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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Über das Elend im Studentenmilieu

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„So lange ein weit verbreitetes revolutionäres Bewußtsein fehlt ist die quasi-terroristische Denunziation der offiziellen Welt die einzige mögliche geplante öffentliche Aktion von Seiten einer revolutionären Gruppe.“

situationist international, ten days that shook the university

Letzte Woche wurde in diesem Blog beschrieben, wie 1966 die mit der Studentengewerkschaft U.N.E.F. affiliierte studentische Interessensvertretung A.F.G.E.S in Strasbourg von einer Gruppe pro-situationistischer Studenten gekapert wurde; wie Mustapha Khayati von der Situationistischen Internationale für diese Gruppe von Studenten eine Broschüre über das Elend im Studentenmilieu verfaßte; und wie auf die Veröffentlichung dieser Broschüre durch propagandistische Aktionen eingestimmt wurde.

Im November wurden die letzten Vorbereitungen getroffen:

„Am 16. November kam Nouvelles, das Periodikum der A.F.G.E.S. heraus; aufgemacht war das Ganze mit einem Text auf Englisch, der von der revolutionären amerikanischen Gruppe »Black Mask« übermittelt worden war: »Ein neuer Geist erhebt sich. Die Revolution brennt in uns, wie in den Staßen von Watts…« Die Artikel waren für den neuen Ton des Vorstands bezeichnend: Kritik der Provo-Bewegung; ein Artikel, der den zehnten Jahrestag des Ungarischen Aufstandes feierte; Artikel, die die gewerkschaftliche Strategie der U.N.E.F. in Frage stellten; Unterstützung der Zengakuren, mit denen die A.F.G.E.S. Beziehungen unterhielt.“ ([2] , S. 86)

Die Publikation erregte Aufsehen und die A.F.G.E.S. kündigte eine Pressekonferenz für den 23. November an. Somit sollte die Pressekonferenz auf den Tag nach der feierlichen Eröffnung des Palais Universitaire fallen, die für den 22. November geplant war. Zu dieser Feier war auch der Vorstand der A.F.G.E.S., die ja zumindest offiziell immer noch die Studenten repräsentierte, eingeladen. Die Zeremonie mündete dann in das, was später der „Skandal von Strasbourg“ genannt werden sollte:

„Alle im Saal anwesenden Repräsentanten der Obrigkeit von Strasbourg, vom Bischof bis zum Präfekten, vom General bis zum Rektor Maurice Bayen, wurden so die ersten Leser eines Pamphletes, das ab dem nächsten Tag vor den Mensen und auf dem gesamten Universitätsgelände verteilt wurde.“ ([2], S. 87)

Bevor wir uns jedoch in einer der nächsten Folgen dieses Blogs mit den Reaktionen auf die Broschüre, die in einer 10.000er Auflage mit den Mitteln der A.F.G.E.S. gedruckt worden war, beschäftigen, einiges zum Inhalt dieser Broschüre.

Der Text selbst hat drei Teile, deren jeweilige Titel aus der Marxschen Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ([3]) bzw. dem 18. Brumaire ([4]) entlehnt sind. Der erste Teil ist, unter der Überschrift Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert, eine wütende Polemik gegen die Studentenschaft als solche und insbesondere deren sich „progressiv“ verstehenden Teil. Im zweiten Teil werden verschiedene sich als revolutionär verstehende Gruppen kritisch gewürdigt. Dieser Teil trägt den Titel: Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen. Und unter der Überschrift Endlich die Situation schaffen, die jede Rückkehr unmöglich macht wird dann schließlich im dritten Teil versucht, eine eigenständige revolutionäre Perspektive zu entwickeln.

Beginnen wir mit dem Anfang, der Kritik am Studentenmilieu. Aus dem Rückblick von nun beinahe einem halben Jahrhundert muß man leider sagen, daß die geäußerte Polemik nur insofern überholt ist, als daß die Verhältnisse inzwischen deutlich schlimmer sind. Bereits damals konstatierte Khayati, daß die Studenten sich in ihrer entfremdeten Position gemütlich eingerichtet haben:

„Da für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universität abfallen, freut sich der Student immer noch, Student zu sein. Zu spät. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen (im Verhältnis zum früheren Niveau bürgerlicher Allgemeinbildung) wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts.“ ([1])

Grund dafür ist,

„daß das alles beherrschende ökonomische System die Massenherstellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten verlangt.“ ([1])

Daß sich hier nichts zum Besseren verändert hat, ist offensichtlich – der sogenannte Bologna-Prozeß ist die offizielle Anerkennung dieser Tatsache. Aber genau diese offizielle Anerkennung ist es auch, was die Kritik aus dem Jahr 1966 heute einigermaßen zahnlos erscheinen läßt: Die Situationisten konnten noch davon ausgehen, daß es eine Diskrepanz gab zwischen dem, was ein Student sich einbildete, zu sein, und was er seiner faktischen Situation nach tatsächlich war.

