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Archive for Juli 2012

Über das Elend im Studentenmilieu

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„So lange ein weit verbreitetes revolutionäres Bewußtsein fehlt ist die quasi-terroristische Denunziation der offiziellen Welt die einzige mögliche geplante öffentliche Aktion von Seiten einer revolutionären Gruppe.“

situationist international, ten days that shook the university

Letzte Woche wurde in diesem Blog beschrieben, wie 1966 die mit der Studentengewerkschaft U.N.E.F. affiliierte studentische Interessensvertretung A.F.G.E.S in Strasbourg von einer Gruppe pro-situationistischer Studenten gekapert wurde; wie Mustapha Khayati von der Situationistischen Internationale für diese Gruppe von Studenten eine Broschüre über das Elend im Studentenmilieu verfaßte; und wie auf die Veröffentlichung dieser Broschüre durch propagandistische Aktionen eingestimmt wurde.

Im November wurden die letzten Vorbereitungen getroffen:

„Am 16. November kam Nouvelles, das Periodikum der A.F.G.E.S. heraus; aufgemacht war das Ganze mit einem Text auf Englisch, der von der revolutionären amerikanischen Gruppe »Black Mask« übermittelt worden war: »Ein neuer Geist erhebt sich. Die Revolution brennt in uns, wie in den Staßen von Watts…« Die Artikel waren für den neuen Ton des Vorstands bezeichnend: Kritik der Provo-Bewegung; ein Artikel, der den zehnten Jahrestag des Ungarischen Aufstandes feierte; Artikel, die die gewerkschaftliche Strategie der U.N.E.F. in Frage stellten; Unterstützung der Zengakuren, mit denen die A.F.G.E.S. Beziehungen unterhielt.“ ([2] , S. 86)

Die Publikation erregte Aufsehen und die A.F.G.E.S. kündigte eine Pressekonferenz für den 23. November an. Somit sollte die Pressekonferenz auf den Tag nach der feierlichen Eröffnung des Palais Universitaire fallen, die für den 22. November geplant war. Zu dieser Feier war auch der Vorstand der A.F.G.E.S., die ja zumindest offiziell immer noch die Studenten repräsentierte, eingeladen. Die Zeremonie mündete dann in das, was später der „Skandal von Strasbourg“ genannt werden sollte:

„Alle im Saal anwesenden Repräsentanten der Obrigkeit von Strasbourg, vom Bischof bis zum Präfekten, vom General bis zum Rektor Maurice Bayen, wurden so die ersten Leser eines Pamphletes, das ab dem nächsten Tag vor den Mensen und auf dem gesamten Universitätsgelände verteilt wurde.“ ([2], S. 87)

Bevor wir uns jedoch in einer der nächsten Folgen dieses Blogs mit den Reaktionen auf die Broschüre, die in einer 10.000er Auflage mit den Mitteln der A.F.G.E.S. gedruckt worden war, beschäftigen, einiges zum Inhalt dieser Broschüre.

Der Text selbst hat drei Teile, deren jeweilige Titel aus der Marxschen Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ([3]) bzw. dem 18. Brumaire ([4]) entlehnt sind. Der erste Teil ist, unter der Überschrift Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert, eine wütende Polemik gegen die Studentenschaft als solche und insbesondere deren sich „progressiv“ verstehenden Teil. Im zweiten Teil werden verschiedene sich als revolutionär verstehende Gruppen kritisch gewürdigt. Dieser Teil trägt den Titel: Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen. Und unter der Überschrift Endlich die Situation schaffen, die jede Rückkehr unmöglich macht wird dann schließlich im dritten Teil versucht, eine eigenständige revolutionäre Perspektive zu entwickeln.

Beginnen wir mit dem Anfang, der Kritik am Studentenmilieu. Aus dem Rückblick von nun beinahe einem halben Jahrhundert muß man leider sagen, daß die geäußerte Polemik nur insofern überholt ist, als daß die Verhältnisse inzwischen deutlich schlimmer sind. Bereits damals konstatierte Khayati, daß die Studenten sich in ihrer entfremdeten Position gemütlich eingerichtet haben:

„Da für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universität abfallen, freut sich der Student immer noch, Student zu sein. Zu spät. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen (im Verhältnis zum früheren Niveau bürgerlicher Allgemeinbildung) wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts.“ ([1])

Grund dafür ist,

„daß das alles beherrschende ökonomische System die Massenherstellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten verlangt.“ ([1])

Daß sich hier nichts zum Besseren verändert hat, ist offensichtlich – der sogenannte Bologna-Prozeß ist die offizielle Anerkennung dieser Tatsache. Aber genau diese offizielle Anerkennung ist es auch, was die Kritik aus dem Jahr 1966 heute einigermaßen zahnlos erscheinen läßt: Die Situationisten konnten noch davon ausgehen, daß es eine Diskrepanz gab zwischen dem, was ein Student sich einbildete, zu sein, und was er seiner faktischen Situation nach tatsächlich war.

