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Kunst und Symbol

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„Die Imagination ist für den Romantiker eine privilegierte Erfahrung, eine ausgezeichnete Aktivität, produktives Forschen. Ihre Rolle ist zentral, gekoppelt an das Bild und getragen einerseits vom Symbolismus, andererseits von der Leidenschaft.“

Henri Lefebvre, Einführung in die Modernität

Es wird Zeit, daß ich damit anfange, die vielen losen Fäden der letzten Wochen zu vernähen; ob daraus wirklich ein passender Mantel oder nur ein Patchwork-Poncho wird, wird sich weisen. Ich will heute versuchen, den Zusammenhang zwischen den Symbolen und dem revolutionären Romantizismus herzustellen, eine Verknüpfung, die bei Henri Lefebvre zweifellos gegeben ist, die aber nie wirklich explizit gemacht wird.

Beginnen wir zunächst mit einer einfacheren Fragestellung, nämlich der, wie die Symbole mit der Romantik als ästhetischer Bewegung zusammenhängen. Oder vielleicht sogar noch eine Stufe einfacher: Welche Rolle spielen die Symbole überhaupt in der Kunst? Dazu müssen wir zunächst ein weiteres Element des semantischen Feldes einführen: Das Bild. Bislang hatten wir drei Bestandteile des semantischen Feldes kennengelernt: Die Signale, die sprachlichen Zeichen und eben die Symbole. Das Signal war willkürlich, trotz seiner Willkür aber eindeutig. Es hat Befehlscharakter: Tue dies, unterlasse das. Sein Sinn ist die Konditionierung. Die sprachlichen Zeichen sind anspruchsvoller, komplexer. Auch wenn hier die Gestalt des Zeichens und seine Bedeutung willkürlich aufeinander bezogen sind, haben sie nicht die Eindeutigkeit der Signale. Der Zusammenhang zwischen der Gestalt des Zeichens und seiner Bedeutung ergibt sich aus dem realen Gebrauch der Zeichen innerhalb der Sprache. Die Symbole hingegen befinden sich, vom Signal aus gesehen, am ganz anderen Ende des Zeichenspektrums: Der Zusammenhang zwischen der Symbolgestalt und seiner Bedeutung ist nicht willkürlich, sondern dem Symbol wesentlich. Dennoch ist die Bedeutung des Symbols vieldeutig, rätselhaft und unerschöpflich.

Jetzt also ein weiteres Element: Das Bild. Wo ist nun das Bild innerhalb des semantischen Feldes situiert? Lefebvre läßt uns wissen:

„Im Gegensatz zum Symbol ist das Bild individuelles, aber kommunizierbares Werk. Im Gegensatz zum Zeichen steht es nicht auf der Ebene der Abstraktion, ebensowenig wie übrigens auf der des Sinnlichen. Es wendet sich wie das Symbol an die Affektivität; es entsteht oder erhebt sich aus einer anderen Realitätsebene als der, die von den Zeichen und ihren Verbindungen besetzt wird.“ ([1], S. 120f)

Das Bild steht zwischen der Sprache (als rationalem Diskurs) und dem Symbol. Sowohl Sprache wie auch Symbol sind gesellschaftliche Produkte, über die das Individuum nur sehr bedingt Macht hat. Das Bild hingegen ist ein Werk des Individuums – es wird produziert:

„Kommuniziert und kommunizierend, ist es original und einzigartig; es trägt das Prägemal des Erfinders, des spontanen oder kultivierten Dichters. Es bedarf der Zeichen […] um sich mitzuteilen, aber es überlädt diese Zeichen mit seinem emotionalen (expressiven) Inhalt, dessen Ursprung sich im Dunkel der Zeiten bei den Symbolen verliert.“ ([1], S. 121)

Das Bild ist Resultat der künstlerischen Imagination – die Lefebvre hier ganz wörtlich versteht, als die Kraft, Bilder zu schaffen, als Einbildungskraft. Die geheime Kraftquelle der Imagination aber sind die Symbole, die sie an die menschliche Vergangenheit koppelt, an all die vergangenen Schrecken, aber auch Sehnsüchte und Utopien, die sich in ihnen niedergeschlagen haben. In der Form des Symboles ragt die Vergangenheit in dunkler, rätselhafter Gestalt in die Gegenwart hinein und bildet ein affektives Kraftzentrum.

