shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Imaazje!

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Mich überfällt wieder der Gedanke, daß mir jede Imagebildung aus den Fingern geglitten ist. […] »Der Provo Hans Tuynman«, überlege ich, »ist ein Image geworden. So sei es!«“

Hans Tuynman, Ich bin ein Provo

„Ouche-Ouche-Ouche“ keuchten die Besucher der Happenings von Robert Jasper Grootveld – um den Raucherhusten nachzumachen, der den Sklaven der Tabakindustrie blühte. Von den heutigen fanatischen Gegnern des Rauchens (und ihren faschistischen Vorläufern) unterschied sich Grootvelds Protest aber dadurch, daß es ihm nicht primär um die Gesundheit, und schon gar nicht um die Volksgesundheit ging. Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen die Enteignung des Lebens durch die Reklame. Alles hatte damit angefangen, daß Grootveld ursprünglich, wie bereits geschildert, Werbeplakate der Zigarettenindustrie attackiert hatte. Es nimmt also nicht wunder, daß ein ebenso fester Bestandteil der Happenings ein Lied über die Werbung war: „»Werbung, Werbung, Werbung, meeeeeeeeeeehr Werbung.« Alle sangen mit bis niemand mehr bei dem ansteigenden Tempo mitkam.“ ([4], S. 25)

Werbung – so die Kritik – reduziert das gelebte Leben, den kreativen Umgang mit der eigenen Umwelt auf bloßen Konsum. Die Menschen definieren sich nicht mehr durch das, was sie tun, sondern durch das, was sie kaufen können. Das mag jetzt keine besonders tiefsinnige Kritik moderner kapitalistischer Verhältnisse sein, doch sie brachte ein weitverbreitetes Unbehagen am damals noch neuen Modell des Nachkriegskapitalismus zum Ausdruck. Dieser setzte auf Massenkonsum, um Loyalität gegenüber der etablierten Ordnung zu garantieren. Menschliches Glück, so die von den Werbeagenturen verbreitete kapitalistische Propaganda, ist nichts anderes als immer größerer Konsum – wobei es zusehends weniger um den konkreten Gebrauchswert, als vielmehr um den Statuswert der Produkte ging. Für die Kritiker dieser Propaganda verflüchtigt sich das gelebte Leben zunehmend in die Repräsentation, in ein bloßes Spektakel. Man hängt vor der Glotze und läßt das Leben von anderen leben. Es sind die Bilder der Stars aus den Filmen und Magazinen, die scheinbar das Leben repräsentieren, und man kommt diesem Leben nur nahe, indem man dasselbe konsumiert wie sie.

Dieses Unbehagen an der Reduzierung des Lebens auf den Konsum, auf ein bloßes Bild des Lebens, war durchaus nicht marginal – 1965 sangen die Rolling Stones in (I Can’t Get No) Satisfaction:

„When I’m watchin‘ my T.V.
And that man comes on to tell me
How white my shirts can be
But he can’t be a man ‚cause he doesn’t smoke
The same cigarrettes as me“

Oder mit den Worten des Provos Roel van Duyn:

„Das Proletariat hat sich seinen politischen Führern unterworfen und hockt zufrieden vor den Fernsehgeräten. Es ist mit seinem alten Rivalen, der Bourgeoisie, zu einem großen, grauen Scheißvolk zusammengeschmolzen.“ ([2], S. 20)

Das Abbild des Lebens in den Medien ersetzt das Leben selbst. In Die Gesellschaft des Spektakels wird dies Guy Debord zwei Jahre später auf den Punkt bringen:

„Alles, was einmal unmittelbar gelebt wurde, hat sich in eine Repräsentation verflüchtigt. Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgelöst haben, vereinigen sich zu einem allgemeinen Kreislauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht mehr hergestellt werden kann.“ ([1], S. 766)

Aus dieser Einsicht zimmerten die Amsterdamer Provos dann einen ihrer zentralen Schlachrufe: „Imaazje!“ – die niederländische Schreibweise des französischen „image“. In diesem Ruf konzentrierten sie diese Verflüchtigung des gelebten Lebens in eine bloße Repräsentation. Und Polizei und Justiz nahmen diesen Ruf offenkundig sehr ernst: Am 23. April 1966 wurde der Provo Hans Tuynman wegen einer Verletzung von Bewährungsauflagen verhaftet und dann zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er bei einem Happening vor dem Lieverdje „Imaazje!“ gerufen hatte ([4], S. 77).