Damals war es möglich, den Studenten immerhin zu unterstellen, sie würden ihre jämmerliche Existenz durch kulturellen Konsum kompensieren:

„Das wirkliche Elend des studentischen Alltags findet seinen unmittelbaren und fantastischen Ausgleich in seinem hauptsächlichen Opium: der kulturellen Ware. Im kulturellen Spektakel findet der Student ganz natürlich seinen Platz als respektvoller Schüler wieder. Nahe am Ort der Produktion, aber ohne ihn jemals zu betreten – das Heiligtum bleibt ihm untersagt – entdeckt der Student die »moderne Kultur« als bewundernder Zuschauer. In einer Epoche, wo die Kunst tot ist, bleibt er nahezu allein den Theatern und Filmklubs treu und der gierigste Konsument ihres Leichnams, der tiefgekühlt und zellophanumhüllt in den Supermärkten an die Hausfrauen des Überflusses verteilt wird. Er nimmt ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken und ohne Distanz daran teil. Da ist er in seinem natürlichen Element.“ ([1])

Diese Illusion, die die Studenten der 60er Jahre noch haben konnten, ist inzwischen verlorengegangen. Heute konsumieren ihre Nachfolger genau den gleichen kulturindustriellen Dreck wie alle anderen auch, statt sich auf ein vorgeblich elitäres Segment des Spektakels zu kaprizieren. Wozu auch? Niemand glaubt mehr, daß er mit seinem Master oder Bachelor zu einer gesellschaftlichen Elite gehören wird, von der eine gewisse kulturelle Distinktion erwartet wird. Statt von Illusionen werden die Studenten mittlerweile von nackter Angst beherrscht. Und das nicht zu Unrecht, weshalb die damalige Kritik jetzt ins Leere liefe. Inzwischen kann man keinen Studenten mehr schockieren, indem man ihn darüber aufklärt, daß er zu einem kleiner Kader innerhalb der Verwertungsmaschinerie des Kapitals ausgebildet wird; darüber macht er sich keine Illusionen. Heute ist er schon froh, wenn er überhaupt die Aussicht hat, ein kleiner Kader werden zu können und nicht gleich nach Abschluß seines Studiums überflüssig ist.

Angesichts dieser Veränderungen hat auch der zweite Teil des Pamphletes eigentlich nur noch historischen Wert. Hier ging es ebenfalls darum, durch die Kritik an diversen sich revolutionär verstehenden Gruppen die mit diesen verbundenen Illusionen zu zerstören und aus dieser Katharsis ein wahrhaft revolutionäres Bewußtsein hervorgehen zu lassen. Aus heutiger Sicht ist die Kritik an Gruppen wie beispielsweise den Amsterdamer Provos relativ belanglos: Im Großen und Ganzen lief die situationistische Polemik immer wieder darauf hinaus, die Partikularität der jeweiligen Bewegungsziele am Maßstab der einen großen, totalen Revolution zu messen.

Interessanter als der Hinweis auf die Defizite der Bewegungen war vielmehr der bei aller Kritik vorhandene affirmative Gehalt dieser Ausführungen: Auch wenn die Bewegungen selbst partikular waren, galten sie den Situationisten als Symptom für einen grundsätzlichen Aufbruch:

„Nach einer langen Periode lethargischen Schlafs und permanenter Konterrevolution zeichnet sich seit einigen Jahren eine neue Periode der Kritik ab, deren Träger die Jugend zu sein scheint. […] Die Revolte der Jugend gegen die Lebensweise, die ihr aufgezwungen wird, ist in Wirklichkeit nur das Vorzeichen einer umfassenderen Subversion, bei der alle mitwirken werden, die immer mehr die Unmöglichkeit zum Leben fühlen, das Vorspiel der nächsten revolutionären Epoche.“ ([1])

Aus diesen Symptomen versuchten die Situationisten dann eine revolutionäre Perspektive abzuleiten, die aber auf zwei grundlegende Mythen nicht verzichten wollte, den Mythos des Proletariats und den Mythos der Räte.

Freuen Sie sich also auf die nächste Woche, wenn wir uns diesen Revolutionsmythen zuwenden und Behauptungen wie der folgenden auf den Zahn fühlen:

„Das Proletariat, das bereits im 19. Jahrhundert zum Erben der Philosophie wurde, ist heute auch noch zum Erben der modernen Kunst und der ersten bewußten Kritik des alltäglichen Lebens geworden. Es kann sich nicht abschaffen, ohne zugleich die Kunst und die Philosophie zu verwirklichen.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Dumontier, P., Les Situationnistes et Mai 68, Paris 1990.

[3] Marx, K.: „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 1, Berlin 1956ff.

[4] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

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27. Juli 2012 at 14:34

Veröffentlicht in Situationisten

Die Rückkehr der Durutti-Kolonne

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Der Pariser Mai 1968 hat eine Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte beginnt nicht einige Monate vorher in Nanterre, sondern bereits einige Jahre früher und in der Provinz, genauer gesagt: In Strasbourg. Warum konnte im zentralistischen Frankreich einer Provinzuniversität eine solche initiierende Rolle zufallen? Nun, mit ein Grund dafür war sicherlich der Lehrkörper dieser Universität, insbesondere ein Professor für Soziologie, der dort seit 1960 lehrte: Henri Lefebvre.

