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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ein romantischer Revolutionär

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Der neue Romantizismus wahrt beides zugleich: Die Klarheit der Kritik, den Gebrauch der Begriffe wie auch die Phantasie, den Traum als Untersuchung des Möglichen.“

Henri Lefebvre, Vers un romantisme révolutionnaire (1957)

1958 erhält Lefebvre eine Vorladung der Zentralen Politische Kontrollkommission der Kommunistischen Partei.

„Ich hatte am Anfang verlangt, daß eine Verhandlungsniederschrift angefertigt und dreifach unterschrieben würde. Abgelehnt: Die Genossen waren nicht berechtigt, ein solches Papier zu unterzeichnen. Sie hatten mit mir keine Grundsatzdiskussionen zu führen, auch keine politischen Erklärungen zu Protokoll zu nehmen, sondern mich ausschließlich über mein »Verhalten« zu befragen, das heißt, mir disziplinarische Fragen zu stellen, die ich mit Ja oder Nein zu beantworten hatte. »Hast Du die Erlaubnis der Partei eingeholt, um im L’Express einen Artikel über die Nouvelle Vague zu schreiben?… – Nein. – Hast Du die Erlaubnis der Partei eingeholt, um eine Antwort auf André Philipp im France-Obvervateur zu schreiben?… – Nein…« Die zwei Genossen notierten sorgfältig die Antworten. Sie wußten dennoch, worauf alles hinauslief. Ihre Meinung stand von vornherein fest. Wozu also dieses Schauspiel einer Befragung? Weil das überhaupt kein Schauspiel war. Es ging um einen politischen Akt, der klarmachte, daß die Partei – deren Führung – die Betonung auf formelle Disziplin legte. Unter den gegebenen Umständen, angesichts der großen Kämpfe, die sich anzeigten, etc…, etc…Ich wurde also nicht ausgeschlossen, weil ich dieses oder jenes denke, auch nicht, daß ich es geschrieben oder gesagt habe, sondern weil ich es ohne Erlaubnis der Partei gesagt und geschrieben habe. Oh, die Feinheiten, die plumpen Tricks des politischen Lebens…“ ([3], S. 156)

Was also genau die Partei Lefebvre vorzuwerfen hatte, bleibt im Dunkeln. Sicherlich war es nicht nur die Veröffentlichung von Problèmes actuels du Marxisme und die Kritik des Stalinismus in der Philosophie. Das Feld der Auseinandersetzung, das Lefebvre in den Jahren seit Stalins Tod eröffnet hatte, wies weit über die Erörterungen systematischer marxistischer Grundsatzfragen in Problèmes actuels du Marxisme hinaus. Ganz entscheidend – vor allem für das, was in den nächsten Jahren kommen sollte – waren seine ästhetischen Überlegungen.

1953 war Contribution à l’esthetique (Beiträge zur Ästhetik) erschienen, das auf Aufsätzen aus dem Jahr 1949 beruhte. Dieses Buch litt noch an der Rücksichtnahme auf die stalinistische Doktrin, weshalb es von Lefebvre später mit einem „sehr, sehr kranken Kind“ ([3], S. 196) verglichen wurde. Um es überhaupt durch die Parteizensur zu bekommen, stellte er dem Bändchen ein Zitat von Schdanow voran, um seine Linientreue zu beweisen. Und um diese Unterwerfung zu konterkarieren, stellte er diesem Schdanow-Zitat wiederum ein Marx-Zitat voran: „Die Kunst ist die größte Freude, die sich die Menschheit selbst bereitet“. Dieses Marx-Zitat hatte nur den einen Schönheitsfehler, daß es von Lefebvre frei erfunden war – was den stalinistischen Wächtern der Doktrin natürlich nicht auffiel. Als der Schwindel drei Jahre später aufgedeckt wurde, brachte dies Lefebvre eine einjährige Suspendierung seiner Parteimitgliedschaft ein ([2], S. 129). Vorher war das Buch allerdings ein triumphaler Erfolg. Es wurde in zwanzig Sprachen übersetzt, darunter auch ins Russische und sogar ins Deutsche – was es zur ersten (und letzten) Lefebvre-Publikation in der DDR machte.

