shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Demonstrationen“

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In Demokratien erfährt die imaginäre Struktur der Macht nur in dem Maße eine Negation, wie sie zugleich als solche bewahrt wird.“

Dirk Setton

Ich muß ja gestehen, daß ich ganz grundsätzlich voreingenommen bin, wenn es um universitäre „Exzellenzcluster“ geht. Schon der Name! Ich kann auch belegen, daß es sich dabei nicht um bloßes Ressentiment handelt (das auch), sondern daß sich dieses Ressentiment auf konkrete Erfahrungen stützen kann. Es begab sich vor ein, zwei Jahren, daß ein französischer Genosse das Glück (oder Pech) hatte, eines seiner Bücher in einem renommierten deutschen Verlag veröffentlicht zu bekommen (sie hatten das Buch wohl nicht verstanden). Daraufhin lud ihn das „Freiburg Institute for Advanced Studies“ zu einem Vortrag im Rahmen eines Colloquiums ein. Ich begleitete ihn zusammen mit einer anderen guten Genossin und betrat nach langen Jahren wieder einmal die heiligen Hallen der Alma Mater – ich hätte es besser nicht getan.

Schon zu meiner Zeit war die Universität voller aufgeblasener Schnösel, aber dieses Exzellenzcolloquium schoß den Vogel ab. Über den Inhalt der Diskussion breitet man sowieso besser den Mantel des Schweigens. Noch lustiger allerdings war das Gebaren der Exzellenz-Studenten. Der Genosse, der eigentlich recht gut Deutsch kann, hatte gebeten, auf Französisch antworten zu dürfen, weil er sich auf Deutsch nicht hinreichend präzise ausdrücken könne; und wir boten an, die Antworten ins Deutsche zu übersetzen. Einer der Exzellenz-Clusteraner warf dann in die Runde, es würden doch alle Französisch verstehen, oder? Keiner wagte es, sich die Blöße zu geben und zu gestehen, daß er doch lieber eine Übersetzung hätte. Und so entspann sich eine skurrile Diskussion, bei der (vorsichtig geschätzt) mindestens die Hälfte des Publikums (und mit Sicherheit der Co-Referent) die Antworten nicht verstand. Die absolute Krönung war dann noch, als einer meinte, er müsse seine Exzellenz dadurch zur Schau stellen, daß er seine Frage aus unerfindlichen Gründen auf Englisch stellte – obwohl der französische Gast mindestens genauso gut Deutsch wie Englisch sprach.

Warum diese abschweifende Einleitung über die Absurditäten deutscher Exzellenz-Initiativen? Nun, vor zwei Wochen besuchte ich eine wohlwollend besprochene Ausstellung im Frankfurter Kunstverein mit dem Titel „Demonstrationen“. Da, wie die regelmäßigen Leserinnen dieses blogs wissen, das Verhältnis von Politik und Kunst zu meinen Hauptinteressensgebieten gehört, schien mir das Vorhaben interessant genug, um einmal wieder ein Wochenende in Frankfurt zu verbringen. Die Zugfahrkarten waren gekauft, das Hotel gebucht, als ich erstmals die Homepage des Frankfurter Kunstvereins aufsuchte und feststellen mußte, daß die Ausstellung in Zusammenarbeit mit einem „Exzellenzcluster“ der Universität Frankfurt erarbeitet wurde. Mir schwante sofort Übles. Und in der Tat, mein Gefühl trog nicht. Nach dem Besuch der Ausstellung war mein erstes Urteil: Thema komplett verfehlt. Wie kann man über politische Demonstrationen und Kunst eine Ausstellung machen, und dabei sowohl die Zeit um den ersten Weltkrieg wie die 60er und 70er Jahre komplett ignorieren?

In einem Anfall von Masochismus legte ich mir dann, weil klar war, daß ich hier im Blog über die Ausstellung herziehen würde, noch den Katalog zur Ausstellung zu. Bei dessen Lektüre wurde mir dann allerdings bewußt, daß das, was ich als Versäumnis der Ausstellung angesehen hatte, zur Intention der Ausstellungsmacher gehörte. Doch dazu nächste Woche mehr.

