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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Demonstrationen (2)

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Es mag nicht sonderlich einfallsreich sein, an Antonio Gramscis Hegemonietheorie zu erinnern, doch muss die Dekonstruktion eines »Sie« heute immer auch mit der Konstruktion eines »Wir« einhergehen.“

Milo Rau

Das eigentliche Problem der „Demonstrationen“-Ausstellung, deren Kritik letzte Woche begonnen wurde, liegt darin, daß die Ausstellungsmacher einen hochgradig verkürzten Begriff dessen haben, was eine Demonstration überhaupt ist. Das hängt natürlich mit dem coproduzierenden „Exzellencluster“ zusammen, das sich dem „Werden normativer Ordnungen“ widmet. Die Verkürzung resultiert daraus, daß Demonstrationen im wesentlichen unter dem Aspekt betrachtet werden, wie sie auf das „Werden normativer Ordnungen“ Einfluß nehmen. Mit anderen Worten: Die sozialwissenschaftliche Abstraktion erblickt in der Demonstrationen einfach nur ein Mittel zur Durchsetzung bestimmter politischer Zwecke. Aufgrund dieser Verkürzung der Demonstration auf ein Mittel sind die Autoren aus dem Exzellenzcluster nicht einmal in der Lage, politische Machtdemonstration von Protestdemonstrationen zu unterscheiden: In ihrer verkürzten Sicht geht es bei beiden um „normative Ordnungen“, im einen Fall und die bestehende, im anderen um eine zukünftige. Dabei wird völlig verkannt, daß die Inszenierung der herrschenden Mächte in der Öffentlichkeit komplett anderen Regeln gehorcht als eine Protestdemonstration. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Die politische Machtdemonstration ereignet sich nicht, sie wird inszeniert. Das heißt, die öffentliche Zurschaustellung der Macht ist völlig ritualisiert, es fehlt ihr, per definitionem, jede Spontaneität. Es passiert nichts, was nicht schon in den Elementen der Inszenierung enthalten wäre.

Für einen bestimmten Typus von Protestdemonstrationen gilt das leider auch. Als Beispiel ließe sich die Brückenaktion letztes Jahr am Oberrhein anführen, mit der nach dem Unfall in Fukushima gegen das Atomkraftwerk Fessenheim in Frankreich demonstriert werden sollte. Es gab klar definierte Sammlungspunkte, an denen völlig vorhersehbare Reden gehalten wurden. Zum verabredeten Zeitpunkt sperrte die Polizei die Straße ab, die Demonstranten begaben sich nach erteilter Erlaubnis auf die Fahrbahn, marschieren zur Rheinbrücke, verweilten dort so lange, wie es die polizeiliche Genehmigung vorsah und zerstreuten sich dann (okay, ich vermute mal, daß das so ablief; ich habe nur den Anfang miterlebt und saß dann ganz schnell in Breisach in einem Straßencafé vor einem großen Eisbecher).

Das war in der Tat auch eine Demonstration, die nicht einmal ansatzweise aus dem klar gesteckten Rahmen exakt bestimmter politischer Zweckrationalität heraustrat. Sie lief genau so ritualisiert ab wie eine politische Machtdemonstration: Von A bis Z völlig vorhersehbar, durchchoreographiert bis ins Detail, so aufregend wie der alle vier Jahr stattfindende Gang zur Wahlurne. Der politische Bürger gibt seinen Unmut zu Protokoll, dieser wird registriert und fließt dann in das Handeln der politischen Klasse ein – oder eben auch nicht.

Es ist dies genau die Funktion, die die grüne Politikerkaste politischen Protestdemonstrationen zuschreiben: Der „Protest“ auf der Straße soll zwischen den Wahlgängen den politischen Willen des angeblichen Souveräns zum Ausdruck bringen und dann in der parlamentarisch-politischen Willensbildung berücksichtigt werden. Es geht keinesfalls darum, die Macht im demokratisch-parlamentarischen System in Frage zu stellen – Gott bewahre! Demonstrationen sollen eben diese Macht stärken und deren zunehmenden Legitimationsverlust abmildern, indem sie als Frühwarnsystem programmatische Neuorientierungen in Gang setzen. Wenn man eine Analogie zum Absolutismus ziehen will, dann entspricht diese Art der Demonstration der respektvoll gebeugt überreichten Petition an den Souverän mit der untertänigsten Bitte, er möge doch legitime Belange der Beherrschten berücksichtigen.