Allerdings ist diese Parole um einiges hintersinniger, als es den ersten Anschein hat. Denn Grootveld und die Provos hatten erkannt, daß sie der kapitalistischen Bilderproduktion eine eigene entgegenstellen konnten. Wenn Hans Tuynman in dem Buch, das er während seiner Haft verfaßte, schreibt, „PROVO IST EIN IMAGE“ ([5], S. 9), dann ist damit genau das gemeint, daß es nämlich möglich ist, diese Waffe gegen die kapitalistisch-bürokratische Gesellschaft selbst zu kehren, der kapitalistischen Bildproduktion eine anarchistische entgegenzustellen.

Und so wurde ein Image von Provo konstruiert, das den pas­siv-konsumistischen Images der Warenwelt das aktivistische Image der Provokateure entgegensetzte. Dieses Image entstand keineswegs zufällig, sondern wurde bewußt konstruiert. Zum einen gehörte dazu ein Logo. Grootveld hatte Amsterdam als das „magische Zentrum“ beschrieben, und das Logo sollte dies ausdrücken: Ein Apfel (mit Stiel), der Amsterdam repräsentierte. Der Apfel selbst hatte einen Fleck, und dieser Fleck wiederum stand für den Spui-Platz mit dem Lieverdje, wo die Happenings stattfanden. Dieses Logo war einfach zu zeichnen und leicht wiederzuerkennen – und so tauchte es überall auf den Häuserwänden Amsterdams auf.

Wichtiger noch als das Apfel-Logo war die in Anspruchnahme einer bestimmten Farbe, oder vielmehr einer Nichtfarbe, durch die Provos: Weiß – die Farbe, die alle anderen Farben einschloß. Gegen die bunten Farben der Werbung setzte Provo die Reinheit und Unschuld des Weiß. Dementsprechend sah die „Uniform“ der Provos aus: Sie verschmähten das traditionelle Schwarz der Anarchisten – das die Autonomen später einfaltslos kopieren sollten – sondern traten in weißen Jeans und Jacken auf.

Diese Produktion eines wiedererkennbaren Provo-Images war keine müßige Spielerei. Es ging hier um etwas wesentliches, nämlich um die Organisationsfrage. Die Organisationsformen der „alten Linken“, das heißt, der Arbeiterbewegung, beruhten auf expliziter Mitgliedschaft. Mit dem Eintritt in das Arbeitsleben wurde man, wenn man aus einem halbwegs klassenbewußten Haushalt kam, Mitglied in der Gewerkschaft. Man erhielt seine Mitgliedsnummer, zahlte den monatlichen Beitrag, ging zu den Versammlungen und Veranstaltungen (oder auch nicht) und war damit offizielles Mitglied der Arbeiter-„Bewegung“. Das ist jetzt, zugegebenermaßen, stark vereinfacht, aber im Prinzip funktionierte die Arbeiterbewegung genau so.

Die neuen Bewegungen, die sich Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre neu herauszubilden begannen, funktionierten nicht mehr nach diesem Schema. Es ging nicht darum, bestimmte Klasseninteressen in Form adäquater Organisationen, deren Zweck eben die Interessensvertretung war, zu bündeln. Es ging im Gegenteil darum, heterogene Gruppen zusammenzubringen. Roel van Duyn erklärte dies explizit:

„[D]as Provotariat ist keine Klasse, dafür ist sein Erscheinungsbild viel zu heterogen. Das Provotariat ist de-klassiert. Das Provotariat ist eine anonyme Menge subversiver Elemente.“ ([2], S. 20f)

Es ging den Provos nicht darum, Interessen zu vereinheitlichen, sondern darum, kollektiv die allgemeinen Schranken, die der individuellen Kreativität durch die Gesellschaft gesetzt wurden, zu durchbrechen. Insofern konnte sich prinzipiell jeder selbst zum Provo erklären – es bedurfte keines Mitgliedsantrags oder eines Monatsbeitrags. Symbole wie das Apfel-Logo und die weiße Farbe dienten dazu, einen Zusammenhalt zu stiften, ohne diesen zu einem Allgemeinen zu verdinglichen. Nicht Objektivität, sondern Subjektivität war das Ziel.

