shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die weißen Pläne

with 2 comments

Auke will seinen Weißen-Hühner-Plan zur Eröffnung der Fotoausstellung starten. Er braucht zwanzig weiße Hühner, die er sich irgendwo im nördlichsten Zipfel Nordhollands beschaffen muß.“

Hans Tuynman, Ich bin ein Provo

Die Originalität der Provos bestand darin, daß sie sich während der kurzen Zeit ihres Bestehens wirklich darum bemühten, unberechenbar zu sein. In der provotarischen Konzeption der Unberechenbarkeit spielten die „Weißen Pläne“ eine zentrale Rolle: Konkrete, direkt umsetzbare Vorschläge für die Behebung von Mißständen und die Veränderung der Gesellschaft. Der eigentliche Witz der Pläne aber war, daß nie ganz klar war, ob sie rein satirischer Natur oder ernst gemeint waren. Und so trug auch der „positive“ Teil ihrer Programmatik zur Verunsicherung, die die Provos in die Gesellschaft tragen wollten, bei.

Zweifellos ernst gemeint war der „Weiße Frauen Plan“, den Irène Van de Wetering entwickelte. Hans Tynman schildert in seinem Buch Full Time Provo, wie alles begann:

„Ich bin mit Roel und Carla unterwegs. »Komm doch eben mit rein«, sagt Roel, »es ist jemand da mit einem Plan.«
»Wer?« frage ich.
»Du kennst sie nicht, Sie will irgendwas mit Sexualität.«
»Tag«, sage ich. Sie gibt mir die Hand, was mir ein ungewohntes Gefühl beschert.
Dann wird sie herzerwärmend offen:
»Die sexuelle Aufklärung ist bis dato lächerlich. Das muß anders werden.«
Ich nicke lebhaft. […]
»Was denkt Provo darüber?« fragt sie.
»Provo steht hinter dir«, versichere ich ihr feierlich. […]
»Was kann ich tun?« fragt sie mit überraschender Sachlichkeit. Zögernd beginne ich, an die Emanzipation zu glauben.
»Du ruftst jetzt die NVSH [Niederländische Vereinigung für sexuelle Reform] an«, schlage ich vor. »Du mußt ja Unterlagen haben. Statistiken über die zunehmende Anzahl lediger Mütter. Dann solltest du die Kinderheime anrufen. Angaben über Personalmangel und so.«
Dann dürftest du sehr böse werden, denke ich. »Die Zunahme der unehelichen Mütter beweist, wie notwendig eine bessere sexuelle Aufklärung ist, nicht wahr, und dann stellst du eben einen Plan auf. Anschließend mußt du in den Gemeinderat gewählt werden, um diesen Plan zu verwirklichen.« […]
Sie macht sich Notizen. »Bist du ledige Mutter?« frage ich zur Sicherheit.
»Nein, ich bin richtig verheiratet. Hausfrau mit Kindern.«
Leute, denk ich, es gibt noch Hoffnung.“ ([6], S. 94ff)

Natürlich wirkt Tuynmans paternalistisches Gehabe heute mehr als antiquiert – dennoch zeigt die beschriebene Szene sehr deutlich, was allein die Existenz von Provo bewirkte: Daß Menschen beschlossen, Dinge, die sie an der Gesellschaft störten, nicht mehr als unabänderlich und gegeben zu akzeptieren. Eine Woche später stand van de Wetering auf Platz zwei der Provo-Liste für die Wahlen zum Amsterdamer Gemeinderat. Tatsächlich gewannen die Provos einen Sitz, den van de Wetering für ein Jahr lang einnahm, da die Provos ein Rotationsprinzip beschlossen hatten, um der Verfestigung von Machtstrukturen entgegenzuwirken.