Es hatte lange gedauert, bis Lefebvre einen Ruf an eine Universität erhielt: Er war 59 Jahre alt, als er in Strasbourg seine erste Professur bekleidete. Und er war von Anfang an im biederen Strasbourg eine skandalöse Erscheinung:

„Ich lebte zu dieser Zeit mit einer jungen Frau aus Strasbourg zusammen. Ich war der Skandal der Universität. Sie war schwanger, bekam eine Tochter (meine Tochter Armelle) und es war der Skandal der Stadt – etwas Entsetzliches, eine Abscheulichkeit. Strasbourg war eine sehr bourgeoise Stadt. Und die Universität lag nicht außerhalb der Stadt, sondern genau mittendrin.“ ([5])

Ein derartiger Professor zog natürlich diejenigen Studentinnen und Studenten an, die von der damaligen französischen Gesellschaft, ihrer Heuchelei und ihren Lügen, abgestoßen waren. Dafür gab es in der Nachkriegszeit genug Gründe – ein wesentlicher war der Kolonialkrieg, den Frankreich zu dieser Zeit in Algerien führte. Einige Studenten Lefebvres – die später eine entscheidende Rolle im sogenannten Skandal von Strasbourg spielen sollten – beschlossen, etwas gegen diesen Kolonialkrieg zu unternehmen. Sie kamen zu Lefebvre, um ihn, den alten Resistancekämpfer, um Unterstützung zu bitten:

„Sie sagten zu mir: »Wir brauchen Ihre Unterstützung. Wir werden einen maquis in den Vogesen errichten. Wir werden mit einer Militärbasis in den Vogesen beginnen und uns von dort aus über das gesamte Land ausbreiten. Wir werden Züge entgleisen lassen.« Ich antwortete: »Aber die Armee und die Polizei… Ihr könnt euch nicht sicher sein, die Unterstützung der Bevölkerung zu haben. Ihr führt eine Katastrophe herbei.« Also begannen sie mich zu beleidigen und einen Verräter zu schimpfen. Und, nach eine gewissen Zeit, ein paar Wochen später, besuchten sie mich wieder und erklärten mir: »Sie hatten recht, es ist unmöglich. Es ist unmöglich, eine Militärbasis in den Vogesen aufzubauen. Wir werden uns etwas anderes ausdenken.«“ ([5])

1966 stellte sich diese Truppe für die Wahlen zur Studentenvertretung (Association fédératives générale des étudiants de Strasbourg – AFGES) auf, einem lokalen Ableger der französischen Studentengewerkschaft UNEF. Ihr Programm war bestechend einfach: Die Gelder der Organisation zu deren eigener Zerstörung zu verwenden. Zu ihrer eigenen Verblüffung wurden sie gewählt, André Schneider und Bruno Vayr-Piova standen nun der AFGES vor. Doch sie hatten keine Anhnung, wie sie ihr Wahlprogramm umsetzen und das Geld unter die Leute bringen sollten.

„Sie beschlossen deshalb, die Situationisten zu kontaktieren, die sie ursprünglich inspiriert hatten, indem sie an das Postfach schrieben, dessen Nummer in der Ausgabe 10 der Internationale Situationniste erschienen war. Aus Paris erhielten sie eine freundliche Antwort und zur rechten Zeit traf eine Delegation aus Strasbourg ein, um sich im Sommer 1966 in Paris mit Debord und Mustapha Khayati zu treffen.“ ([2], S. 201)

Zusammen heckten sie einen Plan aus: Mit dem Geld der Studentengewerkschaft sollte eine Broschüre gedruckt und kostenlos verteilt werden, mit deren Hilfe ein Skandal provoziert werden sollte. Debord beauftragte Khayati, der 1964 zur Situationistischen Internationale gestoßen war und über gute Kontakte zum militanten palästinensischen Untergrund verfügte, den Text für diese Broschüre zu verfassen. Sie sollte eines der legendärsten Druckerzeugnisse der anti-autoritären Bewegungen werden. Ihr Titel: Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen ([1]).

Doch es galt nicht nur, diese Broschüre unter das Volk zu bringen; um den größtmöglichen Skandal zu provozieren, sollte die Publikation propagandistisch vorbereitet werden. Systematisch, wie heute beim sogenannten „launch“ einer neuen Marke, sollte das potentielle Publikum in einen Zustand gespannter Erwartung versetzt werden.

Die erste Aktion innerhalb dieser Vorbereitungsstrategie war reichlich infantil: Am 26. Oktober 1966 störte die Gruppe eine Vorlesung des mit Henri Lefebvre befreundeten Professors Abraham A. Moles, der mit Tomatenwürfen aus dem Hörsaal gejagt wurde. Dies ist ein frühes Beispiel der später noch öfter gebrauchten, äußerst unguten Taktik von Teilen der anti-autoritären Bewegungen, „Autoritäten“ einfach mundtot zu machen. Die fehlenden Argumente wurden einfach durch Trillerpfeifen – oder in diesem Fall: Tomaten – ersetzt. Und wie meist bei solchen Aktionen richtete sich diese Taktik nicht gegen ausgewiesen Reaktionäre, sondern gegen Personen, die dem aufkeimenden Protest zunächst einmal eher wohlgesonnen waren und sich dadurch als einfache Opfer anboten.

