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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (3)

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Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Matthias Walden, Links vom Geist, in: Die Welt, 7. Januar 1967

Wir hatten letzte Woche gesehen, daß die Medienberichterstattung über das Pudding-Attentat je nach Medium sehr unterschiedlich ausfiel. Während die Springer-Presse eindeutig Position gegen die „Attentäter“ und für die Polizei ergriff, schlugen sich Blätter wie Spiegel und Zeit auf die andere Seite. Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich Publikationen, die von den Autoren der bereits letzte Woche zitierten Studie als vom „affirmativer Typus“ bezeichnet wurden.

Die Haltung dieses Typus beschrieben sie anhand des Berliner Tagesspiegels folgendermaßen:

„Der Tagesspiegel begrüßt am Anfang das politische Engagement der Studenten und ist sogar bereit, Wohlwollen für Diskussionen über die amerikanische Vietnam-Politik und Aufrufe zu Protestmärschen aufzubringen, doch hat die Reaktionsweise der Studenten nach Auffassung des Tagesspiegels die »Geduld der Öffentlichkeit und ihrer Professoren aufs äußerste strapaziert« (Tagesspiegel vom 18.2.1966), mithin das Maß überschritten.“ ([1], S. 506)

Während der Springer-Konzern ohne jede Scheu auf Teufel komm heraus eine autoritäre Haltung mit einem latenten Hang zur Gewalt vertrat und jede Kritik an dem, was er unter „Recht und Ordnung“ verstand, stigmatisierte, gaben sich Blätter wie der Tagespiegel oberflächlich liberal. Doch die scheinbar „ausgewogene“ Berichterstattung täuscht. Faktisch schlugen sich auch Blätter wie der Tagesspiegel unter dem Strich auf die Seite der Autoritäten. Das gilt bereits für die noch weitgehend auf die Universität begrenzten Auseinandersetzungen der Jahre 1965/1966:

„In den Kommentaren des affirmativen Typs, die sich – wie im Falle des Tagesspiegels – kritisch mit der Praxis der FU-Autoritäten auseinandersetzen, wird nicht so sehr strukturelle vermittelte autoritäre Praxis, sondern viel eher subjektive Ungeschicklichkeit bei formaler Rechtmäßigkeit beklagt. Reaktionen, Forderungen und Aussagen von Studenten, die nicht den rechten Abstand vom außenpolitischen Gegner halten, bestimmen den unentschuldbaren Kern studentischer Provokation.“ ([1], S. 507)

Als sich die Auseinandersetzungen zuspitzen und den universitären Rahmen verlassen, kippen die Kommentatoren dieses Typs um:

„Das geplante Pudding-Attentat auf Humphrey wird zum Anzeichen dafür, daß das nun ins Zentrum der Kommentierung tretende Phänomen studentischer Proteste und Opposition in die Dimension der »Gemeingefährlichkeit« gerückt werden muß. Ordnung überhaupt scheint bedroht. […] Die Anläße, an denen [der studentische Protest] sich entzündet, die Formen, in denen er sich artikuliert, erscheinen den Kommentatoren dieses Typs dann aber derart bedenklich, daß sie im Anschluß an konkrete Aktivitäten der Studenten häufig nur noch massive Verdammungsurteile und den Ruf nach dem »groben Keil« für angemessen halten.“ ([1], S. 526f)

Das heißt, es vollzieht sich eine zunehmende Polarisierung innerhalb der Medienlandschaft. Diejenigen Blätter, die eigentlich so etwas wie eine „bürgerliche Öffentlichkeit“ repräsentieren sollten, wechseln ins autoritäre Lager. Unterstützung erfahren die Bewegungen nur noch durch eine Handvoll links-liberaler Blätter und einer kleinen Riege von Autorinnen und Autoren, die diese eingeschränkte Plattform nutzen, um die Bewegungen publizistisch zu unterstützen.

Diese publizistische Unterstützung war meines Erachtens für die sich formierenden Bewegungen der 60er Jahre von außerordentlicher Bedeutung. Sie lieferten die Legitimation dafür, warum Rebellion gerechtfertigt war – weniger den Bewegten selbst, als vielmehr einer sich zaghaft konstituierenden nicht gegängelten Öffentlichkeit.

Ich will zum Abschluß dieser kleinen Serie über das Verhältnis von Bewegungen und Medien einige Vermutungen über diese Autorinnen und Autoren und über ihre Motivationen anstellen. Das ist etwas unausgegoren und müßte anhand von (auto-)biographischem Material überprüft werden. Doch da das hier schließlich ein Blog und keine wissenschaftliche Arbeit ist, sollen vorläufig einige Vermutungen genügen.

