shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die geschmähte Generation

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Es lohnt sich für uns alle, wenn wir uns das Jahrzehnt von 1945 bis 1955 wieder vergegenwärtigen, das kein Honiglecken für das deutsche Volk, sondern die härteste Prüfung auf Herz und Nieren gewesen ist.“

Hans Filbinger, Die geschmähte Generation

In einem Kommentar zum Jahresrückblick letzte Woche hat g. auf einen Mangel in diesem Blog hingewiesen. Bislang bin ich nicht darauf eingegangen, daß die antiautoritären Bewegungen auch deshalb entstanden, weil nach 1945 eine nicht unerheblich Zahl alter Nazis wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden. Dies ist zweifellos richtig, in beiderlei Hinsicht: Zum einen war es tatsächlich so, und zum anderen habe ich das bislang noch nicht thematisiert.

Ich habe das bislang nicht thematisiert, weil ich glaube, diese Konfliktsituation ist inzwischen schon beinahe zum Klischee verkommen. Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger darf inzwischen in keinem noch so kurzen Abriß über die „68er“-Bewegung fehlen. Und es ist auch ein Ziel dieses Blogs, die sich im Umlauf befindenden Stereotypen zu den antiautoritären Bewegungen zu hinterfragen.

Dabei will ich keineswegs behaupten, daß die Konflikte mit alten Nazis in Schulen und Behörden, auf Ämtern und Gerichten, an den Universitäten und in der Politik nicht existiert hätten. In meiner oberschwäbischen Heimat (wo auch der unselige Kanzler Kiesinger herkam) habe ich das in den 70er Jahren noch selbst miterlebt. Dennoch hat es mich immer gestört, wenn die Nazivergangenheit der Elterngeneration als ein wesentlicher Grund für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen genannt wurde, und zwar deshalb, weil diese Bewegungen international waren. In den USA hatte es die aufrührerische Generation nicht mit alten Nazis zu tun, sondern mit Eltern, die diese vernichtend geschlagen hatte. Oder um ein anderes, bereits in diesem Blog dargestelltes Beispiel zu nennen: In Jugoslawien richtete sich der Protest gegen eine explizit antifaschistische Elterngeneration, die im Partisanenkrieg aktiv war.

Und so schien mir der „Muff von tausend Jahren“ immer ein eher lokalspezifisches Phänomen zu sein, das aber eigentlich aus einer internationalen Perspektive zu betrachten wäre. Das wiederum hieße zu untersuchen, was diese spezifische deutsche Elterngeneration mit eben derselben Generation in den USA oder in Frankreich gemein hatte. Ich will dazu heute eine Hypothese aufstellen, die dann im weiteren Verlauf dieses Blogs immer wieder einmal mit den konkreten Auseinandersetzungen in den verschiedenen Ländern konfrontiert werden soll.

Grundannahme für diese Hypothese: Es gab nach 1945 keine Nazis mehr. Bevor ich sofort als Geschichtsrevisionist entlarvt werde, gleich eine Präzisierung: Nach 1945 gab es in der BRD nur noch ehemalige Nazis. Und das ist keine leere Sophisterei, sondern wirklich ein Unterschied. Die Anzahl derer, die wirklich noch voll hinter all dem standen, was sie zwischen 1933 und 1945 gedacht und getrieben hatten, war sicherlich verschwindend gering. Diese besonders unappetitlichen Exemplare gab es zweifellos auch, doch sie bildeten eine absolute Minderheit.

Der Feld-, Wald- und Wiesen-Ex-Nazi hingegen entwickelte eine ganz eigene, neue Ideologie, die keineswegs identisch war mit der von vor 1945. Vielmehr wurde die alte nazistische Ideologie in einzelne Bausteine zerlegt, der neuen politischen Situation angepaßt und in veränderter Form wieder neu zusammengesetzt. Wenn man so will, wurde die alte Ideologie im hegelschen Sinne „aufgehoben“, nämlich einerseits verändert, andererseits aber auf neuer Stufenleiter reproduziert. So war zum Beispiel offener Antisemitismus verpönt, stattdessen wurden, wie Che jüngst in einem Kommentar anmerkte, die Erfolge der israelischen Armee gefeiert, das heißt, Antisemitismus wurde in eine höchst seltsame Form von Philosemitismus transformiert. Andere nazistische Ideologiebausteine hingegen mußten überhaupt nicht umgestülpt werden, sondern konnten fast nahtlos übernommen werden. Der Antibolschewismus des Dritten Reiches wurde umstandslos in den Antikommunismus des Kalten Krieges überführt, und man konnte sich dabei sogar des Beifalls der Befreier (die allerdings eher als Besatzer wahrgenommen wurden) sicher sein.