So auch im Fall von Moles. Dieser hatte sich schon 1963 für die Situationistische Internationale interessiert und einen – zugegebenermaßen eher dämlichen – Brief an deren Postfach geschickt, um die Kategorie der „Situation“ genauer zu klären. Debord veröffentlichte diesen Brief zusammen mit einer äußerst beleidigenden Antwort in der Nummer 9 der Internationale Situationiste ([4]). Doch offensichtlich reichte ihm das noch nicht, weshalb er drei Jahre später die neu gewonnenen Strasbourger Truppen erneut auf den armen Moles hetzte – eine Provokation die sich eher mit dem miesen Charakter Debords als aus irgendeiner politischen Notwendigkeit erklären läßt.

Der nächste Coup war deutlich origineller. Bereits im Jahr 1964 hatte die Situationistische Internationale mit neuen Propagandamöglichkeiten experimentiert und hatte zu diesem Zweck Bilder mit Sprechblasen verfremdet, die zum Teil in bizarrem Kontrast zu den Bildinhalten standen. Die Nummer 9 der Internationale Situationiste dokumentierte Flugblätter aus Spanien und Dänemark, „die gleichzeitig der eigentlichen politischen Zensur sowie er moralischen Pfaffenzensur Trotz bieten“ sollten und die als eine „neue Form der Propaganda“ ([6], S. 129) bezeichnet wurden.

In Anlehnung an diese ersten Experimente verfaßte dann ein gewisser André Bertrand ein vierseitiges Comic-Flugblatt aus zweckentfremdeten Bildern und Dokumenten, die mit Textblöcken und Sprechblasen zusammenmontiert wurden. Das Ganze ergab ein dadaistisches Manifest aus Absurditäten, Theorieversatzstücken und Beleidigungen, dem ein gewisser surrealer Witz nicht abgesprochen werden konnte. Die vier Seiten huldigten unter dem Titel „Die Rückkehr der Durutti-Kolonne“ der

„von dem katalonischen Revolutionär Buenaventura Durrutti (Bertrand war schwach in Rechtschreibung) angeführten Kolonne anarchistischer Truppen, die in den Anfangstagen des Spanischen Bürgerkriegs »von Dorf zu Dorf zog, die gesamte Sozialstruktur zerstörte und es den Überlebenden anheimstellte, sie von Grund auf neu zu errichten.«“ ([3], S. 433)

Außerdem erwies das Flugblatt dem anarchistischen Bombenleger Ravachol seine Referenz.

Alle aktuellen politischen Gruppen wurden hingegen mit Spott und Häme überzogen. Auf einem Bild unterhalten sich zwei Zahnbürsten unter der Überschrift „Es war Zeit, zum Handeln überzugehen…“. Die eine Zahnbürste fragt die andere: „Wen findest du eigentlich am lächerlichsten, die Faschisten, die UEC [Vereinigung der kommunistischen Studenten], die Gaullisten, die J.C.R. [trotzkistische Jugendorganisation] oder die Anarchisten vom »Monde Libertaire«?“, worauf die andere antwortet: „Ja, stimmt, all diese Typen sind, ob es ihnen bewußt ist oder nicht, mit der alten Welt solidarisch, gegen die es nun den Kampf aufzunehmen gilt.“

Was die Trotzkisten der erst ein Jahr zuvor gegründeten J.C.R. betraf, wurde das Flugblatt noch deutlicher, indem es einem Leninbild die Worte „Was die J.C.R. betrifft: Die ficke ich ebenfalls!“ in den Mund legt.

Der eleganteste und witzigste Angriff allerdings galt Henri Lefebvre, den das Ganze wahrscheinlich eher amüsiert als empört hat. Hierzu entwendete der Comic das Gemälde Der Tod des Sardanapal von Eugene Delacroix. Sardanapal war ein mythischer assyrischer König, der, so will es die Legende, als er von der militärischen Niederlage seiner Truppen erfährt, seine belagerte Stadt verbrennen und seinen ganzen Hofstaat niedermetzeln läßt, um sich dann selbst umzubringen. Die opulente Dekadenz, mit der Delacroix diese Szene darstellt, kontrastierte wunderbar den Worten, die der Comic Sardanapal alias Henri Lefebvre in den Mund legte:

Doch diese Comic-Attacken waren nur ein oberflächliches Geplänkel, das kurz darauf von der beworbenen Broschüre in den Schatten gestellt werden sollte. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, daß der Student in Frankreich nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Hussey, A., The Game of War. The Life and Death of Guy Debord, London 2001.

[3] Marcus, G., Lipstick Traces, Hamburg 1992.

[4] Moles, A. A. & Debord, G.: „Korrespondenz mit einem Kybernetiker“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 2, Hamburg 1977, S. 137 – 141.

