin zur Black Panther Party. Dann sind da die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und ihre (äußerst verzerrte) Wahrnehmung von Seiten der antiautoritären Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen. Wichtig ist aber ńicht nur der Blick nach Westen, sondern auch nach Osten: Die Emanzipationsbestrebungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“ der Sowjetunion dürfen keineswegs vernachlässigt werden. Und außerdem würde ich gerne über die Bewegungen in Mexiko und Südamerika schreiben. Was davon im nächsten Jahr wirklich realisierbar ist, läßt sich jetzt noch schwer sagen.

Doch über Realgeschichte habe ich in den letzten Wochen mehr als genug geschrieben. Und deshalb will ich in nächster Zeit erst einmal wieder auf philosophisches Terrain abschweifen. Ich will einige Philosophen portraitieren, die aus der heutigen Diskussion fast vollständig verschwunden sind, die aber für die antiautoritären Bewegungen einst eminent wichtig waren. Den Anfang macht dabei Henri Lefebvre, dessen Kritik des Alltagslebens ich schon einmal kurz gestreift habe. Gerne würde ich mich auch noch einmal mit Milan Kangrga auseinandersetzen, der mich von den Praxis-Philosophen am meisten beeindruckt hat. Ein anderer möglicher Kandidat ist Herbert Marcuse – man wird sehen…

Nächste Woche allerdings wird es, zum Abschluß des letzten Themenblocks, um das Verhältnis der Bewegungen zu den Medien gehen. Freuen Sie sich also darauf, daß die Kommune I meint:

„Springer Zeitungen sind die Krönung jedes Frühstücks“ ([1])

Literaturverzeichnis

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

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Written by alterbolschewik

6. Januar 2012 um 16:00

Veröffentlicht in about

18 Antworten

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  1. Vielen Dank für die Arbeit die du dir hier machst, ich lese das mit viel Genuss und Gewinn. Weiterhin viel Kraft im neuen Jahr!

    skalpell

    7. Januar 2012 at 12:39

    • Dank auch für die Rückmeldung – das spornt an, wenn man weiß, daß man nicht nur für die Schublade schreibt.

      alterbolschewik

      7. Januar 2012 at 20:24

  2. @“Ein ganz großer und wichtiger Punkt ist die schwarze amerikanische Bürgerrechtsbewegung und ihre Radikalisierung hin zur Black Panther Party. Dann sind da die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und ihre (äußerst verzerrte) Wahrnehmung von Seiten der antiautoritären Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen. Wichtig ist aber ńicht nur der Blick nach Westen, sondern auch nach Osten: Die Emanzipationsbestrebungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“ der Sowjetunion dürfen keineswegs vernachlässigt werden. Und außerdem würde ich gerne über die Bewegungen in Mexiko und Südamerika schreiben. Was davon im nächsten Jahr wirklich realisierbar ist, läßt sich jetzt noch schwer sagen.“ —— Bei diesen Themen möchte ich Dich gerne intensiv begleiten. Übrigens gibt es Shifting Reality nun seit 5 Jahren. Sollte auch mal gesagt werden. Zu oben verlinkter Debatte finde ich am Rande witzig, als Kleingewerbetreibender und Honorarschreiberling auf eigene Kappe, der sich wiederholt Geld pumpt um über die Runden zu kommen zum Beamten umdefiniert zu werden, falls ich denn gemeint sein sollte. Das aber nur ganz am Rande, bin mit dem Thema so langsam auch durch.

    che2001

    7. Januar 2012 at 18:38

    • Das würde mich sehr freuen, wenn Du oder andere von der alten Mannschaft hier auch gelegentlich aktiv würden. Politische Theorie lebt von der Debatte (wenn es denn eine echte Debatte ist), davon, daß verschiedene Blickwinkel eingenommen werden, nicht von abstrakter Rechthaberei, Grenzziehungen um der Grenzziehung willen.

