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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Abenteuer des Jahrhunderts

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Infantilität? Kinderei? Revolutionarismus und naiver Linksradikalismus? Kindernkrankheiten? Aber ja.“

Henri Lefebvre, La Somme et le reste

Henri Lefebvre und das Abenteuer des Jahrhunderts – so lautet der Titel von Remi Hess‘ Biographie des französischen Philosophen und Soziologen. Und auch wenn diese Biographie ziemlich lausig ist, könnte der Titel nicht besser gewählt sein: Henri Lefebvre hat das Abenteuer des kurzen 20. Jahrhunderts von Anfang bis Ende miterlebt. „Kurz“ nannte Eric Hobsbawn das 20. Jahrhundert, weil es nur rund acht Jahrzehnte umfaßte: Vom ersten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des Ostblocks. Als die Bolschewiki das Winterpalais stürmten, war Lefebvre sechzehn Jahre alt, die Berliner Mauer überlebte er um zwei Jahre.

In diese Zeitspanne fällt ein abenteuerliches Leben sowie ein ausuferndes Werk, die hier in diesem Blog nur höchst kursorisch behandelt werden können. Damit das Ganze nicht allzu verwirrend wird, werde ich mich an der Biographie entlanghangeln, diese aber aber immer wieder für thematische Exkurse unterbrechen.

Geboren wird Henri Lefebvre am 16. Juni 1901 in Hagetmau, am Fuße der Pyrenäen. Seine Eltern hätten nicht unterschiedlicher sein können. Seine Mutter stammte aus der Gegend, während sein Vater aus der Bretagne in den Süden gekommen war:

„Meine Mutter war gläubig, ja sogar fanatisch; sie hatte eine quasi-jansenistische Erziehung genossen; die Härten des Lebens hatten ihren katholischen Glauben zunehmend aggressiver, inbrünstiger, härter werden lassen. Mein Vater war locker, leichten Gemütes, Anhänger Voltaires und antiklerikal: Er versäumte es nie, an Karfreitag einen Hasenpfeffer zuzubereiten, während meine Mutter den Tag damit verbrachte, um Vergebung zu beten.“ ([2], S. 242)

Seine Mutter will, daß er Jurist werde. „Sie muß darin die Würde des Priesters vereint mit weltlicher Wissenschaft gesehen haben.“ ([2], S. 243) Henri weigert sich und besteht darauf, Schiffsbauingenieur werden. Doch eine Krankheit verhindert die Aufnahme ins Polytechnikum, und so schreibt er sich in Aix-en-Provence für Jura und Philosophie ein. Mit der ihm eigentümlichen Ironie berichtet er, „daß ich an den Vorlesungen von Maurice Blondel teilnehme […]; daß mich diese Vorlesungen begeistern; daß ich Jura vernachlässige, und zwar um so leichter und schneller, als ich in den Vorlesungen von M. Blondel ein anbetungswürdiges Mädchen kennengelernt habe…“ ([2], S. 246f)

Er setzt seine Studien in Paris bei Léon Brunschvicq fort, doch die akademische Philosophie ödet ihn an: „In der Lehre von Léon Brunschvicq antwortete nichts auf die Fragen, die sich ein junger Mensch nach dem Krieg stellte, mitten im Zusammenbruch der überlieferten Werte und Ideen“ ([2], S. 372) Zur universitären Langeweile steht das intellektuelle und künstlerische Leben in Paris zwischen 1923 und 1926 in lebhaftem Kontrast:

„Außerhalb der Sorbonne war, in unterschiedlichsten Richtungen, eine gewaltige Gärung im Gange, eine gewaltige Renaissance; zumindest glaubten wir das. Alles brach zusammen, alles begann von neuem. Die jugendliche Avantgarde entdeckte gleichzeitig Cantor, Einstein, Freud, Hegel, Marx, Lenin. Und Novalis, Hoffmann. Und Valéry, und Proust. Bunt durcheinander. Man kehrte auf null zurück, aber man hatte in der Hand, woraus die Welt neu aufzubauen war. Die russische Revolution hatte reinen Tisch mit der bisherigen Geschichte gemacht und konstruierte die Gesellschaft von Grund auf neu; wir würden sie schnellstens nachahmen.“ ([2], S. 373)

