shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

It’s a happening

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Provo basiert auf zwei fundamentalen Prinzipien, einem kulturellen und einem politischen. Der kulturelle Teil ist am offensichtlichsten in unseren »Happenings«; diese gründeten ursprünglich in der kreative Aktivität einiger unengagierter Beatniks.“

Martin Lindt, Explaining Provo

Als ich vor drei Wochen begann, die Medienreaktionen auf das Pudding-Attentat genauer zu untersuchen, fielen mir die Bezüge zur niederländischen Provo-Bewegung auf. Den Rauchmantel, unter deren Schutz die Pudding-Attentäter den amerikanischen Vizepräsidenten mit einer Buttercremetorte attackieren wollten, hatten sie sich, so hieß es, von den Aktionen während der Hochzeitsfeierlichkeiten der Prinzessin Beatrix mit ihrem Nazi-Gemahl Claus abgeschaut. Diese Aktion der Provos ging damals durch die internationalen Medien. So konnten die deutschen Provokateure gut ein Jahr vor ihrem Versuch eines Pudding-Attentats im typisch blasierten Spiegel-Stil lesen:

„Für 200 Gulden haben Amsterdamer Provos Rauchbomben gefertigt, diese Exklusiv-Information wird, mit Gefühl für sein Bedürfnis nach präzisen Angaben, dem SPIEGEL zuteil. Und vier, fünf Stück davon platzen bereits weit vor der Bannmeile, vor dem engeren Festbezirk, den zu verteidigen die Polizei entschlossen ist. Die Gaudi (im Stil Breughels) läßt sich einfach nicht abwarten, und so stürmt die Volkserhebung voran, eine Hand vor den Augen, mit der anderen die Nase zusammenkneifend, weil der grauweiße Qualm hervorragend beißt und stinkt, von eigenen Feuerschlägen durcheinandergewirbelt.“ ([4], S. 37)

Dank der europaweiten Fernsehübertragung des Ereignisses erreichten die Amsterdamer ein Millionenpublikum. Die Zeit schrieb:

„Erst zog etwas wie Nebelbrodem am Rande der Straße auf, welche die goldene Kutsche passierte. Dann qualmte es dicker, so als setzte sich eine alte Güterzuglokomotive in Fahrt. Schließlich waberte der Qualm grau und schwer, und das heitere Bild der lächelnden und winkenden Brautleute wurde verdunkelt. Wie aus einem Tunnel kam dann die Kutsche wieder zum Vorschein, darin die junge Prinzessin und der neue Prinz, heiter, lächelnd, winkend. […] Ja, aber wem galten dann die Qualmbomben? Nun, wem sonst als den Zuschauern der »Eurovision«, soweit sie in Deutschland an den Geräten saßen.“ ([2])

Nach dieser Aktion waren die Amsterdamer Provos ein eingeführter Markenname in ganz Europa. Doch wer genau waren diese Provos? Dazu müssen wir von diesem 10. März 1966 ein Jahr zurückgehen.

Stellen wir uns vor, es sei 1965, ein schöner Samstagabend im Frühling und wir schlenderten, nachdem wir gut gegessen und ein paar Bierchen gezischt hätten, noch durch Amsterdam. Kurz vor Mitternacht kämen wir an dem kleinen Platz Het Spui vorbei. Merkwürdigerweise scheint sich eine Menschenmenge um die Statue eines kleinen Jungen, genannt Het Lieverdje (kleiner Liebling) zu versammeln. Und es sind nicht gerade ehrbare Bürger, die sich hier zusammenrotten – eher schon Halbstarke mit Jeans und Lederjacken, die in Amsterdam Nozems genannt werden. Aber wir würden auch Langhaarige mit Bärten sehen, der Geruch von Marihuana läge in der Luft. Neugierig blieben wir stehen.

Schlag Mitternacht taucht eine seltsame Gestalt auf – der Zwarte Piet, das niederländische Äquivalent zum Knecht Ruprecht. Daß es Frühling ist, scheint unseren niederländischen Knecht Ruprecht nicht weiter zu bekümmern. Die skurrile Gestalt hebt an zu einer Tirade, deren Sinn und Zweck schwer zu durchschauen ist. Einerseits kündigt er das Kommen von Klaas an, womit, angesichts seiner Verkleidung, möglicherweise der Nikolaus gemeint ist. Andererseits geht es wohl auch um eine Anklage gegen das Rauchen, gegen die Sucht, den Konsumismus. Die Anwesenden kennen das Ritual offensichtlich: Als der Zwarte Piet die Anwesenden auffordert, sich an dem keuchenden Sprechgesang „Ouche, Ouche, Ouche“ zu beteiligen, stimmen sie bereitwillig mit ein.