[5] Ross, K.: „Interview mit Henri Lefebvre (Original in October 79, Winter 1997)“, URL: http://www.notbored.org/lefebvre-interview.html, abgerufen am 15. April 2012.

[6] Situationistische Internationale (Hg.), Situationistische Internationale Band 2, Hamburg 1977.

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21. Juli 2012 at 21:37

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

Kleine Zwischenmeldung

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Ich hatte mich ja bereits letztes Jahr über den Niedergang der antiautoritären Bewegungen im Terrorismus der RAF und der Bewegung 2. Juni ausgelassen. Dazu empfehle ich ausnahmsweise aktuell einen Film des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, der noch einige Tage in der Mediathek der ARD zu finden sein wird: München 1970.

Written by alterbolschewik

18. Juli 2012 at 22:59

Veröffentlicht in Terrorismus

Die gekreuzigte Sonne

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„In und kraft seiner Imagination überschreitet das Individuum das Unmittelbare und Gelebte; es ist das Individuum, das sich mit einem Vermögen zur Erforschung des Möglichen und zur Reaktivierung des Vollendeten ausstattet.“

Henri Lefebvre, Einführung in die Modernität

Wir hatten letzte Woche gesehen, daß für Henri Lefebvre die romantische Kunst in ihrer Imagination durch Symbole befeuert wurde – zumindest in der Phase, in der sie selbst gesellschaftliche Widersprüche zum Ausdruck brachte, eine Phase, die in den 1840er Jahren zu Ende ging. Seither, so konstatiert Lefebvre, sind wir mit einem Niedergang der Kunst konfrontiert. Formal läßt sich dieser Niedergang dadurch beschreiben, daß die Kunst den Umgang mit den Symbolen verlernt hat. Die bürgerliche Kunst wird „realistisch“, und dieser Realismus findet dann seine Fortsetzung im sozialistischen Realismus:

„Was den Symbolismus im proletarischen oder sozialistischen Realismus zerstört, ist das Interessante. Folglich setzt die realistische Ästhetik – die freilich nichts mehr von einer Ästhetik ans sich hat – den von der bürgerlichen Gesellschaft in Gang gebrachten Prozeß fort und vollendet ihn: Destruktion des Symbolismus, Ersetzung des Schönen durch das Interessante.“ ([2], S. 343)

Der Verfall der Symbole und Bilder, das zunehmende Übergewicht der Signale und Zeichen ist nicht der Kunst anzulasten, sie selbst vollzieht nur einen allgemeinen gesellschaftlichen Prozeß nach: Dem der Entzauberung der Welt. Lefebvres Projekt eines revolutionären Romantizismus ist ein Versuch, dieser Entzauberung etwas entgegenzusetzen; und zum Schlüssel für diese Entgegensetzung werden ihm, so hofft er zumindest, die Symbole. Denn auch wenn sich die Gewichte innerhalb des semantischen Feldes zugunsten der Signale verschieben, läßt sich der affektive Pol der Symbole und Bilder nicht vollständig eliminieren:

„Die Polarisierung des semantischen Feldes schwächt sich ab; damit werden auch die Differenzen, die Spannungen geringer. Der Pol der Symbole löst sich tendenziell auf; er verschwindet nicht; die Bilder – im Sinne des Imaginären – und die »affektiven Kerne« bleiben bestehen.“ ([2], S. 344)

Dies ist der Ansatzpunkt des von Lefebvre propagierten revolutionären Romantizismus: Es muß darum gehen, Bilder und Symbole zu schaffen, die den öden Fluß des alltäglichen Lebens unterbrechen helfen, mit deren Hilfe es möglich wird, das zu erzeugen, was in früheren Texten hier im Blog als „Moment“ bezeichnet wurde. Doch welche Rolle können Symbole bei der Wahl eines Moments spielen?

Wie immer bei Lefebvre, wenn es um die Momente geht, liegt keine systematisch-theoretische Ausarbeitung vor, sondern nur ein Beispiel, in diesem Fall ein für Lefebvres Biographie entscheidendes Beispiel.

Bei dem fraglichen Symbol handelt es sich in diesem Beispiel um ein sogenanntes Keltenkreuz, das wohl nicht nur in Irland und der Normandie, sondern auch am Fuße der Pyrenäen häufig an Wegkreuzungen zu finden war. Diese Keltenkreuze zeichnen sich – wie im nebenstehenden Beispiel aus der Auvergne – dadurch aus, daß das Kreuz durch einen Kreis ergänzt wird.

