shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Demonstrationen (2)

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Es mag nicht sonderlich einfallsreich sein, an Antonio Gramscis Hegemonietheorie zu erinnern, doch muss die Dekonstruktion eines »Sie« heute immer auch mit der Konstruktion eines »Wir« einhergehen.“

Milo Rau

Das eigentliche Problem der „Demonstrationen“-Ausstellung, deren Kritik letzte Woche begonnen wurde, liegt darin, daß die Ausstellungsmacher einen hochgradig verkürzten Begriff dessen haben, was eine Demonstration überhaupt ist. Das hängt natürlich mit dem coproduzierenden „Exzellencluster“ zusammen, das sich dem „Werden normativer Ordnungen“ widmet. Die Verkürzung resultiert daraus, daß Demonstrationen im wesentlichen unter dem Aspekt betrachtet werden, wie sie auf das „Werden normativer Ordnungen“ Einfluß nehmen. Mit anderen Worten: Die sozialwissenschaftliche Abstraktion erblickt in der Demonstrationen einfach nur ein Mittel zur Durchsetzung bestimmter politischer Zwecke. Aufgrund dieser Verkürzung der Demonstration auf ein Mittel sind die Autoren aus dem Exzellenzcluster nicht einmal in der Lage, politische Machtdemonstration von Protestdemonstrationen zu unterscheiden: In ihrer verkürzten Sicht geht es bei beiden um „normative Ordnungen“, im einen Fall und die bestehende, im anderen um eine zukünftige. Dabei wird völlig verkannt, daß die Inszenierung der herrschenden Mächte in der Öffentlichkeit komplett anderen Regeln gehorcht als eine Protestdemonstration. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Die politische Machtdemonstration ereignet sich nicht, sie wird inszeniert. Das heißt, die öffentliche Zurschaustellung der Macht ist völlig ritualisiert, es fehlt ihr, per definitionem, jede Spontaneität. Es passiert nichts, was nicht schon in den Elementen der Inszenierung enthalten wäre.

Für einen bestimmten Typus von Protestdemonstrationen gilt das leider auch. Als Beispiel ließe sich die Brückenaktion letztes Jahr am Oberrhein anführen, mit der nach dem Unfall in Fukushima gegen das Atomkraftwerk Fessenheim in Frankreich demonstriert werden sollte. Es gab klar definierte Sammlungspunkte, an denen völlig vorhersehbare Reden gehalten wurden. Zum verabredeten Zeitpunkt sperrte die Polizei die Straße ab, die Demonstranten begaben sich nach erteilter Erlaubnis auf die Fahrbahn, marschieren zur Rheinbrücke, verweilten dort so lange, wie es die polizeiliche Genehmigung vorsah und zerstreuten sich dann (okay, ich vermute mal, daß das so ablief; ich habe nur den Anfang miterlebt und saß dann ganz schnell in Breisach in einem Straßencafé vor einem großen Eisbecher).

Das war in der Tat auch eine Demonstration, die nicht einmal ansatzweise aus dem klar gesteckten Rahmen exakt bestimmter politischer Zweckrationalität heraustrat. Sie lief genau so ritualisiert ab wie eine politische Machtdemonstration: Von A bis Z völlig vorhersehbar, durchchoreographiert bis ins Detail, so aufregend wie der alle vier Jahr stattfindende Gang zur Wahlurne. Der politische Bürger gibt seinen Unmut zu Protokoll, dieser wird registriert und fließt dann in das Handeln der politischen Klasse ein – oder eben auch nicht.

Es ist dies genau die Funktion, die die grüne Politikerkaste politischen Protestdemonstrationen zuschreiben: Der „Protest“ auf der Straße soll zwischen den Wahlgängen den politischen Willen des angeblichen Souveräns zum Ausdruck bringen und dann in der parlamentarisch-politischen Willensbildung berücksichtigt werden. Es geht keinesfalls darum, die Macht im demokratisch-parlamentarischen System in Frage zu stellen – Gott bewahre! Demonstrationen sollen eben diese Macht stärken und deren zunehmenden Legitimationsverlust abmildern, indem sie als Frühwarnsystem programmatische Neuorientierungen in Gang setzen. Wenn man eine Analogie zum Absolutismus ziehen will, dann entspricht diese Art der Demonstration der respektvoll gebeugt überreichten Petition an den Souverän mit der untertänigsten Bitte, er möge doch legitime Belange der Beherrschten berücksichtigen.

Die phantasielose Vorstellung der Exzellenzautoren läuft darauf hinaus, daß, wenn nur brav und fleißig auf diese Art und Weise demonstriert wird, sich neue normative Ordnungen herausbilden, die sich dann auf parlamentarisch-demokratischen Wege umsetzen lassen, etwa in Gestalt eines „ökologischen Umbaus der Wirtschaft“. Und so erscheint der grüne Wahlerfolg in Baden-Württemberg schließlich als glückliches Resultat einer derartiger artigen „Demonstrationskultur“. Ist es da noch verwunderlich, daß Peter Siller, der „Scientific Manager“ des Exzellenclusters „Formation of Normative Orders“ ein in der Wolle gefärbter Grüner Technokrat ist?

Tatsächlich ergibt die Ausstellung auf einmal einen Sinn, wenn man sie als Propagandaveranstaltung für grüne Politikvorstellungen begreift. Plötzlich ist es kein Wunder mehr, daß die Ausstellung sich auf zwei weit auseinanderliegende historische Epochen konzentriert. Zum einen haben wir da die Herausbildung der parlamentarischen Demokratie – von der Französischen Revolution bis zur Paulskirche als einen Schwerpunkt. Da darf dann durchaus auch Olympe de GougesDeklaration der Rechte der Frau und Bürgerin“ im Rahmen eines politischen Gender-Mainstreaming nicht fehlen. Dann aber werden beinahe eineinhalb Jahrhunderte voller Revolutionen und Demonstrationen übersprungen, um dann in den 80er Jahren, nach der Gründung der Grünen wieder einzusteigen.

Die Gespenster jedoch, die in den Protestdemonstrationen des übersprungenen Zeitraum umgingen, sollen der damnatio memoriae verfallen. Und damit ein Sinn von Demonstrationen, der diese nicht als legale und legitime Begleiterscheinung der parlamentarischen Demokratie begreift, sondern ganz im Gegenteil als fundamentale Herausforderung dieses Systems.

