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Die Rückkehr der Durutti-Kolonne

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Der Pariser Mai 1968 hat eine Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte beginnt nicht einige Monate vorher in Nanterre, sondern bereits einige Jahre früher und in der Provinz, genauer gesagt: In Strasbourg. Warum konnte im zentralistischen Frankreich einer Provinzuniversität eine solche initiierende Rolle zufallen? Nun, mit ein Grund dafür war sicherlich der Lehrkörper dieser Universität, insbesondere ein Professor für Soziologie, der dort seit 1960 lehrte: Henri Lefebvre.

Es hatte lange gedauert, bis Lefebvre einen Ruf an eine Universität erhielt: Er war 59 Jahre alt, als er in Strasbourg seine erste Professur bekleidete. Und er war von Anfang an im biederen Strasbourg eine skandalöse Erscheinung:

„Ich lebte zu dieser Zeit mit einer jungen Frau aus Strasbourg zusammen. Ich war der Skandal der Universität. Sie war schwanger, bekam eine Tochter (meine Tochter Armelle) und es war der Skandal der Stadt – etwas Entsetzliches, eine Abscheulichkeit. Strasbourg war eine sehr bourgeoise Stadt. Und die Universität lag nicht außerhalb der Stadt, sondern genau mittendrin.“ ([5])

Ein derartiger Professor zog natürlich diejenigen Studentinnen und Studenten an, die von der damaligen französischen Gesellschaft, ihrer Heuchelei und ihren Lügen, abgestoßen waren. Dafür gab es in der Nachkriegszeit genug Gründe – ein wesentlicher war der Kolonialkrieg, den Frankreich zu dieser Zeit in Algerien führte. Einige Studenten Lefebvres – die später eine entscheidende Rolle im sogenannten Skandal von Strasbourg spielen sollten – beschlossen, etwas gegen diesen Kolonialkrieg zu unternehmen. Sie kamen zu Lefebvre, um ihn, den alten Resistancekämpfer, um Unterstützung zu bitten:

„Sie sagten zu mir: »Wir brauchen Ihre Unterstützung. Wir werden einen maquis in den Vogesen errichten. Wir werden mit einer Militärbasis in den Vogesen beginnen und uns von dort aus über das gesamte Land ausbreiten. Wir werden Züge entgleisen lassen.« Ich antwortete: »Aber die Armee und die Polizei… Ihr könnt euch nicht sicher sein, die Unterstützung der Bevölkerung zu haben. Ihr führt eine Katastrophe herbei.« Also begannen sie mich zu beleidigen und einen Verräter zu schimpfen. Und, nach eine gewissen Zeit, ein paar Wochen später, besuchten sie mich wieder und erklärten mir: »Sie hatten recht, es ist unmöglich. Es ist unmöglich, eine Militärbasis in den Vogesen aufzubauen. Wir werden uns etwas anderes ausdenken.«“ ([5])

1966 stellte sich diese Truppe für die Wahlen zur Studentenvertretung (Association fédératives générale des étudiants de Strasbourg – AFGES) auf, einem lokalen Ableger der französischen Studentengewerkschaft UNEF. Ihr Programm war bestechend einfach: Die Gelder der Organisation zu deren eigener Zerstörung zu verwenden. Zu ihrer eigenen Verblüffung wurden sie gewählt, André Schneider und Bruno Vayr-Piova standen nun der AFGES vor. Doch sie hatten keine Anhnung, wie sie ihr Wahlprogramm umsetzen und das Geld unter die Leute bringen sollten.

„Sie beschlossen deshalb, die Situationisten zu kontaktieren, die sie ursprünglich inspiriert hatten, indem sie an das Postfach schrieben, dessen Nummer in der Ausgabe 10 der Internationale Situationniste erschienen war. Aus Paris erhielten sie eine freundliche Antwort und zur rechten Zeit traf eine Delegation aus Strasbourg ein, um sich im Sommer 1966 in Paris mit Debord und Mustapha Khayati zu treffen.“ ([2], S. 201)

Zusammen heckten sie einen Plan aus: Mit dem Geld der Studentengewerkschaft sollte eine Broschüre gedruckt und kostenlos verteilt werden, mit deren Hilfe ein Skandal provoziert werden sollte. Debord beauftragte Khayati, der 1964 zur Situationistischen Internationale gestoßen war und über gute Kontakte zum militanten palästinensischen Untergrund verfügte, den Text für diese Broschüre zu verfassen. Sie sollte eines der legendärsten Druckerzeugnisse der anti-autoritären Bewegungen werden. Ihr Titel: Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen ([1]).

Doch es galt nicht nur, diese Broschüre unter das Volk zu bringen; um den größtmöglichen Skandal zu provozieren, sollte die Publikation propagandistisch vorbereitet werden. Systematisch, wie heute beim sogenannten „launch“ einer neuen Marke, sollte das potentielle Publikum in einen Zustand gespannter Erwartung versetzt werden.

Die erste Aktion innerhalb dieser Vorbereitungsstrategie war reichlich infantil: Am 26. Oktober 1966 störte die Gruppe eine Vorlesung des mit Henri Lefebvre befreundeten Professors Abraham A. Moles, der mit Tomatenwürfen aus dem Hörsaal gejagt wurde. Dies ist ein frühes Beispiel der später noch öfter gebrauchten, äußerst unguten Taktik von Teilen der anti-autoritären Bewegungen, „Autoritäten“ einfach mundtot zu machen. Die fehlenden Argumente wurden einfach durch Trillerpfeifen – oder in diesem Fall: Tomaten – ersetzt. Und wie meist bei solchen Aktionen richtete sich diese Taktik nicht gegen ausgewiesen Reaktionäre, sondern gegen Personen, die dem aufkeimenden Protest zunächst einmal eher wohlgesonnen waren und sich dadurch als einfache Opfer anboten.

