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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Symbole (2)

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„Symbol überhaupt ist eine für die Anschauung unmittelbar vorhandene oder gegebene äußerliche Existenz, welche jedoch nicht so, wie sie unmittelbar vorliegt, ihrer selbst wegen genommen, sondern in einem weiteren und allgemeineren Sinne verstanden werden soll.“

G.W.F. Hegel, Ästhetik

Ich hatte bereits letzte Woche darauf hingewiesen, daß ich mich mit der Interpretation von Lefebvres Theorie der Symbole auf ziemlich dünnem Eis bewege. Ich halte das dennoch für außerordentlich wichtig, denn ohne diese Theorie der Symbole – egal ob man diese dann für plausibel halten mag oder nicht – ist die Theorie der Momente unvollständig und kann zu gewaltigen Irrtümern verführen.

Man verstünde die Momente – die in der Strategie eines revolutionären Romantizismus eine tragende Rolle spielen – völlig falsch, wenn man sie nur als subjektiven, voluntaristischen Akt würde. Ich habe in den letzten Wochen mit einer ganzen Reihe von Leuten über diese Lefebvresche Theorie diskutiert und feststellen müssen, daß ich selbst ziemliche Schwierigkeiten habe, zwei zentrale Punkte dieser Theorie klar und deutlich zu entwickeln.

Das eine ist die Frage nach der Objektivität des individuellen Momentes. Wenn sich darauf eine revolutionäre Hoffnung (vielleicht sogar eine Strategie) gründen soll, kann das Moment kein einfacher voluntaristischer Akt sein, sondern muß über ein objektives Fundament verfügen. Und die zweite Frage ist die, wie sich, einmal vorausgesetzt, die Objektivität des Momentes sei begründet, sich aus dieser individuellen Erfahrung ein kollektives Handeln begründen ließe.

Lassen wir zunächst die zweite Frage außen vor und versuchen zunächst mit Lefebvre die erste Frage zu beantworten. Für ihn ist das Moment kein voluntaristischer Akt, auch wenn es eine initiierende freie Entscheidung voraussetzt. Denn diese Entscheidung ist gebunden an eine konkrete Möglichkeit, die abgelehnt oder ergriffen werden kann. Und diese konkrete Möglichkeit ergibt sich keineswegs aus einer völlig subjektiven Situation, sondern muß, damit sie sich zum Moment verdichten kann, bereits als Blaupause vorliegen. Ich habe bereits vor zwei Wochen auf den objektiven Charakter des Momentes verwiesen und es vom Ereignis und der Situation abgegrenzt: Wenn ich mich verliebe, dann ist das nichts, was ich mir selbst ausdenke, denn schon bevor ich mich das erste Mal verliebe, habe ich die entsprechenden Bilder im Kopf, die mich anleiten. Ich bewege mich dabei in einem kulturell und historisch geformtem Rahmen, der meiner ganz subjektiven Entscheidung allgemeine Objektivität verleiht. Die Form, die meine Entscheidung annehmen kann, ist vor der Entscheidung bereits gegeben, ja, sie eröffnet überhaupt erst den Raum, der eine Entscheidung ermöglicht.

Daraus ergibt sich die Aufgabe zu verstehen, wie diese Bilder entstehen, die uns überhaupt die Möglichkeit zur Entscheidung erlauben. Es geht darum, den (nicht ontologischen) Grund zu finden, der das Möglich-Unmöglichen als Alternative zur Alltäglichkeit zuläßt. Und diesen Grund finden wir im Symbol, mit dessen Theorie letzte Woche gegonnen wurde.

Ich hatte bereits darauf hingewiesen, daß Lefebvres Theorie des Symbols ganz wesentlich durch Hegels Ästhetik geprägt ist. Lefebvre ist sich mit Hegel darin einig, daß die Kunst aus sich selbst zu ihrer Aufhebung drängt, denn das, was Kunst eigentlich will, ist nicht innerhalb der Kunst zu haben. Nur in ihrer Aufhebung realisiert sich die Kunst selbst.

Nun unterscheidet sich die Hegelsche Auffassung darüber, worum es in der Kunst geht, ziemlich grundlegend von der Lefebvres. Für Hegel ist es das Ziel der Kunst, die absolute Idee in sinnlicher Gestalt darzustellen. Es kommt also darauf an, im Sinnlichen über das Sinnliche hinauszugehen. Und genau dies ist der Anfang der Kunst, wie er sich in der symbolischen Kunstform ergibt, die die Kunst sogenannter „primitiver“ Epochen ist:

„Die abstrakte Idee hat in dieser Form ihre Gestalt außerhalb ihrer in dem natürlichen sinnlichen Stoff, von welchem nun das Gestalten ausgeht und daran gebunden erscheint. Die Gegenstände der Naturanschauungen werden einerseits zunächst gelassen, wie sie sind, doch zugleich wird die substantielle Idee als ihre Bedeutung in sie hineingelegt, so daß sie nun dieselbe auszudrücken den Beruf erhalten und so interpretiert werden sollen, als ob in ihnen die Idee selbst gegenwärtig wäre.“ ([1], S. 107f)

Als Symbole laden sich die Dinge – zumindest bestimmte Dinge – mit zusätzlicher Bedeutung auf. Die Sonne als Symbol ist – besonders für agrarische Gesellschaften – eben nicht nur ein Himmelskörper. Sie ist ein Symbol für das Leben schlechthin, weshalb sie selbst zum Gegenstand der Verehrung werden kann. Allerdings ist die Sonne als Symbol völlig ungeschieden von ihrer Bedeutung: Die Sonne ist unmittelbar die lebensspendende Kraft, als die sie verehrt wird. Insofern ist sie in den Augen Hegels noch kein wirkliches Symbol: Es fehlt die Differenzierung zwischen Bedeutung und Gestalt. Für das Symbol im eigentlichen Sinn ist entscheidend,

„daß die Identität der Bedeutung und ihres realen Daseins keine mehr unmittelbare, sondern eine aus der Differenz hergestellte und deshalb nicht vorgefundene, sondern aus dem Geist produzierte Einigung ist.“ ([1], S. 453)

Im Gegensatz zu primitiveren Formen der menschlichen Kultur, wo das Ding unmittelbar als göttlich betrachtet wird, ist im echten Symbol das Bewußtsein der Differenz vorhanden. Das Symbol wird als Zeichen begriffen, es drückt etwas aus, das anders nicht ausdrückbar wäre, aber es ist nicht mit diesem Ausdruck identisch:

„Das bloß Natürliche und Sinnliche stellt sich selbst vor, das symbolische Kunstwerk dagegen, mag es Naturerscheinungen oder menschliche Gestalten vors Auge bringen, weist sogleich aus sich heraus auf anderes hin, das jedoch eine innerlich begründete Verwandtschaft mit den vorgeführten Gebilden und eine wesentliche Bezüglichkeit auf sie haben muß.“ ([1], S. 454)

Hegel erwähnt hier interessanterweise neben Zahlen- oder Tiersymbolik unter anderem beispielhaft

„labyrinthische Gänge als Symbol für den Kreislauf der Planeten, wie auch Tänze in ihren Verschlingungen den geheimeren Sinn haben, die Bewegungen der großen elementarischen Körper symbolisch nachzubilden.“ ([1], S. 455)

Konkret erfahrbare Dinge sind gleichzeitig mit Bedeutung aufgeladen und bringen diese Bedeutung zum Ausdruck. Für Lefebvre ist es die direkte Aufladung der alltäglichen Erfahrung mit einem über diese hinausgehenden Sinn, die die Symbole so interessant macht:

„Was uns als paradox erscheint, ist es nicht gerade der Umstand, daß in einer solchen Gesellschaft das Alltagsleben weder von den Symbolismen getrennt noch mit ihnen vermengt war? Der »Primitive« wußte sehr genau, wann und wie er es mit der Quelle oder dem Berg als heiligen Mächten zu tun hatte und wann mit der Quelle oder dem Berg im profanen und praktischen Leben. Profanes und Heiliges, Alltägliches und Symbolisches gingen nicht durcheinander und traten auch nicht auseinander.“ ([2], S. 136)

Als Symbole führen konkrete Dinge ein substantielles Leben – sie sind sie selber und repräsentieren gleichzeitig etwas anderes. Gegenüber den sprachlichen Zeichen sind die Symbole deutlich mächtiger, denn sie haben nicht nur eine Bedeutung. Denn da sie ihre Bedeutung in ihrer äußeren Gestalt selbst direkt ausdrücken, sind sie, anders als die sprachlichen Zeichen, direkte Träger von Sinn. Dieser expressive Charakter der Symbole sorgt dafür, daß sie, anders als die Sprache, die Sinn erst im Diskurs konstituiert, unmittelbar affektiv wirken. Sie durchdringen das Alltagsleben unmittelbar und laden dieses mit Sinn auf.

Seien Sie also gespannt darauf, wenn Henri Lefebvre nächste Woche erklärt:

„Was also bliebe uns anderes, als nach den Werken der Vergangenheit zu greifen? Sie interessieren uns nicht nur, sie faszinieren uns, und wir wenden uns an sie mit der verzweifelten Bitte um Sinn und Stil.“ ([2], S. 157)

Nachweise

[1] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Ästhetik I“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 13, Frankfurt a. M. 1970.

[2] Lefebvre, H., Kritik des Alltagslebens – Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit II, Kronberg/Ts. 1977.

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Written by alterbolschewik

22. Juni 2012 um 12:13

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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