      alterbolschewik

      7. Januar 2012 at 20:33

  3. Auch von mir einen herzlichen Dank für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Insbesondere die Artikelserie zu den Auseinadersetzungen an der Freiburger Universität waren für mich fruchtbar. Noch eine Anmerkung (die auf einer vielleicht unzutreffenden Unterstellung beruht) zu ihrer Darstellung der Studentenbewegung: In meiner Erinnerung, ich bin Jahrgang 1955, aus der schwäbischen Provinz spielen zwei Aspekte eine zentrale Rolle, die bisher zumindest bei Ihnen keine Rolle spielen. Der eine Aspekt ist, dass bis Anfang/Mitte der 70er Jahre häufig gesellschaftliche Machtpositionen auf allen Ebenen von Nazis besetzt waren. Der Direktor unserer Schule etwa war Napola-Zögling, sein Stellvertreter war in der NS-Zeit Sturmführer gewesen. Der andere Aspekt ist die Rolle der SPD in dieser Zeit, die zumindest in der Breite ein wesentlicher Träger des gesellschaftlichen Bewusstseinswandels war. Ich erinnere mich beispielsweise an Erzählungen meines Bruders (Jahrgang 47), der als Lehrling anregende Diskussionen im SPD-Ortsverein mit nach Hause brachte.

    g.

    8. Januar 2012 at 5:45

    • Dank zurück.
      Das mit den Alt-Nazis habe ich selbst noch Anfang der 70er Jahre miterlebt, was mich (unter anderem) recht frühzeitig gegen unhinterfragte Akzeptanz von Autoritäten impfte. Mein erster Grundschullehrer war einer von der Sorte, da lernte man gleich in der ersten Klasse „Ich hatte einen Kameraden“ singen. Da ich groß, blond und blauäugig war, hatte ich bei ihm natürlich gute Karten, das Problem war nur, daß ein Freund, der in der selben Werkssiedlung wie ich lebte, diesem Ideal nicht entsprach und zudem noch Legastheniker war. Der wurde regelmäßig von ihm fertig gemacht, was bei mir wahrscheinlich noch mehr Haß erzeugte, als wenn er mich selbst angegriffen hätte. Daß damals nicht gegen solche Leute interveniert wurde, ist mir unbegreiflich.
      Dennoch glaube ich, daß die einfache Dichotomie hie Nazis, dort Antiautoritäre zu simplifizierend ist – aber statt das jetzt hier in der Kommentarantwort auszuführen, mache ich nächsten Freitag einfach einen eigenen Beitrag zu diesem Thema…
      Das mit der SPD finde ich interessant; für mich war eher die Gewerkschaftsmitgliedschaft meines Vaters prägend, vor allem die IG-Metall-Zeitung, der ich viel meiner ersten politischen Bildung verdanke. Die SPD war bei uns dagegen eher als Lehrer-Partei verschrien – gewählt wurde sie von meinen Eltern natürlich trotzdem. Und bei den letzten Landtagswahlen hat sie es in meiner Heimatgemeinde tatsächlich sogar über 10% geschafft…

      alterbolschewik

      9. Januar 2012 at 12:41

  4. Auch ich bin gespannt, wie es in diesem Blog weitergeht. Die Praxis ist nicht ganz mein Gebiet, ich bin aber immerzu begierig, hier dazuzulernen.

    Auch auf eine Darstellung zu H. Marcuse bin ich gespannt, ich muß freilich gestehen, daß ich mit seiner Theorie einige Schwierigkeiten habe. Aus dem Umkreis der Kritischen Theorie gibt es da einen Philosophen, dessen theoretische Beschreibungen von Gesellschaft die Lage am ehesten noch treffen.

    Ergänzen lassen sich die Ansätze einer kritischen Theorie der Gesellschaft (auch im Hinblick auf eingreifende Praxis) sicherlich noch um einen weiteren Philosophen: Walter Benjamin. Dieser mag nicht ganz so sehr in Vergessenheit geraten sein, wie Marcuse, aber der Gehalt seiner Schriften (vor allem jenseits von Benjamins andauernder Vernutzung für die Medientheorie), das Changieren zwischen Messianismus und Materialismus, scheint mir lange noch nicht ausgeschöpft. Insbesondere über seinen Begriff vom „dialektischen Bild“, das als Modell gelten kann, Gesellschaftliches, auch im Adornoschen Sinne, in eine Konstellation zu bringen. Ich hoffe, daß ich in meinem Blog da einiges fortsetzten kann. Zumal ja auch die Reihe zum „Ende der Kunst“ und dabei insbesondere die Lektüre von Benjamins Kunstwerkaufsatzes noch aussteht.

