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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Symbole (1)

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„Jedes Symbol hat, isoliert gefaßt, seine eigene Wirkung und sein besonderes Prestige. […] Es zieht einen ganzen Schweif von Affekten und Imaginationen nach sich.“

Henri Lefebvre, Kritik des Alltagslebens

Ich hätte das vielleicht schon längst sagen sollen: Was ich hier über Henri Lefebvres Theorie der Momente erzähle, ist kein einfaches Referat seiner Konzeption, sondern eine Interpretation. Natürlich habe ich mich, so gut es ging, an seine Darstellungen in La somme et le reste ([2], S. 233ff, S. 335ff, S. 637ff) bzw. der Kritik des Alltagslebens ([3], S. 176ff) gehalten. Und ich bin ganz zuversichtlich, daß das, was ich bislang dargestellt habe, sich auch weitgehend mit dem von Lefebvre Intendierten deckt. Doch wenn ich im Folgenden versuchen will, den Zusammenhang der Theorie der Momente mit Lefebvres Theorie des semantischen Feldes darzustellen, komme ich etwas ins Schwimmen. Das liegt (nicht ausschließlich) an meiner Unfähigkeit, sondern ist in den Texten selbst begründet.

Lefebvres Schreibweise ist essayistisch, auch die umfangreicheren Werke folgen keiner strengen Darstellungslogik, sondern sind aus scheinbar unzusammenhängenden, fragmentarisch wirkenden Textteilen zusammengestellt. Dahinter steckt keineswegs ein systematisches Unvermögen Lefebvres, sondern Absicht. In dieser Art der Darstellung kommt seine an Nietzsche geschulte und in der Kritik des Stalinismus geschärfte Abneigung gegen philosophische Systeme jedweder Art zum Ausdruck. Die einzelnen Bruchstücke seiner größeren Werke verweisen zwar implizit aufeinander, doch der explizite Zusammenhang bleibt bewußt unausgesprochen. Es gibt kein Lefebvresches „System“.

Die expliziten Verweise zwischen der Theorie der Momente und der Theorie des semantischen Feldes sind deshalb rar und lassen gewaltige Interpretationsspielräume offen. Ich kann deshalb nicht mehr machen als dem geneigten Publikum meine sehr subjektive Sicht auf diesen Zusammenhang vor- und zur Diskussion zu stellen.

Vordergründig ist die Theorie des semantischen Feldes eine Kritik der strukturalistischen Linguistik, wie sie in der Nachfolge von Ferdinand de Saussure damals ziemlich en vogue war. Für diese strukturalistische Linguistik bestehen die Zeichen aus zwei Komponenten, nämlich dem Signifikanten und dem Signifikat, dem (willkürlichen) Bezeichner einerseits und der damit gemeinten Bedeutung andererseits. Wo im Deutschen der Bezeichner „Stuhl“ verwendet wird, nimmt der Angelsachse den Bezeichner „chair“ und der Franzose „chaise“. Die Bedeutung ist aber immer die selbe, nämlich die Vorstellung eines bestimmten Sitzmöbels. Der Zusammenhang zwischen dem Bezeichner und dem Bezeichneten ergibt sich also nicht unmittelbar aus dem Bezeichner, sondern erst im Zusammenhang der Sprache als Ganzer. Platt ausgedrückt: Bedeutung entsteht nicht dadurch, daß Laute (oder Schriftbilder) auf Dinge bezogen werden, sondern daß diese Bezeichner in die Struktur der Sprache eingebettet sind. Es ist der innersprachliche Zusammenhang, der Bedeutung generiert, nicht der Verweis auf Außersprachliches.

Doch der strukturalistische Aspekt soll uns hier gar nicht so sehr interessieren (obwohl Lefebvre auch ein vehementer Kritiker des Strukturalismus war); ich will mich vielmehr auf einen anderen Aspekt von Lefebvres Kritik an diesem Modell konzentrieren. Lefebvre kritisiert nämlich daran, daß die Natur des Zeichens in dieser Theorie viel zu eng gefaßt ist. Lefebvre zufolge ist das semantische Feld, also der weite Raum der Zeichen, durch sehr unterschiedliche Zeichentypen charakterisiert, die sich in ihren Extremen gewaltig unterscheiden. Das sprachliche Zeichen, das der strukturalen Linguistik als Modell dient, ist für ihn eher im Mittelfeld angesiedelt, während die Pole des semantischen Feldes vom Signal auf der einen und dem Symbol auf der anderen Seite gebildet werden.

Am einfachsten ist es, wenn wir uns der Theorie des semantischen Feldes von der Seite des Signals her nähern:

„Das Signal hat eine vollständig fixierte und fixe, definierte und definitive, präzise und imperative Bedeutung; es verknüpft zwei sich ausschließende »Möglichkeiten«: Verbot die eine, Gebot die andere. Zweck der Signale ist die Konditionierung von Verhaltensweisen; sie bilden geschlossene Systeme, die, ohne Vermischung sich akkumulierend, die Alltäglichkeit programmieren.“ ([4], S. 298)

Das Signal hat, anders als das (sprachliche) Zeichen, eben keine Bedeutung im strengen Wortsinne. Es dient allein der Konditionierung. Bestes Beispiel dafür ist die Verkehrsampel: Bei rot stehen, bei grün gehen. Da gibt es nichts zu interpretieren. Ich kann vielleicht die Situation, in der das Signal erscheint, interpretieren und bei rot über die Straße gehen. Doch das Signal selbst ist nicht interpretierbar, es ist absolut eindeutig. Der Witz daran ist, daß das Signal vollkommen willkürlich und gleichzeitig völlig determiniert ist. Es erlaubt keinerlei Kommunikation, sondern nur Gehorsam (oder Verweigerung).

