shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Enteignet Springer!

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SPD, CDU und FDP, damit das Parlament und der Senat – alle sind sich einig: Diese »Kommune« muß eins auf den Deckel kriegen!“

Bild-Zeitung vom 12. April 1967

Dieser Text über das Verhältnis von Medien und antiautoritären Bewegungen soll Überlegungen abschließen, die ich im Herbst letzten Jahres angestellt hatte. Mir ging es damals um die Gründe, warum Teile der antiautoritären Bewegungen in eine sinnlose Gewaltspirale abglitten, die dann in den 70er Jahren dazu führte, daß sich tatsächlich klandestine bewaffnete Gruppen bildeten. Unter anderem hatte ich als einen Grund für die Eskalation folgendes angegeben:

„Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte.“

Der Grundgedanke war, daß die mediale Aggression auf Seiten der Betroffenen selbst Aggressionen erzeugten, bis sie irgendwann glaubten, zurückschlagen zu müssen. Machten sich linke Studenten in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch über die Springerpresse lustig, begriffen sie zusehends, daß es sich um eine Macht handelte, und zwar eine parteiische Macht. Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 wurde das ganz offensichtlich. Und zwar teilten diese Meinung nicht nur linke Studenten. So erklärte beispielsweise auch der RCDS in Mainz:

„Die Wurzel für die Dauerunruhen scheint uns vor allem in der verantwortungslosen Hetze der Berliner Presse gegen die Studentenschaft zu liegen. Seit Monaten versuchen die Berliner Zeitungen, in einer regelrechten Kampagne die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufzubringen.“ (zit. nach [1], S. 69)

In der Tat hatte die Springer-Presse mit beispielloser Aggressivität agiert und damit ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in der Gewalt gegen demonstrierende Studenten völlig legitim erschien. Die Bild-Zeitung rief beispielsweise bereits am 14. Dezember 1966 auf zum Austeilen von „Polizeihieben auf Krawallköpfe, um möglicherweise noch vorhandenen Grips locker zu machen“ (zit. nach [3], S. 541). Am 11. Januar 1967 forderte dann die ebenfalls zum Springer-Konzern gehörende Berliner Morgenpost, man müsse „Störenfriede ausmerzen“ (zit. nach [1], S. 69).

Am Tag nach dem Tod von Benno Ohnesorg forderten dann auch Studenten in Westberlin das Abgeordnetenhaus auf, „aufgrund der Bestimmungen der Verfassung von Westberlin und des Grundgesetzes der BRD die Enteignung des Springerkonzerns vorzubereiten.“ (zit. nach [1], S. 78) – natürlich ohne Erfolg. Doch damit nahm die sogenannte Springer-Kampagne ihren Anfang. Im Wintersemester 1967/68 bildete sich im Rahmen der Kritischen Universität an der FU Berlin ein Springer-Arbeitskreis, der zusammen mit anderen Gruppen wie dem Republikanischen Club ein Hearing im Frühjahr 1968 vorbereitete. Am 2. Februar wurde eine vorbereitende Veranstaltung durchgeführt, in der Arbeitsgruppenergebnisse vorgetragen wurden.

„Anschließend an diese Referate wurde ein 5-Minuten-Film von Holger Meins über die Herstellung und Verwendung von Molotowcocktails gezeigt. In derselben Nacht wurden die Fensterscheiben von 7 Morgenpost-Filialen mit Steinen zertrümmert.“ ([2], S. 122)

Die Eskalation der Gewalt hatte begonnen. Das eigentliche Springer-Hearing sollte nicht mehr stattfinden, denn die Ereignisse überschlugen sich, als am 11. April 1968 das Attentat auf Rudi Dutschke verübt wurde. Der Attentäter, ein minderbemittelter Hilfsarbeiter, war offensichtlich durch die Pressekampagne gegen die antiautoritären Bewegungen und dem als „Anführer“ stilisierten Dutschke zu seiner Tat angestiftet worden. In einem Flugblatt schrieb der Berliner SDS:

„Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, daß dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche Springer-Konzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben.“ (zit. nach [1], S.97)

Bereits am Abend des Attentats versammelten sich 5000 Demonstranten vor dem Springer-Haus und bewarfen es mit Steinen. Ein Polizeieinsatz mit Schlagstöcken und Wasserwerfern konnte nicht verhindern, daß fünf Auslieferungswagen abgefackelt und zehn weitere umgekippt und demoliert wurden. Das Berliner Beispiel machte Schule:

„In allen Städten der Bundesrepublik, in denen die »Bild«-Zeitung gedruckt oder ausgeliefert wird, kam es nach dem Dutschke-Attentat zu Blockadeversuchen. In Hamburg, Frankfurt, Essen, Köln und München gelang die Blockade in der Nacht zum Samstag; in Hannover verzögerten sich die Auslieferungen um einige Stunden, in Esslingen bei Stuttgart bis zum frühen Morgen.“ ([1], S. 100)

Die Aktionen zogen sich über das Oster-Wochenende hin und erreichten ihren Höhepunkt am Ostermontag. Zwei Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben: Der Photograph Klaus Frings wurde von einem Stein tödlich getroffen, der Student Rüdiger Schreck starb wahrscheinlich aufgrund von Polizeiprügeln. 400 weitere Personen wurden verletzt.