Als solche Herausforderung ist die Demonstration eben nicht bloß Manifestation legitimen Protestes, freundlicher Hinweis des Bürgers, daß er die eine oder andere politische Entscheidung der Mandatsträger nicht so richtig gut findet. Ihr Anliegen ist zugleich diffuser und konkreter. Tatsächlich ist nur einer der Katalogautoren fähig, den vollen Sinn einer Demonstration zu begreifen – Milo Rau. Es ist kein Zufall, daß er nicht dem Exzellencluster angehört und seine Vita diejenige der anderen Autoren parodiert: „Leiter des Künstler- und Forschungsnetzwerkes IIPM – International Institute of Political Murder.“ ([4], S. 460)

Rau zeigt klar auf, daß die Vorstellung von politischem Aktivismus, wie ihn sich die grünen Technokraten erträumen, „nicht viel mehr als das Hinzufügen einer weiteren Solo-Stimme im Sound­track spätkapitalistischer Subjektivierungen bedeutet.“ ([2], S. 211) Stattdessen geht es bei wirklichen Demonstrationen um etwas völlig anderes, wie er anhand der zapatistischen Bewegung zu zeigen versucht, nämlich um

„Geschichtsschreibung nach vorne als Inszenierung des Geschichte-Machens selbst – das dem Faktischen entgegengeschleuderte »Ya basta«, die Eröffnung eines alternativen und sehr realen gesellschaftlichen Handlungsraums.
So war der zapatistische Aufstand eine groß angelegte Demonstration für einen an der guten alten Avantgarde-Forderung nach der Verschmelzung von Kunst und Leben, Symbolpolitik und Alltag orientierten utopischen Aktivismus.“ ([2], S. 211)

Eine Demonstration ist eben nicht nur das Mittel, auf das sie die Exzellenzautoren reduzieren wollen: In deren beschränkter Sichtweise soll sie eine Botschaft an diejenigen senden, die über die gesellschaftliche Entscheidungsgewalt verfügen. Tatsächlich ist dies aber diejenige Funktion einer Demonstration, die am ehesten vernachlässigt werden kann. In erster Linie richtet sich die Demonstration als politisches Medium an die Teilnehmer selbst, in zweiter Linie an potentiell Verbündete und erst am Ende an die politischen Machthaber. Es ist ihr wesentlich, daß sie die Vereinzelung der Individuen durchbricht, ihre in der Vereinzelung gefühlte Ohnmacht überwindet und ein Kollektiv konstituiert, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Wo dies gelingt, hat das Ganze ein durchaus exstatisches Moment, das die Demonstration dann zu einem Ereignis macht – im Gegensatz zur Inszenierung der Macht.

Der neben Raus Text einzig ansatzweise brauchbare Aufsatz im Katalog versucht, diesen Ereignischarakter der Demonstration durch den Begriff des „Karnelvalesken“ zu fassen. Damit sind Sønke Gau und Katharina Schlieben zwar einen entscheidenden Schritt weiter als die Autoren des Exzellenzclusters, scheitern aber letztlich doch daran, daß sie das Karnevaleske der Demonstration wieder rein instrumentell betrachten, es auf eine Taktik reduzieren, die

„an Stelle direkter Konfrontation, die durch die Ordnungsmacht leichter zu kontrollieren ist, eher auf subversive, lustvolle, oft ästhetische und/oder performative Strategien der der Umdrehung, Entstellung und Unterwanderung setzt.“ ([1], S. 95)

Das ist zweifellos richtig, doch wird dadurch der Ereignis- bzw. Happening-Charakter ignoriert, der die Demonstration zu einer prägenden Erfahrung für die Teilnehmenden macht. Wir müssen uns nur an die Provo-Demonstrationen, die aus den Happenings von Rober Jasper Grootveld hervorgingen, erinnern. Die Demonstrationen vor allem der 60er Jahre hatten den Anspruch, die Akteure selbst zu verändern. Es ging nicht um diesen oder jenen Mißstand, sondern um ein aufregenderes, nicht von Konventionen und Langeweile geprägtes Leben. Und gerade darin liegt der potentiell „performative“ Charakter der Demonstration – den die Exzellenzautoren zwar ständig beschwören, aber nicht begreifen.

Der einzige, der diese doppelte Bewegung der Veränderung begreift und thematisiert, die Selbstveränderung, die die politische Veränderung mit einschließt und umgekehrt, ist eben Milo Rau. Bei ihm tauchen auf einmal Namen aus der Epoche auf, die von den Ausstellungsmachern dem Vergessen überantwortet werden soll – Lenin auf der einen Seite, VALIE EXPORT auf der anderen. Ihre Erwähnung bei Rau hat symbolischen Charakter, sie sind als Antipoden mythische Repräsentanten einer Revolution, die nicht zwischen Politik und Kunst unterscheidet. Rau geht es darum, wie Lenin „eine abstrakte Vision einer »besseren Gesellschaft« zu haben“ und sich wie VALIE EXPORT „die gegebenen schlechten Zustände analytisch oder performativ gemäß der eigenen individuellen Position anzueignen“. Er hat keine Angst vor großen Worten:

„Politische Kunst ist heute die Synthese aus diesen beiden Bewegungen und bedeutet schlicht und einfach die konsequente Entfaltung dessen, was ist, und damit dessen, was sein könnte. Es geht um die Offenlegung der revolutionären Qualität, des utopischen Als-Ob der Gegenwart und der in ihr angelegten tiefgekühlten Handlungsoptionen.“ ([2], S. 212)

Unabhängig davon, ob man Rau nun im Detail folgen will oder nicht – er hat jedenfalls einen deutlich klareren Blick auf die Möglichkeiten, die im Medium der Demonstration angelegt sind als die Technokraten des Exzellenzclusters. Und deswegen versteht er auch den möglichen Zusammenhang von Kunst und Demonstrationen völlig anders als die Ausstellungsmacher.

Und genau damit, liebe Leser, wird nächste Woche diese Tirade gegen eine von Grund auf mißlungene Ausstellung abgeschlossen, wenn ich mich darüber aufrege, daß die Kuratorinnen der Ausstellung erklären:

„Von Beginn an lag der Fokus […] auf den künstlerischen und ideengeschichtlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema »Demonstrationen«, auf dem Widerhall, den politische Ereignisse in ästhetischen Werken erzeugen.“ ([3], S. 40)

Literaturverzeichnis

[1] Gau, S. & Schlieben, K.: „Smart Mob, Flash Mob, Mob – Der Modus des Karnevalesken zwischen politischer Aktion, Lustprinzip und Spektakel“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[2] Rau, M.: „Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[3] Witt, S.; Peters, B. & Baum, F.: „Veröffentlichte Unruhe“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[4] Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

Written by alterbolschewik

30. März 2012 at 14:55

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„Demonstrationen“

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In Demokratien erfährt die imaginäre Struktur der Macht nur in dem Maße eine Negation, wie sie zugleich als solche bewahrt wird.“

Dirk Setton

Ich muß ja gestehen, daß ich ganz grundsätzlich voreingenommen bin, wenn es um universitäre „Exzellenzcluster“ geht. Schon der Name! Ich kann auch belegen, daß es sich dabei nicht um bloßes Ressentiment handelt (das auch), sondern daß sich dieses Ressentiment auf konkrete Erfahrungen stützen kann. Es begab sich vor ein, zwei Jahren, daß ein französischer Genosse das Glück (oder Pech) hatte, eines seiner Bücher in einem renommierten deutschen Verlag veröffentlicht zu bekommen (sie hatten das Buch wohl nicht verstanden). Daraufhin lud ihn das „Freiburg Institute for Advanced Studies“ zu einem Vortrag im Rahmen eines Colloquiums ein. Ich begleitete ihn zusammen mit einer anderen guten Genossin und betrat nach langen Jahren wieder einmal die heiligen Hallen der Alma Mater – ich hätte es besser nicht getan.