    Aber ich will hier keine Eigenwerbung machen, sondern freue mich in bezug auf die sozialen Bewegungen und den damit verbundenen Theorien auf den Fortgang bei „shifting reality“, weil hier Perspektiven aufgetan werden, die zumindest für mich, den Bewohner des Grandhotel Abgrund, lehrreich sind.

    Bersarin

    9. Januar 2012 at 17:13

    • Marcuse habe ich genannt, nicht weil ich ihn für den interessantesten Vertreter der Kritischen Theorie halte, sondern weil er sicherlich den unmittelbarsten Einfluß auf die antiautortären Bewegungen hatte. Meine eigene Marcuse-Lektüre liegt zu lange zurück, als daß ich jetzt schon wüßte, wie meine Beurteilung ausfallen wird.
      Benjamin ist mir auf eine Weise auch näher, allerdings sehe ich den auch ziemlich kritisch. Und seine Rezeption in den antiautoritären Bewegungen war sehr einseitig, mit der Betonung auf seinem Materialismus und Marxismus, während die jüdisch-messianische Komponente weitgehend ausgeblendet wurde – also das gerade Gegenteil der heutigen Rezeption. Es wäre sicherlich reizvoll den „Benjamin der 68er“ zu thematisieren, mit fehlt nur eine gute Idee, wie ich das aufziehen könnte. Ich warte erst mal Deine Interpretation des Kunstwerkaufsatzes ab – vielleicht fällt mir dann mehr dazu ein 😉
      Was politische Praxis betrifft, so halte ich sie inzwischen für überschätzt. Die Zeit, die Marx mit Lektüre in der British Library verbracht hatte, war sicherlich besser genutzt als die, die er auf Arbeiterversammlungen verschwendete – wobei man das natürlich nicht so schematisch trennen kann, weil das eine natürlich ohne das jeweils andere wenig Sinn macht. Ich sollte das demnächst vielleicht mal hier thematisieren…

      alterbolschewik

      10. Januar 2012 at 15:19

  5. Die Kritische Theorie wird nur allzuoft auf die Fraknfurter Schule und die in deren Nachfolge stehende Neuere und Neueste Kritische Theorie eingeengt, und dann reduziert sich das auf Horkheimer, Adorno, Pollock, Habermas, Negt und Claussen. Dass Benjamin, Marcuse, Mayer, Neumann, Fromm und Wittvogel aber zur Kritischen Theorie notwendig hinzugehören haben Viele heute nicht mehr auf dem Schirm. Ja eventuell lassen sich auch Reich und Mitscherlich da noch zurechnen, und Arendt und Mannheim stehen zwar ganz außerhalb, sind aber sozusagen querverwoben.

    che2001

    9. Januar 2012 at 18:34

    • Vielleicht sollte ich auch mal was zu Raubdrucken machen – denn die ganzen von Dir zitierten Autoren wurden natürlich damals von der Nachkriegsgeneration wiederentdeckt und ihre Arbeiten als Raubdrucke neu auf den Markt geworfen. Und das hatte natürlich nicht nur den theoretischen Aspekt, die durch den Nationalsozialismus und den Kalten Krieg durchtrennte Theorietradition wieder aufzunehmen, sondern auch einen eminent praktischen: Die Erlöse aus den Raubdrucken trugen dazu bei, den Lebensunterhalt der damaligen „Berufsrevolutionäre“ zu finanzieren.

      alterbolschewik

      10. Januar 2012 at 15:29

  6. Ja, stimmt, und traurigerweise muß man, sozusagen für die Jüngeren, zu denen wir ja nicht mehr ganz gehören 😉 diese Namen immer einmal wieder ins Spiel bringen. Leo Löwenthal und insbesondere Alfred Sohn-Rethel würde ich da auch noch zurechnen.

