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Die gekreuzigte Sonne

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„In und kraft seiner Imagination überschreitet das Individuum das Unmittelbare und Gelebte; es ist das Individuum, das sich mit einem Vermögen zur Erforschung des Möglichen und zur Reaktivierung des Vollendeten ausstattet.“

Henri Lefebvre, Einführung in die Modernität

Wir hatten letzte Woche gesehen, daß für Henri Lefebvre die romantische Kunst in ihrer Imagination durch Symbole befeuert wurde – zumindest in der Phase, in der sie selbst gesellschaftliche Widersprüche zum Ausdruck brachte, eine Phase, die in den 1840er Jahren zu Ende ging. Seither, so konstatiert Lefebvre, sind wir mit einem Niedergang der Kunst konfrontiert. Formal läßt sich dieser Niedergang dadurch beschreiben, daß die Kunst den Umgang mit den Symbolen verlernt hat. Die bürgerliche Kunst wird „realistisch“, und dieser Realismus findet dann seine Fortsetzung im sozialistischen Realismus:

„Was den Symbolismus im proletarischen oder sozialistischen Realismus zerstört, ist das Interessante. Folglich setzt die realistische Ästhetik – die freilich nichts mehr von einer Ästhetik ans sich hat – den von der bürgerlichen Gesellschaft in Gang gebrachten Prozeß fort und vollendet ihn: Destruktion des Symbolismus, Ersetzung des Schönen durch das Interessante.“ ([2], S. 343)

Der Verfall der Symbole und Bilder, das zunehmende Übergewicht der Signale und Zeichen ist nicht der Kunst anzulasten, sie selbst vollzieht nur einen allgemeinen gesellschaftlichen Prozeß nach: Dem der Entzauberung der Welt. Lefebvres Projekt eines revolutionären Romantizismus ist ein Versuch, dieser Entzauberung etwas entgegenzusetzen; und zum Schlüssel für diese Entgegensetzung werden ihm, so hofft er zumindest, die Symbole. Denn auch wenn sich die Gewichte innerhalb des semantischen Feldes zugunsten der Signale verschieben, läßt sich der affektive Pol der Symbole und Bilder nicht vollständig eliminieren:

„Die Polarisierung des semantischen Feldes schwächt sich ab; damit werden auch die Differenzen, die Spannungen geringer. Der Pol der Symbole löst sich tendenziell auf; er verschwindet nicht; die Bilder – im Sinne des Imaginären – und die »affektiven Kerne« bleiben bestehen.“ ([2], S. 344)

Dies ist der Ansatzpunkt des von Lefebvre propagierten revolutionären Romantizismus: Es muß darum gehen, Bilder und Symbole zu schaffen, die den öden Fluß des alltäglichen Lebens unterbrechen helfen, mit deren Hilfe es möglich wird, das zu erzeugen, was in früheren Texten hier im Blog als „Moment“ bezeichnet wurde. Doch welche Rolle können Symbole bei der Wahl eines Moments spielen?

Wie immer bei Lefebvre, wenn es um die Momente geht, liegt keine systematisch-theoretische Ausarbeitung vor, sondern nur ein Beispiel, in diesem Fall ein für Lefebvres Biographie entscheidendes Beispiel.

Bei dem fraglichen Symbol handelt es sich in diesem Beispiel um ein sogenanntes Keltenkreuz, das wohl nicht nur in Irland und der Normandie, sondern auch am Fuße der Pyrenäen häufig an Wegkreuzungen zu finden war. Diese Keltenkreuze zeichnen sich – wie im nebenstehenden Beispiel aus der Auvergne – dadurch aus, daß das Kreuz durch einen Kreis ergänzt wird.

Lefebvre beschreibt nun, wie er auf dem Weg zwischen Angous und Moncayolle häufiger an einem solchen Wegkreuz vorbeigekommen ist; und der Sockel des Kreuzes bot sich an, um sich ein wenig niederzulassen und auszuruhen. Doch eines Tages, als er sich wieder einmal eine derartige Rast gönnt, passiert etwas Merkwürdiges, ja Erschreckendes:

„Ich war kein Jugendlicher mehr. Ich war bereits ein junger Mann. An diesem Tag packte mich, als ich auf dem Sockel des Kreuzes saß, eine Idee, die sich zweifellos über einen längeren Zeitraum einen Weg gebahnt hatte. Eine erschütternde Eingebung durchfuhr mich. Ich erhob mich urplötzlich und betrachtete das Kreuz oberhalb meines Kopfes: »Sie haben die Sonne gekreuzigt! Sie haben die Sonne gekreuzigt!« Ich entfernte mich voll Entsetzen von diesem Ort, von diesem Gegenstand.“ ([1], S. 252)