Schon zu meiner Zeit war die Universität voller aufgeblasener Schnösel, aber dieses Exzellenzcolloquium schoß den Vogel ab. Über den Inhalt der Diskussion breitet man sowieso besser den Mantel des Schweigens. Noch lustiger allerdings war das Gebaren der Exzellenz-Studenten. Der Genosse, der eigentlich recht gut Deutsch kann, hatte gebeten, auf Französisch antworten zu dürfen, weil er sich auf Deutsch nicht hinreichend präzise ausdrücken könne; und wir boten an, die Antworten ins Deutsche zu übersetzen. Einer der Exzellenz-Clusteraner warf dann in die Runde, es würden doch alle Französisch verstehen, oder? Keiner wagte es, sich die Blöße zu geben und zu gestehen, daß er doch lieber eine Übersetzung hätte. Und so entspann sich eine skurrile Diskussion, bei der (vorsichtig geschätzt) mindestens die Hälfte des Publikums (und mit Sicherheit der Co-Referent) die Antworten nicht verstand. Die absolute Krönung war dann noch, als einer meinte, er müsse seine Exzellenz dadurch zur Schau stellen, daß er seine Frage aus unerfindlichen Gründen auf Englisch stellte – obwohl der französische Gast mindestens genauso gut Deutsch wie Englisch sprach.

Warum diese abschweifende Einleitung über die Absurditäten deutscher Exzellenz-Initiativen? Nun, vor zwei Wochen besuchte ich eine wohlwollend besprochene Ausstellung im Frankfurter Kunstverein mit dem Titel „Demonstrationen“. Da, wie die regelmäßigen Leserinnen dieses blogs wissen, das Verhältnis von Politik und Kunst zu meinen Hauptinteressensgebieten gehört, schien mir das Vorhaben interessant genug, um einmal wieder ein Wochenende in Frankfurt zu verbringen. Die Zugfahrkarten waren gekauft, das Hotel gebucht, als ich erstmals die Homepage des Frankfurter Kunstvereins aufsuchte und feststellen mußte, daß die Ausstellung in Zusammenarbeit mit einem „Exzellenzcluster“ der Universität Frankfurt erarbeitet wurde. Mir schwante sofort Übles. Und in der Tat, mein Gefühl trog nicht. Nach dem Besuch der Ausstellung war mein erstes Urteil: Thema komplett verfehlt. Wie kann man über politische Demonstrationen und Kunst eine Ausstellung machen, und dabei sowohl die Zeit um den ersten Weltkrieg wie die 60er und 70er Jahre komplett ignorieren?

In einem Anfall von Masochismus legte ich mir dann, weil klar war, daß ich hier im Blog über die Ausstellung herziehen würde, noch den Katalog zur Ausstellung zu. Bei dessen Lektüre wurde mir dann allerdings bewußt, daß das, was ich als Versäumnis der Ausstellung angesehen hatte, zur Intention der Ausstellungsmacher gehörte. Doch dazu nächste Woche mehr.

Als amuse gueule möchte ich auf den wirklich amüsanten Aufsatz von Dirk Setton („lehrt Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen«“ ([3], S. 461)) hinweisen. Ein ähnlich sinnfreier Aufsatz ist mir noch selten untergekommen. Der Katalogtext trägt den Titel „Kraft des Bildes. Bemerkungen zur imaginären Konstruktion politischer Herrschaft“. Was, um Gottes willen, soll die „imaginäre Konstruktion politischer Herrschaft“ sein? Nun, Sutton meint damit nicht eine „imaginäre“, das heißt, nur ausgedachte Konstruktion politischer Herrschaft, sondern die Konstruktion politischer Herrschaft durch das Bild.

Diese Verhunzung der Sprache ist bei Setton Programm – zum alleinigen Zweck, die Dürftigkeit seiner Gedankengänge zu kaschieren. Allen sprachlichen Brimboriums entkleidet, ist seine These die, daß Herrschaft nie wirklich absolut ist, da weder Überzeugung noch Gewalt ausreichen, totale Herrschaft ausüben zu können. Diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit absoluter Macht muß, so Setton, durch bildliche Inszenierung überdeckt werden. Allerdings sagt er das nicht in dieser Banalität, sondern so:

„Akte der politischen Bestimmung situieren daher auf struktureller Ebene ihr Subjekt in der Position eines Begehrens nach universaler Wirksamkeit – nach dem »Absoluten der Kraft«, das ihnen dann eignet, wenn sie allgemeine Zustimmung oder allgemeinen Gehorsam aktuell genießen. Bestimmend wird dieses Begehren für das Feld des Politischen aber insofern, als seine Befriedigung unmöglich ist. Weder lässt sich auf diskursivem Weg eine vollständige aktuelle Zustimmung, noch durch bloßen Zwang ein totaler Gehorsam erreichen. Das Begehren ist daher dem apriorischen Verlust seines Objekts wesentlich verhaftet.“ ([2], S. 222)

Auf diese Art und Weise schwurbelt der Text über sieben Katalogseiten vor sich hin und versteigt sich in Thesen, die, wenn man sie halbwegs verständlich paraphrasiert, ihre Hohlheit sofort demonstrieren. Für den Absolutismus des 17. und 18. Jahrhunderts mag Settons These zutreffen (auch wenn ich da Einwände hätte); er versucht das anhand von Hyacinthe Rigauds Bildnis Ludwig XIV nachzuzeichnen. Deutlich gewagter ist es allerdings, wenn er behauptet, daß auch in modernen Demokratien eine derartige bildliche Inszenierung politischer Macht notwendig sei. Und völlig absurd wird es, wenn er versucht, das dann anhand von Bani Abidis Videoprojektion Reserved zu zeigen.

Reserved ist tatsächlich eine der besseren Arbeiten in der Ausstellung. Auf zwei Schirmen wird in Parallelmontage die Ankunft eines anonym bleibenden politischen Würdenträgers in Karachi gezeigt. Der Hauptschirm zeigt wartende uniformierte Schulkinder mit Fähnchen, Polizisten, die die Straße absperren, wartende Autofahrer im Stau, ein Empfangskomitee und einen sich langsam füllende Saal. Der kleinere Seitenschirm zeigt das Fahrzeug des Würdenträgers, das sich mit Begleitfahrzeugen und Polizeieskorte offensichtlich der Stadt nähert. Der Film bricht just in dem Moment ab, in dem sich die Ankunft tatsächlich ereignen würde.