    Das wäre eigentlich ein schönes, blogübergreifendes (und arbeitsintensives) Projekt: etwas zur Frankfurter Schule und eben zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft zu machen, und insbesondere die Verbindungen zu Marx hervorzuarbeiten, gerade auch in bezug auf die frühen Arbeiten der Frankfurter Schule.

    Bersarin

    9. Januar 2012 at 20:50

    • Wer auch komplett – und zwar wirklich komplett – vergessen ist, ist Norbert Gutermann, der mit Löwenthal zusammen Prophets of Deceit geschrieben hat. Als ich das vor Jahren (in der Zeit vor dem Internet) gelesen habe, ist es mir nicht gelungen, herauszufinden, wer eigentlich dieser Gutermann war. Interessanterweise tauchte er jetzt an einer Stelle auf, an der ich ihn nicht erwartet hätte – und den Lesern dieses Blogs wird er deshalb auch in einem der nächsten Beiträge begegnen, wenn auch nur als Nebendarsteller.

      alterbolschewik

      10. Januar 2012 at 15:38

  7. Wobei es schon mal interessant ist, dass es einen Freudomarxismus gibt, aber keinen Adlerbakunismus, oder wieso der Esofaschist C.G. Jung bei heutigen Linken und Alternativen so überwiegend positiv gesehen wird.

    che2001

    10. Januar 2012 at 14:25

    • Aber es gab einen Adler-Marxismus. Der Rätekommunist Otto Rühle – ein vehementer Kritiker des Leninismus-Stalinismus und später dann im mexikanischen Exil ein Nachbar Trotzkis – hatte sich an dieser Kombination versucht. In seiner dreibändigen Geschichte der europäischen Revolutionen versuchte er, Marx‘ historischen Materialismus mit Adlers Individualpsychologie zu kombinieren.
      Gibt es auf der Linken tatsächlich irgendwelche Trottel, die sich positiv auf Jung beziehen? Hätte ich nicht erwartet, aber es gibt nichts, was es nicht gibt…

      alterbolschewik

      10. Januar 2012 at 15:46

  8. Na ja, sagen wir mal im grün-alternativ-öko-psychointerressierten Milieu. War zumindest früher mal sehr verbreitet, dort Jung gut zu finden. Gleiches gilt für die da teilweise dran andockende Eso-Szene.

    che2001

    10. Januar 2012 at 16:18

  9. Meine mich auch zu erinnern, daß eine damalige durchaus kluge Freundin, die sich als links sag, mir den Jung nahebringen wollte. In der Tat: es gibt nichts, was es nicht gibt.

    Norbert Gutermann kenne nicht einmal ich, und ich dachte, daß ich mich ganz gut auskenne.

    (Gutermann ist aber kein Neue Frankfurter Schule-Scherz, so wie „Die Wahrheit über Arnold Hau“?, fragt vorsichtshalber Bersarin. Wobei: habe ihn gerade im Wiggershaus Buch „Die Frankfurter Schule“ gefunden.)

    Bersarin

    10. Januar 2012 at 19:54

  10. Ich lese die Sachen hier auch gerne, auch wenn ich mich nicht dazu berufen fühle, das zu kommentieren. Nur, weil dich Rückmeldungen offenbar anspornen 😉

    genova68

    14. Januar 2012 at 15:48

    • Das tut es tatsächlich, obwohl ich nicht so recht weiß, warum eigentlich. Eitelkeit ist es eher nicht (auch wenn es mehr als eitel wäre, hier jeden Einfluß abzuleugnen). Missionarisch bin ich auch nicht drauf, ich will niemanden von meiner Sicht der Welt überzeugen. Es ist, glaube ich, eher so, daß ich das Thema total spannend und interessant finde und das Bedürfnis habe, mein eigenes Vergnügen zu teilen. Und wenn andere an meinen Funden und Überlegungen auch Freude habe, dann spornt mich das, wenn ich davon weiß, tatsächlich an. Oder kürzer: Danke.

      alterbolschewik

      15. Januar 2012 at 12:54


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