shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Eine Liebesgeschichte – mit bösem Ausgang

leave a comment »

„Ich kannte Guy Debords Charakter, sein Verhalten und seine Art André Breton zu imitieren, indem er jeden ausschloß, um einen reinen und harten kleinen Kern zu formen.“

Henri Lefebvre im Interview mit Kristin Ross

Im Juni 1958 kam die erste Nummer der Zeitschrift Internationale Situationiste heraus (die Entstehung der Situationistischen Internationale wurde in diesem Blog bereits beschrieben). In dieser ersten Nummer erschien ein Artikel Guy Debords mit dem Titel Thesen über die kulturelle Revolution. Darin greift er Lefebvres Kritik aus Vers un romantisme révolutionnaire am klassizistischen Kunstbegriff auf. Im Rahmen des Klassizismus wird, so schreibt Debord, der Grad des ästhetischen Erfolgs „an einer Schönheit gemessen, die von der Dauer nicht zu trennen ist und sogar einen Anspruch auf Ewigkeit anstrebt.“ ([1], S. 25) Dieser auf „Ewigkeitswerte“ bedachten Kunst setzt Debord in den Thesen eine vergängliche Kunst entgegen, die auf das Hier und Jetzt, nicht auf die Ewigkeit zielt. Es geht nicht um Schaffung von Werken, sondern um die Konstruktion von Situationen, Momenten intensiver Erfahrung:

„Das Ziel der Situationisten ist die unmittelbare Beteiligung an einem Überfluß der Leidenschaften im Leben durch die Abwechslung vergänglicher, mit voller Absicht gestalteter Momente. Das Gelingen dieser Momente kann nur in ihrer vorübergehenden Wirkung bestehen.“ ([1] , S. 25f)

Damit nimmt Debord Lefebvres Kritik am Klassizismus auf, setzt sich aber zugleich in ein bestimmtes Spannungsverhältnis zu ihm. Beide sind sich in ihrer Kritik eines klassizistischen Kunstverständnisses zweifellos einig. Im Prinzip sind sie sich auch darüber einig, daß das, was an die Stelle einer derartigen Kunst treten soll, eine Form der Aufhebung von Kunst sein würde, und zwar einer Aufhebung im hegelschen Sinne: Gemeint ist damit das Setzen einer höheren Form, die nun nicht mehr (bloß) Kunst wäre, sondern etwas Höherwertiges. Ebenfalls einig sind sie sich auch noch darin, daß dieses Höherwertige gerade dadurch zum Ausdruck kommt, daß die Kunst, die bislang vom Alltäglichen geschieden war, genau in diesen Alltag eingreifen und ihn transformieren, ja revolutionieren soll.

Dennoch gibt es Differenzen. Debord endet seine Thesen mit der Aussage:

„Die praktische Aufgabe, unseren Zwiespalt mit der Welt – d. h. die Auflösung durch höhere Konstruktionen – zu überwinden, ist nicht romantisch; »Romantik-Revolutionäre« im Sinne Lefebvres werden wir gerade in dem Masse sein, in dem wir Misserfolg haben.“ ([1], S. 27)

Doch wo genau liegt die Differenz? Es ist ja keineswegs so, daß Lefebvre seinen „revolutionären Romantizismus“ auf die Kunst begrenzen wollte. Das Problem scheint also auf der Ebene zu liegen, wie die beiden sich die jeweilige konkrete praktische Umsetzung der verschiedenen Konzepte dachten. Genau diese Ebene aber bleibt, sowohl beim „revolutionären Romantizismus“ wie auch der „Konstruktion von Situationen“, reichlich schwammig.

Die wohl präziseste, aber immer noch völlig unzureichende Beschreibung, wie sich Lefebvre die Praxis des revolutionären Romantizismus vorstellt, entwickelt er auf den letzten Seiten seines Textes:

„Der neue Romantizismus (der revolutionäre) bestätigt das Primat des Möglich-Unmöglichen und ergreift diese Möglichkeit als das Wesen der Gegenwart. So hofft er den Abgrund zwischen dem partiellen Gelebten und einer totalen Gegenwart zu überschreiten. […] Er propagiert einen Lebensstil soweit dieser einem Kunststil gemäß der Inspiration durch den alten Romantizismus entspricht.
Der Wert des Künftigen und dessen Realisierung können nur das Ergebnis einer Periode des Abwartens und der Spannung sein, die in völliger Klarheit das Existierende ruhig und dauerhaft in Frage stellt. Der Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit, die Wahrheit der Illusion, die Authentizität der Lüge entgegenzustellen, wird, im Guten wie im Schlechten – eine romantische Haltung werden. Es ist so. Und es wird so während eines historischen Moments sein, wobei sich die Dauer eines historischen Moments nicht im voraus bestimmen läßt.“ ([2], S. 68)