Die phantasielose Vorstellung der Exzellenzautoren läuft darauf hinaus, daß, wenn nur brav und fleißig auf diese Art und Weise demonstriert wird, sich neue normative Ordnungen herausbilden, die sich dann auf parlamentarisch-demokratischen Wege umsetzen lassen, etwa in Gestalt eines „ökologischen Umbaus der Wirtschaft“. Und so erscheint der grüne Wahlerfolg in Baden-Württemberg schließlich als glückliches Resultat einer derartiger artigen „Demonstrationskultur“. Ist es da noch verwunderlich, daß Peter Siller, der „Scientific Manager“ des Exzellenclusters „Formation of Normative Orders“ ein in der Wolle gefärbter Grüner Technokrat ist?

Tatsächlich ergibt die Ausstellung auf einmal einen Sinn, wenn man sie als Propagandaveranstaltung für grüne Politikvorstellungen begreift. Plötzlich ist es kein Wunder mehr, daß die Ausstellung sich auf zwei weit auseinanderliegende historische Epochen konzentriert. Zum einen haben wir da die Herausbildung der parlamentarischen Demokratie – von der Französischen Revolution bis zur Paulskirche als einen Schwerpunkt. Da darf dann durchaus auch Olympe de GougesDeklaration der Rechte der Frau und Bürgerin“ im Rahmen eines politischen Gender-Mainstreaming nicht fehlen. Dann aber werden beinahe eineinhalb Jahrhunderte voller Revolutionen und Demonstrationen übersprungen, um dann in den 80er Jahren, nach der Gründung der Grünen wieder einzusteigen.

Die Gespenster jedoch, die in den Protestdemonstrationen des übersprungenen Zeitraum umgingen, sollen der damnatio memoriae verfallen. Und damit ein Sinn von Demonstrationen, der diese nicht als legale und legitime Begleiterscheinung der parlamentarischen Demokratie begreift, sondern ganz im Gegenteil als fundamentale Herausforderung dieses Systems.

Als solche Herausforderung ist die Demonstration eben nicht bloß Manifestation legitimen Protestes, freundlicher Hinweis des Bürgers, daß er die eine oder andere politische Entscheidung der Mandatsträger nicht so richtig gut findet. Ihr Anliegen ist zugleich diffuser und konkreter. Tatsächlich ist nur einer der Katalogautoren fähig, den vollen Sinn einer Demonstration zu begreifen – Milo Rau. Es ist kein Zufall, daß er nicht dem Exzellencluster angehört und seine Vita diejenige der anderen Autoren parodiert: „Leiter des Künstler- und Forschungsnetzwerkes IIPM – International Institute of Political Murder.“ ([4], S. 460)

Rau zeigt klar auf, daß die Vorstellung von politischem Aktivismus, wie ihn sich die grünen Technokraten erträumen, „nicht viel mehr als das Hinzufügen einer weiteren Solo-Stimme im Sound­track spätkapitalistischer Subjektivierungen bedeutet.“ ([2], S. 211) Stattdessen geht es bei wirklichen Demonstrationen um etwas völlig anderes, wie er anhand der zapatistischen Bewegung zu zeigen versucht, nämlich um

„Geschichtsschreibung nach vorne als Inszenierung des Geschichte-Machens selbst – das dem Faktischen entgegengeschleuderte »Ya basta«, die Eröffnung eines alternativen und sehr realen gesellschaftlichen Handlungsraums.
So war der zapatistische Aufstand eine groß angelegte Demonstration für einen an der guten alten Avantgarde-Forderung nach der Verschmelzung von Kunst und Leben, Symbolpolitik und Alltag orientierten utopischen Aktivismus.“ ([2], S. 211)

Eine Demonstration ist eben nicht nur das Mittel, auf das sie die Exzellenzautoren reduzieren wollen: In deren beschränkter Sichtweise soll sie eine Botschaft an diejenigen senden, die über die gesellschaftliche Entscheidungsgewalt verfügen. Tatsächlich ist dies aber diejenige Funktion einer Demonstration, die am ehesten vernachlässigt werden kann. In erster Linie richtet sich die Demonstration als politisches Medium an die Teilnehmer selbst, in zweiter Linie an potentiell Verbündete und erst am Ende an die politischen Machthaber. Es ist ihr wesentlich, daß sie die Vereinzelung der Individuen durchbricht, ihre in der Vereinzelung gefühlte Ohnmacht überwindet und ein Kollektiv konstituiert, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Wo dies gelingt, hat das Ganze ein durchaus exstatisches Moment, das die Demonstration dann zu einem Ereignis macht – im Gegensatz zur Inszenierung der Macht.