Mit anderen Worten: Wenn man die Elterngeneration einfach als eine Generation von Nazis betrachtet, verfehlt man den entscheidenden Punkt. Sie waren Nazis, die aus den Erfahrungen des Krieges und der Niederlage Lehren gezogen hatten. Man muß allerdings dazu sagen: Meistens die falschen. Das Problem war, daß es keine wirklich allgemeine und öffentliche Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben hatte, sondern im besten Fall eine individuelle und private. Natürlich war man irgendwie darüber betroffen, daß es mit dem nationalen Sozialismus nicht so richtig geklappt hatte und war möglicherweise auch entsetzt über die Blutspur, die man hinterlassen hatte. Doch dann log man sich seine Biographie zurecht und verdrängte die persönliche Verantwortung.

Professor Dr. Hans Thieme, dessen Werdegang und Geisteshaltung hier bereits ausführlich thematisiert worden sind, mag als Beispiel dienen, eben weil er ein – vergleichsweise – harmloser Fall war. Ich hatte gezeigt, daß er das nationalsozialistische Regime durchaus begrüßte und sich zunächst wohlwollend und opportunistisch verhielt. Dann begann er sich zusehends abzugrenzen, um sich nach dem Krieg eher als „Opfer“ denn als Täter zu begreifen. Und in der Tat: Was hatte er getan? Nichts als seine Arbeit als Universitätsprofessor, und das wurde ihm noch nicht einmal gedankt. Mit dieser Haltung stand er nicht allein – nach 1945 verstand sich die große Masse der Deutschen als Opfer Hitlers.

Diese Opferrolle, die dennoch grundiert war von einem latenten Schuldgefühl, prägte die Nachkriegsideologie. So wenig man sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatte, so vehement bekämpfte man nun den „Totalitarismus“. Das führte zu einem Paradox. Der aus der Nazi-Zeit herübergerettete Antibolschewismus fungierte als Antikommunismus in einer unfreiwillig ironischen Volte jetzt als Ausweis einer „antitotalitären“ Gesinnung.

Ähnlich verhielt es sich mit der an den strengen Hierarchien des Nationalsozialismus geschulten autoritären Grundhaltung. Der autoritäre Charakter wurde nicht als wesentliche Voraussetzung nationalsozialistischer Herrschaft zu erkannt. Wenn wir uns an Thieme zurückerinnern, so schreckte ihn am Nationalsozialismus zu keiner Zeit das Autoritär-Hierarchische (man denke an seine Apologie des Führer-Gefolgschaftsverhältnisses oder seine ständische Gesellschaftsauffassung), sondern vielmehr dessen pseudo-revolutionären Fassade. Vor allem eine Jugend, die sich über die traditionellen Hierarchien hinwegsetzte, wurde ihm zum Symbol nationalsozialistischer Willkür:

„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA.“ ([3], S 12)

Und so wurde in der Nachkriegszeit dann versucht, durch strikte Einhaltung der vorgegebenen Hierarchien, derartiges zu verhindern. Die Eliten, so meinte man verstanden zu haben, hätten die Aufgabe, die Jugend zu erziehen, notfalls mit harter Hand, und sie von jeglicher Infragestellung der herrschenden Ordnung abzuhalten. Ich zitiere hier noch einmal Thiemes Begründung für das Verbot, die konkret an der Universität Freiburg zu vertreiben, weil er diese Gesinnung in völlig unreflektierter Naivität einfach ausspricht:

„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich’s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S. 9)

Daß diese autoritäre Bevormundung gerade nicht mit einem demokratischen Gemeinwesen vereinbar ist, sondern wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie reproduzierte, kam dieser Generation überhaupt nicht in den Sinn. Aus ihrer Sicht zogen sie gerade die Konsequenz aus der Katastrophe des Nationalsozialismus. Und genau deshalb wurden die Kämpfe dann auch so erbittert geführt, weil sie überhaupt nicht begriffen, was an ihrem Verhalten kritikwürdig war.

Diese autoritäre Haltung, die sich zusammen mit einem militanten Antikommunismus als antitotalitär begriff, ist meines Erachtens ein wesentliches Element des Generationenkonflikts, der die antiautoritären Bewegungen im Westen hervorbrachte. Und das ist eben nicht allein ein deutsches Phänomen, auch wenn die deutsche Variante auf Grund der besonderen historischen Umstände eine spezifische Färbung besaß.