Es ist also durchaus plausibel, die massenmediale Vermittlung des Protestes für die Gewalteskalation verantwortlich zu machen. Zumindest die Springerpresse als geschworene Gegnerin der Protestbewegungen trug ein hohes Maß an Verantwortung für die Zuspitzung des Konfliktes.

Doch so unbestreitbar richtig, wie diese Einsicht ist, so vereinfachend ist sie auch. Zum einen bestand die bundesrepublikanische Medienlandschaft in den 60er Jahren nicht nur aus den Blättern der Springerpresse. Es gab andere, durchaus meinungsbildende Publikationen, in deren Blättern die neu entstehende gesellschaftliche Unruhe im Sinne einer Demokratisierung der Gesellschaft begrüßt wurde. Darauf werde ich nächste Woche genauer eingehen. Aber auch das Verhältnis zur Springerpresse selbst war ambivalenter als das oben skizzierte Freund-Feind-Schema suggeriert.

Tatsächlich erkannten Teile der Bewegungen, daß die Polarisierung, die der Boulevardjournalismus betrieb, keineswegs sein intendierte Ziel erreichte. Dieses Ziel, wenn es denn überhaupt jenseits der Auflagensteigerung ein politische Ziel gab, bestand darin, die Bewegungen zu isolieren und zum Abschuß freizugeben. Und wo die Springersche Meinungsmacherei auf bereits bestehende autoritäre Fixierungen traf, wirkte sie auf diese sicherlich verstärkend. Andererseits aber waren ihre Mittel derart grotesk und überzeichnet, daß sie durchaus in die Gegenrichtung mobilisierend wirken konnten. Wo die Schmähungen so übersteigert waren, konnten sie leicht dazu führen, die Geschmähten zu medialen Helden zu stilisieren.

Paradebeispiel derartiger, durch die Boulevardpresse überhaupt erst hervorgebrachter Helden waren die Bewohner der Kommune I. Deren Entstehung läßt sich – über die Subversive Aktion und die Gruppe Spur – bis zur Situationistischen Internationale zurückverfolgen. Ob nun diese Verbindung zu den Theoretikern der „Gesellschaft des Spektakels“ ausschlaggebend war oder ob es sich um puren Instinkt handelte: Die Kommune I betrachtete die Springer-Presse völlig zurecht nicht nur als Gegner, sondern auch als ein Medium, um den Spaß an der antiautoritären Revolte unter das Volk zu bringen.

„Die Diskrepanz zwischen Wort und Bild in der betont negativen Berichterstattung von Boulevardpresse und Fernsehen (die bis heute noch nicht wissenschaftlich untersucht worden ist) hatte eine nicht zu unterschätzende Multiplikatoren-Funktion. Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und später auch Georg von Rauch lasen nur noch Bild und BZ. Waren schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.“ ([2], S.103)

Tatsächlich dürften sie damit eine ganze Menge Jugendliche, vor allem auch Lehrlinge, erreicht und mobilisiert haben. Was der Elterngeneration zum Schrecken dienen sollte, diente der jungen Generation zur Anfeuerung. Jerry Rubin hat das in Do it! knapp und einleuchtend erklärt:

„Allein die Idee einer »Story« ist revolutionär, weil eine »Story« die Unterbrechung des normalen Lebens impliziert. Jeder Reporter ist ein Dramatiker, der Theater aus dem Leben schafft.
Verbrechen auf den Straßen ist eine Nachricht; Recht und Ordnung sind es nicht. Eine Revolution ist eine Nachricht; der status quo ist es nicht.
Die Medien berichten nicht über eine »Nachricht«, sie schaffen sie. Ein Ereignis geschieht, wenn es ins Fernsehen kommt und ein Mythos wird.
Die Medien sind nicht »neutral«. Die Anwesenheit einer Kamera verwandelt eine Demonstration, sie macht uns zu Helden. […] Ich habe niemals eine „schlechte“ Berichterstattung über eine Demonstration gesehen. Es ist egal, was sie über uns sagen. Die Bilder sind die Geschichte.“ ([4], S.106ff)

Zum Problem wird dies allerdings, wenn die so geschaffenen Helden selbst glauben, Helden zu sein, wenn sie glauben, man sei Revolutionär, wenn man von der Bild-Zeitung als solcher bezeichnet wird, kurz: wenn man sich selbst im Gewirr der Mythen des Boulevardjournalismus verfängt. Dann wird aus der spielerisch-provokativen Herausforderung irrationaler Autoritäten ein blutiger Krieg, der von einer kleinen radikalen Minderheit nur verloren werden kann.