Mit Gleichgesinnten gründet Lefebvre eine Zeitschrift mit dem unbescheidenen Namen Philosophies, von der 1924 und 1925 fünf Ausgaben (die letzte als Doppelnummer) erschienen. Historisch bedeutsam ist die Auseinandersetzung der „Philosophen“ (neben Lefebvre unter anderen Pierre Morhange, George Politzer und Norbert Guterman) mit zwei anderen Künstler- bzw. Intellektuellengruppen: Den Surrealisten einerseits, den Kommunisten der Zeitschrift Clarté andererseits.

Dabei geht es um Veränderung, um Revolution. Gegenstand der Auseinandersetung zwischen den verschiedenen Gruppen und ihren Publikatinsorganen ist die Frage, welche Veränderung überhaupt gemeint und mit welchen Mitteln diese Revolution zu bewerkstelligen sei. Kunst – Metaphysik – Kommunismus: Das sind die drei Positionen, die zur Debatte stehen.

Die historischen Gewichte neigen sich dem Kommunismus zu. Erste Symptome zeigen sich anläßlich des Rifkrieges. Lefebvre erinnert sich 1988:

„Dieser Marokkokrieg, der Rifkrieg, war empörend und erhellend. Wir entdeckten die »imperialistische« Dimension Frankreichs. Die Politik drängte sich als eine sehr konkrete und präzise Sache auf. Nach diesem Krieg verzeichnete die Kommunistische Partei massiven Zulauf. Denn weil die Kommunistische Partei sich gegen diesen Krieg engagiert hatte, traten ihr viele Intellektuelle bei.“ (zit. nach [1], S. 48)

Die Surrealisten veröffentlichen, gemeinsam mit den Herausgebern der Clarté und der Philosophies, im August 1925 ein Manifest gegen diesen Krieg, das den schönen Titel Zuerst und immer die Revolution! trägt. Der Text erscheint am 21. September in der kommunistischen Tageszeitung L’Humanité und wird später noch einmal als Flugblatt veröffentlicht.

Doch dies ist nur eine temporäre und punktuelle Übereinstimmung, ganz so bruchlos vollzieht sich der Übergang zum Kommunismus nicht. Die intellektuellen Auseinandersetzungen dauern an, doch Lefebvre ist davon weitgehend ausgeschlossen: Von April 1926 bis November 1927 muß er seinen Militärdienst ableisten. Die anderen gründen eine neue Zeitschrift namens L’Esprit, von der aber nur zwei Nummern erscheinen. Die Gruppe zerfällt und wird von der Kommunistischen Partei aufgesammelt. Sie gründen noch eine neue Zeitschrift: La Revue Marxiste – doch die Partei hat kein Interesse daran, ein Projekt zu unterstützen, in dem unter anderem erstmals Teile der Marxschen Frühschriften auf Französisch veröffentlicht werden. Das Projekt geht aus Geldmangel ein. Norbert Guterman emigriert nach New York – wo man ihn später im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, das dort ebenfalls ein Exil finden wird, antrifft.

Trotz dieser räumlichen Entfernung arbeiten Lefebvre – der nach seinem Militärdienst ebenfalls der Partei beitritt – und Guterman bis zum Beginn des 2. Weltkriegs zusammen, Lefebvre besucht Guterman 1935 in New York. Zusammen geben sie ausgewählte Schriften von Marx (1934), Hegel (1938) und Lenin (ebenfalls 1938) heraus. Zudem planen sie eine fünfbändige Reihe zur materialistischen Philosophie. Nur der erste Band, La Conscience mystifiée (Das mystifizierte Bewußtsein) erscheint 1936. Das Thema des damals geplanten aber nie erschienenen dritten Buches Critique de la Vie Quotidienne (Kritik des Alltagslebens), wird Lefebvre Zeit seines Lebens beschäftigen und sich später in drei voluminösen Bänden des selben Titels niederschlagen, die 1947, 1962 und 1981 erscheinen.