Nach dem XX. Parteitag und der Niederschlagung des Ungarischen Aufstands warf Lefebvre in dieser Hinsicht alle Rücksichtnahmen über Bord. 1957 veröffentlichte er in der Nouvelle Revue Française einen Aufsatz mit dem Titel Einem revolutionären Romantizismus entgegen (Vers un romanticisme revolutionaire). In diesem Aufsatz griff Lefebvre nicht nur den Stalinismus auf der Ebene der Kunst an, sondern er stellte zugleich die Weichen für ein neuartiges politisches Projekt, das jenseits der Kommunistischen Partei angesiedelt war.

Schon die positive Bezugnahme auf die Romantik war natürlich ein Affront. War nicht die Romantik eine reaktionäre, rückwärtsgewandte Bewegung? In diesem ersten Text zum revolutionären Romantizismus, den er noch als Parteimitglied verfaßt, ist Lefebvre zumindest bereit, das teilweise zuzugeben. Hier unterscheidet er noch zwischen der reaktionären deutschen Romantik und der französischen Romantik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die französische Romantik von der Revolution von 1948 sei eine progressive Reaktion auf die nicht eingelösten Versprechen der Revolution von 1789 gewesen:

„Die deutsche Romantik gründet sich auf ein implizites Postulat: Der Revolution auszuweichen (der bürgerlich-demokratischen); faktisch die deutschen bürgerlichen Gesellschaft zu akzeptieren […].
Die französische romantische Bewegung zieht im Gegensatz dazu ästhetische Konsequenzen aus der französischen Revolution. Sie assimiliert sie langsam, anspruchsvoll, auf der Ebene der Kunst. Wenn die französische Romantik die Philister verachtet, wenn sie die bürgerliche Gesellschaft und die Bürger zurückweist, dann im Namen der Revolution und der Demokratie.“ ([4], S. 20)

Erst für die Zeit nach der – erneut gescheiterteten – Revolution von 1848 sieht Lefebvre auch einen Niedergang der französischen Romantik. Hier erstreckt sich für ihn eine Linie über Baudelaire und Rimbaud bis hin zu den Surrealisten:

„Die Niederlage der Revolution (in deren Verlauf das Proletariat die Bühne betritt), der bald schon die Niederlage der Commune folgt, markiert den Beginn einer anderen Periode. Wann endet sie? In unserer Zeit. Der Surrealismus, ebenso wie der Symbolismus, stellten Folgen, Etappen der Degenerierung des alten »Romantizismus« dar.“ (, S. 43)

Dennoch gilt es für Lefebvre das romantische Projekt wieder aufzunehmen, im Sinne des ursprünglichen französischen Romantizismus, dabei aber über diesen hinauszugehen. Doch bevor wir uns näher die Differenz zwischen dem alten und dem neuen revolutionären Romantizismus anschauen, müssen wir uns zunächst einmal dem ästhetischen Widerpart der Romantik zuwenden, dem Klassizismus.

Das ästhetische Ideal des Klassizismus ist das in sich stimmige, wohlgerundete Werk, in dem die Gegensätze versöhnt sind:

„Die kritische Kenntnis der Geschichte und die Geschichte der Kunst zeigen, daß der Klassizismus eine vielfache Harmonie voraussetzt: Zwischen den Individuen und den gesellschaftlichen Gruppen – zwischen den Repräsentationen (den Ideen und Ideologien) und dem Gelebten – zwischen den Institutionen und der gesellschaftlichen Struktur.“ ([4], S. 33)

Wo dieser Zusammenklang des Entgegengesetzten de facto nicht existiert, scheitert auch die klassizistische Kunst:

„Je weniger real die Harmonie ist, desto nichtiger und steriler werden die Anstrengungen des Klassizismus.“ ([4], S. 33)

Und jetzt, 1957, ist Lefebvre auch bereit, den sozialistischen Realismus in diese Kritik des Klassizismus mit einzubeziehen. Wobei er – als Immer-noch-Parteimitglied – seine Kritik noch auf der immanent-ästhetischen Ebene beläßt („Der sozialistische Realismus hat sich mit dem Neoklassizismus in einer Systematik verbündet, die von jeglicher ernstzunehmender Ausarbeitung frei ist“ ([4], S. 38)). Einige Jahre später wird er auch politisch Tacheles reden:

„Jede etablierte Ordnung, gleichgültig, ob aus einer Revolution oder Restauration hervorgegangen, strebt nach einem Klassizismus, der sie rechtfertigt. […] Der Stalinismus beschloß nicht eines Morgens, das Ende der romantischen Periode zu verkünden. Keiner traf irgendwann die klare Entscheidung, daß fortan vom Romantizismus zum Neo-Klassizismus oder von der revolutionären Kritik zur dogmatischen Ideologie überzugehen sei. Das ging, waren einmal die besonderen Voraussetzungen erfüllt, ganz allmählich, stillschweigend vonstatten.“ ([5], S. 271)

Gegen die falsche Harmonie des Klassizismus setzt die Romantik die individuelle Empörung. Diese individuelle Empörung ist aber keineswegs individualistisch, denn sie gründet in den allgemeinen gesellschaftlichen Widersprüchen, gestaltet diese, indem sie ihnen das Bild eines anderen, reicheren individuellen Lebens entgegensetzt, indem sie Bilder, Symbole für das Andere findet, das der Gegenwart fehlt. Während der Klassizismus keinen historischen Horizont, keinen Willen zur Überschreitung des Gegenwärtigen kennt, ist dies der Wesenskern der Romantik. In der Terminologie Lefebvres: Der Klassizismus beschränkt sich auf das Möglich-Mögliche, die Romantik hingegen zielt auf das Möglich-Unmögliche, ein erst noch herzustellendes Unmögliches, dessen Notwendigkeit sich aus den Widersprüchen der Gegenwart ergibt. ([4], S. 66f)

Die Romantik hat also einen völlig anderen Zeithorizont als der Klassizismus. Die Gegenwart verändert sich für den romantischen Blick, indem dieser einen Standpunkt außerhalb dieser Gegenwart einzunehmen gezwungen ist. Doch welches dieser Standpunkt ist, unterscheidet die Romantik des 19. Jahrhunderts fundamental von Lefebvres revolutionärem Romantizismus. Während der alte Romantizimus sich in der Vergangenheit situiert, um der Gegenwart den Spiegel vorzuhalten, soll der revolutionäre die Gegenwart vom Standpunkt der Zukunft aus kritisieren, vom Standpunkt der noch nicht realisierten Möglichkeiten der Gegenwart. ([4], S. 58ff)

Daß den stalinistischen Dogmatikern ein derartiger Romantizismus ein Dorn im Auge sein mußte, versteht sich von selbst. Der Ausschluß – siehe oben – war nur noch eine Formalität. Doch wo sollte Lefebvre die revolutionären Romantiker finden, mit denen dieses Projekt zu verwirklichen war?

Das schien erst einmal gar nicht so schwer. Nur einen Monat, nachdem Lefebvres Aufsatz erschienen war, bezog sich eine von jungen Künstlern/Revolutionären neu gegründete Zeitschrift auf seinen Text. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, wenn Guy Debord in der ersten Nummer der Internationale Situationiste schreibt:

„Die kommunistische Revolution ist immer noch nicht gemacht worden und wir leben immer noch im Rahmen des sich auflösenden alten kulturellen Überbaus. Henri Lefebvre hat richtig eingesehen, dass dieser Widerspruch im Mittelpunkt eines spezifisch modernen Zwiespalts zwischen dem fortschrittlichen Individuum und der Welt steht und er hält eine Tendenz für “romantisch-revolutionär”, die auf diesem Zwiespalt fußt.“ ([1], S. 25)

Literaturverzeichnis

[1] Debord, G.: „Thesen über die kulturelle Revolution“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 1, Hamburg 1976.

[2] Hess, R., Henri Lefebvre et l’aventure du siècle, Paris 1988.

[3] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[4] Lefebvre, H., Vers un romantisme révolutionnaire, o.O. (nouvelles éditions lignes) 2011.

[5] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978.

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Written by alterbolschewik

11. Mai 2012 um 11:00

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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