Die Autorinnen und Autoren, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die sich radikalisierenden Bewegungen publizistisch unterstützten, gehörten einer Zwischengeneration an. Sie waren zu jung, um zur eigentlichen Generation der Nazis zu gehören, waren aber Mitte der 60er Jahre bereits alt genug, um im Berufsleben zu stehen; und sie hatten einen Beruf gewählt, der zeigt, daß sie die Herstellung von Öffentlichkeit, publizistisches Wirken für ihre Berufung hielten. Der letzte Woche zitierte Otto Köhler ist Jahrgang 1935, bekannte Namen, die ebenfalls in diese Reihe gehören, sind etwa Hans Magnus Enzensberger (*1929), Alexander Kluge (*1932) oder auch Ulrike Meinhof (*1934). Diese Reihe ließe sich erweitern. Sie hatten alle den Nationalsozialismus noch als Kinder erlebt, die eigentliche Zeit ihrer schulischen und universitären Ausbildung fiel dann aber in die späten 40er und 50er Jahre.

Und ich denke, daß sie zunächst einmal durchaus an den demokratischen Neuanfang glaubten, der in den Sonntagsreden der Zeit beschworen wurde. Doch die demokratische Fassade war äußerst bröckelig, das Gerede von der westlichen Freiheit im Gegensatz zur Unfreiheit im Osten kaschierte nur sehr notdürftig, daß es dabei weniger um Freiheit ging, als vielmehr um die Fortsetzung des nazistischen Antibolschewismus mit anderen Mitteln. Ihre publizistischen Tätigkeit begriffen diese Autorinnen und Autoren deshalb als Aufgabe. Für sie ging es darum, diese abstrakte leere Freiheit, die sich in der Ablehnung der Unfreiheit im Osten erschöpfte, zur konkreten Freiheit einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit zu transformieren.

Das konnte im Rahmen der Systemkonfrontation des Kalten Krieges nicht gelingen. Kritik wurde nicht als Stärkung des demokratischen Gemeinwesens begriffen, sondern als Parteinahme für den Gegner im Kalten Krieg. Jede Kritik an unhaltbaren Zuständen oder politischen Repräsentanten wurde stereotyp damit gekontert, daß immer nur auf Mängeln im Westen herumgeritten werde, während die viel schlimmeren Zustände im Osten überhaupt nicht erwähnt würden. Und damit wurde dann zur Tagesordnung übergegangen. Die Kritik an den restaurativen Tendenzen in der BRD blieb in der Praxis völlig folgenlos.

Dennoch blätterte die demokratische Tünche immer mehr ab. Einen Wendepunkt markierte 1958 der Ulmer Einsatzgruppenprozeß. Hier zeigte sich erstmals, daß sich hinter manch bürgerlicher Fassade die Fratze eines brutalen Nazi-Killers verbarg. Der Eichmann-Prozeß 1961 und die Auschwitz-Prozesse 1963 taten ein übriges. Es wurde langsam unabweisbar, daß man nicht mehr nur mit dem Finger auf den Osten zeigen konnte, sondern daß es dringend notwendig wurde, auch vor der eigenen Tür zu kehren. Und dabei ging es nicht nur um Vergangenes. Hinzu kam der eskalierende Krieg in Vietnam mit den Greueltaten, die von der angeblichen Schutzmacht der westlichen Freiheit begangen wurden.

Doch die Argumentationsfiguren der Mainstreampresse, egal welchen Typus, änderten sich nicht. So heißt es, nur zum Beispiel, in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 11. 3. 1966:

„Die Vorgänge zeigen, wohin oberflächliche Einäugigkeit führen kann, wie der Regierende Bürgermeister diese Haltung einmal nannte, die nur noch die Toten in Vietnam sieht und nicht mehr die Toten an der Berliner Mauer.“ (zit. nach [1], S. 517)

Das Gefühl der Frustration, das sich bei engagierten Autorinnen und Autoren aufstaute, muß enorm gewesen sein. Als dann Mitte der 60er Jahre auf einmal Bewegungen auftraten, die nicht mit emsiger Recherche, betonter Seriosität und sorgfältig gewählten Worten den status quo in Frage stellten, sondern sich über diesen einfach mit provokanten Aktionen hinwegsetzten, muß das wie eine Erlösung gewirkt haben. Kein Wunder also, daß man sich auf die Seite der Pudding-Attentäter schlug, denn diese hatten mit ihrer zugegebenermaßen eher infantilen Aktion, die noch nicht einmal zustande gekommen war, mehr erreicht als Dutzende kluger Artikel. Und die dadurch geschlagene Bresche konnte nun publizistisch erweitert werden.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVOkation – mit all ihren kleinen Nadelstichen – ist, angesichts der Umstände, unsere einzige Waffe geworden. Sie ist unsere letzte Chance, den Autoritäten in ihre lebenswichtigen Weichteile zu treten. Durch unsere Akte der Provokation zwingen wir die Autorität, ihre Maske abzureißen. […] So werden sie gezwungen, ihre wahre Natur zu zeigen; vorgerecktes Kinn, gerunzelte Augenbrauen, die Augen starr vor Wut, nach rechts und links Drohungen ausstoßend, befehlend, verbietend, verurteilend.“ (zit. nach [2], S. 60)

Literaturverzeichnis

[1] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[2] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

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Written by alterbolschewik

17. Februar 2012 um 15:20

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Medien

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