shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Verweile doch!

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„Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!“

J.W. v. Goethe, Faust II

Das Problem, die Lefebvreschen Momente zu verstehen, beginnt schon mit der Übersetzung: Soll man le moment in die maskulinen Form oder die des Neutrums übersetzen? Als der Moment oder als das Moment? Beides hat seine Berechtigung, denn in jeder Übersetzungsvariante steckt ein Teilaspekt der Bedeutung, die Lefebvre dieser Kategorie gibt.

Die maskuline Form, also der Moment verweist im deutschen auf die zeitliche Dimension: Der Moment ist ein zeitlich begrenzter Abschnitt im Fluß der banalen Alltäglichkeit, während dessen sich die Zeit in sich zurückwendet, einen Strudel bildet, sich in sich selbst verschlingt. Er ist der Faustsche Augenblick, zu dem man sagt „Verweile doch!“ – bevor er sich wieder auflöst und in den gemächlichen Fluß der alltäglichen Zeit zurückkehrt.

Gleichzeitig ist le moment aber auch in der sächlichen Form zu lesen, als das Moment, angelehnt an die Terminologie der Hegelschen Dialektik. Es ist eine begrenzte Totalität, ein in sich geschlossenes Ganzes, das gleichwohl nur einen Teilaspekt eines größeren Ganzen bildet, eben des Alltagslebens. Als derart begrenzte Totalität trägt das Moment den Widerspruch in sich, der zu seiner notwendigen Aufhebung führen wird. Wobei, im Gegensatz zur Hegelschen Dialektik, die Aufhebung des Moments eben nicht zu einer höheren Einheit führt, sondern eben zu einem Rückfall in die Alltäglichkeit, aus der es sich ursprünglich herausgeschält hatte.

Wem das in dieser abstrakten Formulierung zu unverständlich ist, mag das bereits zitierte Moment der Liebe zum Beispiel nehmen. Gemeint ist mit dem Moment der Liebe nicht der sexuelle Akt, sondern dieses Verliebtsein, das die ganze Erfahrung der alltäglichen Welt umstülpt. Nicht nur, daß die scharfe Trennung von Subjekt und Objekt, von Liebendem und Geliebtem aufgehoben ist, auch die ganze Welt ist durch dieses Moment der Liebe in ein anderes, zumeist als „rosafarben“ bezeichnetes Licht getaucht. Das Gefühl der Entfremdung ist verschwunden, die Welt erscheint nicht mehr als eine mir fremd gegenüberstehende Macht, sondern ich fühle mich mit ihr im Einklang. Wenn aber die unmittelbare Verliebtheit aufhört, die Liebe sich in die Banalität der Ehe und des Kinderkriegens auflöst, fällt sie zurück in den großen, grauen Fluß der Alltäglichkeit, das Gefühl der Entfremdung stellt sich erneut ein.

Das Beispiel macht deutlich, wo der innere Widerspruch des Momentes zu finden ist. Einerseits hat es den Anspruch, sich absolut zu setzen. Doch dieser Anspruch auf Absolutheit ist andererseits nicht einzulösen – als solches „absolutes“ Moment wäre es sein eigenes Gegenteil:

„Gerade weil es sich absolut setzt, provoziert und umgrenzt es eine bestimmte Entfremdung: die […] Besessenheit des Liebenden, des Spielers, des Theoretikers, der sich der reinen Erkenntnis verschreibt, des verbissenen Arbeiters usw.“ ([2], S. 183)

Das Moment ist also von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gibt es seinen Absolutheitsanspruch auf, fällt es in die Entfremdung der Alltäglichkeit zurück; beharrt es aber auf diesem Absolutheitsanspruch wird es selbst zu einer Form der Entfremdung, die in der Selbstzerstörung endet. Deshalb ist das Moment der Liebe Stoff für große Tragödien: Romeo und Julia setzen ihre Liebe absolut – eine Absolutheit, die im Tod endet.

Dieses notwendige Scheitern des Moments, seine zwangsläufig tragische Natur spricht für Lefebvre keineswegs gegen es, ganz im Gegenteil. Hier kommt sein revolutionärer Romantizismus zum Tragen. Wir hatten bereits gesehen, daß dieser revolutionäre Romantizismus für Lefebvre vor allem eine Stilfrage ist, das heißt, eine bestimmte subjektive Haltung, der dem pragmatisch Möglich-Möglichen das Möglich-Unmögliche entgegensetzt. Die Theorie der Momente erlaubt es nun, diesen Lebensstil zu präzisieren. Im zweiten Band der Kritik des Alltagslebens konkretisiert Lefebvre:

„Das Moment ist das Möglich-Unmögliche, das als solches angestrebt, gewollt und gewählt wird. Hier wird das im Alltag Unmögliche möglich, ja die Regel der Möglichkeit. Hier beginnt die dialektische Bewegung zwischen Möglichem und Unmöglichem mit ihren Konsequenzen.“ ([2], S. 183)

Das Ganze ist natürlich nicht ganz frei von einem existentialistischen Pathos. Das Moment ist nichts, was einem einfach zustößt. Es ist das Resultat einer mehr oder minder bewußten Wahl. Ich hatte bereits zum Ausklang des letztwöchigen Textes Lefebvres Definition des Moments zitiert:

„Als »Moment« bezeichnen wir jeden Versuch zur totalen Verwirklichung einer Möglichkeit.“ ([2], S. 184)

Der entscheidende Punkt dabei ist die „totale Verwirklichung“. Die „totale Verwirklichung“ – beziehungsweise deren Unmöglichkeit – ist, wie wir gesehen haben, für den tragischen Charakter des Moments verantwortlich. Doch wenn wir die Liebe nehmen, dann gibt es diese eben nicht nur als Tragödie, als Romeo und Julia, sondern auch als romantische Komödie. In der letzteren ist die Liebe aber nicht als Moment gesetzt. Vielmehr verbleibt sie innerhalb der Alltäglichkeit, überschreitet den von dieser gesteckten Rahmen nicht. In der romantischen Komödie ist die Liebe nicht die Entscheidung der Liebenden, sondern sie widerfährt ihnen, oft genug gegen ihren Willen.

Damit aber etwas zu einem Moment wird, bedarf es der bewußten Entscheidung für die „totale Verwirklichung“ der Möglichkeit:

„Jede Verwirklichung als Totalität impliziert einen konstitutiven, inaugurierenden Akt.“ ([2], S. 184)

Bei diesem konstitutiven Akt handelt es sich nicht um eine creatio ex nihilo, das Moment wird nicht aus dem Nichts geschöpft. Vielmehr findet dieser Akt seinen Stoff in der banalen Alltäglichkeit, erkennt in ihr eine Möglichkeit, die es zu ergreifen gilt:

„Das Moment entsteht im Alltag und erhebt sich aus ihm. Es nährt sich an ihm, schöpft aus ihm seine Substanz und negiert ihn nur in dieser Weise. Mitten im Alltag zeigt sich eine Möglichkeit (das Spiel, die Arbeit, die Liebe usw.) im spontanen, zweideutigen Rohzustand. Inmitten des Alltags wird jene inaugurierende Entscheidung getroffen, die das Moment konstituiert und gleichsam eröffnet. Diese Entscheidung nimmt eine Möglichkeit auf sich, hebt sie heraus, wählt sie zwischen mehreren anderen aus und stürzt sich vorbehaltlos hinein.“ ([2], S. 186f)

Die revolutionär-romantische Haltung beruht also gerade darin, im Bewußtsein des zukünftigen Scheiterns dennoch diesen entscheidenden Akt zu vollziehen. Wird diese Entscheidung getroffen setzt sich das Moment temporär von der Unklarheit und Vieldeutigkeit des Alltagslebens ab. Statt daß das Leben in seiner entfremdeten Form einfach erlitten wird, erscheint es im Moment als „das Werk des Individuums […], in dem es sich, wenn auch konfus, selbst erkennt.“ ([2], S. 180)

Damit repräsentiert das Moment eine Form der konkrete Utopie: Gebunden an die erlebte, alltägliche Wirklichkeit transzendiert sie diese temporär und beschwört damit ein Möglich-Unmögliches herauf. Die Momente sind, wie Lefebvre sich ausdrückt, die konkrete Verwirklichung einer Potenz ( wobei ausdrücklich darauf hingewiesen werden muß, daß diesen Potenzen ausdrücklich kein ontologischen Status im klassisch-philosophischen Sinne zugeschrieben wird). Und letztendliches praktisches Ziel des revolutionären Romantizismus wäre

„die Transformation dieser Potenzen, dieser partiellen, zum Scheitern verurteilten Totalitäten, in »etwas« unerhört Neues und wahrhaft Totales, in »etwas«, das imstande wäre, den Widerspruch zwischen Trivialität und Tragödie zu überwinden.“ ([2] , S. 185)

Doch wie diese Transformation sich wirklich vollziehen soll, läßt Lefebvre offen, allein das Ziel wird etwas genauer beschrieben: Es geht um „die höhere Einheit […] von Moment und Alltag, von Poesie und Prosa der Welt, kurzum von Fest und Alltagsleben.“ ([2], S. 185) geht.

So verschwommen das im Detail auch sein mag, die Intention ist klar. Die Theorie der Momente bricht grundsätzlich mit der orthodox-marxistischen Revolutionsvorstellung, nach der die Revolution nichts anderes ist als die Ratifizierung objektiver historischer Gesetze. Der revolutionäre Romantiker wird zum Gegenentwurf für den puritanischen, sich selbst kasteienden Parteisoldaten, der sich den objektiven Gesetzmäßigkeit der Geschichte unterwirft. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, wenn Lefebvre selbstkritisch seine Parteivergangenheit hinterfragt:

„Man hat nie umsonst an mein schlechtes Gewissen appelliert, das heißt, an das Gefühl der politischen Pflicht. Was heute die absurden Niederlagen und die verlorene Zeit um so bitterer erscheinen läßt.“ ([1], S. 340)

Literaturverzeichnis

[1] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[2] Lefebvre, H., Kritik des Alltagslebens – Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit II, Kronberg/Ts. 1977.

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Written by alterbolschewik

1. Juni 2012 um 11:00

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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