Mir würden dazu durchaus eine Reihe von Interpretationen einfallen, allerdings nicht die von Setton. Wenn man sich wieder durch sein prätentiöse Geschwurbel durchgeackert hat, bleibt nicht mehr übrig als die Behauptung, daß es sich um eine zu Rigauds Bildnis Ludwig XIV analoge bildliche Inszenierung der Macht in demokratischen Gemeinwesen handle. Die Differenz zum Absolutismus aber sei, daß es sich um eine „Trauerarbeit“ handle, denn im demokratischen Gemeinwesen sei das Zentrum der Macht nur als Leerstelle inszenierbar. Und das soll Bani Abidis Arbeit zeigen.

An dieser Analogie stimmt nun wirklich überhaupt nichts. Es wäre ermüdend, im Detail herauszuarbeiten, was daran alles absurd ist, deshalb hier nur die offensichtlichste Fehlinterpretation: Die „Leerstelle“ der Macht ist im Film nämlich deutlich sichtbar, und zwar bewußt abgehoben vom angeblichem Souverän, dem Volk, auf einem eigenen Videoschirm. Und sie ist mit modernen Insignien der Macht ausgestattet: Limousine mit verspiegelten Fenstern, Polizeieskorte etc. Und im Gegensatz zu Rigaud ist Abidis Blick ein kritischer auf diese Macht. Von einer bildlichen Inszenierung des leeren Zentrums der Macht in der Demokratie kann beim besten Willen nicht die Rede sein.

Settons Wortschaum fällt völlig in sich zusammen, wenn man auch nur im geringsten daran rührt. Leider ist er nicht einfach eine unrühmliche Ausnahme im Katalog, sondern repräsentativ für die Mehrheit der Katalogbeiträge, zumindest wenn sie von Autoren des Exzellenzclusters kommen. Von Setton unterscheiden diese sich allerdings zumeist dadurch, daß es sich nicht um unfreiwillig komische bizarre Absurditäten handelt, sondern daß darin durchaus politische Absichten zum Ausdruck kommen. Diese hängen mit dem oben bereits angesprochenen Manko der Ausstellung zusammen, daß die versuchte Symbiose von Politik und Kunst in den 60er und 70er Jahren komplett ignoriert wird. Doch dazu nächste Woche mehr, wenn wir uns fragen, was eigentlich falsch ist an der Behauptung von Klaus Günther und Peter Siller:

„Im öffentlichen Raum regiert, sinnvoll verstanden, die Frage nach der Rechtfertigung.“ ([1], S. 25)

Literaturverzeichnis

[1] Günther, K. & Siller, P.: „Sichtbar machen – Zur Performanz im Werden normativer Ordnungen“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[2] Setton, D.: „Kraft des Bildes. Bemerkungen zur imaginären Konstruktion politischer Herrschaft“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[3] Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

Written by alterbolschewik

23. März 2012 at 14:04

Veröffentlicht in Aufklärung?, Irrelevanz

Die weißen Pläne

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Auke will seinen Weißen-Hühner-Plan zur Eröffnung der Fotoausstellung starten. Er braucht zwanzig weiße Hühner, die er sich irgendwo im nördlichsten Zipfel Nordhollands beschaffen muß.“

Hans Tuynman, Ich bin ein Provo

Die Originalität der Provos bestand darin, daß sie sich während der kurzen Zeit ihres Bestehens wirklich darum bemühten, unberechenbar zu sein. In der provotarischen Konzeption der Unberechenbarkeit spielten die „Weißen Pläne“ eine zentrale Rolle: Konkrete, direkt umsetzbare Vorschläge für die Behebung von Mißständen und die Veränderung der Gesellschaft. Der eigentliche Witz der Pläne aber war, daß nie ganz klar war, ob sie rein satirischer Natur oder ernst gemeint waren. Und so trug auch der „positive“ Teil ihrer Programmatik zur Verunsicherung, die die Provos in die Gesellschaft tragen wollten, bei.

Zweifellos ernst gemeint war der „Weiße Frauen Plan“, den Irène Van de Wetering entwickelte. Hans Tynman schildert in seinem Buch Full Time Provo, wie alles begann:

„Ich bin mit Roel und Carla unterwegs. »Komm doch eben mit rein«, sagt Roel, »es ist jemand da mit einem Plan.«
»Wer?« frage ich.
»Du kennst sie nicht, Sie will irgendwas mit Sexualität.«
»Tag«, sage ich. Sie gibt mir die Hand, was mir ein ungewohntes Gefühl beschert.
Dann wird sie herzerwärmend offen:
»Die sexuelle Aufklärung ist bis dato lächerlich. Das muß anders werden.«
Ich nicke lebhaft. […]
»Was denkt Provo darüber?« fragt sie.
»Provo steht hinter dir«, versichere ich ihr feierlich. […]
»Was kann ich tun?« fragt sie mit überraschender Sachlichkeit. Zögernd beginne ich, an die Emanzipation zu glauben.
»Du ruftst jetzt die NVSH [Niederländische Vereinigung für sexuelle Reform] an«, schlage ich vor. »Du mußt ja Unterlagen haben. Statistiken über die zunehmende Anzahl lediger Mütter. Dann solltest du die Kinderheime anrufen. Angaben über Personalmangel und so.«
Dann dürftest du sehr böse werden, denke ich. »Die Zunahme der unehelichen Mütter beweist, wie notwendig eine bessere sexuelle Aufklärung ist, nicht wahr, und dann stellst du eben einen Plan auf. Anschließend mußt du in den Gemeinderat gewählt werden, um diesen Plan zu verwirklichen.« […]
Sie macht sich Notizen. »Bist du ledige Mutter?« frage ich zur Sicherheit.
»Nein, ich bin richtig verheiratet. Hausfrau mit Kindern.«
Leute, denk ich, es gibt noch Hoffnung.“ ([6], S. 94ff)

Natürlich wirkt Tuynmans paternalistisches Gehabe heute mehr als antiquiert – dennoch zeigt die beschriebene Szene sehr deutlich, was allein die Existenz von Provo bewirkte: Daß Menschen beschlossen, Dinge, die sie an der Gesellschaft störten, nicht mehr als unabänderlich und gegeben zu akzeptieren. Eine Woche später stand van de Wetering auf Platz zwei der Provo-Liste für die Wahlen zum Amsterdamer Gemeinderat. Tatsächlich gewannen die Provos einen Sitz, den van de Wetering für ein Jahr lang einnahm, da die Provos ein Rotationsprinzip beschlossen hatten, um der Verfestigung von Machtstrukturen entgegenzuwirken.