Nächsten Freitag widmen wir uns den publizistischen Unterstützern der antiautoritären Bewegungen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Sie im Berliner Ärzteblatt lesen können:

„Die Studentenschaft als Organ der Universität, nicht als ihr Objekt – das ist etwas, woran sich viele, vor allem ältere Professoren nicht gewöhnen können, es widerspricht allzusehr den patriarchalischen Verhältnissen des Obrigkeitsstaates traditioneller Prägung. Und es bringt Unruhe. Demokratie ist immer unbequem, und wir haben so wenig Übung darin.“ (zit. nach [3], S.493f)

Literaturverzeichnis

[1] Bauß, G., Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, Köln 1977.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] Rubin, J., Do it!, London 1970.

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Written by alterbolschewik

20. Januar 2012 um 17:26

Veröffentlicht in Medien

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7 Antworten

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  1. @“Der Attentäter, ein minderbemittelter Hilfsarbeiter, war offensichtlich durch die Pressekampagne gegen die antiautoritären Bewegungen und dem als „Anführer“ stilisierten Dutschke zu seiner Tat angestiftet worden“ —– In der aktuellen Ausgabe von „konkret“ ist zu lesen, das es sich um einen organisierten Neonazi mit Waffenausbildung und Kontakt sowohl zu einer Wehrsportgruppe als auch zum Verfaschungsschutz handelte.

    che2001

    21. Januar 2012 at 11:30

    • Der Spiegel hat das vor zwei Jahren schon einmal berichtet. Hat die konkret neuere Informationen oder recycelt sie einfach das alte Material neu?

      alterbolschewik

      22. Januar 2012 at 12:02

  2. Wie sich die Dinge gleichen: Aus der Wikipedia zum Schlagwort „Simplicissimus“ „Die Zeitschrift zielte auf die bürgerliche Moral, die Kirche, die wilhelminische Politik, die Beamten, das Militär und verschiedene politische Gruppierungen der Zeit. In Österreich-Ungarn wurde das Blatt verboten, Heine und Wedekind saßen zeitweise wegen Majestätsbeleidigung im Gefängnis. Des Öfteren wurden Ausgaben komplett konfisziert. Bereits 1898 wurde der Herausgeber Langen zu einer Geldstrafe von 30.000 Mark verurteilt. Er lebte überdies fünf Jahre im Exil in der Schweiz, um einer Verhaftung zu entgehen. Bald jedoch wurde erkannt, dass Zensur-Prozesse den Verkauf steigerten und hervorragende Werbung für das Blatt waren. In enger Zusammenarbeit mit dem Staranwalt Max Bernstein wurden entsprechende Anzeigen provoziert und die Prozesse bereits lange im Voraus als publikumswirksame Spektakel geplant. Die juristischen Auseinandersetzungen entwickelten einen deutlichen Werbeeffekt für die Zeitschrift. Die verkaufte Auflage stieg deutlich an und erreichte im Jahr 1904 85.000 Exemplare.“

    che2001

    21. Januar 2012 at 11:39

    • Polarisierung schafft Aufmerksamkeit – das ist unbestritten. Die Frage ist nur – und die stellt sich bei den antiautoritären Bewegungen in besonderer Dringlichkeit – in welchen historischen Situationen nimmt das eine aufklärerische Qualität an und wann verfällt sie selbst den antiemanzipatorischen Mechanismen des Spektakels.

      alterbolschewik

      22. Januar 2012 at 12:08

  3. Sometimes it’s spooky. Was schlug mir heute als Aufmacher bei Spiegel Online entgegen? . Mal wieder neues zum Mord an Benno Ohnesorg, So schlecht würde man es in einem B-Movie-Politthriller nicht inszenieren.

    skalpell

    22. Januar 2012 at 16:21

    • Danke für den Hinweis. Die Manipulationen bei der Obduktion sind zwar schon länger bekannt, aber daß es bislang noch unausgewertetes Filmmaterial gibt, ist wirklich spannend. Da Mord meines Wissens nicht verjährt, könnte es Kurras jetzt doch noch an den Kragen gehen.

      alterbolschewik

      22. Januar 2012 at 16:56

  4. Übrigens: Der ASV plant zum diesjährigen Jubiläuzm der BILD einen Aussand an alle Deutschen Haushalte:

    http://www.ring2.de/archives/bild-nein-dazke-e-mail-an-springer-bild-sonderausgabe-aussendung/

    erik hauth (@ring2)

    27. Januar 2012 at 17:41


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