Als amuse gueule möchte ich auf den wirklich amüsanten Aufsatz von Dirk Setton („lehrt Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen«“ ([3], S. 461)) hinweisen. Ein ähnlich sinnfreier Aufsatz ist mir noch selten untergekommen. Der Katalogtext trägt den Titel „Kraft des Bildes. Bemerkungen zur imaginären Konstruktion politischer Herrschaft“. Was, um Gottes willen, soll die „imaginäre Konstruktion politischer Herrschaft“ sein? Nun, Sutton meint damit nicht eine „imaginäre“, das heißt, nur ausgedachte Konstruktion politischer Herrschaft, sondern die Konstruktion politischer Herrschaft durch das Bild.

Diese Verhunzung der Sprache ist bei Setton Programm – zum alleinigen Zweck, die Dürftigkeit seiner Gedankengänge zu kaschieren. Allen sprachlichen Brimboriums entkleidet, ist seine These die, daß Herrschaft nie wirklich absolut ist, da weder Überzeugung noch Gewalt ausreichen, totale Herrschaft ausüben zu können. Diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit absoluter Macht muß, so Setton, durch bildliche Inszenierung überdeckt werden. Allerdings sagt er das nicht in dieser Banalität, sondern so:

„Akte der politischen Bestimmung situieren daher auf struktureller Ebene ihr Subjekt in der Position eines Begehrens nach universaler Wirksamkeit – nach dem »Absoluten der Kraft«, das ihnen dann eignet, wenn sie allgemeine Zustimmung oder allgemeinen Gehorsam aktuell genießen. Bestimmend wird dieses Begehren für das Feld des Politischen aber insofern, als seine Befriedigung unmöglich ist. Weder lässt sich auf diskursivem Weg eine vollständige aktuelle Zustimmung, noch durch bloßen Zwang ein totaler Gehorsam erreichen. Das Begehren ist daher dem apriorischen Verlust seines Objekts wesentlich verhaftet.“ ([2], S. 222)

Auf diese Art und Weise schwurbelt der Text über sieben Katalogseiten vor sich hin und versteigt sich in Thesen, die, wenn man sie halbwegs verständlich paraphrasiert, ihre Hohlheit sofort demonstrieren. Für den Absolutismus des 17. und 18. Jahrhunderts mag Settons These zutreffen (auch wenn ich da Einwände hätte); er versucht das anhand von Hyacinthe Rigauds Bildnis Ludwig XIV nachzuzeichnen. Deutlich gewagter ist es allerdings, wenn er behauptet, daß auch in modernen Demokratien eine derartige bildliche Inszenierung politischer Macht notwendig sei. Und völlig absurd wird es, wenn er versucht, das dann anhand von Bani Abidis Videoprojektion Reserved zu zeigen.

Reserved ist tatsächlich eine der besseren Arbeiten in der Ausstellung. Auf zwei Schirmen wird in Parallelmontage die Ankunft eines anonym bleibenden politischen Würdenträgers in Karachi gezeigt. Der Hauptschirm zeigt wartende uniformierte Schulkinder mit Fähnchen, Polizisten, die die Straße absperren, wartende Autofahrer im Stau, ein Empfangskomitee und einen sich langsam füllende Saal. Der kleinere Seitenschirm zeigt das Fahrzeug des Würdenträgers, das sich mit Begleitfahrzeugen und Polizeieskorte offensichtlich der Stadt nähert. Der Film bricht just in dem Moment ab, in dem sich die Ankunft tatsächlich ereignen würde.

Mir würden dazu durchaus eine Reihe von Interpretationen einfallen, allerdings nicht die von Setton. Wenn man sich wieder durch sein prätentiöse Geschwurbel durchgeackert hat, bleibt nicht mehr übrig als die Behauptung, daß es sich um eine zu Rigauds Bildnis Ludwig XIV analoge bildliche Inszenierung der Macht in demokratischen Gemeinwesen handle. Die Differenz zum Absolutismus aber sei, daß es sich um eine „Trauerarbeit“ handle, denn im demokratischen Gemeinwesen sei das Zentrum der Macht nur als Leerstelle inszenierbar. Und das soll Bani Abidis Arbeit zeigen.