Mehr satirischer Natur war der „Weiße Hühner Plan“. Was im Deutschen der Bulle, ist im Niederländischen das „Kip“, das Hühnchen: Ein Spitzname für die Polizei. Im Flugblatt zum „Weißen Hühner Plan“, das sich besorgt um das Image der Polizei zeigte, heißt es:

„Die Gesellschaft der Freunde der Polizei schlägt folgendes Programm vor: Aus den blauen Hühnern werden weiße Hühner. Sie zeigen dies dadurch, daß sie eine weiße Uniform tragen. Die GFP akzeptiert eine Übergangsperiode, während der blaue Mützen durch weiße ersetzt werden. Das weiße Huhn wird das weiße Fahrrad benutzen. […] Das weiße Huhn ist unbewaffnet und wird stattdessen eine Tüte mit Verbandszeug, Aspirin, Streichhölzern und kleinen Orangenschnitzen mit Hühnerfleisch bei sich tragen.“ ([1], S. 33)

Die blauen Hühner erweisen sich allerdings als äußerst beratungsresistent. Tuynman berichtet in Full Time Provo:

„Auke hat sich zum kommandierenden General aufgeworfen im Kampf um friedliche Kommunikation mit der Polizei. Ein Polizist hat sich besonders weit in die wartende Menge gewagt. Wir umzingeln ihn und versuchen, ihm den Weiße-Hühner-Plan zu überreichen. Auke bricht einen persönlichen Zweikampf vom Zaun und verfolgt ihn, wobei er einen Wortschwall über ihn ausschüttet, der die sozjale Funkzion der Polizei verdeutlichen soll. Einen Augenblick scheint es so, als finge der Polizist an zuzuhören, dann aber zieht er entschlossen den Gummiknüppel und schlägt Auke ins Gesicht. Ein »Ungenügend« für die Polizei, konstatiere ich düster. Jetzt entbrennt der Kampf auf einem anderen Niveau.“ ([6], S. 44)

Offensichtlich war dem „Weiße-Hühner-Plan“ kein durchschlagender Erfolg beschieden. Allerdings wird in ihm auf den berühmtesten aller „Weißen Pläne“ angespielt. Das „weiße Fahrrad“, auf dem das „weiße Huhn“ fahren soll, bezieht sich auf den von Luud Schimmelpennink entwickelten „Weißen Fahrradplan“. Dieser Plan war so simpel wie genial:

„Dreißig Genossen malten ihre Fahrräder weiß an und machten publik, daß jeder sie benutzen könne. Die einzige Bedingung war, daß die Leute, nachdem sie ihre Fahrt beendet hatten, die Fahrräder für den nächsten, der sie benutzen wollte, auf der Straße stehen lassen sollten.“ ([5], S. 227)

Man sollte meinen, daß dieser Aktion jeder provokative Charakter fremd gewesen wäre. Doch weit gefehlt:

„Die Idee verbreitete sich sehr schnell, bis die Fahrradhersteller, die Versicherungen und die Polizei einschritten. Die Polizei beschlagnahmte die Fahrräder unter dem Vorwand, daß sie »Gefahr liefen, gestohlen zu werden«.“ ([5], S. 227)

Tatsächlich gab es in Amsterdam ein Gesetz, das Fahrradbesitzer verpflichtete, ihr Fahrrad abzuschließen, wenn sie es auf der Straße stehen ließen. Der Grund dafür war natürlich, daß die Polizei möglichst wenige Anzeigen wegen Fahrraddiebstahls bearbeiten wollte; die Provos sahen darin jedoch insofern ein Problem, als daß damit die Öffentlichkeit unter Generalverdacht gestellt wurde. Insbesondere Roel van Duyn vertrat die Auffassung, daß gegenseitige Hilfe und Respekt eher der menschliche Normalzustand seien, nicht die Pathologie eines bürgerlichen Egoismus (er führte das später in seinem Buch Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens ([2]) aus, das sich vor allem auf Kropotkins Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt ([4]) berief). Man mag das als naiv abtun, doch zumindest war das ein Versuch, praktisch am bürgerlichen Eigentumsbegriff und Egoismus zu rütteln.

Tatsächlich muß man den „Weißen Fahrradplan“ nicht nur nach seiner Praktikabilität beurteilen (die gar nicht so schlecht ist, wie ähnliche Konzepte in Frankreich zeigen, die angesichts des drohenden Verkehrskollapses der Innenstädte umgesetzt werden), sondern vor allem in ihrem Symbolcharakter. Und dieser beschränkte sich nicht allein im Bezug auf die anarchistische Tradition; der Plan stellt eine direkte Verbindung zu Grootvelds Happeningaktionen her. Man muß sich nur die begleitende Provokatie 10 anschauen:

Hier wird Grootvelds Beschriftung von Zigarettenreklamen mit Kanker (Krebs) wieder aufgenommen, nun aber bezogen auf Autoabgase. Und so wie es bei Grootveld nicht in erster Linie um die Gesundheit ging, sondern primär um die Kritik an einer sinnlosen Abhängigkeit von Konsumgütern, für die sogar gesundheitliche Schädigungen in Kauf genommen werden, so auch in Bezug auf das Auto.

Wir haben es also nicht nur mit einem praktisch-politischen Projekt zu tun, sondern mit einer Aktion, die eine Reihe von Bezügen herstellt, die weit über den Vorschlag einer originellen Form öffentlichen Nahverkehrs hinausgeht. Es geht nicht um technische Planung, sondern um ein Netz symbolischer Beziehungen; nicht um die Lösung eines verkehrstechnischen Problems, sondern um mögliche neue Erfahrungen. Im Kern handelt es darum, durch die Aktion festzementierte Werte und Denkmustern in Frage zu stellen und aufzubrechen.

So betrachtet erinnert der „Weiße Fahrradplan“ mehr an künstlerische Konzepte als an einen konkreten Vorschlag zur Verkehrsplanung – obwohl er letzteres auch ist. Tatsächlich geht die Bedeutung des „Weißen Fahrradplans“ weit über die bereits angerissenen Bezüge hinaus. Es geht in ihm um nichts weniger als um eine Infragestellung dessen, was öffentlicher Raum ist, wer ihn wie definiert und sich aneignet. Künstlerische und politische Strategien überlagern sich, ergänzen sich gegenseitig und setzen einen Prozeß in Gang, der über die Vorstellung von Kunst als Produktion eines „Werkes“ hinausgeht. Doch das wird Thema eines Textes in ein oder zwei Wochen sein.

Nächste Woche wird sich dieser Blog kurzfristig einem aktuellen Thema zuwenden, nämlich einer aktuellen Ausstellung in Frankfurt zum Thema „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“. Freuen Sie sich also darauf, daß der Alte Bolschewik bullshit wie den folgenden auseinandernimmt:

„Die in der Ausstellung gezeigten Bilder, Installationen und Performances lassen sich als eine ästhetische Verfremdung der Performanz im Werden normativer Ordnungen verstehen.“ ([3], S. 20)

Literaturverzeichnis

[1] [Auke Boersma]: „White Chicken Plan“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[2] van Duyn, R., Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens – Das politische Konzept der Kabouter, Wuppertal 1971.

[3] Günther, K. & Siller, P.: „Sichtbar machen – Zur Performanz im Werden normativer Ordnungen“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[4] Kropotkin, P., Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Leipzig 1908.

[5] Schubert, J., „Revolution and white bikes“, in: Anarchy, Jg.6 (1966), Nr.66 (August 1966), S.225 – 228.

[6] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Written by alterbolschewik

16. März 2012 at 14:06

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Imaazje!

