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„Ich habe nur drei Gegebenheiten ernstgenommen: Die Liebe, die Philosophie, die Partei.“

Henri Lefebvre, La Somme et le reste

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, erwies sich die Zeit nach seinem Ausschluß aus der KPF als äußerst produktiv für Lefebvre. Bis 1962 erscheinen, neben zahlreichen Aufsätzen, drei seiner wichtigsten Bücher: La Somme et le reste, Band 2 der Kritik des Alltagslebens und die Einführung in die Modernität.

La Somme et le reste ist eine Art philosophischer Autobiographie Lefebvres. Nach seinem Parteiausschluß zieht er hier, auf beinahe 800 Seiten, eine Bilanz seines philosophischen und politischen Werdeganges. Unter anderem rekapituliert er die Zeit vor seinem Eintritt in die Partei, als er mit Politzer, Guterman, Morhange und anderen die Zeitschrift Philosophies herausgab und lebhafte Auseinandersetzungen mit den Surrealisten auf der einen Seite und den Kommunisten auf der anderen Seite führte. Was in den dreißig Jahren der Parteimitgliedschaft an den Rand gedrängt wurde, die ursprüngliche Intention, die zum politischen Engagement geführt hatte, tritt nun wieder in das Zentrum der Lefebvreschen Überlegungen. Die „Theorie der Momente“, mit deren Darstellung in diesem Beitrag begonnen wird, hat ihre Wurzeln in den Diskussionen der 20er Jahre, bevor Lefebvre Parteimitglied wurde.

Gleichzeitig ist La Somme et le reste eine vehemente Abrechnung mit dem philosopischen Stalinismus, ja, jeglicher Form von philosophischen Dogmatismus. Was in Probleme des Marxismus, heute noch als Krise des Marxismus analysiert wurde, wird in La Somme et le reste zu einer allgemeinen Krise der Philosophie erweitert. Philosophie als ein von anderen menschlichen Aktivitäten getrenntes Geschäft ist für Lefebvre unmöglich geworden, sie verlangt nach ihrer Aufhebung. Und die Texte dieser Jahre sind ein tastender Versuch, dieses Neue greifbar zu machen:

„Die Untersuchungsmethode, die Philosophie und Ontologie (ob man sie nun Philosophie nennt oder nicht) ersetzt, muß sich als als eine Untersuchung der Gegenwart unter Beweis stellen; das schließt die Praxis mit ein, die Naturbeherrschung, Traum und Phantasie, das Vorhandensein der »Welt«, die direkte Empfindung des Kosmos und der Natur.“ ([1], S. 142)

Einen wesentlichen Teil dieser Untersuchung der Gegenwart bildet Lefebvres Kritik des Alltagslebens. Der erste Band dieser Kritik war 1947 erschienen und von einem Teil der Nachkriegsjugend interessiert aufgenommen worden ([1], S. 612). 1958 erscheint eine zweite Auflage mit einem neuen und sehr langen Vorwort, das beinahe den Umfang des eigentlichen Buches erreichte. 1962 veröffentlicht er dann den zweiter Band (1968 wird Das Alltagsleben in der modernen Welt folgen und 1981 schließlich ein dritter Band der Kritik).

Die Kritik des Alltagslebens ist für Lefebvre zentral, weil sie für ihn das Fundament bildet, auf der er seine Korrektur aufbaut, die er an der klassisch-marxistischen Sicht gesellschaftlicher Veränderung anbringt. In La Somme et le reste erläutert er die Intention, die hinter dem ersten Band der Kritik des Alltagslebens steckte:

„Tatsächlich impliziert dieses Buch die Idee, daß es keinen antinomischen Widerspruch zwischen Reform und Revolution gibt; es schließt die Idee ein, daß allein die Veränderungen im Alltagsleben ein substantielles Gewicht haben, angesichts derer die Umwälzungen des politischen Überbaus oberflächlich bleiben.“ ([1], S. 612f)

Nur dort, wo sie von einer Umwälzung des Alltags begleitet werden, können politische Umwälzungen eine fundamentale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse mit sich bringen.

Eng verknüpft mit dieser Veränderung des Alltagslebens ist der „revolutionäre Romantizismus“, den Lefebvre, wie wir letzte Woche gesehen haben, 1957 als Alternative zum leninistisch-stalinisischen Objektivismus propagiert hatte. Das dritte wichtige Buch dieser Periode, die Einführung in die Modernität von 1962 entfaltet ausführlich diesen „revolutionären Romantizismus“, der 1957 in Vers un romantisme revolutionnaire nur skizziert worden war. Wenn der „revolutionäre Romantizismus“ im wesentlichen eine Haltung, ein (Lebens-)Stil ist, dann geht es bei dieser Haltung, diesem Stil darum, den drögen Fluß des Alltagsleben zu unterbrechen. Ziel der revolutionär-romantischen Haltung muß es sein, der Banalität, der Mittelmäßigkeit und fehlenden Authentizität des Alltagslebens im Hier und Jetzt etwas entgegenzusetzen und nicht auf den St.-Nimmerleinstag der Revolution zu warten.