„Doch im Unterschied zum Symbol wendet sich das Bild auch der Zukunft zu. Es müht sich, das Nichtgegenwärtige zu erlangen und »präsent« zu machen, es zu vergegenwärtigen. Es erforscht das Ferne: das Mögliche und das Unmögliche. Es bezeichnet die Wahlen und bereitet sie vor. Indem die Imagination – die »Einbildung« – Erregungen, Gefühle und Wünsche hervorruft, also virtuelle Handlungen, zielt sie auf eine Zukunft, die sie zugleich ankündigt und antizipiert, die sie mithin zu definieren beiträgt (durch »Wahlprojekte«).“ ([1], S. 122)

Der Künstler ist also Kraft der Imagination und unter Rückgriff auf die Symbole dazu befähigt, die Zukunft zu entwerfen. Dieser Entwurf kann durchaus unterschiedlich ausfallen: Die Zukunft kann sich in dieser bildnerischen Gestaltung auf das Möglich-Mögliche beschränken – dies ist der Fall bei der klassizistischen Kunst. Sie hat eigenen Symbole, wie Lefebvre ausführt:

Symbolisches Alter (nicht als solches dargestellt): die (männliche) Reife.
Sichtbare Symbole: Die Sonne und die Sonnenmythen, der geordnete Kosmos (die Planeten und Satelliten um die Zentralsonne). Der König, der Lehnsherr oder der Anführer (die anerkannte Macht, ihre Möglichkeiten sowie ihre tragischen Konflikte), umgeben von ihren treuen Freunden und Untergebenen.
Symbolische Jahreszeit und Stunde: Der Sommer, Mittag.
Symbolische Materien: Das Licht, der Himmel.“ ([2], S. 333)

Ganz anders verhält sich dagegen die romantische Kunst, die das Unmöglich-Mögliche entwirft. Hier stehen Lefebvre zufolge andere Symbole im Zentrum:

Symbolische Alter: Die Jugend, die Kindheit, die (weibliche) Adoleszenz.
Sichtbare Symbole: Die Welle und die Wellenbewegungen, die Vibration, die Oszillation, die bis in die organische und kosmische Realität sich ausbreitende Resonanz.
Symbolische Jahreszeiten und Stunden: Frühling und Herbst, Morgen- und Abenddämmerung, die Nacht.
Symbolische Materien: Das Wasser, die Erde, das Feuer.“ ([2], S. 334)

Die Kunst greift affektive gesellschaftliche Erfahrungen, wie sie in der Gestalt bestimmter Symbole vorliegen, auf und entwirft, je nach Art der aufgegriffenen Symbole, eine je unterschiedliche Zukunft. Entweder eine Zukunft, die die gesellschaftlichen Machtbeziehungen unangetastet läßt, ja, diese sogar feiert – das ist die klassizistische Kunst. Oder aber eine Zukunft, die diese etablierten Beziehungen in Frage stellt – das wäre die Romantik.

Beides sind künstlerische Ausdrucksformen der Konflikte des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Frankreich. Dabei schlägt sich der Klassizismus auf die Seite der Restauration, während sich die Romantik – zumindest in der Anfangphase – die Vollendung der Revolution auf die Fahnen schrieb.

„Die Kunst setzte einen schöpferischen Enfaltungsprozeß fort,der jenseits und diesseits von ihr entstanden war: die Bearbeitung von Symbolen und »affektiven Kernen« des gesellschaftlichen Daseins.“ ([2], S. 339)

Doch diese Kraft der Kunst, die gesellschaftlichen Widersprüche in der Form der Symbole aufzugreifen und in Bildern zu gestalten, erlischt mit dem Ende des 19. Jahrhunderts:

„Das 20. Jahrhundert läßt jede Spur einer solchen Bearbeitung vermissen – sowohl in den tieferen Schichten der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Bewußtseins als auch in der im engeren Sinne ästhetischen Tätigkeit.“ ([2], S. 339f)

Daß die Kunst die Fähigkeit verloren hat, eine Zukunft zu entwerfen, führt Lefebvre darauf zurück, daß Mitte des 19. Jahrhunderts das Proletariat als zukunftsweisende Klasse auf die Bühne trat. Dieses aber hatte ganz andere Sorgen:

„Mit der Existenz des Proletariats sind konkrete Probleme, handgreifliche Nöte, praktische Erfordernisse gesetzt […]. Das Proletariat als Klasse und der Proletarier als tätiges Subjekt weisen die bloß symbolische Anerkennung ihrer »Wesenskräfte« zurück.“ ([2], S. 341)

Doch genau diese Auffassung führt dann zu einem Zerfall der künstlerischen Produktion und damit des utopischen Horizonts. Nirgendwo zeigte sich dies besser als im sogenannten „sozialistischen Realismus“. Freuen Sie sich also nächste Woche darauf, wenn Henri Lefebvre meint:

„Unfähig, Symbole zu finden (und zu stiften), wenden sich schließlich auch die revolutionären und sozialistischen Schriftsteller wieder den Mythen zu: Gorki Prometheus, Stalin und die Stalinisten Antäus usw.“ ([2], S. 343)

Nachweise

[1] Lefebvre, H., Kritik des Alltagslebens – Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit II, Kronberg/Ts. 1977.

[2] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

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Written by alterbolschewik

6. Juli 2012 um 15:18

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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