Damals war es möglich, den Studenten immerhin zu unterstellen, sie würden ihre jämmerliche Existenz durch kulturellen Konsum kompensieren:

„Das wirkliche Elend des studentischen Alltags findet seinen unmittelbaren und fantastischen Ausgleich in seinem hauptsächlichen Opium: der kulturellen Ware. Im kulturellen Spektakel findet der Student ganz natürlich seinen Platz als respektvoller Schüler wieder. Nahe am Ort der Produktion, aber ohne ihn jemals zu betreten – das Heiligtum bleibt ihm untersagt – entdeckt der Student die »moderne Kultur« als bewundernder Zuschauer. In einer Epoche, wo die Kunst tot ist, bleibt er nahezu allein den Theatern und Filmklubs treu und der gierigste Konsument ihres Leichnams, der tiefgekühlt und zellophanumhüllt in den Supermärkten an die Hausfrauen des Überflusses verteilt wird. Er nimmt ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken und ohne Distanz daran teil. Da ist er in seinem natürlichen Element.“ ([1])

Diese Illusion, die die Studenten der 60er Jahre noch haben konnten, ist inzwischen verlorengegangen. Heute konsumieren ihre Nachfolger genau den gleichen kulturindustriellen Dreck wie alle anderen auch, statt sich auf ein vorgeblich elitäres Segment des Spektakels zu kaprizieren. Wozu auch? Niemand glaubt mehr, daß er mit seinem Master oder Bachelor zu einer gesellschaftlichen Elite gehören wird, von der eine gewisse kulturelle Distinktion erwartet wird. Statt von Illusionen werden die Studenten mittlerweile von nackter Angst beherrscht. Und das nicht zu Unrecht, weshalb die damalige Kritik jetzt ins Leere liefe. Inzwischen kann man keinen Studenten mehr schockieren, indem man ihn darüber aufklärt, daß er zu einem kleiner Kader innerhalb der Verwertungsmaschinerie des Kapitals ausgebildet wird; darüber macht er sich keine Illusionen. Heute ist er schon froh, wenn er überhaupt die Aussicht hat, ein kleiner Kader werden zu können und nicht gleich nach Abschluß seines Studiums überflüssig ist.

Angesichts dieser Veränderungen hat auch der zweite Teil des Pamphletes eigentlich nur noch historischen Wert. Hier ging es ebenfalls darum, durch die Kritik an diversen sich revolutionär verstehenden Gruppen die mit diesen verbundenen Illusionen zu zerstören und aus dieser Katharsis ein wahrhaft revolutionäres Bewußtsein hervorgehen zu lassen. Aus heutiger Sicht ist die Kritik an Gruppen wie beispielsweise den Amsterdamer Provos relativ belanglos: Im Großen und Ganzen lief die situationistische Polemik immer wieder darauf hinaus, die Partikularität der jeweiligen Bewegungsziele am Maßstab der einen großen, totalen Revolution zu messen.

Interessanter als der Hinweis auf die Defizite der Bewegungen war vielmehr der bei aller Kritik vorhandene affirmative Gehalt dieser Ausführungen: Auch wenn die Bewegungen selbst partikular waren, galten sie den Situationisten als Symptom für einen grundsätzlichen Aufbruch:

„Nach einer langen Periode lethargischen Schlafs und permanenter Konterrevolution zeichnet sich seit einigen Jahren eine neue Periode der Kritik ab, deren Träger die Jugend zu sein scheint. […] Die Revolte der Jugend gegen die Lebensweise, die ihr aufgezwungen wird, ist in Wirklichkeit nur das Vorzeichen einer umfassenderen Subversion, bei der alle mitwirken werden, die immer mehr die Unmöglichkeit zum Leben fühlen, das Vorspiel der nächsten revolutionären Epoche.“ ([1])

Aus diesen Symptomen versuchten die Situationisten dann eine revolutionäre Perspektive abzuleiten, die aber auf zwei grundlegende Mythen nicht verzichten wollte, den Mythos des Proletariats und den Mythos der Räte.

Freuen Sie sich also auf die nächste Woche, wenn wir uns diesen Revolutionsmythen zuwenden und Behauptungen wie der folgenden auf den Zahn fühlen:

„Das Proletariat, das bereits im 19. Jahrhundert zum Erben der Philosophie wurde, ist heute auch noch zum Erben der modernen Kunst und der ersten bewußten Kritik des alltäglichen Lebens geworden. Es kann sich nicht abschaffen, ohne zugleich die Kunst und die Philosophie zu verwirklichen.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Dumontier, P., Les Situationnistes et Mai 68, Paris 1990.

[3] Marx, K.: „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 1, Berlin 1956ff.

[4] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

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Written by alterbolschewik

27. Juli 2012 um 14:34

Veröffentlicht in Situationisten

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