Eine solche Haltung wäre aber voluntaristische Don-Quichotterie, gäbe es im nicht im Alltagsleben selbst etwas, das über dieses schon hinauswiese. Und dieses Andere im Alltagsleben, das mehr ist als das Alltagsleben, sind die „Momente“.

Die Theorie oder das Konzept der „Momente“ geht, nach Lefebvres eigener Aussage auf die Zeit vor seinem Eintritt in die Partei zurück. Sie entstand im Kreis der Herausgeber von Philosophies, und Lefebvre reklamiert nicht das alleinige geistige Eigentum an dieser Konzeption ([1], S. 233). Mit der Neuausrichtung am Marxismus und an der kommunistischen Partei Ende der 20er verschwanden die Überlegungen zu den „Momenten“ in der Versenkung; sie hätten unter keinem Umständen zum vulgären Materialismus der kommunistischen Ideologie gepaßt, der das Denken nur die Widerspiegelung der äußeren Welt im Bewußtsein ist. Erst der Bruch mit der Kommunistischen Partei läßt Lefebvre diesen vor dreißig Jahre fallengelassenen Faden wieder aufnehmen.

Wovon handelt die Theorie der Momente? In ihrer ursprünglichen Fassung ging es um eine bestimmte Form der Zeiterfahrung. Lefebvre und seine Mitphilosophen (wohl vor allem Politzer) nehmen die Bergsonsche Unterscheidung von Zeit und Dauer auf, also die zwischen objektiver physikalischer Zeit einerseits und der Zeitlichkeit des Bewußtseins andererseits, um dann aber mit der Konzeption der „Momente“ das Bergsonsche Konzept der Dauer (durée) zu kritisieren:

„Die Zeit in ihre ganzen Tiefe, so schien es mir damals, erschöpft sich nicht in den Konzepten von Evolution, Entwicklung, Auflösung, Revolution, Aufstieg oder Niedergang und der Entfernung im Verhältnis zum Ursprung. Zeit und Zeitlichkeit schlossen meines Erachtens auch die Involution (Rückwendung) ein. Das heißt, daß die Dauer (durée), weit entfernt davon, sich nur durch die Linearität oder als durch Diskontinuitäten zerschnitten zu definieren, sich auch in sich zurückwendet, wie eine Schnecke oder Spirale, wie eine Strömung in Turbulenzen und Strudeln (Metaphern, die nur eine näherungsweise Wahrheit haben). Es formen sich also im Inneren jedes individuellen oder gesellschaftlichen Bewußtseins Formen der Dauer, die sich selbst während einer bestimmten Zeitspanne innerlich sind und sich aufrechterhalten, ohne still zu stehen oder sich außerhalb der Zeit zu setzen: die Momente.“ ([1], S. 233f)

Das klingt recht kryptisch und war es in der fiebrigen Zeit der 20er Jahre wohl auch. Jetzt, Ende der 50er Jahre, präzisiert Lefebvre diese Konzeption einer „Involution der Zeit“. Diese Präzisierung ist aber gar nicht so leicht nachzuvollziehen, weil sich Lefebvre ganz bewußt weigert, aus den „Momenten“ eine ontologische Tatsache zu machen. Die Momente, obwohl sie, wie wir gleich sehen werden, existenziell das Leben der Menschen bestimmen, haben keine höhere philosophische Dignität, die es erlauben würde, sie zum Fundament eines philosophischen Systems zu machen – etwa im Sinne eines „wahren“ menschlichen Lebens im Gegensatz zum „falschen“ Leben des drögen Alltags.

Bevor wir uns nächste Woche in den philosophischen Abgründen der Theorie der Momente verlieren, zunächst eine vorläufige Auflösung des Rätsels, was Lefebvre unter einem „Moment“ versteht. Er selbst erläutert dieses Konzept selbst weitgehend anhand von Beispielen. Exemplarische „Momente“ sind für ihn das Spiel, die Ruhe, die Gerechtigkeit. Und vor allem eins: Die Liebe.