Lefebvre beschreibt nun, wie er auf dem Weg zwischen Angous und Moncayolle häufiger an einem solchen Wegkreuz vorbeigekommen ist; und der Sockel des Kreuzes bot sich an, um sich ein wenig niederzulassen und auszuruhen. Doch eines Tages, als er sich wieder einmal eine derartige Rast gönnt, passiert etwas Merkwürdiges, ja Erschreckendes:

„Ich war kein Jugendlicher mehr. Ich war bereits ein junger Mann. An diesem Tag packte mich, als ich auf dem Sockel des Kreuzes saß, eine Idee, die sich zweifellos über einen längeren Zeitraum einen Weg gebahnt hatte. Eine erschütternde Eingebung durchfuhr mich. Ich erhob mich urplötzlich und betrachtete das Kreuz oberhalb meines Kopfes: »Sie haben die Sonne gekreuzigt! Sie haben die Sonne gekreuzigt!« Ich entfernte mich voll Entsetzen von diesem Ort, von diesem Gegenstand.“ ([1], S. 252)

War dieser plötzliche Schrecken nun ein Moment im Lefebvreschen Sinne? Die scheinbar unvermittelte Plötzlichkeit, mit der das Symbol in das Bewußtsein Lefebvres eindringt, spricht zunächst eher gegen die Interpretation als Moment: Das Moment wird, wie wir früher gesehen haben, gewählt, es stößt einem nicht einfach zu. Insofern wäre das Geschehen am Wegkreuz eher ein Ereignis. Andererseits ist das Ereignis dadurch charakterisiert, daß es von außen in den Fluß der Zeit eintritt. Etwas dem Individuum Äußerliches geschieht, und dadurch verändert sich komplett die Weltsicht dieses Individuums. Doch geschehen ist an dem fraglichen Nachmittag nicht wirklich etwas. Das Wegkreuz stand da schon seit Jahrzehnten, möglicherweise sogar seit Jahrhunderte und Lefebvre kannte es ja auch schon von früheren Wanderungen. Was in diesem Augenblick kulminierte war eine Einsicht, die schon länger in ihm selbst gereift war und die nur noch des Symboles bedurfte, um ins Bewußtsein zu treten.

Doch was trat in diesem Augenblick in das Bewußtsein, was bedeutet es für Lefebvre, daß „sie“ die Sonne gekreuzigt hatten?

„Die Sonne, die mit Nägeln auf das Kreuz der Qualen geschlagen wurde, das war die Jugend, und zwar meine, die Gewalt, die durch die Moral, durch die Religion unterdrückte Lebendigkeit. Meine Emotionen, so glaube ich zumindest, kamen daher, daß ich mich in einem grandiosen mythischen Bild wiedererkennen konnte, dessen verborgener Sinn verlorengegangen war und der mir bis eben entgangen war. »Sie haben die Sonne gekreuzigt.« Sie? Die Leute dieser Region, dieses Volkes, diejenigen, deren Blut in meinen Adern rann. Sie hatten ihre Ursprünge verleugnet und zurückgewiesen, etwas Lebendigeres und Älteres, um das anzunehmen, was man ihnen auferlegen wollte.“ ([1], S. 253)

Es ist die religiöse Entfremdung selbst, die sich in diesem Symbol ausdrückt. Die Sonne, das Symbol der Wärme und des Lebens, wird, mit der Übernahme des Christentums, ans Kreuz genagelt. Und diese religiöse Entfremdung ist es, gegen die sich der junge Lefebvre auflehnt. Das Symbol hilft ihm, die Schuldgefühle, das ihm die religiöse Erziehung mütterlicherseits eingeflößt hatten, zu verstehen und zu überwinden:

„Würde ich jemals mit unschuldiger Naivität und Frische die Freude und die Lust erfahren können? Würde ich je lieben können, als ob man mir niemals die Liebe als Sünde vorgeführt hätte? Wie meine Vorfahren fuhr ich fort, die Sonne in mir zu kreuzigen, in mir die ans Kreuz geschlagene Sonne zu tragen. Ich war die mit Nägeln durchbohrte Sonne und das Kreuz der Schmerzen. Ich hatte mein Bild gesehen.“ ([1], S. 253)

Und genau diese Einsicht ist die Voraussetzung für den Akt der Wahl, der Entscheidung, die diesen biographischen Augenblick zu einem Moment werden läßt:

„Ich schwor mir, die tödlichen Nägel herauszureißen, das Sonnenprinzip zu erlösen, das Totenkreuz zu zerbrechen.“ ([1], S. 253)

Das Symbol wird so zum Kristallisationspunkt des Bewußtseins, der das verändernden Moment in Gang setzen kann. Und Aufgabe einer revolutionär-romantischen Kunst wäre es, genau solche Symbole und Bilder zu kreieren, die das Bewußtsein vor eine solche Entscheidungssituation stellen.

Klingt das naiv? Zweifellos. Unmöglich? Keineswegs. Es gibt ein ganz gutes Beispiel aus jüngster Zeit, das die Macht derartig revolutionär-romantischer Symbole illustrieren kann. Der Comic V for Vendetta des Anarchisten Alan Moore hat es geschafft, mit der legendären Guy-Fawkes-Maske ein Symbol zu schaffen, das momentan wie kein zweites den noch sehr diffusen Protest der Jugend repräsentiert. Und in diesem Sinne kann man Alan Moores Arbeit als revolutionären Romantizismus im Sinne Lefebvres interpretieren.