War dieser plötzliche Schrecken nun ein Moment im Lefebvreschen Sinne? Die scheinbar unvermittelte Plötzlichkeit, mit der das Symbol in das Bewußtsein Lefebvres eindringt, spricht zunächst eher gegen die Interpretation als Moment: Das Moment wird, wie wir früher gesehen haben, gewählt, es stößt einem nicht einfach zu. Insofern wäre das Geschehen am Wegkreuz eher ein Ereignis. Andererseits ist das Ereignis dadurch charakterisiert, daß es von außen in den Fluß der Zeit eintritt. Etwas dem Individuum Äußerliches geschieht, und dadurch verändert sich komplett die Weltsicht dieses Individuums. Doch geschehen ist an dem fraglichen Nachmittag nicht wirklich etwas. Das Wegkreuz stand da schon seit Jahrzehnten, möglicherweise sogar seit Jahrhunderte und Lefebvre kannte es ja auch schon von früheren Wanderungen. Was in diesem Augenblick kulminierte war eine Einsicht, die schon länger in ihm selbst gereift war und die nur noch des Symboles bedurfte, um ins Bewußtsein zu treten.

Doch was trat in diesem Augenblick in das Bewußtsein, was bedeutet es für Lefebvre, daß „sie“ die Sonne gekreuzigt hatten?

„Die Sonne, die mit Nägeln auf das Kreuz der Qualen geschlagen wurde, das war die Jugend, und zwar meine, die Gewalt, die durch die Moral, durch die Religion unterdrückte Lebendigkeit. Meine Emotionen, so glaube ich zumindest, kamen daher, daß ich mich in einem grandiosen mythischen Bild wiedererkennen konnte, dessen verborgener Sinn verlorengegangen war und der mir bis eben entgangen war. »Sie haben die Sonne gekreuzigt.« Sie? Die Leute dieser Region, dieses Volkes, diejenigen, deren Blut in meinen Adern rann. Sie hatten ihre Ursprünge verleugnet und zurückgewiesen, etwas Lebendigeres und Älteres, um das anzunehmen, was man ihnen auferlegen wollte.“ ([1], S. 253)

Es ist die religiöse Entfremdung selbst, die sich in diesem Symbol ausdrückt. Die Sonne, das Symbol der Wärme und des Lebens, wird, mit der Übernahme des Christentums, ans Kreuz genagelt. Und diese religiöse Entfremdung ist es, gegen die sich der junge Lefebvre auflehnt. Das Symbol hilft ihm, die Schuldgefühle, das ihm die religiöse Erziehung mütterlicherseits eingeflößt hatten, zu verstehen und zu überwinden:

„Würde ich jemals mit unschuldiger Naivität und Frische die Freude und die Lust erfahren können? Würde ich je lieben können, als ob man mir niemals die Liebe als Sünde vorgeführt hätte? Wie meine Vorfahren fuhr ich fort, die Sonne in mir zu kreuzigen, in mir die ans Kreuz geschlagene Sonne zu tragen. Ich war die mit Nägeln durchbohrte Sonne und das Kreuz der Schmerzen. Ich hatte mein Bild gesehen.“ ([1], S. 253)

Und genau diese Einsicht ist die Voraussetzung für den Akt der Wahl, der Entscheidung, die diesen biographischen Augenblick zu einem Moment werden läßt:

„Ich schwor mir, die tödlichen Nägel herauszureißen, das Sonnenprinzip zu erlösen, das Totenkreuz zu zerbrechen.“ ([1], S. 253)

Das Symbol wird so zum Kristallisationspunkt des Bewußtseins, der das verändernden Moment in Gang setzen kann. Und Aufgabe einer revolutionär-romantischen Kunst wäre es, genau solche Symbole und Bilder zu kreieren, die das Bewußtsein vor eine solche Entscheidungssituation stellen.

Klingt das naiv? Zweifellos. Unmöglich? Keineswegs. Es gibt ein ganz gutes Beispiel aus jüngster Zeit, das die Macht derartig revolutionär-romantischer Symbole illustrieren kann. Der Comic V for Vendetta des Anarchisten Alan Moore hat es geschafft, mit der legendären Guy-Fawkes-Maske ein Symbol zu schaffen, das momentan wie kein zweites den noch sehr diffusen Protest der Jugend repräsentiert. Und in diesem Sinne kann man Alan Moores Arbeit als revolutionären Romantizismus im Sinne Lefebvres interpretieren.

Damit will ich diesen sehr langen Ausflug in Henri Lefebvres Projekt des revolutionären Romantizismus endlich abschließen – obwohl noch eine Menge Fragen offen bleiben und lose Fäden unvernäht herunterhängen. Nächste Woche (und hoffentlich wieder am Freitag – diese Woche hat mir die verdammte Lohnarbeit die pünktliche Publikation unmöglich gemacht) begeben wir uns aus den Höhen der philosophischen Spekulation wieder herunter in die Niederungen der realen Historie. Freuen Sie sich also nächste Woche auf die Rückkehr der Durutti-Kolonne:

Nachweise

[1] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[2] Lefebvre, H.: „Einer neuen Romantik entgegen?“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 267 – 379.

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Written by alterbolschewik

15. Juli 2012 um 14:00

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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