„Ich werde nicht schreiben: »Die Liebe ist eine Leidenschaft«; auch nicht mit niedergeschlagenen Augen: »Die Liebe ist eine Lust«; auch nicht mit zum Himmel gerichteten Augen: »Die Liebe ist eine Freude«; auch nicht errötend: »Die Liebe ist Wahnsinn«. Ich werde einfach sagen: »Die Liebe ist ein Moment…«.
Ich verstehe unter diesen Worten zunächst einmal die permanente Versuchung durch das Absolute. Die Liebe strebt zum Absoluten; ansonsten existiert sie nicht. Und dennoch ist das Absolute unmöglich, nicht lebbar, unhaltbar, absurd. In ihrer Nachbarschaft streift der Wahnsinn umher: Die leidenschaftliche Entfremdung, die der Einsamkeit oder der Verzicht auf das, was sie nicht ist. Sie packt dich, sie nimmt dich, sie überlistet dich, um dich zu ergreifen. Und du greifst ihr gegenüber zur List, um dich wiederzugewinnen…“ ([1], S. 343)

Bei so viel atemloser Leidenschaft lohnt es sich, eine kleine Verschnaufpause einzulegen. Genießen Sie den Frühling und die Liebe, bevor wir nächste Woche tiefer in diese Thematik einsteigen, wenn Henri Lefebvre den/das Moment folgendermaßen definiert:

„Als »Moment« bezeichnen wir jeden Versuch zur totalen Verwirklichung einer Möglichkeit.“ ([2], S. 184)

Literaturverzeichnis

[1] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[2] Lefebvre, H., Kritik des Alltagslebens – Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit II, Kronberg/Ts. 1977.

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Written by alterbolschewik

25. Mai 2012 um 11:00

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

2 Antworten

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  1. „Der Weg ist das Ziel!“

    Dieser Leitspruch trifft auch auf die „Philosophie des Moments“ in der geschilderten Bedeutungsvielfalt bzw. -tiefe zu.
    Ontologisch lässt sich dieser Verwirklichungsanspruch eines Potentials zwar nicht in eine (übliche) philosophische Ontologie verorten, aber dies ist auch gar nicht nötig, weil diese zu „objekt-orientiert“ denkt und deshalb die Totalität materialistischer Dialektik nicht vollständig zu begreifen vermag. Ein vollständiges Begreifen würde übrigens bedeuten, mit Leerstellen/Platzhaltern arbeiten zu müssen, welche nur als philosophische „Unschärfe“ einigermaßen präzise anzudeuten, aber nicht exakt und vollständig zu bestimmen wären.
    Synthetische Urteile sind eben apriori nur unter einigermaßen „gleichen“ Zustandsbedingungen möglich, falls man sich die Kant’sche Erkenntnis- und Definitionswelt interpretierend zurecht biegen möchte.

    Die Gewissheit, den richtigen Weg zu gehen bzw. gegangen zu sein, ist wichtiger, als ein lange verfolgtes Ziel (unter allen Mitteln) erreicht zu haben, welches dann eher Leere, denn die versprochene Fülle aufweist.

    „Segui il tuo corso e lascia dir le genti“ weist durchaus auch Moment-Charakter auf, was so manche Epigonen aber gründlich übersehen bzw. nicht berücksichtigt haben, damit ihr vulgär-scholastisches Weltbild keinen Schaden nimmt. Das hat aber mit einem Materialismus auf Prozessebene mit dem Leitbild des Menschen als höchstes Wesen bzw. Prometheus als obersten Heiligen im philosophischen Kalender herzlich wenig zu tun.

    Das wahre Leben erweist sich entweder im Alltag (und dessen Momenten) oder überhaupt nicht.
    Einen entfremdenden Alltag sich potentiell anzueignen, um sich dadurch selbst an der Labsal identifizierender Würde erquicken zu können und auf diese Weise die (viel zu) disziplinierende Alltagsangst überwinden zu wollen, muss heutzutage ein Kernelement einer auf den Menschen orientierten Philosophie sein.
    Dazu kann die Auseinandersetzung mit dem Werk Henri Levebvres sehr nützlich sein.

    ludwig

    3. Juni 2012 at 14:33

    • Ich war die letzten Wochen leider viel zu sehr beschäftigt, um hier meinen Pflichten als Gastgeber so nachzukommen, wie es eigentlich meine Aufgabe gewesen wäre. Mein Dank jedenfalls für’s Kommentieren. Ich muß selbst gestehen, daß ich völlig verblüfft bin über Lefebvre, der bereits vor über einem halben Jahrhundert die Problematik der gesellschaftsverändernden Subjektivität in einer Präzision aufgegriffen hat, die ihresgleichen sucht. Das muß nicht heißen, daß man mit ihm in allem übereinstimmen muß, aber er hat einige Vorschläge gemacht, um aus der Sackgasse zwischen strenger Organisierung einerseits und freischwebendem subjektiven Voluntarismus herauszukommen.

      Deswegen kann ich Deinen Schlußsatz nur unterstreichen: Es gilt noch einmal, diese Dinge alle zu durchdenken und auf die Erfahrungen des letzten halben Jahrhunderts anzuwenden. Vielleicht eröffnet sich dadurch tatsächlich ein neuer Raum des Möglich-Unmöglichen…

      Alter Bolschewik

      10. Juni 2012 at 10:51


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