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Symbole (3)

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„Die eigentlichen Symbole sind vor- und nachher unaufgelöste Aufgaben.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ästhetik

Wir hatten in der letzten Folge gesehen, daß sich die Symbole von sprachlichen Zeichen dadurch unterscheiden, daß Signifikant und Signifikat nicht willkürlich aufeinander bezogen sind, die Bedeutung nicht von der konkreten Gestalt des Symbols unabhängig ist und vice versa. Der Vater etwa als Symbol ist einerseits die konkrete patriarchale Autorität, andererseits aber auch der Repräsentant von Recht und Ordnung im Allgemeinen. Das eine ist aber vom anderen nicht deutlich geschieden; das Symbol oszilliert zwischen dem Konkreten und dem Allgemeinen, zwischen der Unmittelbarkeit der Erfahrung und dem nur stellvertretenden Charakter dieses konkreten Symbols.

Für Hegel macht dieses Oszillieren die Schwäche des Symboles aus, ihm fehlt die Klarheit, die für ihn die klassische Kunst dann auszeichnen soll. Er konstatiert, daß

„im Symbolischen die Bedeutung dunkel bleibt und etwas anderes enthält, als das Äußere, an dem sie sich darstellen soll, unmittelbar gibt.“ ([2], S. 66)

Beim Symbol weiß man nie, ob man es mit dem Ding selbst oder einer von diesem geschiedenen, allgemeinen Bedeutung zu tun hat. Die Symbole sind somit tastende Versuche, das Absolute (für Hegel: den Geist) in sinnlicher Gestalt zu repräsentieren. Diese Versuche müssen aber aufgrund der Bindung an starre, konkrete Dinge notwendig unbefriedigend bleiben. Erst die klassische griechische Kunst, die das Göttliche in menschlicher Gestalt repräsentiert, ist in der Lage, die Fülle des Geistes sinnlich erfahrbar zu machen.

Im Gegensatz dazu ist die symbolischen Kunst, selbst in ihrer vollendetsten Form, der ägyptischen, nicht in der Lage, die Kluft zwischen Sinnlichkeit und Geist zu überbrücken. Zwar repräsentiert die ägyptische symbolische Kunst eine transzendente Götterwelt, doch diese wird durch die Symbolisierung nicht verständlich, sondern bleibt geheimnisvoll und rätselhaft:

„In diesem Sinne sehen wir es den ägyptischen Kunstwerken an, daß sie Rätsel enthalten, für welche zum Teil nicht nur uns, sondern am meisten denen, die sie sich selber aufgaben, die rechte Entzifferung nicht gelingt.“ ([1], S. 465)

Mit anderen Worten: Die alten Ägypter versuchten mit ihrer Kunst etwas zu fassen, was jenseits ihrer historischen Möglichkeiten, es zu begreifen, lag.

„Die Werke der ägyptischen Kunst in ihrer geheimnisvollen Symbolik sind deshalb Rätsel, das objektive Rätsel selbst. Als Symbol für diese eigentliche Bedeutung des ägyptischen Geistes können wir die Sphinx bezeichnen. Sie ist das Symbol gleichsam des Symbolischen selbst.“ ([1], S. 465)

Die klassische Kunst hingegen ist die Überwindung dieses Rätsels. Die Uneindeutigkeit und Widersprüchlichkeit der Symbole soll verschwinden. Es ist der Mythos, der sich mit seiner Linearität der Erzählung dem Rätselcharakter der Symbole entgegenstellt. Im Mythos von Ödipus ist diese zerstörung der symbolischen Kunst eingefangen:

„In diesem Sinne ist es, daß die Sphinx in dem griechischen Mythos […] als das Rätsel aufgebende Ungeheuer erscheint. […] Ödipus fand das einfache Entzifferungswort, daß es der Mensch sei, und stürzte die Sphinx vom Felsen. Die Enträtselung des Symbols liegt in der anundfürsichseienden Bedeutung, dem Geist, wie die berühmte griechische Aufschrift dem Menschen zuruft: Erkenne dich selbst!“ ([1], S. 465f)

In der klassischen Kunst verschwindet die Rätselhaftigkeit der Symbole, ihre unklare Mehrdeutigkeit:

„Denn die klassische Schönheit hat zu ihrem Inneren die freie, selbständige Bedeutung, d. i. nicht eine Bedeutung von irgend etwas, sondern das sich selbst Bedeutende und damit auch sich selber Deutende.“ ([2], S. 13)

Die klassische Kunst ist ohne weiteres zugänglich, ein offenes Buch; hier sind die wohlgerundeten, in sich ruhenden Werke zu finden, die rein aus sich selbst zu verstehen sind. Daß dies das bürgerliche Kunstideal des frühen 19. Jahrhunderts war, das von Hegel auf die griechische Kunst projiziert wurde, ist offensichtlich.

Was fängt nun Henri Lefebvre mit dieser Hegelschen Interpretation des Symbols an? Er stellt sie, um die berühmte Phrase zu gebrauchen, vom Kopf auf die Füße. Ich hatte schon vor einiger Zeit auf Lefebvres Ablehnung des klassizistischen Ideals hingewiesen. Klassizismus ist für ihn die Kunst der etablierten Ordnung. Er weist nicht über sich hinaus, sondern bestätigt das, was ist.

Das Symbol in seiner Uneindeutigkeit und Rätselhaftigkeit weist über das Bestehende hinaus. Es ist eine Aufforderung, sich Fragen zu stellen, sich von der scheinbaren Klarheit und Eindeutigkeit der klassischen Kunst zu distanzieren. Also gerade das, was Hegel am Symbol bemängelt, macht für Lefebvre dessen Stärke aus: Es ist rätselhaft und bringt damit Unruhe herein.

In der Kunst ist es die Romantik, die sich auf Symbole stützt, um mit deren Hilfe das Gegebene zu übersteigen:

„Die Klassik geht von den Mythen aus und expliziert sie im Sinne der anerkannten Ordnung, auch wenn sie diesen Sinn ursprünglich nicht aufweisen. Die Romantik hingegen stützt sich eher auf Symbole denn auf Mythen.“ ([3], S. 337)

Die Symbole werden in der romantischen Bearbeitung zu Kristallisationskernen, an denen sich die Ablehnung der etablierten Ordnung manifestiert:

„Der romantische Künstler operiert bereits mit bestehenden und spezifizierten Symbolismen unter Vernachlässigung der Mythen, Begriffe und Normen. Er akzeptiert gesellschaftliche Symbole und auf Gesellschaftliches bezogene Bilder insoweit, als er ihren historischen und objektiven Gehalt als den seines privaten Bewußtseins nimmt und sein eigenes – unbewußtes oder bewußtes – Verhältnis zur Natur in jene Bilder hineinträgt. Er »ersetzt« das Objektive durch das Subjektive, die Begriffe durch das Bild,die Idee durch das Gefühl.“ ([3], S. 338)

Der Clou an der ganzen Sache ist, daß dieses völlig individualisierte künstlerische Gestalten aufgrund dessen, daß es durch die Symbole geerdet ist, keineswegs partikular ist, im Gegenteil:

„Was so entsteht, ist ein emotioneller Realismus. Die Kontingenz entwickelt aus sich heraus eine neue Notwendigkeit. Obwohl er sich subjektiv außerhalb der Geschichte und des Gesellschaftlichen stellt, fängt der Romantiker beides ein.“ ([3], S. 339)

Weit davon entfernt, Weltflucht zu sein, expliziert die Romantik mit Hilfe der Symbole das, was die mit dem Mythos einsetzende Aufklärung verdrängt hat.

Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, daß Henri Lefebvre erklärt:

„Die Romantik hat ihr ästhetisches Projekt auf Symbole gegründet, die an sich nicht ästhetischer, sondern sozialer Natur waren. […] Die Kunst setzte einen schöpferischen Entfaltungsprozeß fort, der jenseits und diesseits von ihr entstanden war: die Bearbeitung von Symbolen und »affektiven Kernen« des gesellschaftlichen Daseins.“ ([3], S. 339)

Nachweise

[1] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Ästhetik I“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 13, Frankfurt a. M. 1970.

[2] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Ästhetik II“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 14, Frankfurt a. M. 1970.

[3] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

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Written by alterbolschewik

29. Juni 2012 um 15:48

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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