Daß diese Happenings jeden Samstag um Mitternacht auf dem Spui stattfinden, hängt damit zusammen, daß die kitschige Statue des Lieverdje vom Zigarettenkonzern Philipp Morris gestiftet wurde. Der Zwarte Piet, der mit bürgerlichem Namen Robert Jasper Grootveld hieß, hatte bereits 1962 mit seinen Performances gegen das Rauchen begonnen. Um seine künstlerische Intention zu verstehen ist es hilfreich zu wissen, daß er als Seemann in Afrika gewesen war:

„Einmal dort angekommen fiel ihm die Ähnlichkeit zwischen Stammesritualen und dem, was er die Abhängigkeit des Konsumenten in der modernen Gesellschaft nannte, auf, insbesondere das, was er den Götzendienst des Zigarettenrauchers nannte. Nach seiner Rückkehr verglich er Raucher mit kultischen Opfern, die zum schrecklichen Schicksal des Lungenkrebs verurteilt waren. […] Er beschloß, daß die Zeit für Protest gekommen war.“ ([3], S. 24)

Seine ersten Aktionen bestanden darin, Zigarettenreklamen in Amsterdam mit dem Wort Kanker (Krebs) oder einfach K zu verunstalten. Die Werbefirmen begannen sich juristisch dagegen zu wehren und Grootveld landete für 60 Tage im Knast, weil er die Strafe nicht bezahlen konnte. Nicht lange nach seiner Entlassung wurde er wieder inhaftiert, weil die Inschriften erneut erschienen. Der wichtigste Effekt dieser Eskalation war allerdings, daß die Presse ausführlich über Grootvelds Ein-Mann-Kreuzzug berichtete. Diese Berichterstattung verschaffte ihm kostenlose Werbung und damit genügend Aufmerksamkeit, die es ihm erlaubte, mit finanzieller Unterstützung des Amsterdamer Restaurantbesitzers Nicolaas Kroese einen „Tempel gegen das Rauchen“ zu eröffnen. Hier fanden seine ersten Happenings statt. Nicht, daß bei diesen Performances nicht geraucht wurde, im Gegenteil. Das folgende Video von Bas van der Lecq dokumentiert eine Performance in Grootvelds „Tempel“:

Die Performances gehen allerdings nicht allzu lange gut:

„Am 18. April 1964 brannte er das Lagerhaus nieder, das er nun Kirche der bewußten Nikotinabhängigen nannte. Während er benzingetränkte Zeitungen in Brand setzte, rief er: »Denkt an Van der Lubbe« (ein Verweis auf den Holländer, der angeklagt worden war, den 1933 den Deutschen Reichstag in Brand gesetzt zu haben, ein Ereignis, das die Macht der Nazis gefestigt hatte). Zunächst dachte sein Publikum, es handle sich um einen Witz, dann aber flohen sie die Räumlichkeiten, als sie erkannten, was wirklich los war.“ ([3], S. 25f)

Im Juni 1964 setzte Grootveld seine Performances im öffentlichen Raum fort, nämlich auf dem Spui vor dem Lieverdje, das dabei ebenfalls oft genug in Brand gesteckt wurde.

Was war das nun, das Grootveld auf diesem kleinen Platz inszenierte und das Woche für Woche ein immer größeres Publikum anzog? Kunst? Im Kontext der 60er Jahre sicherlich. 1959 hatte Allan Kaprow in New York eine neue Kunstform entwickelt. „Eighteen Happenings in Six Parts“ hieß die Inszenierung, die der Kunstform ihren Namen gab: Happening. Beim Happening ging es darum, eine Umgebung zu schaffen, in der dann das Publikum in die künstlerische Aktion mit einbezogen wird und sich nicht Vorhergesehenes ereignet.

Das erste Happening in Amsterdam wurde am 9. Dezember 1962 unter dem Titel Open Het Graf (Öffne das Grab) inszeniert, andere folgten. Richard Kempton erklärt in seinem Buch über Provo, daß die Amsterdamer Happenings um einiges durchgeknallter waren als die New Yorker. Fred Wessels beispielsweise riß während einer Frostperiode alle Fenster auf, öffnete die Wasserhähne und machte aus seiner Wohnung eines Eislaufbahn, auf der dann eine Frau in Klompen, den niederländischen Holzschuhen, Schlittschuh lief ([3], S.19ff). Kempton resümiert:

„Das Happening war eine völlig offene Form, die unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten bot, und es war in Amsterdam, dem leidenschaftlich bewunderten »Magischen Zentrum« der holländischen Avantgarde, daß ein begabter neuer Meister ihm verblüffende neue Nutzanwendungen erschloß.“ ([3], S. 21)