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Mich überfällt wieder der Gedanke, daß mir jede Imagebildung aus den Fingern geglitten ist. […] »Der Provo Hans Tuynman«, überlege ich, »ist ein Image geworden. So sei es!«“

Hans Tuynman, Ich bin ein Provo

„Ouche-Ouche-Ouche“ keuchten die Besucher der Happenings von Robert Jasper Grootveld – um den Raucherhusten nachzumachen, der den Sklaven der Tabakindustrie blühte. Von den heutigen fanatischen Gegnern des Rauchens (und ihren faschistischen Vorläufern) unterschied sich Grootvelds Protest aber dadurch, daß es ihm nicht primär um die Gesundheit, und schon gar nicht um die Volksgesundheit ging. Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen die Enteignung des Lebens durch die Reklame. Alles hatte damit angefangen, daß Grootveld ursprünglich, wie bereits geschildert, Werbeplakate der Zigarettenindustrie attackiert hatte. Es nimmt also nicht wunder, daß ein ebenso fester Bestandteil der Happenings ein Lied über die Werbung war: „»Werbung, Werbung, Werbung, meeeeeeeeeeehr Werbung.« Alle sangen mit bis niemand mehr bei dem ansteigenden Tempo mitkam.“ ([4], S. 25)

Werbung – so die Kritik – reduziert das gelebte Leben, den kreativen Umgang mit der eigenen Umwelt auf bloßen Konsum. Die Menschen definieren sich nicht mehr durch das, was sie tun, sondern durch das, was sie kaufen können. Das mag jetzt keine besonders tiefsinnige Kritik moderner kapitalistischer Verhältnisse sein, doch sie brachte ein weitverbreitetes Unbehagen am damals noch neuen Modell des Nachkriegskapitalismus zum Ausdruck. Dieser setzte auf Massenkonsum, um Loyalität gegenüber der etablierten Ordnung zu garantieren. Menschliches Glück, so die von den Werbeagenturen verbreitete kapitalistische Propaganda, ist nichts anderes als immer größerer Konsum – wobei es zusehends weniger um den konkreten Gebrauchswert, als vielmehr um den Statuswert der Produkte ging. Für die Kritiker dieser Propaganda verflüchtigt sich das gelebte Leben zunehmend in die Repräsentation, in ein bloßes Spektakel. Man hängt vor der Glotze und läßt das Leben von anderen leben. Es sind die Bilder der Stars aus den Filmen und Magazinen, die scheinbar das Leben repräsentieren, und man kommt diesem Leben nur nahe, indem man dasselbe konsumiert wie sie.

Dieses Unbehagen an der Reduzierung des Lebens auf den Konsum, auf ein bloßes Bild des Lebens, war durchaus nicht marginal – 1965 sangen die Rolling Stones in (I Can’t Get No) Satisfaction:

„When I’m watchin‘ my T.V.
And that man comes on to tell me
How white my shirts can be
But he can’t be a man ‚cause he doesn’t smoke
The same cigarrettes as me“

Oder mit den Worten des Provos Roel van Duyn:

„Das Proletariat hat sich seinen politischen Führern unterworfen und hockt zufrieden vor den Fernsehgeräten. Es ist mit seinem alten Rivalen, der Bourgeoisie, zu einem großen, grauen Scheißvolk zusammengeschmolzen.“ ([2], S. 20)

Das Abbild des Lebens in den Medien ersetzt das Leben selbst. In Die Gesellschaft des Spektakels wird dies Guy Debord zwei Jahre später auf den Punkt bringen:

„Alles, was einmal unmittelbar gelebt wurde, hat sich in eine Repräsentation verflüchtigt. Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgelöst haben, vereinigen sich zu einem allgemeinen Kreislauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht mehr hergestellt werden kann.“ ([1], S. 766)

Aus dieser Einsicht zimmerten die Amsterdamer Provos dann einen ihrer zentralen Schlachrufe: „Imaazje!“ – die niederländische Schreibweise des französischen „image“. In diesem Ruf konzentrierten sie diese Verflüchtigung des gelebten Lebens in eine bloße Repräsentation. Und Polizei und Justiz nahmen diesen Ruf offenkundig sehr ernst: Am 23. April 1966 wurde der Provo Hans Tuynman wegen einer Verletzung von Bewährungsauflagen verhaftet und dann zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er bei einem Happening vor dem Lieverdje „Imaazje!“ gerufen hatte ([4], S. 77).

Allerdings ist diese Parole um einiges hintersinniger, als es den ersten Anschein hat. Denn Grootveld und die Provos hatten erkannt, daß sie der kapitalistischen Bilderproduktion eine eigene entgegenstellen konnten. Wenn Hans Tuynman in dem Buch, das er während seiner Haft verfaßte, schreibt, „PROVO IST EIN IMAGE“ ([5], S. 9), dann ist damit genau das gemeint, daß es nämlich möglich ist, diese Waffe gegen die kapitalistisch-bürokratische Gesellschaft selbst zu kehren, der kapitalistischen Bildproduktion eine anarchistische entgegenzustellen.

Und so wurde ein Image von Provo konstruiert, das den pas­siv-konsumistischen Images der Warenwelt das aktivistische Image der Provokateure entgegensetzte. Dieses Image entstand keineswegs zufällig, sondern wurde bewußt konstruiert. Zum einen gehörte dazu ein Logo. Grootveld hatte Amsterdam als das „magische Zentrum“ beschrieben, und das Logo sollte dies ausdrücken: Ein Apfel (mit Stiel), der Amsterdam repräsentierte. Der Apfel selbst hatte einen Fleck, und dieser Fleck wiederum stand für den Spui-Platz mit dem Lieverdje, wo die Happenings stattfanden. Dieses Logo war einfach zu zeichnen und leicht wiederzuerkennen – und so tauchte es überall auf den Häuserwänden Amsterdams auf.

Wichtiger noch als das Apfel-Logo war die in Anspruchnahme einer bestimmten Farbe, oder vielmehr einer Nichtfarbe, durch die Provos: Weiß – die Farbe, die alle anderen Farben einschloß. Gegen die bunten Farben der Werbung setzte Provo die Reinheit und Unschuld des Weiß. Dementsprechend sah die „Uniform“ der Provos aus: Sie verschmähten das traditionelle Schwarz der Anarchisten – das die Autonomen später einfaltslos kopieren sollten – sondern traten in weißen Jeans und Jacken auf.

Diese Produktion eines wiedererkennbaren Provo-Images war keine müßige Spielerei. Es ging hier um etwas wesentliches, nämlich um die Organisationsfrage. Die Organisationsformen der „alten Linken“, das heißt, der Arbeiterbewegung, beruhten auf expliziter Mitgliedschaft. Mit dem Eintritt in das Arbeitsleben wurde man, wenn man aus einem halbwegs klassenbewußten Haushalt kam, Mitglied in der Gewerkschaft. Man erhielt seine Mitgliedsnummer, zahlte den monatlichen Beitrag, ging zu den Versammlungen und Veranstaltungen (oder auch nicht) und war damit offizielles Mitglied der Arbeiter-„Bewegung“. Das ist jetzt, zugegebenermaßen, stark vereinfacht, aber im Prinzip funktionierte die Arbeiterbewegung genau so.