Damit will ich diesen sehr langen Ausflug in Henri Lefebvres Projekt des revolutionären Romantizismus endlich abschließen – obwohl noch eine Menge Fragen offen bleiben und lose Fäden unvernäht herunterhängen. Nächste Woche (und hoffentlich wieder am Freitag – diese Woche hat mir die verdammte Lohnarbeit die pünktliche Publikation unmöglich gemacht) begeben wir uns aus den Höhen der philosophischen Spekulation wieder herunter in die Niederungen der realen Historie. Freuen Sie sich also nächste Woche auf die Rückkehr der Durutti-Kolonne:

Nachweise

[1] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[2] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

Written by alterbolschewik

15. Juli 2012 at 14:00

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

Kunst und Symbol

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„Die Imagination ist für den Romantiker eine privilegierte Erfahrung, eine ausgezeichnete Aktivität, produktives Forschen. Ihre Rolle ist zentral, gekoppelt an das Bild und getragen einerseits vom Symbolismus, andererseits von der Leidenschaft.“

Henri Lefebvre, Einführung in die Modernität

Es wird Zeit, daß ich damit anfange, die vielen losen Fäden der letzten Wochen zu vernähen; ob daraus wirklich ein passender Mantel oder nur ein Patchwork-Poncho wird, wird sich weisen. Ich will heute versuchen, den Zusammenhang zwischen den Symbolen und dem revolutionären Romantizismus herzustellen, eine Verknüpfung, die bei Henri Lefebvre zweifellos gegeben ist, die aber nie wirklich explizit gemacht wird.

Beginnen wir zunächst mit einer einfacheren Fragestellung, nämlich der, wie die Symbole mit der Romantik als ästhetischer Bewegung zusammenhängen. Oder vielleicht sogar noch eine Stufe einfacher: Welche Rolle spielen die Symbole überhaupt in der Kunst? Dazu müssen wir zunächst ein weiteres Element des semantischen Feldes einführen: Das Bild. Bislang hatten wir drei Bestandteile des semantischen Feldes kennengelernt: Die Signale, die sprachlichen Zeichen und eben die Symbole. Das Signal war willkürlich, trotz seiner Willkür aber eindeutig. Es hat Befehlscharakter: Tue dies, unterlasse das. Sein Sinn ist die Konditionierung. Die sprachlichen Zeichen sind anspruchsvoller, komplexer. Auch wenn hier die Gestalt des Zeichens und seine Bedeutung willkürlich aufeinander bezogen sind, haben sie nicht die Eindeutigkeit der Signale. Der Zusammenhang zwischen der Gestalt des Zeichens und seiner Bedeutung ergibt sich aus dem realen Gebrauch der Zeichen innerhalb der Sprache. Die Symbole hingegen befinden sich, vom Signal aus gesehen, am ganz anderen Ende des Zeichenspektrums: Der Zusammenhang zwischen der Symbolgestalt und seiner Bedeutung ist nicht willkürlich, sondern dem Symbol wesentlich. Dennoch ist die Bedeutung des Symbols vieldeutig, rätselhaft und unerschöpflich.

Jetzt also ein weiteres Element: Das Bild. Wo ist nun das Bild innerhalb des semantischen Feldes situiert? Lefebvre läßt uns wissen:

„Im Gegensatz zum Symbol ist das Bild individuelles, aber kommunizierbares Werk. Im Gegensatz zum Zeichen steht es nicht auf der Ebene der Abstraktion, ebensowenig wie übrigens auf der des Sinnlichen. Es wendet sich wie das Symbol an die Affektivität; es entsteht oder erhebt sich aus einer anderen Realitätsebene als der, die von den Zeichen und ihren Verbindungen besetzt wird.“ ([1], S. 120f)

Das Bild steht zwischen der Sprache (als rationalem Diskurs) und dem Symbol. Sowohl Sprache wie auch Symbol sind gesellschaftliche Produkte, über die das Individuum nur sehr bedingt Macht hat. Das Bild hingegen ist ein Werk des Individuums – es wird produziert:

„Kommuniziert und kommunizierend, ist es original und einzigartig; es trägt das Prägemal des Erfinders, des spontanen oder kultivierten Dichters. Es bedarf der Zeichen […] um sich mitzuteilen, aber es überlädt diese Zeichen mit seinem emotionalen (expressiven) Inhalt, dessen Ursprung sich im Dunkel der Zeiten bei den Symbolen verliert.“ ([1], S. 121)

Das Bild ist Resultat der künstlerischen Imagination – die Lefebvre hier ganz wörtlich versteht, als die Kraft, Bilder zu schaffen, als Einbildungskraft. Die geheime Kraftquelle der Imagination aber sind die Symbole, die sie an die menschliche Vergangenheit koppelt, an all die vergangenen Schrecken, aber auch Sehnsüchte und Utopien, die sich in ihnen niedergeschlagen haben. In der Form des Symboles ragt die Vergangenheit in dunkler, rätselhafter Gestalt in die Gegenwart hinein und bildet ein affektives Kraftzentrum.

