shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (1)

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Es ist schön, tolerant zu sein und die Minorität mit demokratischer Noblesse zu behandeln. Bilderbuch-Demokratie kann aber auch zum unerwünschten Selbstmord führen. Dann nämlich, wenn man permanent übersehen will, daß eine aggressive Clique eine sich demokratisch verhaltende Mehrheit fortgesetzt tyrannisiert.“

Berliner Morgenpost, 8. April 1967

Der letztwöchige Text thematisierte das Verhältnis der antiautoritären Bewegungen zur Springer-Presse. Dabei ging es fast ausschließlich darum, daß die Springerpresse ein Zerrbild der studentischen Anliegen verbreitete und offen zur Gewalt gegen studentische Demonstrationen aufrief. Die Gewalt von Seiten der Protestierenden war dann als das Resultat einer zumindest so gefühlten Notwehrsituation interpretiert worden.

Doch wenn man sich allein auf die Springer-Presse konzentriert, verliert man das große Bild aus den Augen, denn es gab durchaus andere Publikationen, die sich neutral oder sogar unterstützend verhielten. Ich will in diesem (leider wieder einmal mehrteiligen) Artikel versuchen, anhand eines ganz bestimmten Ereignisses, nämlich des sogenannten „Pudding“-Attentates, den unterschiedlichen Umgang verschiedener Presseorgane mit den Aktivitäten der antiautoritären Bewegungen zu demonstrieren.

Das Pudding-Attentat war die erste öffentliche Aktion, die die Kommune I in die Schlagzeilen brachte, und zwar, bevor sie überhaupt etwas unternehmen konnten: Am Mittwoch, den 5. April 1967 wurden 11 Personen festgenommen, und zwar unter dem Verdacht, einen Anschlag auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey geplant zu haben. Der Vorwurf als solcher war absurd. Was Dieter Kunzelmann und Konsorten planten, orientierte sich an einer Aktion der Amsterdamer Provos aus dem vergangenen Jahr. Am 10. März 1966 hatten diese erfolgreich die Hochzeit der Königin Beatrix gestört, indem sie durch das Zünden von Rauchbomben ein völliges Chaos erzeugt hatten. Die Berliner „Attentäter“ hatten sich von den Amsterdamern das Rezept für die Rauchbomben besorgt, um im Schutz der Rauchentwicklung den amerikanischen Vizepräsidenten mit Torten- und Puddingwürfen lächerlich zu machen.

Nach der Verhaftung der „Attentäter“ und „Attentäterinnen“ gab die Polizei einen Bericht an die Presse heraus, in der völlig absurde Behauptungen aufgestellt wurden (leider ist es mir nicht gelungen, den Polizeibericht selbst zu finden; wenn also eine meiner Leserinnen zufällig weiß, ob diese Erklärung irgendwo dokumentiert wurde oder in irgendeinem Archiv zu finden ist, wäre ich für einen Hinweis dankbar). Offensichtlich wurde behauptet, daß hochexplosive Chemikalien zum Bombenbau verwandt und unbekannte Chemikalien in Plastikbeutel abgefüllt wurden. Mehrfach taucht in der Presse auch eine angebliche Verwicklung der Ost-Berliner Botschaft Chinas auf – die Quelle dieses Gerüchts ist allerdings unklar (die Berliner Morgenpost nennt einen Senatssprecher als Quelle ([8])).

Von den elf Verhafteten wurden drei sofort wieder freigelassen – und zwar die drei Frauen; offensichtlich hielt die Polizei in bewährt chauvinistischer Manier Frauen für unfähig, Bomben zu bauen. Die acht anderen wurden tags darauf dem Untersuchungsrichter vorgeführt, der die sofortige Freilassung anordnete, weil er die Anschuldigungen sofort als das erkannte, was sie waren: Absurditäten.

Soweit der Sachverhalt. Uns soll hier und heute interessieren, wie die Medien auf diese Ereignisse reagierten. Am Donnerstag, den 6. April erschienen die ersten Zeitungsberichte, die ausschließlich auf auf der Presseerklärung der Berliner Polizei beruhten. Einen vernünftige und journalistisch korrekten Umgang mit der Erklärung der Polizei demonstrierte die New York Times:

„The West Berlin Police said tonight that they had arrested 11 persons on charges having plotted to assassinate Vize President Humphrey.
The police said that the 11, most of them students, had conspired »to stage an assault on the life or health of Mr. Humphrey«“ ([10])

Da der Sachverhalt selbst nicht verifizierbar war, erklärte die New York Times nur, daß die Polizei einen Attentatsversuch behauptet. Daß es Verbindungen zur Botschaft in Peking gegeben habe, wurde „unconfirmed reports“ zugeschrieben.