Mehr satirischer Natur war der „Weiße Hühner Plan“. Was im Deutschen der Bulle, ist im Niederländischen das „Kip“, das Hühnchen: Ein Spitzname für die Polizei. Im Flugblatt zum „Weißen Hühner Plan“, das sich besorgt um das Image der Polizei zeigte, heißt es:

„Die Gesellschaft der Freunde der Polizei schlägt folgendes Programm vor: Aus den blauen Hühnern werden weiße Hühner. Sie zeigen dies dadurch, daß sie eine weiße Uniform tragen. Die GFP akzeptiert eine Übergangsperiode, während der blaue Mützen durch weiße ersetzt werden. Das weiße Huhn wird das weiße Fahrrad benutzen. […] Das weiße Huhn ist unbewaffnet und wird stattdessen eine Tüte mit Verbandszeug, Aspirin, Streichhölzern und kleinen Orangenschnitzen mit Hühnerfleisch bei sich tragen.“ ([1], S. 33)

Die blauen Hühner erweisen sich allerdings als äußerst beratungsresistent. Tuynman berichtet in Full Time Provo:

„Auke hat sich zum kommandierenden General aufgeworfen im Kampf um friedliche Kommunikation mit der Polizei. Ein Polizist hat sich besonders weit in die wartende Menge gewagt. Wir umzingeln ihn und versuchen, ihm den Weiße-Hühner-Plan zu überreichen. Auke bricht einen persönlichen Zweikampf vom Zaun und verfolgt ihn, wobei er einen Wortschwall über ihn ausschüttet, der die sozjale Funkzion der Polizei verdeutlichen soll. Einen Augenblick scheint es so, als finge der Polizist an zuzuhören, dann aber zieht er entschlossen den Gummiknüppel und schlägt Auke ins Gesicht. Ein »Ungenügend« für die Polizei, konstatiere ich düster. Jetzt entbrennt der Kampf auf einem anderen Niveau.“ ([6], S. 44)

Offensichtlich war dem „Weiße-Hühner-Plan“ kein durchschlagender Erfolg beschieden. Allerdings wird in ihm auf den berühmtesten aller „Weißen Pläne“ angespielt. Das „weiße Fahrrad“, auf dem das „weiße Huhn“ fahren soll, bezieht sich auf den von Luud Schimmelpennink entwickelten „Weißen Fahrradplan“. Dieser Plan war so simpel wie genial:

„Dreißig Genossen malten ihre Fahrräder weiß an und machten publik, daß jeder sie benutzen könne. Die einzige Bedingung war, daß die Leute, nachdem sie ihre Fahrt beendet hatten, die Fahrräder für den nächsten, der sie benutzen wollte, auf der Straße stehen lassen sollten.“ ([5], S. 227)

Man sollte meinen, daß dieser Aktion jeder provokative Charakter fremd gewesen wäre. Doch weit gefehlt:

„Die Idee verbreitete sich sehr schnell, bis die Fahrradhersteller, die Versicherungen und die Polizei einschritten. Die Polizei beschlagnahmte die Fahrräder unter dem Vorwand, daß sie »Gefahr liefen, gestohlen zu werden«.“ ([5], S. 227)

Tatsächlich gab es in Amsterdam ein Gesetz, das Fahrradbesitzer verpflichtete, ihr Fahrrad abzuschließen, wenn sie es auf der Straße stehen ließen. Der Grund dafür war natürlich, daß die Polizei möglichst wenige Anzeigen wegen Fahrraddiebstahls bearbeiten wollte; die Provos sahen darin jedoch insofern ein Problem, als daß damit die Öffentlichkeit unter Generalverdacht gestellt wurde. Insbesondere Roel van Duyn vertrat die Auffassung, daß gegenseitige Hilfe und Respekt eher der menschliche Normalzustand seien, nicht die Pathologie eines bürgerlichen Egoismus (er führte das später in seinem Buch Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens ([2]) aus, das sich vor allem auf Kropotkins Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt ([4]) berief). Man mag das als naiv abtun, doch zumindest war das ein Versuch, praktisch am bürgerlichen Eigentumsbegriff und Egoismus zu rütteln.