So ist Lefebvres revolutionärer Romantizismus im Kern „ein Bewußtsein oder eine Haltung“ ([2] , S. 69), genauer: Ein (Lebens-)Stil. Debord ist dies offensichtlich zu wenig, wenn er Lefebvre vorwirft:

„Er verzichtet im voraus auf jedes Experiment einer tiefen kulturellen Veränderung, indem er sich mit einem Inhalt zufrieden gibt und zwar mit dem Bewusstsein des (immer noch allzu fernen) Möglich-Unmöglichen, das in irgendeiner, im Rahmen der Auflösung angenommenen Form, zum Ausdruck gebracht werden soll.“ ([1], S. 25)

Debord popagiert stattdessen den kompletten Bruch mit der Gegenwart:

„Alle Formen der Pseudokommunikation müssen bis zu ihrer äußersten Zerstörung geführt werden, damit man eines Tages eine wirkliche, unmittelbare Kommunikation erreicht […]. Diejenigen werden siegen, die es verstanden haben, die Unordnung zu schaffen, ohne sie zu lieben.“ ([1], S. 26)

Hier macht sich bereits in dieser ersten Nummer der Internationale Situationiste Debords Nihilismus bemerkbar, der ihn später jede künstlerische Strategie verwerfen läßt.

Doch noch ist die Situationistische Internationale ein Kollektiv politischer Künstler, nicht eine Sekte von Berufsrevolutionären unter der Führung von Guy Debord. Debords Stimme ist nur eine in einem ganzen Chor. Und es geht dieser Gruppe in ihren ersten Jahren um eine experimentelle Revolutionierung des Alltags – auch wenn Debord bereits damals die Grenzen dieses Projektes zu erkennen glaubt: „In der Welt der Auflösung können wir unsere Kräfte zwar ausprobieren,aber nicht gebrauchen.“ ([1], S. 27).

Zwar lassen sich also von Anfang an Differenzen erkennen – doch zunächst einmal kommt es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Lefebvre und den Situationisten, einer Zusammenarbeit, die beinahe fünf Jahre dauern wird. Und diese Zusammenarbeit gründet darin, daß beiden Seiten klar ist, daß einer wirkliche Revolution sich nicht mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse begnügen kann. Dies ist eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung, wie das Beispiel der Sowjetunion gezeigt hatte. Vielmehr geht es bei einer wirklichen Revolution darum, die Strukturen des Alltags grundlegend zu verändern. Die Diskussionen in diesem knappen halben Jahrzehnt werden sich darum drehen, wie eine solche Veränderung überhaupt möglich ist und durch welche konkreten Aktivitäten sie befördert werden kann.

Für Lefebvre, der eben aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen worden war, stellte der Kontakt zu den Situationisten (der von seiner damaligen Geliebten hergestellt wurde, die wiederum mit Michèle Bernstein befreundet war, die zum inneren Kreis der Situationisten gehörte) ein Glücksfall dar. Hier bot sich für ihn ein intellektueller Diskussionszusammenhang, in dem all die Fragen und Problemstellungen, die er innerhalb der kommunistischen Partei nicht aufwerfen durfte, thematisiert wurden. Wie er selbst in einem Interview sagte:

„Alles in allem war es eine Liebesgeschichte, die böse endete, sehr böse. Es gibt Liebesgeschichten, die gut beginnen und böse enden. Und das war eine davon.“ ([3])

Öffentlich wurde der Bruch im Jahr 1962 von Debord damit begründet, daß Lefebvre die Situationisten plagiiert habe, und zwar mit einigen Thesen über die Bedeutung der Pariser Kommune, die Lefebvre 1962 in der Zeitschrift Arguments veröffentlicht hatte. Tatsächlich sind die Parallelen, die zwischen dem Originaltext und Lefebvres Veröffentlichung bestehen, und die Debord in einem Flugblatt mit dem Titel „In die Mülleimer der Geschichte“ aufdeckte, vernichtend ([5]). Zumindest so lange, bis man weiß, daß Lefebvre Mitautor des ursprünglichen Textes war. Lefebvre hatte die Situationisten in sein Haus in den Pyrenäen eingeladen, wo sie lange und alkoholisiert über die Pariser Kommune diskutierten:

„Sie blieben mehrere Tage bei mir, und wir schrieben in Gemeinschaftsarbeit einen programmatischen Text. Am Ende der Woche, die sie in Navarrenx verbracht hatten, behielten sie den Text. Ich sagte ihnen: »Tippt ihr in ab« (er war handschriftlich) und danach klagten sie mich des Plagiats an. Das war wirklich eine böswillige Unterstellung.“ ([3])

Wahrscheinlich lag der Zorn Debords, der zu dieser Infamie Anlaß gab, weniger in der Veröffentlichung als solcher begründet, als vielmehr am Ort, an dem dieser Text erschienen war. Die Zeitschrift Arguments war ein Projekt von anderen Renegaten der Kommunistischen Partei – unter anderen Kostas Axelos .oder Serge Mallet. Die Zeitschrift stand kurz vor dem Ende und Debord hatte sich Hoffnungen gemacht, daß die Internationale Situationiste die Nachfolge antreten könnte. Doch der Kontakt zum Verleger, den Lefebvre hätte herstellen sollen, kam nicht zu Stande. Stattdessen publizierte Lefebvre sogar in der Zeitschrift – für den Paranoiker Debord ein klares Zeichen von „Verrat“, für den Lefebvre auf das Strengste bestraft werden mußte.

Doch selbst dies scheint mir nicht der eigentliche Grund gewesen zu sein. Letztlich beruhte dieser Bruch wohl auf einer fundamentale Richtungsänderung innerhalb der Situationistischen Gruppe. Die Art und Weise, wie dieser Bruch inszeniert wurde, dürfte wiederum darin gelegen haben, daß Debord einfach ein unerträgliches Arschloch war und seine ganz persönlichen Vorstellungen davon, was die Situationistische Internationale sein sollte und was nicht, mit einer abstoßenden Rücksichtslosigkeit durchsetzte. Und zu Beginn des Jahres 1962 säuberte er die Internationale von allen Resten ihrer künstlerisch-experimentellen Anfänge. Das Frühjahr 1962 verzeichnete 13 Ausschlüsse – was einer richtigen Säuberungswelle gleichkam, wenn man bedenkt, daß die Situationistische Internationale während der rund fünfzehn Jahre ihres Bestehens auf gerade einmal 69 Mitglieder kam (von denen im Laufe der Zeit insgesamt 45 ausgeschlossen wurden).

Doch die ersten Jahre, in denen Lefebvre mit den Situationisten zusammenarbeitete, waren einige der produktivsten seines nicht gerade unproduktiven Lebens. Die nächsten Folgen dieses Blogs werden einige der Themen und Theorien aus diesem Zeitraum genauer beleuchten. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, wenn die Situationisten meinen:

„In dem von Henri Lefebvre dargelegten PROGRAMMATISCHEN Denken bezieht sich die Theorie der Momente […] unmittelbar auf die Probleme der Schaffung des alltäglichen Lebens. In welchem Verhältnis stehen diese »Momente« zu den Situationen, die die S.I. zu definieren und zu konstruieren vorhat?“ ([4], S. 125)

Literaturverzeichnis

[1] Debord, G.: „Thesen über die kulturelle Revolution“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 1, Hamburg 1976, S. 25 – 27.

[2] Lefebvre, H., Vers un romantisme révolutionnaire, o.O. (nouvelles éditions lignes) 2011.

[3] Ross, K.: „Interview mit Henri Lefebvre (Original in October 79, Winter 1997)“, URL: http://www.notbored.org/lefebvre-interview.html, abgerufen am 15. April 2012.

[4] Situationistische Internationale: „Die Theorie der Momente und die Konstruktion von Situationen“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 1, Hamburg 1976, S. 125 – 127.

[5] Zentralrat der Situationistischen Internationale: „In die Mülleimer der Geschichte!“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 2, Hamburg 1977, S. 454 – 460.

Advertisements

Written by alterbolschewik

18. Mai 2012 um 11:34

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

Tagged with

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s