Ähnlich korrekt berichtete in Berlin der Tagesspiegel. Hier lautete die Formulierung:

„Elf Personen, die nach Angaben der Polizei unter »verschwörerischen Umständen zusammengekommen sind und hierbei Anschläge gegen das Leben und die Gesundheit des amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey« geplant haben, sind am Mittwoch in Berlin in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Die Räume der Beschuldigten seien durchsucht, Beweismaterial sichergestellt worden, teilte die Polizei mit.“ ([3])

Auch der Berliner Telegraf, eine sozialdemokratische Zeitung, hielt sich halbwegs an die journalistische Konvention, nicht verifizierbare Behauptungen zumindest mit der Einschränkung abzudrucken, daß sich der dargestellte Sachverhalt „laut Polizeibericht“ so darstelle. Allerdings wurde hier kontrafaktisch und sensationslüstern mit „Bombenattentat gegen Humphrey in Berlin vereitelt“ getitelt ([4]).

Keinerlei Hemmungen hingegen kannte die Springer-Presse. Dankenswerterweise hat der Springer-Verlag 2010 ein Medienarchiv zu 68 online gestellt, damit der schlechte Ruf des Verlages mit dem tatsächlichen publizistischen Verhalten abgeglichen werden könne. Es ist allerdings nur ein frommer Wunsch des Vorstandsvorsitzenden Döpfner, daß sich dadurch „[m]anche Klischees in den Köpfen […] auch als Endmoränen einer bis heute wirkungsvollen SED-Propaganda und Stasi-Desinformation“ erweisen. Studiert man die Berichte über das „Pudding-Attentat“, findet man weder die Einhaltung einer journalistischen Sorgfaltspflicht, geschweige den so etwas wie publizistische Neutralität.

Die BILD titelte „Bombenattentat auf Humphrey in Berlin verhindert“ ([9]), die B.Z. „Studenten planten Attentat auf Humphrey“ ([6]) und die Berliner Morgenpost schoß den Vogel ab, als sie im Untertitel ihres Berichtes behauptete: „FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking.“ ([5]) Die Angaben aus dem Polizeibericht wurden ohne Einschränkung als Tatsachen übernommen und nach Gusto auch noch etwas ausgeschmückt. Im Polizeibericht war wohl von „mit Chemikalien gefüllten Plastikbeuteln“ die Rede, wie der Telegraf berichtete ([4]). Die Morgenpost ließ ihrer Phantasie bezüglich dieser Chemikalien, die, wie sich dann herausstellte, aus der Giftküche des sinistren Dr. Oetker stammten, freien Lauf:

„Die Polizei überraschte mehrere kommunistisch orientierte Westberliner Studenten beim Abwiegen von Sprengstoff in behelfsmäßige kleine Granathülsen und beim Einfüllen einer ätzenden Säure in Plastikbeutel.“ ([5])

Auch die Bild-Zeitung erwies sich als äußerst kreativ in ihrer Ausschmückung des Polizeiberichts:

„Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit Sprengstoff gefüllten Plastikbeuteln – von den Terroristen »Mao-Cocktail« genannt – und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt geplant.“ ([9])

Nun mag man vielleicht diesen Überschwang im ersten Eifer des Gefechts verzeihlich finden. Doch am nächsten Tag wurde die Berichterstattung nicht besser, obwohl inzwischen präzisere Informationen zu den „Attentatsplänen“ bekannt waren. Zum einen hatte der Rechtsanwalt der Verhafteten, Horst Mahler, inzwischen erklärt, daß es sich nicht um Bomben und gefährliche Chemikalien, sondern um Rauchkerzen und Pudding gehandelt habe. Auch die Polizei ruderte insofern zurück, daß sie nicht mehr behauptete, die Festgenommen hätten Bomben hergestellt, sondern daß es mit den Materialien (unter anderem Kalimchlorat) möglich gewesen wäre, auch Sprengstoff herzustellen. Sie dementierte außerdem, daß die Chemikalien aus der chinesischen Botschaft stammten, und erklärte, diese seien ganz regulär in West-Berlin gekauft worden.

Doch die Springer-Presse ließ sich dadurch nicht beirren. Unter dem Titel „Die Verschwörer schalten auf stur“ berichtet die B.Z.:

„Ein Teil der Studentenschaft versuchte gestern, diese peinliche Angelegenheit als »hysterische Polizeiaktion« hinzustellen. Die Studenten behaupteten, die hochexplosiven Chemikalien in Plastikbeuteln hätten sich als deutsches Qualitäts-Weizenmehl herausgestellt. Und bei den Bomben habe es sich um Rauchkerzen nach Amsterdamer Vorbild gehandelt.
Dieser verniedlichenden Darstellung wurde gestern von der Polizei energisch widersprochen.“ ([7])