Indem Gootveld den Spui zum Ort eines wiederkehrenden, ritualisierten Happenings machte, gab er dem Platz eine völlig neue Bedeutung. Daß es bei seinen Happenings gegen das Rauchen ging, hatte dabei eher etwas von einem MacGuffin. Wichtig ist, daß das Ritual einen Ort und eine Zeit definierte, an dem sich Menschen treffen können, ein Austausch stattfindet, sich eine gewisse „Szene“ konstituiert. Schon letzten Sommer hatte ich den Vorschlag gemacht, die Fortführung der Kunst nach dem Ende des Werks als temporäre Festlegung eines Ortes zu begreifen. Eines Ortes, an dem nicht Kunst gemacht wird, sondern Kunst sich ereignet. Genau dies machte Grootveld 1965 mit dem Spui in Amsterdam. Jeden Samstagabend um Mitternacht vollzog sich die Transformation des Spui von einem normalen Platz zu einem geheimnisvollen Ort, an dem die üblichen alltäglichen Spielregeln nicht mehr existierten.

Das begriff auch die Amsterdamer Polizei, die das ganze Treiben höchst mißtrauisch beäugte, aber weder Grund noch Handhabe fand, um gegen das Tun der Menge einzuschreiten. Das sollte sich ändern, als der Anarchist Roel van Duyn auf dem Spui auftauchte und die aufregenden Möglichkeiten erkannte, die in Grootvelds Happenings schlummerten.

Seien Sie deshalb auf nächste Woche gespannt, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVO weiß, die Sieger werden letztendlich die anderen sein. Trotzdem wird sich PROVO die Chance nicht entgehen lassen, diese Gesellschaft noch einmal zu provozieren.“ ([1], S. 4f)

Literaturverzeichnis

[1] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[2] J. M.-M., „Rauchbomben“, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.12 (18. März 1966), S.64.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] Mauz, G., „Die Verschwörung der Provos zu Amsterdam“, in: Der Spiegel, Jg.20 (1966), Nr.12 (14. März 1966), S.37 – 39.

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Written by alterbolschewik

24. Februar 2012 um 16:07

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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2 Antworten

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  1. Spontan fällt mir dazu der Direktor unserer Schule ein, der als Napola-Zögling einen heiligen Krieg gegen das Rauchen auf dem Schulhof führte. Rekurriert die Aktion auch auf diesen Hintergrund?

    g.

    2. März 2012 at 4:57

    • Das ist eine verdammt gute Frage. Auf den ersten Blick gibt es da keinen Zusammenhang. Wenn die Nazis gegen das Rauchen agitierten, dann ging es ihnen nicht um das Individuum, sondern um die Volksgesundheit. Wenn ich mich recht entsinne, waren sie es auch, die erstmals den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs erforschten. Bei Grootveld ging hingegen gerade um das Individuum. Seine Anti-Raucher-Happenings richteten sich primäre gegen die Versklavung des Individuums durch die Konsumgesellschaft; das Rauchen war hier nur ein besonders gelungenes Beispiel, weil es seiner Meinung nach zeigte, wie sehr die Individuen manipulierbar waren, wenn sie sich gegen besseres Wissen von der Werbung dazu verführen ließen, einem offensichtlich gesundheitsschädlichen Laster zu frönen.

      So weit, so einfach. Tatsächlich schwingt aber, bei aller Differenz, ein ideologischer Grundton mit, dem man tatsächlich einmal nachgehen sollte (ohne Grootveld im mindesten in irgend eine Nähe zu den Nazis rücken zu wollen; die von ihm propagierte Alternative zum Rauchen war das Kiffen, was sich schwerlich in ein konservatives bis rechtes Weltbild einordenen läßt). Dennoch ist, bei allen Unterschieden, ein antimodernistischer Affekt bei beiden nicht zu leugnen. Bei Grootveld steht die Zigarette für Massenkonsum und Werbung, für die Macht großer Konzerne und die mediale Verführbarkeit der Massen, kurz: den modernen Kapitalismus. Aber auch für die Nazis war die Zigarette, vor allem, wenn sie von einer Frau geraucht wurde, ein Emblem für die von ihnen gehaßte Moderne. Wir müssen uns nur die Klischees vom Berlin der Weimarer Republik vor das innere Auge rufen, dann taucht da sofort das Bild von Frauen in glatt fallenden Kleidern, Pagenschnitten und Zigaretten in langen Mundstücken auf. Das Bild der emanzipierten Frau der zwanziger Jahre ist ohne die Zigarette nicht zu denken. Gegen dieses Frauenbild mobilisierten die Nazis dann ihre von Eva Herrmann gelobte Familienpolitik. Dieser Haß auf die Moderne ist natürlich ein anderer als der von Grootveld, aber daß gewisse antimodenistische Affekte bei ihnen mitschwingen, können Grootveld und die Amsterdamer Provos nicht verbergen.
      Deshalb Dank für den Hinweis, ich werde in den nächsten Wochen etwas genauer auf den Antimodernismus der Provos ein Augenmerk haben.

      alterbolschewik

      2. März 2012 at 15:42


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