„Doch im Unterschied zum Symbol wendet sich das Bild auch der Zukunft zu. Es müht sich, das Nichtgegenwärtige zu erlangen und »präsent« zu machen, es zu vergegenwärtigen. Es erforscht das Ferne: das Mögliche und das Unmögliche. Es bezeichnet die Wahlen und bereitet sie vor. Indem die Imagination – die »Einbildung« – Erregungen, Gefühle und Wünsche hervorruft, also virtuelle Handlungen, zielt sie auf eine Zukunft, die sie zugleich ankündigt und antizipiert, die sie mithin zu definieren beiträgt (durch »Wahlprojekte«).“ ([1], S. 122)

Der Künstler ist also Kraft der Imagination und unter Rückgriff auf die Symbole dazu befähigt, die Zukunft zu entwerfen. Dieser Entwurf kann durchaus unterschiedlich ausfallen: Die Zukunft kann sich in dieser bildnerischen Gestaltung auf das Möglich-Mögliche beschränken – dies ist der Fall bei der klassizistischen Kunst. Sie hat eigenen Symbole, wie Lefebvre ausführt:

Symbolisches Alter (nicht als solches dargestellt): die (männliche) Reife.
Sichtbare Symbole: Die Sonne und die Sonnenmythen, der geordnete Kosmos (die Planeten und Satelliten um die Zentralsonne). Der König, der Lehnsherr oder der Anführer (die anerkannte Macht, ihre Möglichkeiten sowie ihre tragischen Konflikte), umgeben von ihren treuen Freunden und Untergebenen.
Symbolische Jahreszeit und Stunde: Der Sommer, Mittag.
Symbolische Materien: Das Licht, der Himmel.“ ([2], S. 333)

Ganz anders verhält sich dagegen die romantische Kunst, die das Unmöglich-Mögliche entwirft. Hier stehen Lefebvre zufolge andere Symbole im Zentrum:

Symbolische Alter: Die Jugend, die Kindheit, die (weibliche) Adoleszenz.
Sichtbare Symbole: Die Welle und die Wellenbewegungen, die Vibration, die Oszillation, die bis in die organische und kosmische Realität sich ausbreitende Resonanz.
Symbolische Jahreszeiten und Stunden: Frühling und Herbst, Morgen- und Abenddämmerung, die Nacht.
Symbolische Materien: Das Wasser, die Erde, das Feuer.“ ([2], S. 334)

Die Kunst greift affektive gesellschaftliche Erfahrungen, wie sie in der Gestalt bestimmter Symbole vorliegen, auf und entwirft, je nach Art der aufgegriffenen Symbole, eine je unterschiedliche Zukunft. Entweder eine Zukunft, die die gesellschaftlichen Machtbeziehungen unangetastet läßt, ja, diese sogar feiert – das ist die klassizistische Kunst. Oder aber eine Zukunft, die diese etablierten Beziehungen in Frage stellt – das wäre die Romantik.

Beides sind künstlerische Ausdrucksformen der Konflikte des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Frankreich. Dabei schlägt sich der Klassizismus auf die Seite der Restauration, während sich die Romantik – zumindest in der Anfangphase – die Vollendung der Revolution auf die Fahnen schrieb.

„Die Kunst setzte einen schöpferischen Enfaltungsprozeß fort,der jenseits und diesseits von ihr entstanden war: die Bearbeitung von Symbolen und »affektiven Kernen« des gesellschaftlichen Daseins.“ ([2], S. 339)

Doch diese Kraft der Kunst, die gesellschaftlichen Widersprüche in der Form der Symbole aufzugreifen und in Bildern zu gestalten, erlischt mit dem Ende des 19. Jahrhunderts:

„Das 20. Jahrhundert läßt jede Spur einer solchen Bearbeitung vermissen – sowohl in den tieferen Schichten der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Bewußtseins als auch in der im engeren Sinne ästhetischen Tätigkeit.“ ([2], S. 339f)

Daß die Kunst die Fähigkeit verloren hat, eine Zukunft zu entwerfen, führt Lefebvre darauf zurück, daß Mitte des 19. Jahrhunderts das Proletariat als zukunftsweisende Klasse auf die Bühne trat. Dieses aber hatte ganz andere Sorgen:

„Mit der Existenz des Proletariats sind konkrete Probleme, handgreifliche Nöte, praktische Erfordernisse gesetzt […]. Das Proletariat als Klasse und der Proletarier als tätiges Subjekt weisen die bloß symbolische Anerkennung ihrer »Wesenskräfte« zurück.“ ([2], S. 341)

Doch genau diese Auffassung führt dann zu einem Zerfall der künstlerischen Produktion und damit des utopischen Horizonts. Nirgendwo zeigte sich dies besser als im sogenannten „sozialistischen Realismus“. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, wenn Henri Lefebvre meint:

„Unfähig, Symbole zu finden (und zu stiften), wenden sich schließlich auch die revolutionären und sozialistischen Schriftsteller wieder den Mythen zu: Gorki Prometheus, Stalin und die Stalinisten Antäus usw.“ ([2], S. 343)

Nachweise

[1] Lefebvre, H., Kritik des Alltagslebens – Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit II, Kronberg/Ts. 1977.

[2] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

Written by alterbolschewik

6. Juli 2012 at 15:18

Veröffentlicht in Henri Lefebvre