Auch das „seriöse“ Aushängeschild des Pressekonzerns, Die Welt, meldete sich nun zu Wort:

„Der Rechtsanwalt der Beschuldigten erklärte beschwichtigend, seine Mandanten hätten keineswegs die Absicht gehabt, das Leben oder Gesundheit des Vizepräsidenten zu gefährden; vielmehr sei es ihnen nur darum gegangen, Humphrey mit »Rauchbomben nach Amsterdamer Vorbild« zu erschrecken. […] Aber was die Studenten auch unternehmen wollten – fest steht, daß sie mit explosiven Chemikalien hantierten, um den Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten zu einer lautstarken und höchst gefährlichen Demonstration zu benutzen. […] Es ist klar, daß die festgenommenen Studenten vor Gericht gestellt und – soweit sich ihre Schuld erweist – ohne Nachsicht abgeurteilt werden müssen. Ein Ausschluß aus der Universität sollte ebenfalls selbstverständlich sein.“ ([1])

Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn Die Zeit das Überwachungsprotokoll der Berliner Polizei leakt:

„Gustav 4 an Zentrale: Die Verschwörer haben im Supermarkt Zucker und Zimt besorgt. Erbitten weitere Anweisungen.
Zentrale an Gustav 4: Feststellen, ob auch Grieß.
Dora 3 an Zentrale: Die Verschwörer haben soeben in der Molkerei vier Liter Schlagsahne gekauft.
Zentrale an Dora 3: Schlagsahne gab es in Amsterdam nicht. Offenbar eine neue Waffe. Bleiben Sie weiter am Ball!“ ([2])

Literaturverzeichnis

[1] DIE WELT (Berlin), 07. April 1967: Co,vC., „Studenten mit Bomben“, S.2.

[2] Ebert, W., „Pudding-Mörder“, in: Die Zeit, Jg.20 (1967), Nr.15 (14. April 1967): S.7.

[3] Tagesspiegel, 06. April 1967: Eigener Bericht, „Elf Personen von der Polizei festgenommen“, S.1.

[4] Telegraf, 06. April 1967: Eigener Bericht, „Bombenattentat gegen Humphrey in Berlin vereitelt“, S.1.

[5] BERLINER MORGENPOST, 06. April 1967: Eigener Bericht, „Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt“, S.1.

[6] B.Z., 06. April 1967: Eigener Bericht, „Studenten planten Attentat auf Humphrey. 11 Festnahmen“, S.1.

[7] B.Z., 07. April 1967: Eigener Bericht, „Die Verschwörer schalten auf stur“, S.4.

[8] BERLINER MORGENPOST, 07. April 1967: HES, „Gefährlicher Sprengstoff“, S.3.

[9] BILD (Berlin), 06. April 1967: rb, „Berlin: Bomben- Anschlag auf US-Vizepräsidenten“, S.1.

[10] New York Times, 6. April 1967: „11 Seized in Berlin In a Reported Plot to Kill Humphrey“, S.1,5.

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Written by alterbolschewik

3. Februar 2012 um 17:57

5 Antworten

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  1. Hallo Sohn,

    möchtest du, dass ich dir aufgefallene Fehler melde?

    Gruß
    Mutter

    Mutter

    3. Februar 2012 at 19:53

    • Gerne. Tipp- und Rechtschreibfehler per mail, inhaltliche Fehler auch als Kommentar.

      alterbolschewik

      4. Februar 2012 at 10:58

  2. Schön!

    che2001

    5. Februar 2012 at 18:25

  3. Hallo alterbolschewik,
    Ich habe mir deinen Text durchgelesen, da ich mich gerade mit dem gleichen Thema befasse, und jetzt stellt sich mir die Frage, wo du die Zeitungsartikel her hast.Ich habe schon viel nach den Artikeln gesucht, kann aber nur wenige überhaupt finden, geschweige denn bekommen. Über eine Antwort, gern auch per e-mail würde ich mich freuen, denn du würdest mir damit sehr helfen.
    Liebe Grüsse,
    Lo

    Lo

    6. September 2013 at 12:22

    • Moin Lo,

      das ist nicht schwierig: Du mußt einfach in den Nachweisen den Links folgen. Springer hat dankenswerter Weise mit seiner Medienarchiv 68-Seite ein ziemlich vollständiges Konvolut der entsprechenden Artikel der damaligen Zeit ins Netz gestellt. Der Anspruch ist natürlich ein apologetischer – was aber meines Erachtens nicht wirklich gelingt. Die Springerpresse erweist sich auch bei näherem Hinsehen als genauso dumm und hetzerisch, wie es immer behauptet wurde.

      Den NY-Times Artikel habe ich von deren Seite – ist aber kostenpflichtig, weswegen es keinen Link gibt.

      alterbolschewik

      6. September 2013 at 15:14


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