An dieser Analogie stimmt nun wirklich überhaupt nichts. Es wäre ermüdend, im Detail herauszuarbeiten, was daran alles absurd ist, deshalb hier nur die offensichtlichste Fehlinterpretation: Die „Leerstelle“ der Macht ist im Film nämlich deutlich sichtbar, und zwar bewußt abgehoben vom angeblichem Souverän, dem Volk, auf einem eigenen Videoschirm. Und sie ist mit modernen Insignien der Macht ausgestattet: Limousine mit verspiegelten Fenstern, Polizeieskorte etc. Und im Gegensatz zu Rigaud ist Abidis Blick ein kritischer auf diese Macht. Von einer bildlichen Inszenierung des leeren Zentrums der Macht in der Demokratie kann beim besten Willen nicht die Rede sein.

Settons Wortschaum fällt völlig in sich zusammen, wenn man auch nur im geringsten daran rührt. Leider ist er nicht einfach eine unrühmliche Ausnahme im Katalog, sondern repräsentativ für die Mehrheit der Katalogbeiträge, zumindest wenn sie von Autoren des Exzellenzclusters kommen. Von Setton unterscheiden diese sich allerdings zumeist dadurch, daß es sich nicht um unfreiwillig komische bizarre Absurditäten handelt, sondern daß darin durchaus politische Absichten zum Ausdruck kommen. Diese hängen mit dem oben bereits angesprochenen Manko der Ausstellung zusammen, daß die versuchte Symbiose von Politik und Kunst in den 60er und 70er Jahren komplett ignoriert wird. Doch dazu nächste Woche mehr, wenn wir uns fragen, was eigentlich falsch ist an der Behauptung von Klaus Günther und Peter Siller:

„Im öffentlichen Raum regiert, sinnvoll verstanden, die Frage nach der Rechtfertigung.“ ([1], S. 25)

Literaturverzeichnis

[1] Günther, K. & Siller, P.: „Sichtbar machen – Zur Performanz im Werden normativer Ordnungen“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[2] Setton, D.: „Kraft des Bildes. Bemerkungen zur imaginären Konstruktion politischer Herrschaft“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[3] Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

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Written by alterbolschewik

23. März 2012 um 14:04

Veröffentlicht in Aufklärung?, Irrelevanz

4 Antworten

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  1. Hallo Sohn,

    was ist ein Exzellenzcluster genau?

    Mutter

    Mutter

    24. März 2012 at 11:13

    • Eine exzellente Frage. Die Exzellenzcluster wurden im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes eingerichtet. Ein solches „Cluster“ (Zusammenballung) soll „25 hervorragend ausgewiesene Wissenschaftler zu einem Thema von gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Relevanz zusammenzubringen, das gemeinsam bearbeitet wird.“ Mit anderen Worten: Blender, deren Haupttalent darin besteht, blumige Anträge zu stellen zu können, erhalten eine Menge Geld, mit dem sie talentlose Wissenschaftler aus ihren „Netzwerken“ (besser: „Seilschaften“), die keinen Job habe, für einige Jahre in Lohn und Brot bringen können. Das Ganze soll dann durch „Interdisziplinarität“ zum Erfolg geführt werden, das heißt dadurch, daß die Blinden die Lahmen führen.