Die neuen Bewegungen, die sich Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre neu herauszubilden begannen, funktionierten nicht mehr nach diesem Schema. Es ging nicht darum, bestimmte Klasseninteressen in Form adäquater Organisationen, deren Zweck eben die Interessensvertretung war, zu bündeln. Es ging im Gegenteil darum, heterogene Gruppen zusammenzubringen. Roel van Duyn erklärte dies explizit:

„[D]as Provotariat ist keine Klasse, dafür ist sein Erscheinungsbild viel zu heterogen. Das Provotariat ist de-klassiert. Das Provotariat ist eine anonyme Menge subversiver Elemente.“ ([2], S. 20f)

Es ging den Provos nicht darum, Interessen zu vereinheitlichen, sondern darum, kollektiv die allgemeinen Schranken, die der individuellen Kreativität durch die Gesellschaft gesetzt wurden, zu durchbrechen. Insofern konnte sich prinzipiell jeder selbst zum Provo erklären – es bedurfte keines Mitgliedsantrags oder eines Monatsbeitrags. Symbole wie das Apfel-Logo und die weiße Farbe dienten dazu, einen Zusammenhalt zu stiften, ohne diesen zu einem Allgemeinen zu verdinglichen. Nicht Objektivität, sondern Subjektivität war das Ziel.

Natürlich konnte das nur für kurze Zeit funktionieren, bis Provo selbst durch die mediale Vermittlung zu einer Marke wurde. Solange es möglich war, Provo unberechen- und unvorhersehbar zu halten, war es möglich, den Autoritäten eine lange Nase zu drehen. In dem Maße, in dem die Provo-Bewegung unter dem Druck einer medialen Öffentlichkeit begann, eine Programmatik zu entwickeln begann, lief sie Gefahr, zu einer tatsächlichen Organisation zu degenerieren. Es gehört deshalb zur Größe der Provo-Bewegung, daß sie diese Gefahr erkannte, und sich am 13. Mai 1967 im Vondelpark bei einem letzten Happening, auflöste.

Nichtsdestotrotz schließen wir damit dieses Kapitel zu den Amsterdamer Provos noch nicht ab, sondern beschäftigen uns nächste Woche eben mit der Programmatik der Provos, den „Weißen Plänen“. Freuen Sie sich also noch einmal auf die Provos, wenn Roel van Duyn erklärt:

„Unsere Angriffstaktik gegen die autoritäre Gesellschaft muß aus einer Kombination von Reformismus und Provozismus bestehen. Wir müssen gegen jeden Teil der gesellschaftlichen Maschinerie mit konstruktiven Weißen Plänen, genauso wie mit negativen Provokationen vorgehen. Positiv und negativ, doch beide Male extrem.“ ([3], S. 25)

Literaturverzeichnis

[1] Debord, G.: „La Société du spectacle“, in: Debord, G., Œuvres, Paris 2006.

[2] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[3] van Duyn, R.: „The technique of how to provocate“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[4] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[5] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Written by alterbolschewik

9. März 2012 at 14:39

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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Das Provotariat hat nichts zu verlieren…

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Wir wollten eine Bewegung schaffen, die sich an das richtete, was wir später das »Provotariat« nannten, das heißt, die Zusammenballung aller Studenten, Künstler, Beatniks, Mods, Rocker und so weiter, die alle auf ihre Art schon protestieren, aber noch ohne politisches Bewußtsein.“

Martin Lindt

Der Happening-Künstler Robert Jasper Grootveld, den wir letzte Woche kennengelernt haben, gehörte, wenn wir ihn überhaupt einordnen wollen, im weitesten Sinne zu dem, was in den 60er Jahren „Gegenkultur“ genannt wurde. Diese hatte sich, ausgehend von Kalifornien, in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entwickelt und wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, irgendwann in den nächsten Wochen Thema sein. Heute soll es darum gehen, wie sich diese Gegenkultur politisch radikalisierte und vor allem um die Person, die diese Politisierung als bewußte Strategie entwickelte: Roel van Duyn.

Natürlich waren die gegenkulturellen Strömungen nicht unpolitisch. Aber ihre Vorstellung von Politik drückte sich primär in einem recht naiven Pazifismus aus. Wenn sich die Gegenkultur der späten 50er und frühen 60er Jahre politisch positionierte, dann im Rahmen der diversen Aktionsbündnisse gegen nukleare Bewaffnung. Allerdings begann sich Mitte der 60er Jahre eine Kritik an den ritualisierten Formen des pazifistischen Protestes zu artikulieren. Eines der ersten Flugblätter der Kommune I wurde am 26. März 1967, wenige Wochen vor dem Pudding-Attentat, auf dem Ostermarsch in Berlin verteilt:

„Ostermarschierer, Ostermärtyrer,
Ihr demonstriert für die Zukunft.
In der Gegenwart paßt ihr euch an.
Ihr protestiert gegen die Bombe.
Selber wollt ihr keine legen.“ (zit. nach [2], S. 112)

Doch wie schon beim Pudding-Attentat kopierte die Kommune hier ein Amsterdamer Vorbild. Bereits knapp zwei Jahre zuvor, am 25. Mai 1965, war in Amsterdam zur Unterstützung einer neuen Zeitschrift namens „Provo“ aufgerufen worden, die ab Juli 1965 erscheinen sollte. In diesem Aufruf hieß es:

„Genossen!
Die Bewegung gegen die Atombombe, die das einzig dynamische Element in der holländischen Linken zu sein schien, hat sich in einen Hinterhof verkrochen. Die „ban-de-bom“-Gruppen haben ihre Arbeit eingestellt. […] Der jährliche Marsch durch Amsterdam, der mit der schmerzhaften Regelmäßigkeit und Sinnlosigkeit eines Rituals vollzogen wird, hält die Flamme gerade so am Leben.
Die holländische Linke wird neue Wege finden müssen, um wirkliche Resultate zu erzielen, bevor sie jegliche Anziehungskraft verliert. Wir glauben, daß gewaltloser Widerstand nur deshalb zufällig unseren Zielen angemessen ist, weil er nicht massenhaft stattfindet.
Wenn Parolen und Gesten nichts mehr fruchten, dann müssen wir uns der Aktion und dem Angriff zuwenden. Wir glauben, daß nur eine revolutionäre linke Bewegung eine Veränderung bewirken kann!
Die Bevorzugung direkter Aktion führt uns zu anarchistischen Konzepten. Anarchismus propagiert die unmittelbarste Rebellion gegen alle Authorität, egal ob sie demokratisch oder kommunistsch ist.“ ([1], S. 20)