Nächste Woche geht es dann, wie versprochen weiter mit dem Thema „Antiautoritäre Bewegungen und die Medien“. Freuen Sie sich also darauf, wenn Jerry Rubin sagt:

„Hast Du jemals im Fernsehen eine langweilige Demonstration gesehen? Schon daß sie im Fernsehen ist, macht sie aufregend.“ ([2], S. 106)

Literaturverzeichnis

[1] Hemmerich, P., „Interview mit Hans Thieme“, in: Die Zeit, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 – 10.

[2] Rubin, J., Do it!, London 1970.

[3] Thieme, H., „Ankläger Jugend?“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.

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Written by alterbolschewik

13. Januar 2012 um 15:40

Veröffentlicht in Generationenkonflikt

8 Antworten

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  1. Mag sein, dass ich schon wieder voreilig widerspreche, aber wenn ich mal nur einen Satz aus dem Artikel herausgreife:

    „Wenn man die Elterngeneration einfach als eine Generation von Nazis betrachtet, verfehlt man den entscheidenden Punkt. Sie waren Nazis, die aus den Erfahrungen des Krieges und der Niederlage Lehren gezogen hatten.“

    dann sträubt sich alles in mir. Mein Erleben dieser Zeit lässt sich mit Ihrer Darstellung nicht in Einklang bringen. Das fängt schon damit an, dass ich mich schwer tue, die „antiautoritäre Bewegung“ als Generationenauseinandersetzung und als bestimmend für die Zeit wahrzunehmen.
    Vielleicht einfach einige spontane Gedanken dazu:
    1. Ich würde unterscheiden zwischen, sagen wir mal rechtskonservativen Gestalten wie Thieme, die den völkischen Gedanken mit einigen Anpassungen von der Weimarer Republik über das Dritte Reich in die Bundesrepublik perpetuiert haben und expliziten Nazis, deren Lehren aus der Niederlage aus meinem Erleben heraus eher marginal waren.
    Einer meiner Lehrer sagte zur Abiturfeier 1975 in etwas angesoffenem Zustand: „Weißt du, dass mit den Juden war natürlich übertrieben und gegen die Amis anzutreten war blöde, aber sonst?“
    Solche Leute würde ich nicht ehemalige Nazis nennen, sondern Nazis, die Kreide gefressen haben und ihre Haltungen nur noch im Suff oder unter Kameraden von sich geben.
    Ich würde mal schätzen, dass etwa 10% der technischen Intelligenz (Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer usw.) sowie ein geringer Prozentsatz der politischen Elite (Globke und Filbinger würde ich zu dieser Gruppe zählen, nicht unbedingt Kiesinger) zu dieser Sorte zu rechnen wäre.
    Etwas völlig anders sind meiner Meinung nach die Leute aus den Kameradschaftsverbänden, die in der Nazizeit stecken geblieben sind und sich geweigert haben, Kreide zu fressen.
    Die Rechtskonservativen, wie Thieme, waren zweifellos die größere Gruppe.
    2. Zur Elterngeneration zählten eben auch die Leute, die mit den Nazis nichts oder wenig am Hut hatten. Heinz Kluncker, Willy Brandt oder Karl Herman Flach wären da prominente Beispiele. Aber auch jede Menge Leute, die weniger bekannt sind. Einer meiner Lehrer etwa kam aus einer pietistischen Pfarrersfamilie, die mit den Nazis nichts am Hut hatten und stand wieder Willen in den politischen Auseinanderstzungen an unserer Schule. Ich bin in einer sozialdemokratisch geprägten Familie aufgewachsen. Mit Naziideologie oder rechtskonservativem Nationalismus hatte die nichts am Hut. (Es waren keine Widerstandkämpfer, um einer falschen Interpretation meiner Ausführungen vorzubeugen)
    3. Ich habe diese Zeit als Konflikt zwischen den – nennen wir es mal – Fraktionen der Elterngeneration erlebt und keineswegs als Generationenkonflikt. Die Vertreter der „antiautoritären Bewegung“ stürmten dann, in meiner Erinnerung, ziemlich ignorant und besinnungslos in diese Konflikte hinein. Anklagend und ohne Interesse an den bestehenden Konfliktlinien.
    4. Als Jugendliche sind wir häufiger nach Tübingen in den Club Voltaire gefahren und haben den Vorträgen und Diskussionen stumm gelauscht. Der Club war eine Art Refugium und Verständigungsraum für Leute, die – um es mal mit einem Schlagwort zu illustrieren – mehr Demokratie wagen wollten. Irgendwann, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, veränderte sich das Publikum. Die Mischung aus ganz Jungen und über 50jährigen veränderte sich schleichend. Das eher behäbig auftretende Altpublikum blieb weg und die jungen Wilden prägten die Zuschauerstühle. Ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat, sinngemäß hieß es: „1968 war eigentlich alles schon vorbei.“ Solche Charakterisierungen decken sich eher mit meinem Erleben.
    5. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin mir verdammt unsicher, welchen historischen Stellenwert ich der so genannten „antiautoritären Bewegung“ im politischen Raum geben soll. Kulturell war sie zweifellos wirkungsmächtig.
    6. Ich habe nicht die blasseste Ahnung wie die gleichzeitig in verschiedenen Ländern auftretenden Bewegungen zu erklären sind. Vielleicht haben sie weniger miteinander zu tun, als gemeinhin behauptet wird. Mir hat jedenfalls Hannah Arendts Hinweis, dass eine Demonstration in den USA gegen den Vietnamkrieg eine völlig andere Bedeutung hat als in der Bundesrepublik sehr zu denken gegeben.