Der neben Raus Text einzig ansatzweise brauchbare Aufsatz im Katalog versucht, diesen Ereignischarakter der Demonstration durch den Begriff des „Karnelvalesken“ zu fassen. Damit sind Sønke Gau und Katharina Schlieben zwar einen entscheidenden Schritt weiter als die Autoren des Exzellenzclusters, scheitern aber letztlich doch daran, daß sie das Karnevaleske der Demonstration wieder rein instrumentell betrachten, es auf eine Taktik reduzieren, die

„an Stelle direkter Konfrontation, die durch die Ordnungsmacht leichter zu kontrollieren ist, eher auf subversive, lustvolle, oft ästhetische und/oder performative Strategien der der Umdrehung, Entstellung und Unterwanderung setzt.“ ([1], S. 95)

Das ist zweifellos richtig, doch wird dadurch der Ereignis- bzw. Happening-Charakter ignoriert, der die Demonstration zu einer prägenden Erfahrung für die Teilnehmenden macht. Wir müssen uns nur an die Provo-Demonstrationen, die aus den Happenings von Rober Jasper Grootveld hervorgingen, erinnern. Die Demonstrationen vor allem der 60er Jahre hatten den Anspruch, die Akteure selbst zu verändern. Es ging nicht um diesen oder jenen Mißstand, sondern um ein aufregenderes, nicht von Konventionen und Langeweile geprägtes Leben. Und gerade darin liegt der potentiell „performative“ Charakter der Demonstration – den die Exzellenzautoren zwar ständig beschwören, aber nicht begreifen.

Der einzige, der diese doppelte Bewegung der Veränderung begreift und thematisiert, die Selbstveränderung, die die politische Veränderung mit einschließt und umgekehrt, ist eben Milo Rau. Bei ihm tauchen auf einmal Namen aus der Epoche auf, die von den Ausstellungsmachern dem Vergessen überantwortet werden soll – Lenin auf der einen Seite, VALIE EXPORT auf der anderen. Ihre Erwähnung bei Rau hat symbolischen Charakter, sie sind als Antipoden mythische Repräsentanten einer Revolution, die nicht zwischen Politik und Kunst unterscheidet. Rau geht es darum, wie Lenin „eine abstrakte Vision einer »besseren Gesellschaft« zu haben“ und sich wie VALIE EXPORT „die gegebenen schlechten Zustände analytisch oder performativ gemäß der eigenen individuellen Position anzueignen“. Er hat keine Angst vor großen Worten:

„Politische Kunst ist heute die Synthese aus diesen beiden Bewegungen und bedeutet schlicht und einfach die konsequente Entfaltung dessen, was ist, und damit dessen, was sein könnte. Es geht um die Offenlegung der revolutionären Qualität, des utopischen Als-Ob der Gegenwart und der in ihr angelegten tiefgekühlten Handlungsoptionen.“ ([2], S. 212)

Unabhängig davon, ob man Rau nun im Detail folgen will oder nicht – er hat jedenfalls einen deutlich klareren Blick auf die Möglichkeiten, die im Medium der Demonstration angelegt sind als die Technokraten des Exzellenzclusters. Und deswegen versteht er auch den möglichen Zusammenhang von Kunst und Demonstrationen völlig anders als die Ausstellungsmacher.

Und genau damit, liebe Leser, wird nächste Woche diese Tirade gegen eine von Grund auf mißlungene Ausstellung abgeschlossen, wenn ich mich darüber aufrege, daß die Kuratorinnen der Ausstellung erklären:

„Von Beginn an lag der Fokus […] auf den künstlerischen und ideengeschichtlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema »Demonstrationen«, auf dem Widerhall, den politische Ereignisse in ästhetischen Werken erzeugen.“ ([3], S. 40)

Literaturverzeichnis

[1] Gau, S. & Schlieben, K.: „Smart Mob, Flash Mob, Mob – Der Modus des Karnevalesken zwischen politischer Aktion, Lustprinzip und Spektakel“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[2] Rau, M.: „Die Revolution hat tatsächlich stattgefunden“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[3] Witt, S.; Peters, B. & Baum, F.: „Veröffentlichte Unruhe“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[4] Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

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Written by alterbolschewik

30. März 2012 um 14:55

Veröffentlicht in Aufklärung?, Irrelevanz

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2 Antworten

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  1. Ganz im Stil des Situationismus würde es vielleicht mal Sinn machen, durch diese Ausstellung mit einem Märdrescher durchzufahren.

    che2001

    1. April 2012 at 22:47

    • Diese kleine Artikelserie versteht sich ja auch als Dreschflegel – und in der ganzen Spreu finden sich ja auch ein paar wenige Körnchen, wie der Aufsatz von Milo Rau.

      alterbolschewik

      2. April 2012 at 9:41


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