Historisch ist das Signal eine sehr junge Form des Zeichens:

„Erste Impulse kommen von der Industrie: Die Dinge werden zu Verhaltenssignalen.“ ([4], S. 319)

Es ist der entstehende Kapitalismus, der Zeichen zu Signalen entwertet, zu Hilfsmitteln der bloßen Konditionierung der Individuen. Es geht nicht um Mitteilung, gar Austausch, sondern um Befehl und Gehorsam. Dies ist das eine Extrem des semantischen Feldes.

Auf der anderen Seite des Zeichenspektrums finden wir die Symbole. Diese sind gerade nicht neueren Datums, sondern reichen bis in die Ursprünge der Menschheit zurück. Tatsächlich greift Lefebvre mit der Theorie der Symbole über den Bereich der Sprach- oder Kommunikationswissenschaft hinaus und bringt einen neuen Aspekt mit hinein, nämlich den der Ästhetik. Für seine Theorie der Symbole bezieht sich Lefebvre nicht auf einen Linguisten oder Kommunikationswissenschaftler, sondern auf einen Philosophen: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Die Grundlagen von Lefebvres Theorie der Symbole entnimmt er dessen Ästhetik, bei der die Kategorie des Symboles im Zentrum steht.

Die ästhetische Entwicklung wird von Hegel – was bei ihm nicht wirklich verwundert – in drei grundsätzlich verschiedene Phasen aufgeteilt. Sie beginnt mit der symbolischen Kunst. Das ist die erste Phase. Diese symbolische Kunst wird abgelöst durch die klassische, die schließlich Platz macht für die romantische Kunst (in der das Symbol auf neuer Ebene wieder erscheint). Das verblüffende an diesem speziellen dialektischen Dreischritt ist nun allerdings, daß gerade die mittlere Phase, die klassische Kunst, ausnahmsweise nicht das Negative, das in sich Zerrissene darstellt, sondern im Gegenteil die Einheit repräsentiert, das Höchste, was Kunst überhaupt erreichen kann. Die romantische Kunst hingegen ist bereits ein Zeichen der Auflösung. Mit ihr geht die Kunst ihrer eigenen Aufhebung entgegen, weil das, was Kunst eigentlich will, nicht durch die Kunst selbst, sondern nur durch deren Aufhebung zu verwirklichen ist.

So abstrakt dargestellt lassen sich in dieser Bewegung durchaus Analogien zu dem finden, was wir bislang bei Lefebvre kennengelernt haben. Auch sein revolutionärer Romantizismus versteht sich als Aufhebung des Klassizismus, allerdings in kritischer Absicht. Und auch bei ihm kann die Romantik nicht bei der Kunst stehen bleiben, sondern muß über diese hinausgehen, sich in einem anderen Medium verwirklichen, das nicht mehr Kunst wäre.

Soweit die Analogie, die allerdings bei näherer Betrachtung ziemlich oberflächlich ist: Mit klassischer Kunst meint Hegel die antike Kunst, während für ihn die romantische Kunst mit dem christlichen Mittelalter beginnt. Lefebvre entwendet die Kategorien Hegels und gebraucht sie in einem recht eigentümlichen Sinn, wenn er die hegelschen Kategorien der klassischen Kunst auf den französischen Klassizismus in der Folge der französischen Revolution und die romantische Bewegung dagegen bezieht; und dann die Analogie weitertreibt, indem er sie auf den sozialistischen Realismus und eine notwendige Bewegung dagegen überträgt. Doch diese Entwendung und Analogiebildung wird sich als außerordentlich fruchtbar erweisen, wie wir anhand der Theorie der Symbole sehen werden, die Lefebvre direkt aus der Hegelschen Ästhetik aufnimmt.

Freuen Sie sich also nächste Woche auf Hegel, wenn dieser erklärt, im Symbol

„haben die sinnlichen vorhandenen Existenzen schon in ihrem eigenen Dasein diejenige Bedeutung, zu deren Darstellung und Ausdruck sie verwendet werden; und das Symbol […] ist deshalb kein bloß gleichgültiges Zeichen, sondern ein Zeichen, welches in seiner Äußerlichkeit zugleich den Inhalt der Vorstellung in sich selbst befaßt, die es erscheinen macht.“ ([1], S. 395)

Nachweise

[1] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Ästhetik I“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 13, Frankfurt a. M. 1970.

[2] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[3] Lefebvre, H., Kritik des Alltagslebens – Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit II, Kronberg/Ts. 1977.

[4] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

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Written by alterbolschewik

15. Juni 2012 um 11:00

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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