    g.

    14. Januar 2012 at 5:30

    • Ich sehe da gar keinen so sehr großen Widerspruch; wahrscheinlich liegt das auch daran, daß ich mich nicht sehr präzise ausgedrückt habe bzw. zu holzschnittartig argumentiert habe.

      Zum einen: Den Konflikt innerhalb der Elterngeneration sehe ich ebenso – es gab eine Minderheit von Eltern, Lehrern, Professoren und sogar Politikern die für einen echten demokratischen Neuanfang kämpften – und diese waren durchaus nicht nur auf der Linken zu finden. Da gehörte zum Beispiel auch so jemand wie das CDU-Mitglied von der Gablentz dazu. Diese würde ich als eine kleine, aber rührige Minderheit ansehen, die vor allem publizistisch sehr wirksam war (ich will das nächsten oder übernächsten Freitag, wenn es um Medien geht, thematisieren). Insofern stimme ich völlig zu und würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: die Bewegungen hätten keinerlei Chance gehabt, wenn sie diese Konfliktkonstellation innerhalb der Eliten nicht hätten nutzen können.

      Wo wir wahrscheinlich tatsächlich differieren ist in der Einschätzung des autoritären Lagers, das in meinen Augen weit über tatsächlich unbelehrbare Nazis hinausreichte. Bei den rechtskonservativen wie Thieme sind wir uns wahrscheinlich auch noch einig. Die autoritäre Prägung reichte in viel weitere Kreise hinein als diese, sagen wir einmal, ideologisch vorbelasteten Gruppen. Gerhard Stadelmeier hat heute in der FAZ einen sehr schönen Artikel über die 50er Jahre veröffentlicht, in dem er diese Generation von Vätern folgendermaßen charakterisiert:

      Diese Gesellschaft bestand aus Ernst und Heuchelei. Sie bescherte uns Väter, die als Buben in den Krieg gezwungen wurden und in einem Alter, in dem wir später erst anfingen, richtig zu pubertieren, ganze Kompanien in den Tod kommandieren mussten. Und ihre verlorene oder gestohlene Jugend im Nachkrieg mit einer verbissenen-schnoddrigen Erwachsenheit kompensierten, unter der für Kinder wenig mehr übrig blieb, als auch erwachsen zu tun.

      Der Autoritarismus dieser Generation reichte weit über die gesellschaftlichen Gruppen hinaus, die politisch eindeutig als rechts einzuordnen waren. Wollte ich jetzt schon wieder holzschnittartig zuspitzen, würde ich sagen, daß dieser Autoritarismus sogar unabhängig vom politischen rechts-links Schema existierte. Und um noch eine steile These in den Raum zu werfen: Ich glaube auch, daß er immer mit einer Angst vor externen Bedrohung gekoppelt war. Im Westen war das die Angst vor den Kommunisten, bei den Stalinisten die Angst vor den Kapitalisten, in Jugoslawien fürchteten sie sich sowohl vor Moskau wie vor westlichen Einflüssen. Dieser Autoritarismus war amalgamiert mit der Angst, der Kalte Krieg könnte wieder zu einem heißen werden, und schuf damit ein gesellschaftliches Klima, das der Nachkriegsgeneration die Luft abschnürte – und zwar nicht nur in der BRD.