Natürlich konnte das nur für kurze Zeit funktionieren, bis Provo selbst durch die mediale Vermittlung zu einer Marke wurde. Solange es möglich war, Provo unberechen- und unvorhersehbar zu halten, war es möglich, den Autoritäten eine lange Nase zu drehen. In dem Maße, in dem die Provo-Bewegung unter dem Druck einer medialen Öffentlichkeit begann, eine Programmatik zu entwickeln begann, lief sie Gefahr, zu einer tatsächlichen Organisation zu degenerieren. Es gehört deshalb zur Größe der Provo-Bewegung, daß sie diese Gefahr erkannte, und sich am 13. Mai 1967 im Vondelpark bei einem letzten Happening, auflöste.

Nichtsdestotrotz schließen wir damit dieses Kapitel zu den Amsterdamer Provos noch nicht ab, sondern beschäftigen uns nächste Woche eben mit der Programmatik der Provos, den „Weißen Plänen“. Freuen Sie sich also noch einmal auf die Provos, wenn Roel van Duyn erklärt:

„Unsere Angriffstaktik gegen die autoritäre Gesellschaft muß aus einer Kombination von Reformismus und Provozismus bestehen. Wir müssen gegen jeden Teil der gesellschaftlichen Maschinerie mit konstruktiven Weißen Plänen, genauso wie mit negativen Provokationen vorgehen. Positiv und negativ, doch beide Male extrem.“ ([3], S. 25)

Literaturverzeichnis

[1] Debord, G.: „La Société du spectacle“, in: Debord, G., Œuvres, Paris 2006.

[2] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[3] van Duyn, R.: „The technique of how to provocate“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[4] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[5] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

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Written by alterbolschewik

9. März 2012 um 14:39

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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3 Antworten

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  1. @“Insofern konnte sich prinzipiell jeder selbst zum Provo erklären – es bedurfte keines Mitgliedsantrags oder eines Monatsbeitrags.“ —- Ich musste ja schmunzeln, wenn Jahrzehnte später systemtragende Journalisten etwas von „selbsternannten Autonomen“ daherschreibselten. Wer ernennt die denn sonst?

    che2001

    10. März 2012 at 18:23

    • Schlimmer noch als Journalisten ist das ganze Sozialwissenschaftlerpack. Ich war über’s Wochenende in Frankfurt und habe mir die „Demonstrationen“-Ausstellung im Kunstverein angeschaut. Die war schon schlimm genug – aber der Katalog schlägt jeden Rekord an Nicht-Begreifen, was eine Demonstration ist (kein Wunder, denn da hatte ein „Excellenz-Cluster“ der Universität seine Wurstfinger im Spiel). Ich werde mich demnächst im Blog darüber ereifern…

      alterbolschewik

      12. März 2012 at 9:23

  2. Ich erlebte mal, dass ein Dozent im Seminar erzählte, wie furchtbar er eine Demo erlebt hatte, bei der die Bullen mit Schlagstöcken auf ihre Schilde kloppten (ohne dass es zu echten Auseinandersetzungen kam). Die anwesenden Studis warunm z.T. abgebrühte Autonome, die über des Dozenten Erzählungen nur grinsen konnten. Er hat dann ein bekanntes Buch über Gewalterfahrungen geschrieben. Eine alte Professorin, die in der NS-Zeit zum Internationalen Sozialistischen Kampfbund gehört hatte sagte im Flur des Ökonomikums zu íhm „Herr ……, sie sind ein Wicht!“

    che2001

    12. März 2012 at 12:45


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