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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Moment, Situation, Ereignis

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Das Moment ist eine höhere Form der Wiederholung, des Neubeginns, des erneuten Auftauchens, des Wiedererkennens gewisser bestimmbarer Beziehungen zum Anderen (oder zum Nächsten) und zu sich selbst.“

Henri Lefebvre, Kritik des Alltagslebens

Vielleicht ist die eine oder die andere unter meinen treuen Leserinnen irritiert, daß sie hier nun schon zum dritten Mal mit Lefebvres Theorie der Momente belästigt wird. Deshalb ist es vielleicht nicht ganz unberechtigt, daß ich kurz erkläre, warum mir diese Theorie so wichtig zu sein scheint.

Mein letzter Beitrag hatte mit einem Zitat aus Lefebvres Autobiographie geendet, in dem er damals, nach seinem Ausschluß aus der Kommunistischen Partei 1958, seine Bitterkeit über die „verlorene Zeit“ in der Partei zum Ausdruck brachte. Statt daß das politische Engagement in der Partei aus der Entfremdungserfahrung, die die kapitalistische Gesellschaft ihren Mitgliedern aufzwingt, herausgeführt hätte, hatte es diese Erfahrung vielmehr verdoppelt. Die Partei trat ihren Mitgliedern ebenso als eine fremde Macht gegenüber wie das Kapital dem Arbeiter. Das Leben als politischer Aktivist erwies sich dem kapitalistischen Alltagsleben gegenüber keineswegs als überlegen, sondern fügte sich nahtlos in die universelle Entfremdungserfahrung ein.

Das konnte es doch nicht gewesen sein! Lefebvre sucht deshalb nach einer Möglichkeit, revolutionäres politisches Engagement mit einer sinnvollen Existenz im Hier und Jetzt zu verknüpfen. Sinnvoll heißt: Zumindest temporär die Entfremdungserfahrung zu durchbrechen. Und die Möglichkeit dafür sah er ganz empirisch in den Momenten.

Diese Suche danach, gesellschaftliche Veränderung mit einem sinnvollen Leben im Hier und Jetzt zu verbinden, sollte ihn dann ganz wesentlich mit der antiautoritären Revolte in den 60er und frühen 70er Jahren verbinden. Für die antiautoritären Bewegungen stellte sich genau diese Frage in eben der selben Form. Es sollte darum gehen, eine Subjektivität zu entfesseln, die, indem sie den bisherigen kapitalistischen Alltag transzendierte, auch eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse mit sich bringen würde.

Dieses Projekt ist bekanntlich gleichermaßen siegreich gewesen wie auch gescheitert. Siegreich insofern, als daß der heutige kapitalistische Alltag kaum mehr zu vergleichen ist mit dem Alltag der 50er und 60er Jahre. Gescheitert insofern, als diese Veränderung des Alltags letztendlich innerhalb der kapitalistischen Verkehrsformen verblieben ist und neue, perfide Formen der Entfremdung produziert hat. Dem Markt ist es gelungen, Waren zur Inszenierung einer Pseudosubjektivität anzubieten, die letztendlich noch tiefer in die Entfremdung hineinführen. Die Gesellschaft des Spektakels hat inzwischen selbst Pseudo-„Momente“ im Programm: Sei es nun die angedrehte Ekstase eines Stadionrockkonzertes oder, dem entgegengesetzt, das Entspannnungswochenende im Wellnesshotel. Ganze Industriezweige leben davon, Produkte mit dem Versprechen an den Mann und an die Frau zu bringen, man würde sich dadurch Befreiung vom drögen Alltagsleben erkaufen können.

Die Bedeutung des „Moments“ im Sinne Lefebvres wäre deshalb unzureichend dargestellt, wenn wir es bei den bislang dargestellten Bestimmungen bewenden lassen würden. Bislang hatte ich, als wesentliche Bestimmung, nur herausgehoben, daß das Moment Resultat einer Wahl ist. Seine Elemente findet diese Wahl im Alltagsleben, transzendiert dieses aber dadurch, daß es dieses Element aufnimmt und totalisiert. Totalisierung heißt hier, daß durch das Ergreifen des Momentes, alle anderen Elemente des Alltagslebens dazu in Bezug gesetzt werden und dadurch einen Sinn erhalten.