      Wo ich dann wieder zustimmen würde, wenn auch mit etwas schwerem Herzen, ist die Aussage, das 1968 eigentlich schon alles vorbei war – die politischen Ideen waren bereits alle formuliert worden, was danach an marxistisch-leninistischer Folklore aufgeführt wurde, war zumindest politisch größtenteils Käse. Die Bewegung diversifizierte sich in Sekten die heute nur noch als Kuriosa wahrgenommen werden können. Aber daraus entwickelte sich dann auch eine Politik der Minderheiten, zuallererst der Frauen, die dann wegweisend wurde – über den rein kulturellen Aspekt hinaus.

      alterbolschewik

      14. Januar 2012 at 12:58

  2. „Anti-autoritär“ bedeutet zuerst einmal grundsätzlich nicht, dass man keine Autoritäten respektiert, sondern dass man sich diesen nicht ohne Vorbehalte und damit unreflektierend und absolut unterwirft.
    Es ist also nichts apriori „heilig“.

    Die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung im Kontext mit dem „System“-Gegensatz Ost/West schaffte erst die Voraussetzungen für ein „weltweites“ Anzweifeln von Autoritäten und dieses wurde auch vom dem Teil der Bevölkerung ausgeführt, welche nicht unbedingt stets mit der unmittelbaren Alltagsfron konfrontiert war.
    Denn sobald der unmittelbare Hunger gestillt ist, kann man sich auch um Moral kümmern (,sofern man sich nicht zum Knecht kapitalistischer Verwertungszwänge degradiert hat).

    In der späten Phase der Weimarer Republik wurde ein System namens Demokratie vor allem deshalb angezweifelt, ja sogar angefeindet, weil es für viele nicht einmal das Überleben zu sichern schien.
    Im Gegensatz dazu schaffte die gesellschaftliche Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg mit ihrer teilweise auch „nachholenden“ Produktivitätsentfaltung, verbunden mit einer Teilhabe des „Proletariats“ an der gesellschaftlichen Konsumption auch jenseits der Überlebensphäre, den Freiraum dafür, sich auch um andere Dinge Gedanken machen zu können.
    Und das wurde dann auch getan.

    Dabei waren die Gesellschaften mit ihren Verheißungen dann doch nicht so konsistent und widerspruchsfrei, wie ihre Anhänger gebetsmühlen-artig und oft laut vorgaben – weder in Ost noch West. Trotz aller materiellen Fortschritte gab es unzweifelhaft Defizite, welche die Autoritäten aber unter den Teppich kehren wollten. Historisch hat sich hierbei als adäquates Mittel die „Zensur“ bewährt, wozu nicht nur die üblicherweise als so verstandene gehört, sondern auch diejenige der Nichtaufarbeitung der Vergangenheit.

    Obwohl die höheren Lehranstalten mit ihrer Namensbezeichnung „Akademie“ eine Anleihe bei dieser von Platon gegründeten Philosophenschule genommen hatten, wurden sie ihrer damit immanenten Aufgabe des Anzweifelns im sokratischen Sinne wohl nicht besonders gerecht.
    Diese strukturelle Destruktivität, die man auch als „Muff von tausend Jahren“ bezeichnete, war es, die das Fass zum Überlaufen brachte und – wie man im weiteren Verlauf sehen wird – auch einen wesentlichen Teil der (gesellschaftlich betrachteten) Kritik in destruktives Fahrwasser brachte.

    Respekt und Achtung gegenüber Autoritäten entbietet man aus freien Stücken der Überzeugung und nicht aus Speichelleckertum, als einer Form von (Zwangs-)Unterordnung, um potentielle Repressalien zu vermeiden.

    ludwig

    14. Januar 2012 at 12:52

    • Ich denke, das ist genau der Punkt: Die wirtschaftliche Prosperität wurde vom autoritären Lager als Resultat der politischen Friedhofsruhe dargestellt; und jedes Rütteln am Status quo als potentiellen Angriff auf diese wirtschaftliche Prosperität. Es ist nicht verwunderlich, daß bis heute Adenauers CDU-Slogan „Keine Experimente!“ emblematisch für diese Zeit steht. Die antiautoritären Bewegungen sind ja auch ein Ausdruck davon, daß Konsum allein für ein lebenswertes Leben nicht ausreicht, daß zu einem gelingenden Leben auch die Freude an der Auseinandersetzung mit anderen gehört.