Diese Ankündigung wurde auf dem Spui während der samstäglichen Happenings Grootvelds verteilt. Doch nicht nur die Zeitschrift wurde angekündigt, sondern auch eine Reihe von Flugblättern, die unter dem Titel „Provokatie 1“, „Provokatie 2“ usw. erscheinen sollten (auch hier hat sich die Kommune I mit ihren nummerierten Flugblättern von den Provos inspirieren lassen). Die erste Provokation (Gut daß es die Polizei gibt…) lief noch ins Leere, doch schon die zweite wurde ein durchschlagender Erfolg. Das lag nicht nur am Inhalt – Provokatie 2 richtete sich unter dem Titel Claus von Amsberg, Persona Non Grata gegen den Verlobten von Prinzessin Beatrix – sondern vor allem am originellen Vertriebsweg: Der Provo Olaf Stoop, der als Zeitungsverkäufer am Amsterdamer Flughafen arbeitete, legte sie der konservativen Tageszeitung De Telegraaf bei. Stoop wurde natürlich gefeuert, doch die öffentliche Aufmerksamkeit, die dadurch hergestellt wurde, war unbezahlbar. Provokatie 3 vom 3. Juli 1965 wurde dann beschlagnahmt – wegen Verletzung des Urheberrechts, weil für dieses Flugblatt ein Zeitungsphoto des Prinzen Bernhard verwendet worden war. ([3], S. 39-45)

Als dann am 12. Juli die erste Nummer der Provo erschien, machte sie ihrem Namen alle Ehre: Auch sie wurde sofort von der Polizei aus dem Verkehr gezogen, „weil sie gründlich ausgearbeitete, faktisch aber nutzlose Instruktionen enthielt, wie man Sprengstoff herstellt, die aus einer Broschüre von 1910, »Der praktische Anarchist« nachgedruckt waren“ ([5], S 17). Diese gelungene Provokation war natürlich die beste Werbung, die sich die Zeitschrift wünschen konnte.

Der theoretische Kopf, der hinter dem Ganzen steckte, war Roel van Duyn, der damals gerade 22 Jahre alt war. Die Zeit, die ihn 1966 interviewte, beschrieb ihn folgendermaßen:

„Karthuizersstraat 14, Amsterdam. Das schmalbrüstige, baufällige Haus liegt in einem jener Viertel, in die sich Touristen nicht zu verirren pflegen. Drei Stufen, und wir sind in einem Raum, der einmal weiß getüncht gewesen sein mag. Ein Tisch, ein eisernes Öfchen, ein Dutzend aufgereihter Apfelsinenkisten, vollgepfropft mit Büchern, Zeitungen, Heften; der tropfende Wasserhahn in der Küche nebenan ist nicht zu überhören. In der rechten Ecke steht ein breites, niedriges Bett. In seinen mit Kaffeeflecken übersäten Decken richtet sich Roel van Duyen [sic!] nur ein wenig auf.
Er ist der Denker der »Provos«, seines Zeichens Student der Philosophie, 23 Jahre alt. Schon legt er seinen Kopf in die Kissen zurück. Ein gepflegter dunkler Bart umrahmt das blasse Gesicht, dessen melancholische Augen hinter der Brille einem russischen Emigranten von 1917 gehören könnten. Es irritiert ihn nicht, daß fünf junge Katzen seinen Bart als Punchingball benutzen, sondern er doziert bedächtig über das geistige Terrain, auf dem sich seine Provos bewegen. »Wir bilden die neue revolutionäre Klasse: das Provotariat. Unsere Angriffsziele: die Konsumgesellschaft und die staatliche Ordnung. Wir erstreben die unbeschränkte Selbständigkeit des Einzelwesens. Wir sind Anarchisten.«“ ([4]).

Van Duyn war 1943 in Den Haag geboren worden und hatte sich bereits während seiner Schulzeit politisch engagiert – gerade in der Antikriegs- und Antiatombombenbewegung, deren Lahmarschigkeit er dann später beklagte. Weil er während der Hauptverkehrszeit ein sit-in auf der Van Meerdevoord-Straße organisierte, flog er von der Schule, einem fortschrittlichen Montessori-Gymnasium. ([3], S. 38)

1963 zog er nach Amsterdam und arbeitete zunächst bei der anarchistischen Zeitschrift De Vrije mit. Über diese Arbeit lernte er Rob Stolk kennen, der neben van Duyn einer der führenden Köpfe und vor allem der Drucker der Provo werden sollte. Daß diese neue Publikation den Namen Provo trug, verdankt sie dem niederländischen Soziologen Wouter Buikhuisen, der 1965 mit der Arbeit Achtergrond von Nozemgedrag (Hintergrund des Halbstarkenverhaltens) promoviert wurde. Die Nozems, wie die Halbstarken in den Niederlanden genannt wurden, waren Jugendliche, die sich damit amüsierten, Bürger zu schrecken. In Jeans und Lederjacke, mit zur Tolle geformtem Haar lungerten sie mit ihren Motorrollern auf den Straße herum und brachten die braven Bürger gegen sich auf. Buikhuisen prägte für sie den abwertend gemeinten Namen „Provos“ – den van Duyn für die neue Zeitschrift aufgriff:

„Van Duyn hatte das Gefühl, daß junge Anarchisten ihre politische Aktivität auf das revolutionäre Potential der Nozems gründen sollten, indem sie lernen, Aggression in eine bewußte revolutionäre Gewalt zu transformieren. Auf den Seiten der Provo beschwor er Studenten, Provos zu werden, das heißt, revolutionäre Nozems. Auch wenn Anarchisten nicht länger auf eine soziale Revolution in den Niederlanden hoffen konnten, bestand er darauf, daß sie die Autoritäten und den Staat provozieren könnten und sollten.“ ([3], S. 39)

Zentrum und Ausgangspunkt der provokatorischen Aktivitäten waren zunächst die Happenings von Grootveld am Lieferdje. Hier wurde das Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei perfektioniert. Standen die Ordnungshüter den Happenings von Grootveld zunächst ratlos gegenüber, bot sich ihr nun endlich die Gelegenheit zum Einschreiten: Die Verteilung von politischem Propagandamaterial und Flugblättern war genehmigungspflichtig; und die Provos hatten natürlich keine Genehmigung eingeholt und würden das auch nicht tun. Und so kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, in denen sich die Polizei durch Überreaktion permanent ins Unrecht setzte. Das wiederum brachte den Provos Sympathien ein und rekrutierte Unterstützer und neue Aktivisten. Und so konnte aus der Idee einer Handvoll Leute tatsächlich eine Bewegung werden, die wenige Monate später in ganz Europa bekannt sein würde.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Hans Tuynman meint:

„Ich bin nur ein Provo und PROVO IST EIN IMAGE.“ ([6], S. 9)

Literaturverzeichnis

[1] [Roel van Duyn]: „“Provo“ Magazine Leaflet“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[2] Enzensberger, U., Die Jahre der Kommune I, München 2006.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] von Kuenheim, H., „“Provotarier aller Länder…““, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.27 (1. Juli 1966), S.2.

[5] Stansill, P. & Mairowitz, D. Z., By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[6] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Written by alterbolschewik

2. März 2012 at 14:57