Tatsächlich muß man den „Weißen Fahrradplan“ nicht nur nach seiner Praktikabilität beurteilen (die gar nicht so schlecht ist, wie ähnliche Konzepte in Frankreich zeigen, die angesichts des drohenden Verkehrskollapses der Innenstädte umgesetzt werden), sondern vor allem in ihrem Symbolcharakter. Und dieser beschränkte sich nicht allein im Bezug auf die anarchistische Tradition; der Plan stellt eine direkte Verbindung zu Grootvelds Happeningaktionen her. Man muß sich nur die begleitende Provokatie 10 anschauen:

Hier wird Grootvelds Beschriftung von Zigarettenreklamen mit Kanker (Krebs) wieder aufgenommen, nun aber bezogen auf Autoabgase. Und so wie es bei Grootveld nicht in erster Linie um die Gesundheit ging, sondern primär um die Kritik an einer sinnlosen Abhängigkeit von Konsumgütern, für die sogar gesundheitliche Schädigungen in Kauf genommen werden, so auch in Bezug auf das Auto.

Wir haben es also nicht nur mit einem praktisch-politischen Projekt zu tun, sondern mit einer Aktion, die eine Reihe von Bezügen herstellt, die weit über den Vorschlag einer originellen Form öffentlichen Nahverkehrs hinausgeht. Es geht nicht um technische Planung, sondern um ein Netz symbolischer Beziehungen; nicht um die Lösung eines verkehrstechnischen Problems, sondern um mögliche neue Erfahrungen. Im Kern handelt es darum, durch die Aktion festzementierte Werte und Denkmustern in Frage zu stellen und aufzubrechen.

So betrachtet erinnert der „Weiße Fahrradplan“ mehr an künstlerische Konzepte als an einen konkreten Vorschlag zur Verkehrsplanung – obwohl er letzteres auch ist. Tatsächlich geht die Bedeutung des „Weißen Fahrradplans“ weit über die bereits angerissenen Bezüge hinaus. Es geht in ihm um nichts weniger als um eine Infragestellung dessen, was öffentlicher Raum ist, wer ihn wie definiert und sich aneignet. Künstlerische und politische Strategien überlagern sich, ergänzen sich gegenseitig und setzen einen Prozeß in Gang, der über die Vorstellung von Kunst als Produktion eines „Werkes“ hinausgeht. Doch das wird Thema eines Textes in ein oder zwei Wochen sein.

Nächste Woche wird sich dieser Blog kurzfristig einem aktuellen Thema zuwenden, nämlich einer aktuellen Ausstellung in Frankfurt zum Thema „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“. Freuen Sie sich also darauf, daß der Alte Bolschewik bullshit wie den folgenden auseinandernimmt:

„Die in der Ausstellung gezeigten Bilder, Installationen und Performances lassen sich als eine ästhetische Verfremdung der Performanz im Werden normativer Ordnungen verstehen.“ ([3], S. 20)

Literaturverzeichnis

[1] [Auke Boersma]: „White Chicken Plan“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[2] van Duyn, R., Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens – Das politische Konzept der Kabouter, Wuppertal 1971.

[3] Günther, K. & Siller, P.: „Sichtbar machen – Zur Performanz im Werden normativer Ordnungen“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[4] Kropotkin, P., Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Leipzig 1908.

[5] Schubert, J., „Revolution and white bikes“, in: Anarchy, Jg.6 (1966), Nr.66 (August 1966), S.225 – 228.

[6] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Advertisements

Written by alterbolschewik

16. März 2012 um 14:06

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Noch 1981 war eine der meist gesprühten Kraaker-Parolen in Amsterdam „Ik will mijn Fierts terug!“ (Ich will mein Fahhrad zurück!), was eine Anspielung auf diese Aktion war.

    are

    17. März 2012 at 10:59

    • Ich weiß auch noch, als ich Anfang der 80er zum ersten Mal in Amsterdam war, daß ich irgendwie von den weißen Fahrrädern erfahren habe – auch wenn ich keine genaue Erinnerung mehr daran habe, wie und warum. Und ich war damals natürlich noch viel zu jung, um das irgendwie einordnen zu können, aber präsent war das damals definitiv. Es ist wohl selten einer linken Gruppe gelungen, einen derartigen Mythos in die Welt zu setzen.

      alterbolschewik

      17. März 2012 at 22:13


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s