So auch im Fall von Moles. Dieser hatte sich schon 1963 für die Situationistische Internationale interessiert und einen – zugegebenermaßen eher dämlichen – Brief an deren Postfach geschickt, um die Kategorie der „Situation“ genauer zu klären. Debord veröffentlichte diesen Brief zusammen mit einer äußerst beleidigenden Antwort in der Nummer 9 der Internationale Situationiste ([4]). Doch offensichtlich reichte ihm das noch nicht, weshalb er drei Jahre später die neu gewonnenen Strasbourger Truppen erneut auf den armen Moles hetzte – eine Provokation die sich eher mit dem miesen Charakter Debords als aus irgendeiner politischen Notwendigkeit erklären läßt.

Der nächste Coup war deutlich origineller. Bereits im Jahr 1964 hatte die Situationistische Internationale mit neuen Propagandamöglichkeiten experimentiert und hatte zu diesem Zweck Bilder mit Sprechblasen verfremdet, die zum Teil in bizarrem Kontrast zu den Bildinhalten standen. Die Nummer 9 der Internationale Situationiste dokumentierte Flugblätter aus Spanien und Dänemark, „die gleichzeitig der eigentlichen politischen Zensur sowie er moralischen Pfaffenzensur Trotz bieten“ sollten und die als eine „neue Form der Propaganda“ ([6], S. 129) bezeichnet wurden.

In Anlehnung an diese ersten Experimente verfaßte dann ein gewisser André Bertrand ein vierseitiges Comic-Flugblatt aus zweckentfremdeten Bildern und Dokumenten, die mit Textblöcken und Sprechblasen zusammenmontiert wurden. Das Ganze ergab ein dadaistisches Manifest aus Absurditäten, Theorieversatzstücken und Beleidigungen, dem ein gewisser surrealer Witz nicht abgesprochen werden konnte. Die vier Seiten huldigten unter dem Titel „Die Rückkehr der Durutti-Kolonne“ der

„von dem katalonischen Revolutionär Buenaventura Durrutti (Bertrand war schwach in Rechtschreibung) angeführten Kolonne anarchistischer Truppen, die in den Anfangstagen des Spanischen Bürgerkriegs »von Dorf zu Dorf zog, die gesamte Sozialstruktur zerstörte und es den Überlebenden anheimstellte, sie von Grund auf neu zu errichten.«“ ([3], S. 433)

Außerdem erwies das Flugblatt dem anarchistischen Bombenleger Ravachol seine Referenz.

Alle aktuellen politischen Gruppen wurden hingegen mit Spott und Häme überzogen. Auf einem Bild unterhalten sich zwei Zahnbürsten unter der Überschrift „Es war Zeit, zum Handeln überzugehen…“. Die eine Zahnbürste fragt die andere: „Wen findest du eigentlich am lächerlichsten, die Faschisten, die UEC [Vereinigung der kommunistischen Studenten], die Gaullisten, die J.C.R. [trotzkistische Jugendorganisation] oder die Anarchisten vom »Monde Libertaire«?“, worauf die andere antwortet: „Ja, stimmt, all diese Typen sind, ob es ihnen bewußt ist oder nicht, mit der alten Welt solidarisch, gegen die es nun den Kampf aufzunehmen gilt.“

Was die Trotzkisten der erst ein Jahr zuvor gegründeten J.C.R. betraf, wurde das Flugblatt noch deutlicher, indem es einem Leninbild die Worte „Was die J.C.R. betrifft: Die ficke ich ebenfalls!“ in den Mund legt.

Der eleganteste und witzigste Angriff allerdings galt Henri Lefebvre, den das Ganze wahrscheinlich eher amüsiert als empört hat. Hierzu entwendete der Comic das Gemälde Der Tod des Sardanapal von Eugene Delacroix. Sardanapal war ein mythischer assyrischer König, der, so will es die Legende, als er von der militärischen Niederlage seiner Truppen erfährt, seine belagerte Stadt verbrennen und seinen ganzen Hofstaat niedermetzeln läßt, um sich dann selbst umzubringen. Die opulente Dekadenz, mit der Delacroix diese Szene darstellt, kontrastierte wunderbar den Worten, die der Comic Sardanapal alias Henri Lefebvre in den Mund legte:

Doch diese Comic-Attacken waren nur ein oberflächliches Geplänkel, das kurz darauf von der beworbenen Broschüre in den Schatten gestellt werden sollte. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, daß der Student in Frankreich nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Hussey, A., The Game of War. The Life and Death of Guy Debord, London 2001.

[3] Marcus, G., Lipstick Traces, Hamburg 1992.

[4] Moles, A. A. & Debord, G.: „Korrespondenz mit einem Kybernetiker“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 2, Hamburg 1977, S. 137 – 141.

[5] Ross, K.: „Interview mit Henri Lefebvre (Original in October 79, Winter 1997)“, URL: http://www.notbored.org/lefebvre-interview.html, abgerufen am 15. April 2012.

[6] Situationistische Internationale (Hg.), Situationistische Internationale Band 2, Hamburg 1977.

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Written by alterbolschewik

21. Juli 2012 um 21:37

Veröffentlicht in Henri Lefebvre

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