      alterbolschewik

      14. Januar 2012 at 13:22

  3. @“Daß diese autoritäre Bevormundung gerade nicht mit einem demokratischen Gemeinwesen vereinbar ist, sondern wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie reproduzierte, kam dieser Generation überhaupt nicht in den Sinn. Aus ihrer Sicht zogen sie gerade die Konsequenz aus der Katastrophe des Nationalsozialismus. Und genau deshalb wurden die Kämpfe dann auch so erbittert geführt, weil sie überhaupt nicht begriffen, was an ihrem Verhalten kritikwürdig war.“ —— Wie ganz allgemein verbreitet diese Haltung war sehen wir, wenn wir uns Heinz-Erhardt-Filme anschauen. Da west diese Mentalität vor sich hin. Beat hören als Untergang des Abendlandes…

    che2001

    14. Januar 2012 at 15:31

    • Ich habe Heinz Erhardt auch nie als lustig empfunden – für mich hatte das immer etwas von einem Alptraum, lachen konnte ich darüber nie.

      alterbolschewik

      15. Januar 2012 at 12:48

  4. Der Erwiderung, alterbolschewik, würde ich weit gehend zustimmen, auch und insbesondere der Charakterisierung:

    „Der Autoritarismus dieser Generation reichte weit über die gesellschaftlichen Gruppen hinaus, die politisch eindeutig als rechts einzuordnen waren. Wollte ich jetzt schon wieder holzschnittartig zuspitzen, würde ich sagen, daß dieser Autoritarismus sogar unabhängig vom politischen rechts-links Schema existierte.“

    wenn auch etwas abgeschwächter. Spannend finde ich die Frage, wann genau und wie sich dieser ‚Autoritarismus’ wohl in vielen, vielleicht allen ‚westlichen’ Ländern durchsetzen konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob die Blockkonfrontation dabei das wesentlich bestimmende Element war.
    Um mal die Betrachtungsebene zu wechseln:
    Sieht man sich amerikanische Filme, insbesondere Komödien von den 40er bis in die 60er Jahre an, kann man, denke ich, eine Veränderung von Mae West zu Doris Day sehen. Wobei sich der Umschlag, wenn ich das richtig beobachtet habe, in den USA als dominierender erst Anfang der 60er vollzog, während es in der Bundesrepublik diese Entwicklung so nicht gegeben hat bzw. sie viel früher eingesetzt hat. Anfang der 50er? Sozusagen nach der kurzen Zeit der Anarchie 46/47 bis 49/50?
    McCarthy hat zwar politisch der „Linken“ in den USA den Garaus gemacht, kulturell aber wohl eher versetzt.
    Was da in Frankreich oder im UK vor sich ging ist mir nicht recht klar. Durch die Kolonialkriege scheinen mir die binnengesellschaftlichen Entwicklungen dort sehr viel widersprüchlicher, zumindest im Vergleich zur Bundesrepublik, verlaufen zu sein.

    @Che, nicht als Entgegnung gemeint: Parallel gab es auch die Jazzer und Rock’n’Roller.

    g.

    15. Januar 2012 at 5:44

    • Meine Aussagen sind sicherlich auch nicht der Weisheit letzter Schluß, sondern eher eine Arbeitshypothese, die ich in diesem Blog weiterverfolgen will.

      Der Hinweis auf die Veränderungen in Hollywoodfilmen sind ziemlich interessant, wobei ich da auch gleich eine Hypothese hätte: Die scheinbare Verspätung liegt vielleicht auch daran, daß sich Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre die Kinokultur in zwei Lager spaltete, ein Kino für die Elterngeneration mit aufwendigen Großproduktionen ohne Sex und Gewalt für die großen Lichtspielhäuser und ein dreckiges, vulgäres Billigkino für die Drive-Ins, das auf die Jugend zugeschnitten war. Der Schock, den Hitchcocks Psycho auslöste lag sicherlich auch mit darin begründet, daß ein eigentlich für Drive-Ins geeigneter Film einem Publikum vorgesetzt wurde, das so etwas wie North by Northwest erwartete.

      Damit ist jetzt natürlich noch nichts erklärt; das wird wohl auf sich warten lassen müssen, bis ich mich hier im Blog genauer mit der Entstehung der Bewegungen in den USA beschäftige.

      alterbolschewik

      15. Januar 2012 at 13:33


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