Dies würde nun zwar schon ausreichen, um ein Lefebvresches Moment von den Pseudomomenten des Spektakels abzugrenzen, die, aufgrund ihres Abstandes vom Alltag, diesen gerade nicht verändern, sondern dessen Sinnlosigkeit vielmehr verstärken. Doch tatsächlich sind die Momente bei Lefebvre noch deutlich genauer bestimmt; und diese genauere Bestimmung wird uns heute und auch nächste Woche beschäftigen.

Es ist dabei ganz hilfreich, die Kategorie des Momentes von der des Ereignisses und auch der der Situation abzugrenzen. Ich hatte hier im Blog bereits vor geraumer Zeit auf die Bedeutung des Ereignisses für Bewegungen hingewiesen. In der Tat haben Ereignis und Moment einige gemeinsame Bestimmungen: Sie sind beide nicht determiniert und der Durchgang durch sie verändert ganz grundlegend die Art und Weise, wie die Welt erfahren wird: Der Sinnzusammenhang der Welt wird durch Ereignis wie Moment neu geordnet, die Verhältnisse erhalten eine neue Bedeutung. Doch diese Gemeinsamkeiten sollten nicht über die Differenzen hinwegtäuschen. Das Moment ist Resultat einer Wahl, ihm liegt eine mehr oder minder bewußte Entscheidung zu Grunde. Das Ereignis hingegen bricht einfach über die darin Involvierten herein. Es ist zutiefst traumatisch: Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war ein solches traumatisches Ereignis. Wenn man so will, setzt das Ereignis die freie Subjektivität überhaupt erst in Gang, indem es das bestehende Ordnungsgefüge zum Einsturz bringt. Das Moment hingegen ist bereits das gewollte Resultat einer freien, subjektiven Entscheidung. Das Ereignis eröffnet einen Möglichkeitsraum, das Moment nutzt ihn.

Das ist nicht die einzige Differenz. Das Ereignis ist wesentlich einmalig. Es bricht von außen in den Alltag herein und bringt dessen festgefahrene Strukturen zum Wanken. Das Moment hingegen konstituiert sich im Inneren des Alltags und ist ganz wesentlich wiederholbar. Nehmen wir unser (und auch Lefebvres) Lieblingsbeispiel für ein Moment, das Moment der Liebe. Selbst die erste große Liebe ist bereits eine Wiederholung. Schon bevor wir diese Erfahrung selbst durchleben, wissen wir, was eine große Liebe ist. Auch wenn wir nie von Romeo und Julia gehört haben, sind unsere Vorstellungen über das, was das Moment der Liebe ausmacht, kulturell präformiert. Die großen Kunstwerke haben uns gelehrt, was die Momente sind (dazu nächste Woche mehr), und dieses Wissen sickert, wenn auch verzerrt und banalisiert, noch herunter bis in den letzten Dreck der Kulturindustrie. Die Momente sind somit nie einmalig, sondern sie haben immer diesen größeren Horizont, der ihre Erfahrung zu einem Paradox macht: Sie sind, während sie durchlebt werden, gleichzeitig einzigartig und allgemein, sowohl zeitlich wie auch zeitlos.

Deshalb ist die Anzahl der verschiedenen möglichen Momente endlich. Im Rahmen unserer kulturellen Präformierung gibt es nur eine begrenzte Menge von Momenten, die die totalisierende Erfahrung erlauben. Es ist nicht einfach möglich, neue Momente zu erfinden, so wie die Marketingstrategen des Spektakels neue Events kreieren. Dennoch ist es, Lefebvre zufolge, kaum möglich, eine genaue Liste denkbarer Momente aufzustellen. Im historischen Verlauf verschwinden manche Momente, während gleichzeitig neue hinzukommen. Wir erkennen hier wieder Lefebvres strikte Weigerung, ontologisch zu denken. Die Momente sind nicht an ein überhistorisches menschliches Wesen gebunden, sondern an die historische bestimmte gesellschaftliche Entwicklung.