Außerdem publiziert Lefebvre in den dreißiger Jahren zu Nationalismus, Hitler, Nietzsche und veröffentlichte eine Abhandlung über dialektischen Materialismus. All das, während er sein Geld als Gymnasiallehrer in der Provinz verdient.

Als die Wehrmacht in Frankreich einmarschiert, setzte sich Lefebvre nach Saint-Etienne im unbesetzten Teil Frankreichs ab, da sein Buch über den dialektischen Materialismus ([4]) die zweifelhafte Ehre hatte, in die „Liste Otto“ (benannt nach dem deutschen Botschafter Otto Abetz) der von den Nazis verbotenen Bücher aufgenommen zu werden. In Saint-Etienne lehrt er noch bis zum 11. März 1941 am Gymnasium, bis ihm das Vichy-Regime die Lehrbefugnis entzieht. Er taucht in Aix-en-Provence unter und schließt sich der Resistance an. Er schreibt Berichte für die 3. Internationale und hilft, das Widerstandsnetz in Marseille aufzubauen. Doch 1943 wirft er den Bettel hin. Zum einen erhält er einen Auftrag, den er aus moralischen Gründen verweigert: Er soll einer jungen Frau vorspiegeln, ihr Geliebter, der als Mitglied der Resistance umgekommen war, sei noch am Leben, um sie als Quelle für wichtige technische Informationen nicht zu verlieren.

„Ich bin bis zu ihrer Wohnung gegangen. Aber ich konnte nicht auf die Klingel drücken. Diese Mission war eine Schweinerei. Ich konnte es nicht…“ (zit. nach [1], S. 113)

Zudem baggert einer der Führungsoffiziere seine Geliebte an und will ihn hochgehen lassen. Er flüchtet mit ihr nach Campan in den Pyrenäen und wartet dort das Ende des Krieges ab. Nach dem Krieg ist er zunächst in Toulouse beim Rundfunk tätig, wird dann 1947 erneut Gymnasiallehrer und erhält ab 1948 tatsächlich eine wissenschaftliche Stelle als Soziologe beim Centre national de la recherche scientifique.

Trotz der unerfreulichen Erfahrungen während des Krieges bleibt Lefebvre der Partei treu. Sein erstes Buch nach den Krieg ist eine Polemik gegen Sartre und den Existenzialismus. Doch obwohl er damit zunächst einmal voll auf Linie liegt, häufen sich die Konflikte mit der Partei. Diese spitzen sich im für die kommunistische Bewegung schicksalshaften Jahr 1956 zu. Im Februar besucht er Deutschland und erhält von Wolfgang Harich die deutsche Übersetzung der berühmten „Geheimrede“ von Nikita Chruschtschow, die dieser am 25. Februar auf dem XX. Parteitag der KPdSU gehalten hatte. In dieser Rede prangerte der Generalsekretär erstmals die Verbrechen Stalins an, wenn auch unter Auslassung seiner eigenen Verstrickung und nur vor kommunistischen Funktionären, darunter der Chef der französischen KP, Maurice Thorez.

Zurück in Frankreich berichtet Lefebvre im Kreis der Genossen von diese Rede – und wird als Scheißkerl und Renegat beschimpft ([1], S. 155). Der Parteivorsitzende Thorez hingegen, der schließlich bei der Rede anwesend war, behauptet stur, diese sei eine Fälschung.

Wie Lefebvre mit der Weigerung der KPF, sich mit dem Stalinismus auseinanderzusetzen, umgeht, erfahren Sie nächste Woche, wenn er über Stalin schreibt:

„Wer war er? Ein Staatsmann in jeder Bedeutung des Wortes, mit allem, was das an List, heimtückischer Brutalität und positiver Wirksamkeit einschließt. Er trieb Größe und Widerwärtigkeit der Macht bis zum Extrem.“ ([3], S. 31)

Literaturverzeichnis

[1] Hess, R., Henri Lefebvre et l’aventure du siècle, Paris 1988.

[2] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[3] Lefebvre, H., Probleme des Marxismus, heute, Frankfurt a.M. 1965.

[4] Lefebvre, H., Der dialektische Materialismus, Frankfurt a.M. 1969.

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Written by alterbolschewik

27. April 2012 um 13:47

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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