      alterbolschewik

      25. März 2012 at 17:45

  2. Der Grundfehler von Setton liegt darin verwurzelt, dass er der Meinung ist, „Demokratie“ funktioniere grundsätzlich nach diskursiven Mustern.
    Auf dieser Basis erliegt er dem Wahn, es liege ein Grundmuster nach „allgemeiner Zustimmung“ bzw. „allgemeinem“ Gehorsam vor, welches es intentionell zu befriedigen gäbe und deren Scheitern vorprogrammiert sein müsste, weil es einer diskursiven Demokratie an den absoluten Möglichkeiten dafür fehlte.
    Würde Setton das Geschäftsmodell der (bisherigen) Demokratie(-formen) begreifen, würde ihm nicht unerkannt geblieben sein, dass vieles weitgehend alternativlos aufgrund (potemkinscher) Grundannahmen hingenommen wird und schon allein deshalb kein absolutes Hecheln nach irgendeiner motivierten Form von Zustimmung für nötig befunden wird – zumindest solange das „System“ an sich nicht in Frage gestellt wird.
    Und ein absolutistischer Herrscher wie der Sonnenkönig brauchte keine Zustimmung von dem „Objekt“, was man heute als Volk bezeichnet. Ein bekannter Satz von ihm braucht in diesem Zusammenhang nicht zitiert zu werden.
    Aber auch er was Sachzwängen ausgeliefert – vor allem auch relativ unnötigen, welche sich aus der Fortschreibung der Herrschaft und den auf dieser aufbauenden Reproduktionsbedingungen ergeben (Merkantilismus – aktive Handelsbilanz , etc.).

    Eine „idealistische“ Notwendigkeit, etwas hinein zu interpretieren ergibt sich aus dem vulgär-akademischen Zwang, irgendein „Werk“ abliefern zu müssen, um auf diese Weise seine Existenzberechtigung nachweisen zu können. Es ist wie eine Doktorarbeit, welche nur um des damit zu erreichenden Titels geschrieben wird und nicht aufgrund des Interesses nach der damit zu erlangenden Erkenntnis.

    Man könnte zwar durchaus auf diesem Gebiet intellektuell etwas leisten, aber dann müssten verengenden Ideologie-Vorgaben gekappt und die Scheuklappen abgesetzt werden, was aber (vermutlich) der Absicht der finanzierenden Stellen zuwider sein dürfte und die glattgebügelten Exzellenten (zumindest anfangs) mental überfordern würde.

    Eine nicht-inszenierte Demonstration (im wahren Sinn) ist immer materialistischer Natur im Gegensatz zur idealistischen Norm, welche tendenziell von einem immer gleichen Grundzustand ausgeht.
    Verändern und verändert werden und dabei das Freiheitspotential für das Zweitgenannte soweit wie möglich zuzulassen ist nach meiner Auffassung ein Kerngedanke im Marx’schen Denken gewesen, der aber anscheinend nicht wirklich begriffen worden und mit einer bestimmten Interpretation der Engel’schen Naturphilosophie nicht vereinbar ist.
    Noch viel unvereinbarer ist er natürlicher mit der Verschlagwortung vom „Ende der Geschichte“, deren Autor(en) und Epigonen anscheinend von Klassengegensätzen und gesellschaftlichen Widersprüchen keinen ausreichend blassen Schimmer haben und analog zu Adam Smith den Demokratiebegriff mit dem (absolut glücklich machendem) Balsam der Sympathie bzw. den sich durch Diskurs selbst auflösenden Widersprüchen überfrachten (müssen).
    Sie reden von Platzhaltern, haben in ihrem Denken aber nur nominale und keine offenen funktionalen.

    ludwig

    1. April 2012 at 10:27

    • Dem ist nichs hinzufügen. Oder vielleicht noch dieses: Diese Art von „Wissenschaftlichkeit“ gepaart mit sprachlichem Bullshit hat natürlich auch eine ganz banal ökonomische Ursache. Peter Richter hat gestern in der FAZ einen sehr netten Artikel über Ironie veröffentlicht, in dem er auch folgendes erwähnt:

      Der Schweizer Mediävist Valentin Groebner hat gerade eine Studie zu der Frage vorgelegt, warum sich die Sprache jüngerer Kulturwissenschaftler um so verbissener hinter standardisierten Intellektualitätsattrappen verschanzt, je prekärer ihre soziale und hierarchische Situation ist („Wissenschaftssprache“, Konstanz University Press). Die Antwort ist, natürlich: Unsicherheit und Angst.

      Das ganze Geschwurbel ist ein untrügliches Zeichen für die Zugehörigkeit zum akademischen Prekariat.

      alterbolschewik

      2. April 2012 at 9:37


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