Gleichzeitig unterscheidet sich das Moment aber auch von der Situation – ein wichtiger Diskussionspunkt zwischen Lefebvre und den Situationisten ([4]). Im Gründungsmanifest der Situationistischen Internationale hatte Debord geschrieben:

„Wie müssen versuchen, Situationen zu konstruieren, d.h. kollektive Stimmungen, eine Gesamtheit von Eindrücken, die die Qualität eines Augenblicks bestimmen.“ ([1], S. 49)

Diese konstruierten Situationen sollten das klassische Kunstwerk mit seinen Trennungen aufheben. Im Gegensatz zum Ereignis ist also die Situation – so wie sie die Situationisten verstanden – nicht kontingent, sie bricht nicht von außen herein, sondern ist das Resultat eines Willensaktes. Das verbindet sie mit dem Moment. Andererseits soll die Situation aber auch einzigartig sein: Sie wird konstruiert, um eine bestimmte, einmalige, nicht wiederholbare Erfahrung zu ermöglichen.

Dadurch mangelt es ihr aber an einer soliden Fundierung. Das deutet sich schon in Debords erstem Entwurf an:

„Die situationistischen Techniken müssen noch erfunden werden. […] Wie müssen mit einer beschränkten Experimentalstufe beginnen. Vermutlich sollten wir, trotz unvermeidlicher anfänglicher Unzulänglichkeiten, Pläne von Situationen – wie Drehbücher – vorbereiten. Es wird also notwendig sein, ein System zu fördern, dessen Genauigkeit in dem Maße steigt, wie wir durch unsere Konstruktionsexperimente weiter kommen.“ ([1], S. 51)

Die Konstruktion von Situationen ist ein reiner Willkürakt, dessen Möglichkeit keinerlei Notwendigkeit beinhaltet, auch wenn sich Debord mit Marx Mut zuspricht:

„Wir wissen aber, daß eine Aufgabe sich nur dort stellt, wo die zu ihrer Verwirklichung notwendigen materiellen Bedingungen schon vorhanden oder wenigstens im Entstehen begriffen sind.“ ([1], S. 51, vgl. [3], S. 9)

Tatsächlich wurde der Plan einer konkreten situationistischen Praxis ab 1962 aufgegeben. Die Momente hingegen, wie sie Lefebvre versteht, sind fundiert: Nicht ontologisch, aber in der kulturellen Praxis. Die Lefebvresche Wahl des Momentes ist somit kein leerer Voluntarismus, keine beliebige Entscheidung, die sich einer völlig abstrakten Subjektivität verdankt, sondern substantiell. Wobei diese Substantialität, ich kann das nur noch einmal wiederholen, keineswegs ontologisch aufzufassen ist.

Welche Rolle Lefebvre in diesem Zusammenhang der Kunst zuweist, erfahren Sie nächste Woche, wenn er erklärt:

„Die ästhetische Tätigkeit verwandelt, transfiguriert das Wirkliche; sie »reflektiert« es nur in einem ganz spezifischen Wortsinn. Ihr vorherrschendes Interesse ist nicht logische Kohärenz. Sie produziert im Wirklichen eine andere Wirklichkeit, Wirkliches gewordene Imagination.“ ([2],S. 331)

Literaturverzeichnis

[1] Debord, G., Rapport zur Konstruktion von Situationen, Hamburg 1980.

[2] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

[3] Marx, K.: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 13, Berlin 1956ff.

[4] Situationistische Internationale: „Die Theorie der Momente und die Konstruktion von Situationen“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 1, Hamburg 1976, S. 125 – 127.

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Written by alterbolschewik

8. Juni 2012 um 14:51

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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